Hände auf und unter einer durchsichtigen Strumpfhose
03. Juni 2019 Lesezeit: ~5 Minuten

SILBERSALZ35 – Ein Erfahrungsbericht

Anfang letzten Jahres bekam ich von SILBERSALZ35 eine kleine schwarze Kiste mit vier Filmen, die mir einen Cinefilmlook versprachen. Ich war sowohl skeptisch als auch aufgeregt und erfreut über einen neuen Film auf dem Markt. Die analoge Fotografie erfreut sich zwar einer gewissen Beliebtheit, aber ein Nischendasein fristet sie trotzdem, denn nach und nach sehen wir eher Filme vom Markt verschwinden, als neue und gute hinzukommen.

Hinter dem hübschen Namen verbirgt sich eine Film GmbH aus Stuttgart, die wieder mit analogem Kinofilm (Bewegtbild) für ihre Kundschaft arbeitet und aus dieser Passion ein Produkt für Fotograf*innen erschaffen hat, die analog oder wieder analog arbeiten möchten. Sie bieten vier „Geschmacksrichtungen“ an: die zwei Tageslichtfilme 50D und 250D und die zwei Kunstlichtfilme 200T und 500T. Dahinter verbirgt sich der klassische Cinefilm von Kodak – Kodak Vision 3.

Eine Frau hält einen Flügel vor ihren Augen.

50D, Tageslicht, Innenraum

Taschentücher gestapelt und darauf ein Zahn

50D, Tageslicht, Innenraum

Zitronenscheiben auf Beinen in gelber Strumpfhose

50D, Tageslicht, unter freiem Himmel

Ein klassischer Cinefilm ist für Fotograf*innen nicht zugänglich, jedenfalls nicht so unkompliziert wie SILBERSALZ35 uns das anbietet. Du kannst Dir den Kodak Vision 3 auch selbst bestellen, aber bei 35 mm scheint es da wieder komplex zu werden.

Es gibt den Negativfilm von Cinestill, hinter dem sich ebenfalls der Kodak Vision 3 verbirgt, der aber im C-41-Verfahren entwickelt wird, da bei diesem die Remjet-Beschichtung entfernt wurde. Mich hat der Cinestill leider nicht glücklich gemacht, deshalb habe ich schnell wieder meine Finger und mein Geld davon gelassen. Bei meinem Filmdealer Fotoimpex um die Ecke gibt es übrigens nur den Kodak Vision 3 für Super 8.

Hände auf und unter einer durchsichtigen Strumpfhose

250D, Tageslicht, Innenraum

aufgeschnittener Granatapfel vor nacktem Oberkörper gehalten

250D, Tageslicht, Detail, Innenraum

rote Beeren an einem Strauch im Winter

250D, Tageslicht, unter freiem Himmel

Das Besondere, das uns SILBERSALZ35 hier bietet, ist das Rundum-Wohlfühl-Paket. Das Team entwickelt Deinen Film im Cinefilmprozess Kodak ECN-2 und scannt ihn für Dich. Jetzt wirst Du denken: Den Film kann ich ja auch woanders entwickeln lassen oder sogar selbst, aber genau da gibt es einen kleinen Haken:

Erstens gibt es kein Fotolabor, das ECN-2-Entwicklungen anbietet und zweitens ist der Prozess zuhause nicht so einfach zu bewerkstelligen; man benötigt viel Wissen, Genauigkeit und die nötige Chemie.

Teilweise wird in Foren empfohlen, den Film in C-41 zu entwickeln; die Ergebnisse sind aber meilenweit von dem entfernt, was den Film eigentlich ausmacht: Feinkörnigkeit wird zu Grobkörnigkeit und die tollen Hauttöne sehen im C-41-Prozess nach Bluthochdruck aus – so jedenfalls beschreibt es ein Nutzer im Filmvorführerforum.

In Deutschland kenne ich nur ein Labor, das noch den ECN-2-Prozess anbietet: Andec Film. Es handelt sich hier um eines der letzten Entwicklungs- und Kopierwerke für Super 8, 16-mm- und 35-mm–Filme. Aber Achtung, es handelt sich hier um ein Labor für Bewegtbild.

Ein Granatapfel und eine Hand unter einer Strumpfhose

200T, Tageslicht, Detail, Innenraum

Fuß in Strumpfhose, Hand, Granatapfel auf einem Teller auf einem Tisch

200T, Tageslicht, Innenraum

Eine Frau sitzt auf einem Tisch mit einem Granatapfel

200T, Tageslicht, Innenraum

Ich war wirklich skeptisch, als ich die Filme ausprobierte und hatte die Kamera bei verschiedenen Projekten auch eher als Zweitkamera dabei. Meine Erfahrungen und die hohen Erwartungen, die ich damals an einen anderen Cinefilm stellte, lagen mir noch ein wenig im Magen. Aber ich sollte eines Besseren belehrt werden, denn ich verliebte mich in die Ergebnisse und schaute ziemlich ungläubig, als ich die Scans das erste Mal öffnete.

Die Tageslichtfilme umschmeicheln die Haut, sind feinkörnig und lassen dennoch die Farben explodieren, wie vielleicht an den ersten drei Bildern oben zu sehen ist. Die Bilder geben wieder, was ich in jenem Moment durch meine Kamera sah. Kein anderer Film hatte mein Fensterlicht bisher so zart eingefangen.

Gänzlich verliebt habe ich mich aber in den Kunstlichtfilm 200T, den ich stoisch bei Tageslicht benutzt habe, was den Bildern einen Blaustich verpasste, den ich lange Zeit bei Farbbildern vermisste, seit der Sofortbildfilm Fuji FP-100 eingestellt wurde. Das muss man natürlich mögen und ich tue das eben sehr.

Ein Fenster und Licht

500T, Tageslicht, Innenraum

Eine Frau versteckt sich hinter einer Gardine

500T, Tageslicht, Innenraum

Ein Mädchen steht im Garten

500T, Tageslicht, unter freiem Himmel

Vom Kunstlichtfilm 500T war ich nicht sehr angetan, fairerweise aber eben auch nur, weil ich diesen genauso stoisch bei Tageslicht statt bei Kunstlicht eingesetzt habe. Deswegen solltet Ihr die Ergebnisse dieses Films eher mit einem Augenzwinkern betrachten und bei Interesse einfach selbst ausprobieren.

SILBERSALZ35 bietet uns also die Möglichkeit, vier Cinefilme inklusive Entwicklung und Scan für momentan 39,90 € zu erhalten. Der einzige kleine Wermutstropfen ist die Tatsache, dass Ihr die Negative zwar zurückbekommen könnt, dafür aber noch einmal in die Geldbörse greifen müsst. Dafür muss beim Bestellen die Option „digital & negative return“ ausgewählt werden. Hierfür fallen zusätzlich 10 € plus 8 € Versand an.

Anfänglich hatte mich das sehr stutzig gemacht, denn gerade die Negative werden von uns doch wie die eigenen Augäpfel gehütet und plötzlich tritt das Negativ hinter die digitalisierte Version. Das hat aber zum einen den Grund, dass die Zielgruppe eine breitere ist und sich nicht ausschließlich auf die analogen Enthusiast*innen beschränkt.

Man setzt auf den hybriden Prozess und spricht auch junge Menschen an, die vielleicht zum ersten Mal mit analogem Film arbeiten möchten. Anderseits ist der Cinefilm von Kodak für den Scanprozess optimiert, also für die digitale Welt. Ich habe mir die Negative natürlich schicken lassen. Sie kommen hintereinander geklebt als ganze Rolle und müssen zum Selberscannen geschnitten werden.

Ähnliche Artikel

14 Kommentare

Schreibe einen Kommentar zu Jörg – abbrechen –

Netiquette: Bleib freundlich, konstruktiv und beim Thema des Artikels. Mehr dazu.

  1. Danke für den Bericht. Mir gefallen auch die ersten drei Bilder am allerbesten und bei den anderen passen die Farben gut zu den Motiven. Sind die Bilder mit dem sogenannten Bleach-Bypass-Verfahren entwickelt oder hast Du es mal ausprobiert?

    • Hallo Jörg,

      da fragst du mich was, ich hab keine Ahnung und mich gerade mal Schlau gemacht was das eigentlich ist. Ich wage mal deine Fragen mit 2x Nein zu beantworten, weil in den Bildern nicht dieser krasse Kontrast ist, der bei solch einem Verfahren entstehen soll.

      Freut mich das dir der Bericht gefällt.

  2. Ich finde es schon sehr frech, für die Rückgabe der Negative, die ja faktisch mir gehören, noch einmal 18€ hinlegen zu müssen. Kommt mir sehr unsympathisch vor.

    Dennoch sehr schöner Artikel, vielen Dank!

    • Hallo Marcel,

      mich hatte das auch sehr irritiert. Aber bei einem Preis von 39,99 für 4 Filme & Entwicklung & Scan (16 bit Tif-Dateien) muss irgendwo ein kleiner Haken sein, bzw. eine Ersparnis.

      Wenn Du die Preise für den Scan eines 35mm Films beispielsweise bei MeinFilmLab vergleichst ( 14 Euro für den Scan+ 12 Euro Aufpreis für 16 bit Tif), bist du hier einfach sehr günstig. So gerechnet ist der Betrag von zusätzlich 18 Euro berechtigt, damit die Jungs hinterher nicht in den roten Zahlen stehen. Oder?

      Irritierend ist bei der Sache eben lediglich, das jemand glaubt man möge seine Negative nicht wieder haben. Aber das ist vielleicht der Zeit geschuldet, in der viele den analogen Look wollen aber sonst keinen weiteren Aufwand oder Ballast.

    • Diesen ersten Reflex hatte ich auch. Dann habe ich mir die Sache mal in Ruhe angeschaut. 40 € für 4Filme inklusive Scan sind ein sehr guter Preis. Das Projekt ist so angelegt, das du analog fotografierst und digital weiterverarbeitest. 10 € für den Versand sind gut. Ein Mitarbeiter muss ja die Filme versandfertig machen. Auch das ist ein Kostenfaktor. Zu guter Letzt hat man sich vom Postversand verabschiedet und lässt per UPS liefern. Es gibt auf YouTube ein interessantes Interview zu und mit Silbersalz.
      Ich lasse meine Filme meistens bei MeinFilmLab entwickeln und Scannen. Wenn ich rein von den Kosten ausgehe, müsste ich nur noch bei Silbersalz bestellen.

  3. Danke für den sehr schön geschriebenen Artikel. Man bekommt auch einen guten Ersteindruck vom Stil des Filmes. Die Fotos finde ich interessant bis verstörend. Ich habe mich also auch damit auseinandersetzen dürfen. Danke auch dafür. ;)

  4. Hi Marit,

    sehr schöne Bilder – gefällt mir sehr gut (:

    Die Frage, die ich habe, bezieht sich auf die Entwicklungszeit. Klar: Ihr werdet als Magazin sicher etwas bevorzugt behandelt, aber kannst du mir dennoch sagen, wie lange du auf die Scans warten musstest?

    Beste Grüße,

    Valentin

  5. der bericht hat mich angeregt, gleich mal zu silbersalz bei mir um die ecke reinzuschauen und mir (dann online) eine viererschachtel zu kaufen. so weit so gut. ergebnisse habe ich noch nicht, aber befreundete fotografen sind auch begeistert.
    nun der haken:
    ich kann die 4 filme nur auf einmal zum entwickeln geben. also entweder alles im urlaub verballern oder wochenlang warten, bis alle filme verknipst sind. so kann ich nicht mal prüfen, ob meine einstellungen beim ersten film richtig waren.
    ich fotografiere neben den jobs zwar viel analog, aber vorwiegend schwarzweiß. da bekomme ich den entwickelten film nach zwei tagen bei prolab.
    schade, dann mache ich das in zukunft nur für besondere anlässe….