03. April 2017 Lesezeit: ~ 9 Minuten

Eine Entscheidung gegen die Berufsfotografie

Ungefähr zwölf Jahre ist es jetzt her, dass ich das erste Mal eine Kamera in der Hand gehalten habe. Ich kann mich noch sehr genau daran erinnern: Meine Eltern haben mir zu meinem 14. Geburtstag eine Konica-Minolta-Digitalkamera geschenkt. Damals konnte ich noch nicht ahnen, wie sehr dieser Moment eigentlich mein Leben beeinflussen würde.

Heute, zwölf Jahre später, gibt es keinen Bereich in meinem Leben, der mich so einnimmt wie die Fotografie. Ich würde fast schon so weit gehen, dass die Fotografie mittlerweile zu einem Teil meiner Persönlichkeit geworden ist. Es geht einfach nicht mehr ohne. Nachdem ich mich durch einige Genres bewegt habe, bin ich seit etwa vier Jahren in der People-Fotografie hängengeblieben. 2013 kam dann die Anmeldung der Tätigkeit als Nebengewerbe hinzu. Ich arbeite seitdem selbstständig als Fotograf und Assistent und verdiene mir nebenbei damit ein nettes Taschengeld.

Klingt ja eigentlich total toll. Ich habe eine Leidenschaft gefunden und mich darin soweit entwickeln können, dass mich andere für meine Arbeit bezahlen. Ich stecke fast jede freie Minute in meine Fotografie und viel Geld in Equipment und Weiterbildung. Ganz viele Zeichen deuten mir an: Ich sollte mein Hobby zum Beruf machen.

MännerportraitEine Frau vor einem Hochhaus

Aber ich stehe gerade deswegen an einem großen Scheitelpunkt in meinem Leben. Ich habe bis vor zwei Jahren die Fotografie nie als etwas betrachtet, was ich im Hauptberuf ausüben könnte. Nach meinem Abitur habe ich eine kaufmännische Richtung eingeschlagen und zunächst eine Ausbildung absolviert, direkt danach ein BWL-Studium angeschlossen.

Ich habe nun noch ein halbes Jahr bis zu meinem Abschluss und alles sieht rosig aus. Auf dem Abschlusszeugnis werde ich fast an der Eins vor dem Komma kratzen und schreibe aktuell meine Bachelorarbeit zusammen mit einer Unternehmensberatung. Das ist natürlich auch eine hervorragende Berufsperspektive. Jetzt stehe ich hier mit 26 Jahren und muss eine Entscheidung für mein Leben treffen, glaube ich zumindest. Unheimlich viele Fragen gehen mir durch den Kopf:

Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass ich in ein paar Jahren – fest im Beruf stehend – doch noch in die Selbstständigkeit gehe? Aber möchte ich jetzt als frisch gebackener Bachelor und ohne nennenswertes Kapital dieses Risiko einer Selbstständigkeit eingehen? Müsste ich Jobs machen, mit denen ich mich eigentlich nicht identifizieren kann, nur um die Miete zu bezahlen und den Kühlschrank zu füllen? Würde ich mir den eigenen Spaß an der Fotografie vielleicht auch kaputt machen?

Fakt ist: Meine Steuererklärung bescheinigt mir, dass ich aktuell von der Fotografie noch nicht leben kann. Möglicherweise würde sich das ändern, wenn ich 100 % meiner Zeit damit verbringe. Mit einem Vollzeitstudium und auch immer wieder parallelen Nebenjobs im Büro ist die Zeit, um mit Fotos Geld zu verdienen natürlich begrenzt. Und auch die Möglichkeiten, mich weiterzuentwickeln und wirklich richtig „Business“ zu machen, halten sich in Grenzen.

Eine Frau in Unterwäsche und Socken am Tisch

Ich bin sicher, dass schon sehr viele Menschen vor dieser Entscheidung standen. Letztendlich kann sie einem niemand abnehmen und sie ist keineswegs einfach. Meinen kaufmännischen Weg weiterzugehen, hätte genauso viele Vor- und Nachteile wie jetzt den fotografischen Weg zu wählen. Ich habe mich – weil mich dieses Thema aktuell so sehr beschäftigt – auch mit vielen Leuten unterhalten und denke, tatsächlich für mich persönlich ein paar Antworten erhalten zu haben. Diese möchte ich hier mit Euch teilen, vielleicht helfen sie dem einen oder anderen ja ebenfalls weiter.

Also habe ich mich auch intensiv mit meiner Fotografie beschäftigt. Wenn ich in eine Selbstständigkeit gehe, dann müssen meine Fotos natürlich auch qualitativ so gut sein, dass sie meinen Lebensunterhalt finanzieren können. Und das muss auch nach außen so wahrgenommen werden. Also habe ich mir mein eigenes Portfolio angeschaut und auch andere Menschen aus meinem Umfeld gefragt, was sie darüber denken.

Das, was dabei herausgekommen ist, war durchaus überraschend für mich. Ich war eigentlich schon überzeugt davon, dass die objektive Qualität, die ich leisten kann, für die Berufsfotografie ausreicht. Herausgekommen ist, dass mir eine Linie in meiner Fotografie fehlt. Die Qualität der Fotos sei sehr gut, aber zu durchmischt. Und es ist natürlich ungünstig, wenn die Kundschaft eigentlich nicht so recht weiß, was sie bekommt. Ich habe festgestellt, dass ich noch nicht an dem Punkt bin, an dem ich sagen kann: Genau das bin ich und das möchte ich machen.

FrauenportraitEine Frau hält ihre Hände an ihr Gesicht

Insofern war der vorgelagerte Schritt für mich jetzt erst einmal, herauszufinden, was meine Fotografie ist. Und es kann gut sein, dass ich mich auch erst einmal noch eine Zeitlang ausprobieren muss. Ich muss ehrlich zu mir selbst sein. Ich werde meine Fashionfotos beispielsweise komplett absägen. Ich interessiere mich einfach zu wenig für Mode, besuche keine Fashionweeks und bin froh, wenn ich einigermaßen vernünftig gekleidet das Haus verlassen kann.

Dafür interessiere ich mich sehr für Menschen, für ihre Geschichten und meistens quatsche ich bei Shootings mehr mit den Leuten, als die reine Zeit, in der ich fotografiere. Insofern glaube ich, dass ich meinen Fokus auf die Portraitfotografie richten sollte und auch werde. Das bedeutet für mich natürlich, dass ich mit dem neuen Fokus und Ziel auch mehr oder weniger ein neues Portfolio aufbauen muss.

Ein schwerer Schritt, da in dem bisherigen Portfolio ebenfalls viel Herzblut, Zeit und Mühe stecken. Aber das muss es mir Wert sein. Und ich kann jedem empfehlen, sich regelmäßig von anderen Menschen Feedback geben zu lassen. Am besten von Leuten, die einem nicht unfassbar nah stehen. Sehr gute Freunde sagen natürlich, dass Du ganz toll bist in dem, was Du machst, weil sie Dich unterstützen möchten und häufig ja auch nicht vom Fach sind. Scheut Euch nicht, auch Menschen zu fragen, die in dem Bereich vielleicht ein Vorbild für Euch sind und selbst Erfolg haben mit dem, was sie machen. Viele freuen sich, jemandem einen Tipp geben zu können.

Ein Mann sitzt auf einer Treppe

Für mich war es letztendlich der kleine Arschtritt, den ich gebraucht habe. Ich bin mir bewusster darüber geworden, was ich möchte und was ich vielleicht auch lieber lassen sollte. Die letzten zwei, drei Jahre habe ich mehr oder minder so vor mich her fotografiert, ohne ein richtiges Ziel zu haben. Das ist aber verdammt wichtig, wenn man davon leben möchte. Nur ein Ziel, auf das man fleißig hinarbeitet, wird auch Erfolg bringen.

Deswegen habe ich mich zum jetzigen Zeitpunkt bewusst dagegen entschieden, hauptberuflich als Fotograf zu arbeiten. Mit Sicherheit könnte ich Geld verdienen und vielleicht auch davon leben. Aber es wäre ein Genickbruch, wenn ich dann einige Zeit später erst feststelle, dass das eigentlich überhaupt nicht zu mir passt. Ich kann mir die Berufsfotografie nur vorstellen, wenn ich zu 100 % dahinter stehe.

Erst seit zwei Jahren ist die Selbstständigkeit in der Fotografie zu einem großen Traum geworden. Zu groß war der Drang in der letzten Zeit, einfach alles hinzuschmeißen und eine Liebesbeziehung mit der Kamera einzugehen. Aber ich muss mir am heutigen Tag eingestehen, dass der Zeitpunkt dafür noch nicht reif ist, denn der Gedanke an sich benötigt auch die richtige Reife.

Es fühlt sich aber nicht wie ein Rückschlag für mich an. Ganz im Gegenteil fühle ich mich in der Idee der Selbstständigkeit noch mehr bestärkt. Bestärkt, mir neue Ziele zu setzen und mich mit Fleiß und Geduld soweit hinzuarbeiten, um dann vielleicht erst in zwei oder drei Jahren endlich den Schritt zu machen.

Eine Frau portraitiert mit harten SchattenFrauenportrait

Bis zu meinem Studienabschluss werde ich mich vor allem konzeptionell mit den Zielen, die ich mir jetzt gesteckt habe, beschäftigen. Mich mit den Fotos auseinandersetzen, die ich machen möchte. Bewusst Schranken aufbrechen und meine Einstellung verändern. Alles für die neue Richtung vorbereiten. Dazu gehört auch dieser Beitrag hier, denn all dies zu schreiben und mit der Öffentlichkeit zu teilen, setzt mir selbst auch schon einen gewissen Druck.

Ich hoffe, dass ich in ein bis zwei Jahren hier wieder einen Artikel schreiben darf, in dem ich dann auflöse, ob mein Plan funktioniert hat, welche Schwierigkeiten es auf diesem Weg gab und welche Lektionen ich dadurch lernen durfte.

Ich habe den allergrößten Respekt vor allen, die sich mit ihrer Leidenschaft selbstständig machen. Die Hürden in Deutschland sind dafür nicht ohne und die Attraktivität gering. Nur einige Stichworte: Steuern, Handwerkskammer, Krankenversicherung. Allen, die jetzt gerade einen Traum verwirklichen möchten, sage ich: Einfach machen! Aber seid realistisch und ehrlich zu Euch selbst.

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17 Kommentare

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  1. Danke für den Artikel. Interessant zu lesen.
    Selbstständigkeit ist immer eine schwere Sache. Wird von vielen im Angestelltenverhältnis nicht so wahrgenommen.

    Ach ja, und was man auch nicht vergessen sollte: Wer sein Hobby zum Beruf macht, hat danach keins mehr.

  2. Sehr reflektiert und sehr konsequent – ich bin mal so frei zu sagen, dass du deinen Weg schon gehen wirst.

    Ich selbst habe die letzten 12 Jahre in einer Agentur gearbeitet, deren Herz und Seele ich maßgeblich mit geprägt habe. Die Zeichen standen auf Gesellschafter werden, dann kam die große Wende. Jetzt habe ich alles, wirklich alles über den Haufen geworfen und fange etwas anderes an.

    Ich wünsche dir, dass du Leute um dich hast, die dir im rechten Moment die Kraft geben dich zu entscheiden.

    Folge deinem Herzen, das macht dann den Rest ;)

  3. Sehr guter Artikel!!!
    Warum um Himmels willen, sollte man sich dafür entscheiden, ausgerechnet für Fotografie auch von anderen Geld haben zu wollen. Fotografieren ist für mich eine Art zu leben. Und wenn mir jemand von sich aus Geld dafür geben will, dann ist es auch o.k.

  4. Danke für den spannenden Beitrag! Finde das gut und wichtig, wenn man solch eine Entscheidung ehrlich überdenkt und reflektiert. Und sich auch die nötige Zeit dafür lässt. Bin selbst auch mal an diesem Punkt gewesen, an dem du jetzt stehst, die Entscheidung für die Selbstständigkeit kam dann später doch noch.

    Zurzeit lese ich das Buch “Biete Visionen” von David duChemin (wurde glaube ich auch kürzlich hier in den Kommentaren empfohlen). Der Autor beschreibt hier seinen eigenen Werdegang vom Comedian zum Vollzeitfotografen. Das Buch ist sehr inspirierend, egal ob man die Fotografie als Hobby betreibt, als Nebengewerbe oder auch vollzeitig tätig ist. Manchmal lohnt es sich im Leben auch einfach loszugehen und Schritte zu wagen.

  5. Das Problem ist hier vermutlich (wie so oft) auch zu einem teil das uns die Selbstvermarktung nicht wirklich beigebracht wird.

    Ich finde da Dirk Kreuter als tollen Anlaufpunkt. Das Wochenendseminar über Verkaufen generell kostet 50-100€, mit Calvin Hollywood (von dem man nun halten kann was man will, er macht kohle und sagt selbst von sich das er nicht der beste Fotograf ist) hat er eine Onlinekurs über die Vermarktung als Fotograf veröffentlicht (ich glaube c.a. 150-200€). – Da kann man sicherlich auch als Hobbyfotograf lernen etwas mehr als TFP Fotografie anzugehen.

    Anmerkung, ich selbst war nur beim Seminar in Berlin, habe dort jedoch auch Fotografen getroffen. Wie gut der Kurs mit Calvin Hollywood ist kann ich leider nicht bewerten.

    Ich weis das Thema “Verkaufen” ist vielen unangenehm… aber nicht stört es nicht, und wer mehr will als von der Hand in den Mund leben…

  6. Sehr interessanter Einblick, der die Frage aufwirft, die sich auch mir stellt:

    Ist zuviel Durchmischung schlecht? Muß man zwingend eine Linie haben, eine Art der Darstellung ( gedeckte Farben, durchgehender Bild-Stil)?

    Es würde mich freuen, dazu Meinungen zu hören.

  7. Ich denke, an diesem Punkt stehen sehr viele. Als leidenschaftlicher Amateur bzw. Semiprofi sieht man die Berufsfotografie zu romantisch. Eine “Liebesbeziehung mit der Kamera eingehen” sagt schon alles. Schließlich geht ja auch jeder Elektriker eine Liebesbeziehung zu seinem Schraubenzieher ein, nicht wahr? Aus meiner Sicht ist es vernünftiger, eine Leidenschaft zum erlernten Beruf zu entwickeln, dort richtig gut zu werden, ausreichend Geld damit zu verdienen und die Fotografie weiterhin als Hobby zu betreiben. Denn Fotografen, die am Hungertuch nagen, gibt es bereits genug.

  8. Ich kann Dich zu Deiner Entscheidung nur beglückwünschen!
    Der Job des Berufsfotografen ist extrem hart und das, was jetzt von Dir mit Enthusiasmus und Freude als Hobby mit Freude betrieben wird, weicht ganz schnell dem knallharten Zwang, “liefern” zu müssen, soll der Kühlschrank gefüllt und die Miete bezahlt werden. Ich würde mir (statt mich bereits jetzt festzulegen) darüber Gedanken machen, in welchem fotografischen Bereich überhaupt noch “Potenzial” für “andere” Sichtweisen ist und dann sowas machen. Das ist vielleicht gar nicht die Portraitfotografie ?!
    Gaaaanz langsam im kommen ist momentan die Drohnenfotografie…;-))
    Ich drück Dir jedenfalls die Daumen, egal wohin Dich Dein Lebens-und Hobbyweg führt!
    VG Ralph

  9. Jeder Job ist hart, wenn man nicht mit Herzblut dabei ist. Und Fotografen, die Bücher schreiben oder Seminare geben, wie man ein erfolgreicher Fotograf wird, sind alles andere als gute Fotografen, sonst hätten sie gar keine Zeit für so einen Affenzirkus!

  10. Noch ein ganz pragmatischer Aspekt: selbständig machen kannst Du Dich jederzeit. Aber das Fenster für eine feste Anstellung z.B. in der Unternehmensberatung, mit der Du gerade Deine Arbeit schreibst, ist jetzt günstiger: Stell Dir vor Du bist zehn Jahre selbständig und bewirbst Dich dann in einer Beratungsfirma. Du wirst mit gleichaltrigen verglichen und hast zehn Jahre weniger Berufserfahrung. Du wirst mit Studienabgängern verglichen und hast kein aktuelles Studienwissen.

    Du hast dafür natürlich reichlich andere Erfahrungen gemacht; das könnte sogar die beiden anderen Aspekte mehr als aufwiegen. Tendenziell würde ich vermuten, achten Arbeitgeber eher auf die ersten beiden Aspekte. Jetzt könnte man argumentieren, dass das vielleicht nicht die Betriebe sind, in denen Du arbeiten möchtest. Kann sein, aber auf jeden Fall reduziert es die Auswahl.

    Man könnte den Schritt von der Selbständigkeit auch als Rückschritt betrachten: mit der Selbständigkeit nicht erfolgreich gewesen, also wieder eine Anstellung irgendwo gesucht. Ich kann mir vorstellen, dass das psychologisch in einem Vorstellungsgespräch ein Nachteil ist.

    Alles Gute!

  11. Blogartikel dazu: Links zum Wochenende 67 | Johannes Mairhofer