24. September 2018 Lesezeit: ~9 Minuten

Die fotografische Entdeckung der Antarktis

Nicht nur die Tatsache, dass die Antarktis der zuletzt entdeckte Kontinent ist, macht einen Blick in die Geschichte der Fotografie dort spannend, sondern auch die widrigen Wetterbedingungen. Viele starben beim Versuch, diesen kalten Kontinent näher zu erforschen.

Die Entdeckung des antarktischen Festlands wird auf 1820 datiert und es herrschen etwas kontroverse Ansichten darüber, wer nun zuerst da war. Am 27. Januar 1820 sichtete Thaddäus Bellingshausen mit den Schiffen Vostok und Mirnyi die Antarktis. Am 30. Januar 1820 entdeckte die Expedition Deception Island mit Edward Bransfield die antarktische Halbinsel. Bedeutend für die Geschichte sind sicherlich beide Männer.

Allerdings beginnt mit ihnen noch lange nicht die fotografische Entdeckung des Kontinents, denn die Fotografie selbst war noch nicht erforscht. Im Jahr 2000 wollte die britische Post eine Briefmarke mit dem Portrait Edward Bransfields herausgeben, war jedoch nicht in der Lage, ein Bild des Mannes zu finden – weder ein Foto noch eine Zeichnung. Wir müssen also ein wenig weiter gehen, um erste Fotos der Antarktis zu entdecken, wenn es noch nicht einmal Bilder der Entdecker gibt.

Gruppenbild der Challenger Crew

Besatzung der HMS Challenger, 1874.

Eisberge und Eisschollen auf dem Meer.

Eines der ersten Fotos der antarktische Eisberge. Aufgenommen während der Challenger-Expedition 1874.

Challenger-Expedition

Doch diese ersten Fotos sind alles andere als spektakulär: 1874 wurden mit der Challenger-Expedition von Sir George Nares und Wyville Thomson erste Fotografien von den antarktischen Eisbergen angefertigt. Im Vordergrund sieht man einige Eisschollen im dunklen Wasser treiben, im Hintergrund kann man die Eisberge gerade erahnen.

Im Eis eingeschlossenes Schiff von oben.

Vom Eis eingeschlossene Gauß-Expedition vom 29. März 1902.

Gauß-Expedition

Ein schon etwas spannenderes Bild liefert die vom Eis eingeschlossene Gauß-Expedition vom 29. März 1902, während der ersten deutschen Südpolarexpedition. Das Foto wurde aus einem Fesselballon aufgenommen und ist die erste Luftaufnahme in der Antarktis. Erich von Drygalski stieg mit dem Ballon, den die Gauß geladen hatte, knapp 490 m hoch in die Luft auf. Das Schiff saß ganze 14 Monate lang fest und kam erst im Februar 1903 wieder frei.

Es war so warm dort oben, ich konnte sogar meine Handschuhe ausziehen. Der Anblick aus dieser Höhe war grandios, ich konnte den neu entdeckten Gaußberg sehen und gab meine Beschreibung per Telefon ans Deck des Schiffes durch. Es war der einzige eisfreie Punkt in der Umgebung.

Ein Schiff von Eis umrahmt

Die Aurora.

Ein Mann lässt etwas ins Wasser

Ein Film wird gewässert.

Frank Hurley

Ebenfalls im Eis stecken blieb der australische Fotograf Frank Hurley. Dieser bereiste erstmals den Kontinent mit der Aurora-Expedition – von 1911 bis 1914 unter Douglas Mawson – die das Ziel hatte, die zweitausend Kilometer lange Küstenlinie der Antarktis südlich von Australien zu kartieren. Er nahm auf diese Reise die neuesten technologischen Innovationen mit, darunter Autochrom- und Paget-Platten mit denen die ersten Farbaufnahmen möglich waren sowie eine Film- und eine Stereoskopkamera.

Man muss sich den Aufwand vorstellen, bei dieser unglaublichen Kälte die Glasplatten zu belichten: Von der Sensibilisierung der Platten über die eigentliche Aufnahme bis hin zur Entwicklung und Fixierung der Negative waren mehrere Arbeitsschritte nötig. Hinzu kommt das Gewicht der Kameras, Platten und Stative, die Chemie, das Dunkelkammerzelt. Als Fotograf zu dieser Zeit war man es gewohnt, viel zu schleppen. Unter den Bedingungen der Antarktis war das Fotografieren also eine Höchstleistung.

Ein Schiff gefangen im Eis

Trotz dieser Anstrengungen zeichnen sich die Aufnahmen Hurleys vor allem auch durch seinen künstlerischen Blick aus. Er reizte die damalige Technik bis zu ihren Grenzen aus und hinterließ uns damit nicht nur einfach wichtige historische Dokumente, die bis heute erhalten sind.

Der Verkauf von Foto- und Filmmaterial trug damals einen wichtigen Teil zur Finanzierung der Expeditionen bei. So wurde auch der britische Forscher Ernest Shackleton auf die Arbeiten Hurleys aufmerksam und engagierte ihn sofort für die Dokumentation seiner eigenen Expedition, auf der er die Antarktis auf einer Strecke von 2.900 km durchqueren wollte. Sein Schiff, die Endurance, blieb jedoch im Frühjahr 1915 im Packeis stecken und erreichte nicht einmal das Festland. Das Foto mit dem im Eis gefangenen Schiff ist auch eine der bekanntesten Aufnahmen von Hurley.

Ein Schiff im Eis

Die Endurance im Eis gefangen, 1. Februar 1915.

Eine Person fotografiert ein Schiff im Eis

Frank Hurley fotografiert die vom Eis eingeschlossene Endurance.

Etliche Versuche, das Schiff frei zu bekommen, scheiterten und so wurde es schließlich im Oktober 1915 von den Eismassen zerdrückt und begann zu sinken. Die Männer retteten so viel wie möglich, bis es endgültig im eisigen Wasser versank. Hurley schrieb in sein Tagebuch:

Den ganzen Tag über hackte ich mich durch die dicken Wände des Eisschranks, um die Negative zu retten, die dort aufbewahrt waren. Sie lagen über einen Meter unter breiigem Eis. Ich zog mich bis zur Hüfte aus und holte sie heraus.

120 dieser Negative versiegelte Hurley in Blechkanistern und rettete zudem eine Kodak-Kamera und drei Rollen Film. Die übrigen 400 Negative musste er auf Sheckelstons Befehl hin zerstören, damit er nicht in die Versuchung geriet, sie später zu holen. Allein dies zeigt, wie besessen Hurley noch im Angesicht der Katastrophe gewesen sein musste und wie viel ihm diese fotografische Arbeit bedeutete.

Ein vom Eis zerstörtes Schiff

Das vom Eis zerstörte Schiff, 1915.

Ein vom Eis zerstörtes Schiff
Ein kleines Boot legt ab

Das Rettungsboot legt von Elephant Island ab.

Nach dem Sinken der Endurance trieben die Teilnehmer der Expedition auf Eisschollen und mit Beibooten nach Norden, bis sie im April 1916 auf die unbewohnte Elephant Island stießen. Shackleton selbst brach von dort aus zusammen mit fünf Männern auf einem Beiboot weiter nach Norden auf, um nach Hilfe zu suchen. Die verbliebenen Männer, darunter auch Hurley, konnten erst im August 1916 von der Insel gerettet werden.

Über die Expedition und den unglaublichen Überlebenskampf gibt es jede Menge Bücher und auch einen Film für alle, die sich näher mit dem Thema befassen möchten. Hurleys fotografische Arbeit wird jedoch nur am Rande erwähnt und die Leistungen Shacklestons stehen im Mittelpunkt. Dabei sind es ohne Frage die Foto- und Filmaufnahmen von Hurley, die diese Expedition bis heute unvergessen machen.

Gefrorene Negative

Gefrorene Negative

Ein Mann im Eis vor einem Schiff

Ein Bild der geretteten Negative zeigt den Geologen und leitenden Wissenschafter der Expedition, Alexander Stevens

100 Jahre später: Eine Entdeckung

Ein weiteres unfassbares Ereignis ist mit der Katastrophe verbunden. 2013 wurden 22 unentwickelte Negative in einer alten Baracke auf der Antarktis entdeckt. Sie waren in einem Eisblock konserviert und werden dem Hobbyfotografen Arnold Spencer-Smith und der Ross Sea Party zugeschrieben. Dieses Schiff legte für Shackletons Expedition eine Reihe von Vorratsdepots entlang früherer Routen an und verunglückte ebenfalls. Drei Männer starben, bis endlich Hilfe kam, darunter auch der Fotograf. Die Negative waren nach den nahezu 100 Jahren im Eis in einem großartigen Zustand und konnten restauriert und entwickelt werden.

Männer überqueren mit Schlitten eine Eisscholle

Herbert Ponting

Ein weiterer Fotograf, der in einem Artikel zur Entdeckung der Antarktis nicht fehlen darf, ist der Engländer Herbert Ponting. Er nahm an der Terra-Nova-Expedition von 1910 bis 1913 teil, die den Südpol erstmals erreichen wollte. Auch wenn Ponting besonders auf die alten Glasplatten schwor, nahm er auf seine Reise viele neue Gerätschaften mit. Dazu gehörte ein Kinematograf, mit dem er kurze Filmsequenzen aufzeichnen konnte.

Tagebücher der Expedition belegen, dass Ponting große Anstrengungen unternahm, um die besten Fotos zu erhalten. Einmal wurde er dabei fast von Schwertwalen von einer Eisscholle gestoßen und entkam nur knapp dem Tod. 1912 kehrte er mit über 1.700 Fotoplatten nach England zurück.

Mann schreibt an einem Tisch in einer Kammer

Kapitän Robert Falcon Scott in seiner Kabine am 7. Oktober 1911.

Während der Fotograf seine Rückreise antrat, blieben unter Robert Falcon Scott einige Männer vor Ort, um als erste Menschen der Welt den Südpol zu erreichen. Es gelang ihnen am 18. Januar 1912, nur um herauszufinden, dass der Norweger Roald Amundsen ihnen 35 Tage zuvorgekommen war. Auf dem Rückweg starben die Männer tragisch nur 18 km von einem Nahrungsdepot entfernt. Ein Suchtrupp stieß im November 1912 auf die Leichen und entdecke das Tagebuch und Briefe des Kapitäns Scott.

Als der Fotograf Ponting von den Todesfällen hörte, begann er, das Vermächtnis der Expedition zu fördern, anstatt sich auf neue Projekte zu konzentrieren. Er hielt mehrere Vorträge und produzierte den Film „The Great White Silence“ , der großen Beifall fand. Mit Hilfe der Tagebücher Scotts wurden zudem mehrere Bücher und Geschichten mit den Fotos Pontings veröffentlicht. Der erwartete Erfolg blieb für Ponting jedoch aus. Er starb 1935 in London.

Mann mit alter Kamera

Selbstportrait Herbert Pontings mit dem Kinematografen

Kaiserpinguin

Kaiserpinguin

Diese hier aufgeführten Expeditionen sind nur einige, die in Folge des Rennens zum Südpol stattfanden. Es sind aber auch diejenigen, die vor allem durch die großartigen Bilder der mutigen Fotografen in Erinnerung bleiben werden. Man kann sich nur schwer vorstellen, welche Anstrengungen für sie unternommen wurden. Ich hoffe, ich konnte Euch ein wenig mit meiner Faszination für die alten Antarktisaufnahmen anstecken.

Mehr Bilder der hier aufgeführten Expeditionen findet Ihr auf folgenden Seiten:

 

Quellen

7 Kommentare

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  1. Klasse Artikel. Super spannend.

    Aber die Besatzung der Endurance wird wohl kaum 1915 ihr Schiff verloren und 2016, über 100 Jahre später, auf Elephant Island gestrandet sein. :-)

    Sollte vllt. korrigiert werden.

  2. Großartig, der Text und die Bilder. Es müssen Meister der hyperfokalen Distanz gewesen sein. Der Wert einer Aufnahme wird hier besonders deutlich. Unbezahlbar würde ich behaupten. Schöne Kompositionen. Eine Aufnahme gibt einfach mehr her, wenn der Bildaufbau sorgfältig geplant wird. Ich hatte letztens Strand in Holland aufgegeben, weil mich der Wind nervte. :)

    Viele Grüße Veith