4 rangelnde, dreckverschmierte Sportler.
04. Juli 2018 Lesezeit: ~10 Minuten

Sportfotografie – Was das Publikum nicht sieht

Die Halle tobt. Mit rhythmischem Klatschen und ohrenbetäubenden Sprechchören feuert der mitgereiste Boxclub seinen Star des Abends an, der den heutigen Hauptkampf absolvieren wird. Die altersschwache Soundanlage der Sporthalle kommt kaum dagegen an, aber es dringen zumindest ein paar Fetzen „Eye Of The Tiger“ durch die Lärmwand des Publikums hindurch. Langsam und ohne eine Miene zu verziehen, steigt der Boxer in den Ring und fixiert seinen Gegner mit konzentriertem Blick.

Ich kontrolliere noch einmal die Kameraeinstellungen und schon ertönt der Gong zur ersten Runde. Es geht los. Ich versuche, am Ring irgendwie eine einigermaßen vernünftige Position zum Fotografieren zu finden. Die Seile sind immer im Weg und die Boxer bewegen sich unablässig von einer Ecke in die andere. Es ist unbequem, laut, heiß und trotzdem bin ich mir in diesem Moment wieder ganz sicher: Dies ist genau die Art von Fotografie ist, die ich machen möchte!

Zwei Boxer im Kampf.

Zwei Boxer im Kampf.

Sportfotografie – Es gibt solche und solche

Woran denkst Du als erstes, wenn Du das Wort „Sportfotografie“ hörst? Vielleicht hast Du dabei auch die Fotograf*innen vor Augen, die bei den Fußball-Bundesligaspielen hinter der Bande hocken, mit Riesen-Objektiven im Wert eines Gebrauchtwagens das Spiel verfolgen und in den kurzen Spielpausen hektisch auf ihren Laptops herumtippen, um die besten Fotos bereits Sekunden nach der Aufnahme direkt an die Bildredaktion zu schicken. Ja, das ist Sportfotografie – allerdings nur ein kleiner und sehr spezieller Bereich davon.

Meine Sportfotografie hat damit nur sehr wenig bis gar nichts zu tun. Nicht nur, dass ich mir die entsprechende Ausrüstung niemals leisten könnte und als freier Fotograf ohne Redaktionsauftrag ohnehin keinen Zugang zum Stadioninnenraum bekäme. Ich möchte andere Bilder machen als rein zu Dokumentationszwecken. Ich möchte ganz nah ran. Ran an den Sport, an die Menschen. Ich möchte die Anspannung, die Konzentration, die Atmosphäre, die Euphorie und Enttäuschung mit der Kamera einfangen, einfach alles, was den Sport ausmacht.

Manchmal geht es auch nur darum, eine neue Perspektive oder Sichtweise zu finden, dem Publikum Einblicke in den Sport zu bieten, die ihnen sonst verborgen blieben. Es ist ein hoher Anspruch, den ich an dieser Stelle an mich selbst stelle und ich werde ihm viel zu oft nicht gerecht. Aber ich arbeite daran.

Crossfahrer in voller Fahrt.

Ein Haufen rangelnder Männer.

Als persönliches Vorbild sehe ich da zum Beispiel den Fotografen Paul Ripke, der die deutsche Fußball-Nationalmannschaft bei der WM 2014 hautnah begleiten durfte und dem durch seine unmittelbare Nähe, kombiniert mit einem genialen fotografischen Auge, unglaublich intensive Aufnahmen gelangen. Solche Bilder bekommt man nur, wenn man mittendrin ist.

Okay, zurück zur Realität. Natürlich ist es nicht immer möglich, den Sportler*innen so dicht auf den Pelz zu rücken. Während eines Wettkampfs oder Spiels hat man seinen zugewiesenen Bereich, in dem man sich bewegen kann, und auch die Verwegensten kämen nicht auf die Idee, sich mitten auf die Motocross-Rennstrecke oder das Rugbyfeld zu stellen. Aber selbst dann versuche ich, diese besonderen Momente zu erwischen und Fotos zu machen, die über das rein Dokumentarische hinausgehen.

Sicherlich werden sich auch die einen oder anderen Konzertfotograf*innen in der obigen Beschreibung wiedergefunden haben. Daher ist es kein Zufall, dass die Konzertfotografie meine zweite Leidenschaft darstellt. Gerade jetzt, da ich diesen Artikel schreibe, fällt mir wieder einmal auf, wie viel diese zwei Disziplinen der Fotografie gemeinsam haben.

Vier rangelnde, dreckverschmierte Sportler.

Viele raufende Männer.

Sportportraits – Normale Portraitfotografie oder eher nicht?

Eine ganz andere Geschichte ist es natürlich, wenn ich Sportportraits fotografiere. Dabei fasse ich den Begriff sehr weit, denn es kann vorkommen, dass ich die Sportler*innen in voller Aktion fotografiere, was mit klassischer Portraitfotografie nicht mehr viel gemeinsam hat.

Einerseits ist es einfacher, wenn ich die Sportler*innen sozusagen ganz für mich allein habe. Wir können uns geeignete Posen oder Bewegungsabläufe überlegen, diese in aller Ruhe ausprobieren und im Zweifelsfall auch mehrfach aus verschiedenen Positionen fotografieren. Dabei sage ich nicht: „Stell Dich mal da hin und mach einen XY-Kick gegen den Sandsack“, sondern wir erarbeiten gemeinsam, was wir wie umsetzen möchten.

Ich finde es sehr wichtig, dass die Person vor der Kamera ihre eigenen Ideen mit einbringt. Ich sehe uns an dieser Stelle als Team, das gemeinsam das bestmögliche Ergebnis erzielen möchte. Die Sportler*innen kennen die Bewegungsabläufe tausend Mal besser als ich und haben in der Regel auch eine sehr gute Vorstellung davon, was gut aussieht. Meine Aufgabe besteht dann darin, für ein gutes Licht zu sorgen und eine passende Perspektive zu wählen.

Frau in Trikot mit Ball in der Hand.Tennisspielerin beim Schlag.

Gehen die Aufnahmen eher in den Bereich der klassischen Portraitfotografie, wächst natürlich mein Anteil an der Gestaltung. Aber auch das funktioniert mit Sportler*innen meistens erstaunlich gut, denn zum einen haben sie in der Regel ein sehr gutes Körpergefühl und können Anweisungen schnell umsetzen, zum anderen macht es ihnen auch nichts aus, eine bestimmte Bewegung zig Mal zu wiederholen. Beides kennen sie ja aus dem Training zu Genüge.

Andererseits ist es für viele von ihnen, die nicht aus dem professionellen Bereich kommen, zunächst eine ungewohnte Situation – wie für jeden anderen Menschen auch, der das erste Mal für Portraits vor der Kamera steht. Dadurch, dass ich kein eigenes Fotostudio habe und die Aufnahmen irgendwo vor Ort gemacht werden, also zum Beispiel in der Sporthalle, in der jede Woche etliche Stunden trainiert wird, fühlt man sich automatisch wohler und kann sich schneller an die Situation gewöhnen.

Ausgestattet mit mobilem Hintergrundsystem, Reflektoren und Blitzen können studioähnliche Bilder gemacht werden, die aber trotzdem die Umgebung mit einbinden und einen Kontext zur entsprechenden Sportart herstellen. Gerade das macht für mich den entscheidenden Unterschied zur „normalen“ Portraitfotografie und damit auch den Reiz aus: Den portraitierten Menschen sowohl als Sportler*in als auch als Persönlichkeit darzustellen und das möglichst natürlich und ungekünstelt.

Junge Frau mit Zöpfen und Boxhandschuh.

Frau bei Kick auf Sandsack.

Kann man damit Geld verdienen?

Hier findet sich eine weitere Parallele zur Konzertfotografie, denn: Es kommt darauf an. Mit Fotos von Sportveranstaltungen eher weniger (= Konzerte), mit Sportportraits (= Musikerportraits, Bandfotos) ist es möglich, wenn auch schwierig. Zumindest, was die Portraits angeht, haben viele ambitionierte Sportler*innen mittlerweile verstanden, dass eine ansprechende Selbstdarstellung im Netz fast genauso wichtig ist wie die sportliche Leistung. Gutes Bildmaterial auf Facebook, Instagram und was es noch so alles gibt zu haben, ist mittlerweile ein Muss.

So sollte es an Kundschaft eigentlich nicht fehlen, allerdings muss ich an dieser Stelle zugeben, dass ich ein ziemlich schlechter Verkäufer bin. Das notwendige Trommeln, Netzwerken und Klinkenputzen ist ehrlich gesagt nicht wirklich mein Ding, was meine Reichweite ziemlich begrenzt. Da ich die Fotografie lediglich nebenberuflich betreibe, ist es auch nicht ganz so kritisch. Trotzdem freue ich mich natürlich über den einen oder anderen Euro, denn die Ausrüstung kostet nun einmal und im Fotoladen meines Vertrauens gibt man sich auch nicht mit einem dankbaren Handschlag zufrieden.

Mann im Fußballtrikot mit Ball in der Hand.

Fünf Tipps für den Einstieg in der Sportfotografie

Such Dir eine Randsportart, die Dich persönlich interessiert. Eine Sportart, die nicht so bekannt ist und entsprechend weniger Publikum anlockt, hat gerade für den Anfang ein paar entscheidende Vorteile: Du bekommst sehr leicht Zugang zu den Veranstaltungen, kommst dicht an das Geschehen heran und die Sportler*innen und Vereine sind froh über Bildmaterial. Du wirst dort kaum Geld für die Fotos bekommen, aber darum sollte es Dir in diesem Moment auch nicht gehen. Gelegentlich eine Bratwurst oder ein kühles Getränk dürfte aber drin sein.

Mach Dich mit dem Sport vertraut. Solltest Du die ausgewählte Sportart nicht selbst betreiben, mach Dich über die Regeln schlau und besuch mindestens einmal ein Training in einem nahegelegenen Verein. Dabei kannst Du Kontakte knüpfen und auch schon ein paar nette Fotos machen. Wenn es ernst wird, ärgerst Du Dich enorm, wenn Du die besten Szenen verpasst, weil Du immer gerade am falschen Ende des Spielfeldes stehst. Oder wo auch immer dieser von Dir ausgewählte Sport stattfindet.

Zwei Boxer stehen sich gegenüber.

Zwei Männer im Boxring.

Bitte um Feedback. Zeig die Fotos Deinen Modellen und frag sie nach einer ehrlichen Meinung. Warum ihnen manche Bilder gefallen und warum manche nicht. Du wirst Dich wundern, wie unterschiedlich die Bewertungen ausfallen können. Wie oft habe ich erlebt, dass ich ein Foto richtig genial fand, mein Gegenüber mich aber entsetzt bat, es zu löschen: „Wenn das mein Trainer sieht, haut er es mir rechts und links um die Ohren!“

Konzentriere Dich auf das Motiv, nicht auf die Technik. Mittlerweile kann man mit jeder aktuellen Spiegelreflexkamera und mit vielen besseren Spiegellosen wunderbare Sportfotos machen. Bei den Objektiven kommt es sehr auf die Sportart an, die Du fotografieren möchtest. In der Halle bist Du auf lichtstarke Objektive angewiesen, beim Sport im Freien ist eher eine längere Brennweite wichtig.

Fang einfach mit dem an, was Du hast, dann merkst Du sehr schnell, wo Du an die technischen Grenzen stößt. Dann lohnt sich der Blick auf den Second-Hand-Markt. Fast meine gesamte Ausrüstung habe ich gebraucht gekauft und bisher nur gute Erfahrungen gemacht.

Der wichtigste Tipp: Hab Spaß! Genieß es, wenn Du hautnah dabei sein kannst, versuch gute Fotos zu machen, zeig die gelungenen und lerne aus den misslungenen.

Sportradfahrer im Wald.

Ich denke, ich bin mittlerweile an dem Punkt, an dem ich weiß, was ich kann und – was noch wichtiger ist – was ich nicht kann. Allerdings muss ich zugeben, dass mir relativ schnell langweilig wird und ich neuen Input brauche. Daher versuche ich zur Zeit, mich weiter in Richtung Reportage zu entwickeln.

Ich möchte in Zukunft mehr Bilderserien fotografieren, die eine zusammenhängende Geschichte erzählen. Also Sportler*innen oder gleich eine ganze Mannschaft bei einem Wettkampf oder während einer ganzen Saison mit der Kamera begleiten, um möglichst viele Facetten des Sports und der Menschen festzuhalten. Es muss ja nicht unbedingt die deutsche Fußball-Nationalmannschaft sein. Obwohl – wenn sie fragen würden…

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9 Kommentare

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  1. Tolle Bilder, die die im Text angesprochenen Intentionen sehr gut repräsentieren. Meine Frage wäre, auf welcher Seite Du Dich siehst: Noch der dokumentarischen oder schon der künstlerischen?

    • Hallo Sylvia,
      vielen Dank für das positive Feedback. Deine Frage ist nicht leicht zu beantworten, denn wie ich in dem Text geschrieben habe, möchte ich schon über das rein Dokumentarische hinausgehen. Dabei sollen ästhetische Bilder entstehen. Mit Kunst hat das allerdings meiner Meinung nach wenig zu tun. Es ist Handwerk, vielleicht sogar gutes Handwerk – die einen sagen so, die anderen so…

  2. «Mittlerweile kann man mit jeder aktuellen Spiegelreflexkamera und mit vielen besseren Spiegellosen wunderbare Sportfotos machen.»

    Ich fotografiere auch nur mit relativ billigem Zeug, aber den Satz würde ich nicht unterschreiben. Bei vielen Sportarten, insbesondere Ballsportarten, ist alles mit längerer Belichtungszeit als 1/1000 von Bewegungsunschärfe verwischt. Und dann fängt man ihn eben nicht ein, den verbissen geführten Zweikampf, diesen konzentrierten, angestrengten Gesichtsausdruck. Bei einem einzelnen Foto kann solch verwischte Bewegungsunschärfe auch mal ein Stilmittel sein, aber ganze Serien in unscharf will niemand sehen.

    Bei Sonnenschein reicht auch ein Telezoom mit f5.6 plus APS-C und man fotografiert bei 1/1000 noch mit ISO 100. Bei leicht bedeckten Himmel ist man bei ISO 1600. Noch OK. An einem dunklen Regentag bei ISO 6400-12800 und in der typischen Sporthalle bei ISO 6400-25600.

    Da trennt sich dann die Spreu vom Weizen. An dunklen Tagen und in der Halle ist ohne Vollformat und teure, lichtstarke Objektive wenig zu holen. Bei APS-C-Kameras kommt bei ISO 6400-25600 kaum noch verwendbare Qualität heraus. Das ist die Erfahrung aus vielen Jahren und ca. 100.000 Fotos.

    • Hallo Guido,
      vielen Dank für Deinen Kommentar. Ich habe in meinem Artikel bewusst darauf verzichtet, konkrete Ausrüstungstipps zu geben, um keine Diskussion um technische Fragen loszutreten. Die findet man in diversen Fotoforen zuhauf und sie führen meistens nur dazu, dass sich Neulinge irgendwann frustriert abwenden, weil sie zu der Meinung gelangen, nur mit einer Investition von mehreren tausend Euro überhaupt erst einmal anfangen zu können.

      Natürlich bietet hochwertiges (=teureres) Material mehr Möglichkeiten und Spielräume, keine Frage. Aber es wurden auch schon zu analogen Zeiten tolle Sportfotos gemacht, als ISO 1600 das höchste der Gefühle war und man von Serienbildgeschwindigkeiten von 7 Bildern/sec. und Zoomobjektiven mit Lichtstärke von 1.8 nur träumen konnte. Dann ist die Kreativität und das Auge des Fotografen gefragt, und nicht jedes Sportfoto benötigt unbedingt eine Verschlusszeit von 1/1000 sec.
      In meinem Artikel habe ich bewusst den Schwerpunkt auf die nichttechnische Seite der Sportfotografie gelegt, um zu zeigen, dass es nicht so sehr auf die High-Tech-Ausrüstung sondern vielmehr auf die Einstellung und emotionale Nähe ankommt. Wie mir allgemein Diskussionen in der Fotografie immer viel zu schnell in den rein technischen Bereich abgleiten.

      Natürlich gibt es hier wie überall unterschiedliche Meinungen. Die einen sagen, ein Sportfoto ist nur dann gut, wenn es 100% scharf und perfekt belichtet ist. Andere hingegen schauen mehr auf die Wirkung und Atmosphäre des Bildes, wobei die technische Perfektion nachrangig betrachtet wird. Das sind zwei unterschiedliche Sichtweisen und beide haben ihre Berechtigung. Dass ich mich eher zur zweiten Gruppe zähle, dürfte denke ich mal herausgekommen sein ;-)

  3. Ich hab das tatsächlich letztes Jahr mal gemacht und mit meiner analogen Mittelformatkamera ein Kunstradteam begleitet. Das hat sehr viel Spaß gemacht und das Team hat sich sehr gefreut. Schon beeindruckend, was die (hauptsächlich) Mädels da auf ihren Rädern hinbekommen.