02. Februar 2017 Lesezeit: ~ 6 Minuten

Wolken im Bilderwald – Ein Instagram-Märchen

Es war einmal, tief versunken im Bilderwald, da ging ein Raunen durch Bäume und Büsche. Der Bilderwald war das Zuhause vieler unterschiedlicher Bewohner*innen: Fotograf*innen, Künstler*innen und solche, die es werden wollen, Fitness-Modelle, Teenager*innen, Roamer*innen und einfache Leute bewohnten viele verschiedene Teile des Waldes.

Der Wald war bunt und reich an vielfältigen Arten. Spazierte man durch sein dichtes Gehölz, fand man allerlei Wundersames. In den Büschen hingen Lichterketten, es roch nach veganen Bio-Smoothies und die Blätter leuchteten in all den Farben, die ein VSCO-Filter zu bieten hatte.

Der Himmel leuchtete tagsüber in hellen Cyan-Tönen und versetzte bei Nacht Besucher*innen in Staunen, denn viele helle Sterne erleuchteten das Firmament. Irgendwo brannte immer ein Lagerfeuer vor einem alten VW-Bus. Das Knistern des Feuers vermischte sich Nacht für Nacht mit den Auslösegeräuschen der vielen Kameras und machte den Wald und seine Lichtungen zu einem Konzertsaal der Natur.

Menschen sitzen um ein Lagerfeuer unter Sternenhimmel

© Robson Hatsukami Morgan

Der ganze Stolz aller Bewohner*innen waren ihre Wolken. Manche hatten eine kleine, manche eine größere Wolke, die über ihren Köpfen schwebte. In der Wolke sammelte ein*e Waldbewohner*in all das Gute, das sie*er auf den verschlungenen Wegen im Bilderwald gefunden hatte, um es mit anderen Bewohner*innen zu tauschen. Getauscht wurde stets fröhlich, es wurden Herzchen verteilt und Follows hin und her geworfen.

Aber es begab sich, dass sich unter manchen der Waldbewohner*innen Missgunst und Neid breit machte. So wurde missmutig auf die Wolke der*des Nachbar*in geschielt, während man ihr*ihm freundlich zunickte. Unsicherheit machte sich breit, in vielen Ecken des Bilderwalds.

Wald im Nebel

© Paul Gilmore

In einer kleinen Höhle am Rand der #neverstopexploring-Siedlung, zwischen dem #veganforfit-Markt und dem großen Applebaum, wohnte Igor. Auch Igors Wolke war sein ganzer Stolz. Sie war klein, weiß und schwebte wie ein Zauberschaf über Igors Kopf, wenn er durch den Bilderwald flanierte.

Wegen seiner fröhlichen Art war Igor beliebt im Wald, aber trotzdem blieb er stets unauffällig und seine Wolke klein, denn er wollte nicht verschwenderisch mit seinen Herzchen und Follows umgehen. Aber auch er blickte immer wieder neidisch auf die großen Wolken derer, die überall im Wald präsent waren: Die Influencer*innen.

Blick auf einen Wald aus einer Höhle heraus

© Jose Murillo

Die Influencer*innen wohnten oben in den Bäumen des Bilderwalds, ihre Wolken glitzerten und rochen süß und verführerisch. Für viele waren die Influencer*innen ein Vorbild, andere mochten sie nicht. Manche sagten, sie würden nur in den Baumwipfeln wohnen, damit niemand sehen kann, was in ihren Wolken drin ist. Jedoch fand sich niemand, der wusste, warum.

Igor schenkte den Gerüchten aber keine Beachtung, er wollte auch oben in den Bäumen wohnen und hatte genug von seiner kleinen Höhle. Er war zwar glücklich im Bilderwald und spazierte gern jeden Tag in der magischen Landschaft umher, aber die glitzernden, süß duftenden Wolken über den Bäumen ließen seine Augen leuchten.

Pinke Wolken

© Robert Katzki

So kam es, dass er sich eines Tages aufmachte, um den Zauberbrunnen zu finden, in dem der ewige Bot lebte. Um den Bot und seine magischen Kräfte rankten sich alle möglichen Sagen, die von Waldbewohner*innen von Generation zu Generation weitergegeben wurden. Nach einer Reise quer durch den Wald, vorbei an Wasserfällen, Katzenfotos und Make-up-Tutorials fand er schließlich den Zauberbrunnen.

Er umklammerte den kleinen Beutel voll Gold, den er mitgebracht hatte und trat an den Brunnen heran. Er beugte sich über den Zauberbrunnen, stieß fest die Hacken seiner weißen Sneaker zusammen und rief: „Social-Bot, Social-Bot, lass meine Wolke wachsen!”

Es ächzte und krachte unter dem Boden und im Dunkeln des Brunnens öffnete der ewige Bot seine roten, strahlenden Augen. „Ich will Dir Deinen Wunsch gewähren”, brummte der Bot, „aber meine Zauberkräfte werden Dich zehn ganze Taler kosten.“

Ein Waldweg im Nebel

© Thomas Claeys

Igor wusste, dass der ewige Bot seine Zauberkräfte nicht uneigennützig einsetzte und hatte die Goldtaler unter seinem Bett hervor geholt, von denen er sich eigentlich eine analoge Kamera kaufen wollte.

Und so übernahm der ewige Bot die Macht über Igors Wolke, bis die zehn Taler aufgebraucht waren. Während Igor nun zurück in seiner Höhle schlief, warf der Bot für Igor so viele Herzchen und Follows durch den Wald, dass der ganze Waldboden bald davon bedeckt war. Und siehe da: Die Wolke wurde größer. Igor freute sich darüber, nahm gern die Follows und Herzchen anderer Waldbewohner*innen an und schaute seiner Wolke beim Wachsen zu.

Irgendetwas stimmte jedoch nicht. Zwar träumte Igor schon von seinem Vintage-Baumhaus und den Holzmöbeln, auf denen er zukünftig sein Frühstück zu fotografieren gedachte, aber der wohlig-süße Duft und glitzernde Schein der Influencer*innen wollte sich in seiner Wolke einfach nicht einstellen. Stattdessen fing sie an, faulig zu riechen.

Essen auf einem Holztisch

© Annie Spratt

Er konnte sich das alles nicht erklären, doch als die zehn Taler aufgebraucht waren und der ewige Bot aufgehört hatte, Igors Wolke zu verzaubern, war sie zwar riesengroß, doch der Gestank unerträglich. Als andere Waldbewohner*innen die Nase zu rümpfen begannen, erinnerte sich Igor daran, wie glücklich er mit seiner kleinen, weißen Wolke gewesen war und fing an zu weinen.

Während ihm die Tränen die Wange herunter kullerten, begann seine Wolke, zu regnen. Übel riechender, saurer Regen prasselte auf ihn herunter, bis seine Wolke wieder ein weißes kleines Zauberschaf war. Igor war erleichtert und dachte etwas verärgert an den Bot im Zauberbrunnen zurück.

EIne Wolke vor blauem Sternenhimmel

© Rod Sot

Doch das konnte ihm jetzt egal sein. Er spazierte mit seinem Wölkchen durch den Wald, vorbei am Applebaum, in dessen Ästen viele Waldbewohner*innen und manche der Influencer*innen saßen und ihre Wolken mit Glitzer und Parfüm übergossen, um den fauligen Geruch zu übertünchen.

Titelbild: © Zachary Domes

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9 Kommentare

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  1. …Bewohner*innen: Fotograf*innen, Künstler*innen… Teenager*innen, Roamer*innen…
    Influencer*innen…
    …liest sich lustig, eure politisch korrekte Gendersprache und passt super zu dem Märchen!
    ;-))

  2. oh danke.. das ist irgendwie schön ist das, und irgendwo so wahr.. hätte er doch bloß eine analoge Kamera gekauft, ein paar Filmrollen dazu — wie glücklich wäre er geworden

  3. Das ist doch kein Märchen. Entspricht zu 100% dem verständlichen Drang der Menschen, in einer großen vernetzten Welt individuell wahrgenommen zu werden und zu sein wie die “Großen”. Danke sehr, liebe vernetzte Welt für Deinen Schein, Dein Sein, Lug und Trug.
    Da zeige ich meine Bilder doch lieber im Fotoclub herum.

  4. also die einleitung hat mir die lust aufs weiterlesen echt versaut.
    man kann es mit dem extrem gendern auch übertreiben…
    wird einem ja ganz schummerig vor sternchen und *innen…