22. Mai 2019 Lesezeit: ~6 Minuten

Kinotipp: Peter Lindbergh – Women’s stories

Ich möchte mich entschuldigen. Wenn ich Fotograf*innen analysiere, mich mit ihnen beschäftige, versuche ich, sie zu entzaubern. Ich versuche, Mythen als Mythen zu entlarven und zum Kern ihres Schaffens vorzudringen, um davon etwas für mich selbst mitzunehmen, denn ich möchte lernen und wachsen.

Ich schaue mit neugierigen Augen auf die Bilder der Großen und mit den gleichen Augen schaute ich nun den Film „Peter Lindbergh – women’s stories“ von Jean Michel Vecchiet. Vielleicht ziehe ich nun Schlüsse, die für mich Sinn ergeben, aber für andere Menschen Nonsens sind. Verzeiht es mir.

Wie und warum wird man zum Künstler? Woher kommt diese kreative Kraft, die jeder Logik trotzt und sich der Analyse widersetzt?

Das ist das grundlegende Thema des Films. Hierzu taucht man tief in die Lebensgeschichte Lindberghs ein. Der Anfang ist etwas zäh, aber man lernt Peter abseits der Fotografie kennen und später wird sich der Kreis schließen, doch zunächst geht es um die Sicht auf die Welt und die eigene Position in ihr.

Peter Lindbergh mit seiner Mutter und Geschwistern, Ruhr 1953 © Helga Polzin

Peter Lindbergh fühlt sich fremd in der eigenen Heimat, fremd bei der eigenen Familie. Er nimmt sich viel Raum, viel Freiheit, viel Zeit, um zu reisen, zu hinterfragen und seinen Platz zu finden. Wir lernen, dass er das so sehr ausreizte, dass er es fast verpasst hätte, seine sterbende Mutter noch ein letztes Mal zu sehen.

Außerdem beleuchtet der Film anfangs Peters Sicht auf die Kunst, die seiner Meinung nach erst mit van Gogh und Picasso beginnt. Er fokussiert sich auf Gegenwart zieht diese Grenze, um sich Freiraum für die Zukunft zu schaffen.

Wir erfahren auch, dass seine künstlerische Arbeit ein größeres Gewicht hat als alltägliche Notwendigkeiten. Der Film gewährt uns einen kurzen Einblick, fast schon nur in einer Randbemerkung, dass Peter immer genügend und gute Materialien hatte, um größere Werke zu schaffen, aber bekocht wurde er von anderen Kunststudentinnen.

Naomi Campbell © Peter Lindbergh

Peter Lindbergh scheint ein liebenswerter, charismatischer Egoist zu sein, der immer lachend seiner Passion folgt. In der Mitte des Films begegnen wir ihm endlich an einem Set und verstehen, was ihn in der Arbeit mit Menschen ausmacht, wenn er Naomi Campbell in einen Pool bewegt, während sie fortwährend proklamiert, nicht schwimmen zu können und Angst zu haben. Hier sieht man einen Peter Lindbergh, der sich durchzusetzen weiß, aber dabei niemals ein Arschloch wird.

Es scheint immer eine Kraft zu geben, die ihn antreibt und nichts scheint ihn zu ängstigen. Später sind wir an einem großen Set und es muss den ganzen Tag verschlungen haben, es zu errichten. Die Kamera zeigt uns einen etwas enttäuschten, aber nicht entmutigten Künstler, der uns erklärt, was ihn stört. Nun, da alles fertig ist, fehlt ihm die Atmosphäre.

Es wirkt zu konstruiert. Hier frage ich mich: Wie würde ich handeln, wenn ich sehe, dass das Motiv nicht den Anforderungen entspricht und der Aufwand sich nicht auszahlen könnte? Ich bin mir sicher, man entwickelt zwangsläufig den Gedanken, damit trotzdem zu arbeiten, in der Hoffnung, man würde sich irren. Auch könnte man verzweifeln, aber Peter sucht nach der Atmosphäre.

Er belügt sich nicht selbst, auch nicht andere und man entwickelt schnell das Gefühl, er fotografiert, um zu fotografieren, um seine kreative Vision umgesetzt zu sehen. Der Film begleitet ihn zu einigen Sets und immer ist da diese Aufregung, diese Freude, wenn der Plan aufgeht.

Peter Lindbergh ist Begeisterung und sein Umfeld, insbesondere die Menschen die zu seinen Motiven werden, zehren von dieser Begeisterung. Es ist der Motor für alles. Konzepte, Konversationen, Kontakte und letztendlich die Bilder, werden von dieser immer präsenten Freude und Begeisterung geschaffen.

Im letzten Drittel versucht der Film zu erklären, woher Peters Motive stammen. Frauen in kargen Landstrichen, mit Koffern, rennend. Für eine Antwort versucht man, die frühste Kindheit heranzuziehen, als die Familie 1945 aus Polen flüchtete und Peter noch kein Jahr alt war. Die frühkindliche Erinnerung als Erklärung zu nutzen, ist gewagt, zumal diese Interpretation nicht vom Künstler selbst oder von seiner Schwester getroffen wird.

Michaela Bercu, Linda Evangelista & Kirsten Owen, 1988 © Peter Lindbergh

Die Familiengeschichte wird einfach so interpretiert. Vielleicht, weil der Künstler das Leid braucht, um Großes zu schaffen und das wäre dann ein Mythos, den ich zu hinterfragen versuche und der für mich hier nicht passt.

Der Film basiert vor allem auf Aussagen und Sichtweisen von Frauen, zu denen Peter Lindbergh enge Beziehungen pflegt(e). Es sind nicht die Supermodelle, nicht ausschließlich, und dennoch entdeckt man eine Art der Beziehung, wie man sie auch am Set erlebte. Sie sprechen voller Begeisterung und würdigen ihn als großen Menschen.

Der Film schließt mit der Erklärung ab, man müsse Kind bleiben und sich die kindliche Kraft entdecken und schaffen zu wollen, bewahren und für mich ist diese Erklärung richtig, aber ein Teil der Antwort auf die eingangs gestellten Fragen.

Ja, so widersetzt man sich der Logik und Analyse, aber entscheidend für Peter Lindberghs Erfolg ist seine innerlich treibende Kraft, Ideen umzusetzen, zu inszenieren und darzustellen, wie er eine Welt und bestimmte Menschen innerhalb dieser erdachten Welt sehen möchte.

Hierfür balanciert Peter Lindbergh auf einem schmalen Grad, ohne je zu stolpern, herunterzufallen, zum Unsympath zu werden. Teile des Films zeigen genau das und hier liegt (für mich) die Essenz von Jean Michel Vecchiets Werk, die mich begeistert hat.

Informationen zum Film

Peter Lindbergh – women’s stories von Jean Michel Vecchiet
Kinostart: 30. Mai 2019
Sprache: Französisch mit deutschen Untertiteln
Länge: 113 Minuten
Verleih: DCM

4 Kommentare

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  1. Ich denke schon, dass ein Künstler „Leid braucht“, also Leid selbst erleben und an sich selbst erfahren muss, um wirkliche Kunst zu machen, um sich also nicht in Klischees und Plattitüden zu verlieren. Leid und Leidenschaft ist ja in vielen Sprachen dasselbe Wort.

    Und andere Menschen leiden zu sehen oder leidenschaftlich zu erleben ist auf jeden Fall interessanter und fotogener, als streng kontrollierte oder gelangweilte Menschen zu erleben.

    Am Beispiel der Serie „Tokyo Compression“ des vor kurzem verstorbenen Fotografen Michael Wolff sieht man das. Oder bei Lee Jeffries‘ Portraits obdachloser Menschen in den USA.

    Peter Lindberghs Fashion-Fotos sind davon weit entfernt, aber er hat ganz sicher richtig erkannt, dass ein wenig Leid und Leidenschaft die Models viel menschlicher und interessanter aussehen lässt. Es ist oft kritisiert worden, dass Models hungern sollen, um dünn zu sein, oder dass Models auf Heroin seien (die oben abgebildete Kirsten Owen sieht immer danach aus), und auch das ist ja ein Mix aus selbstzugefügtem Leid um der Leidenschaft des Modelns wegen. Das Ergebnis sieht man als Fotograf nicht so sehr daran, dass sie dünn sind, sondern am Blick. Sie sehen viel tiefgründiger aus, finde ich.

    Das kann man kritisieren. Bei minderjährigen Mädchen muss man das sicher kritisieren. Aber die fotografischen Ergebnisse sind mit solchen Models viel spannender als mit wohlernährten und rundum glücklichen Girls aus der Mittelschicht.

    Kunst muss schon definitionsgemäß immer etwas überwinden, das Vorgefundene transzendieren, statt das Althergebrachte zu kopieren. Insofern ist es auch ganz richtig, wenn Lindbergh Naomi Campbell Angst macht, sie als Nichtschwimmerin ins Wasser bittet. (Aber gleichzeitig gut auf sie aufpasst, das versteht sich ja von selbst.)

    • Noch eine Anmerkung zum Hungern: Robert de Niro nahm mal zig Kilogramm zu für eine Filmrolle. Das ist im Prinzip dasselbe. Sich leidenschaftlich schinden und quälen für maximalen Erfolg. Er musste halt nach den Aufnahmen hungern statt vorher.