Eine Torte mit einer roten Spur.
22. Juni 2016 Lesezeit: ~8 Minuten

Im Gespräch mit Gloria Endres de Oliveira

Gloria Endres de Oliveira ist Schauspielerin für Film und Fernsehen und studiert in Hamburg Freie Kunst. Neben dem Studium und der Schauspielerei fotografiert sie, schreibt feministische Texte über Filme, dreht Kurzfilme und steht für diverse Fotoprojekte auch mal selbst vor der Kamera.

Es wurde also Zeit, dass wir Gloria endlich bei kwerfeldein vorstellen, auch wenn die Fotografie nur einen Teil ihrer komplexen Welt einnimmt. Ich habe sie in ein Gespräch über Frauen und Fotografie verwickelt.

Eine Frau hockt auf dem Acker und schaut in die Kamera.

Gloria, da wir in erster Linie ein Fotografie-Magazin sind: Welchen Stellenwert nimmt die Fotografie in Deinem Leben ein?

Die Fotografie selbst begleitet mich seit meinem 14. Lebensjahr, als ich meine erste Kamera bekam und sie als Ausdrucksmittel sehr zu schätzen lernte (wobei natürlich typische, düstere „Teenage Angst“-Bilder und Selbstportraits entstanden); die Schauspielerei trat viel später in mein Leben.

Welchen Stellenwert die Fotografie akut einnimmt, kommt auf meine jeweilige Lebensphase an – obwohl ich in mehreren künstlerischen Bereichen aktiv bin, bin ich eher schlecht im Multitasking – das heißt, ich kann mich immer nur jeweils einem Bereich widmen, der dann meine volle Konzentration bekommt.

Wenn ich einen Film drehe, bin ich zu einhundert Prozent im „Schauspielermodus“ und könnte eine Kamera oder einen Pinsel nicht einmal in die Hand nehmen – sämtliche kreative Energie fließt dann in die Rollenarbeit. Wenn ein Dreh vorbei ist, kann ich mich wieder meinen eigenen Projekten widmen – und ich brauche diese Abwechslung sehr, ich könnte mich nicht für einen einzigen Bereich entscheiden.

Eine Frau mit Blumenkranz sitzt auf dem Sofa.

Ein Frau liegt auf dem Sofa.

Deine Bilder zeigen oft Mädchen, die nicht lächeln. Auf kwerfeldein wird jungen Künstlerinnen dieses Frauenbild gern vorgeworfen oder aber sie müssen sich Sätze wie „zum Lachen in den Keller gehen“ gefallen lassen.

Warum sind Mädchen bzw. Frauen überhaupt diesem Lächelzwang unterworfen? Würde es den Kommentatoren auffallen, wären auf den besagten Bildern vornehmlich Männer zu sehen, die ernst schauen? Seitdem ich denken kann, werde ich oft auf der Straße von wildfremden Männern dazu aufgefordert, doch mal zu lächeln – und ich weiß von Freundinnen, dass ihnen das gleiche widerfährt, oftmals mit dem charmanten Zusatz: „Mit einem Lächeln wärst Du gleich viel hübscher!“ Als ob Hübschsein die allerhöchste Priorität für Frauen sein sollte.

Das hängt für mich mit einem gesellschaftlichen Frauenbild zusammen, das Weiblichkeit mit Sanftmut, Harmlosigkeit und Liebenswürdigkeit gleichsetzt. Ich bin daran interessiert, dieses Diktat zu brechen. Abgesehen davon habe ich mich schon immer über das Sprichwort „zum Lachen in den Keller gehen“ amüsiert – es spricht zu meinem Gruftiherzen.

Ein Mädchen leckt das Marmeladenmesser ab.

Eine Torte mit einer Blutspur.

Uns wird gern vorgeworfen, dass wir ein stereotypes Bild der Frau entwerfen und vorzugsweise Fotografinnen publizieren, die dieses Bild unterstützen. Was nicht gesehen wird, ist, was wir nicht zeigen: Nämlich das Bild, das viele aus der Werbung kennen: Die Frau als Männerfantasie. Übrigens der erste Treffer bei Google, wenn man nach Frauen und Fotografie sucht. Es gibt auch schon einen Begriff für nicht lächelnde Frauen: Resting Bitch Face.

Den Vorwurf des Stereotyps finde ich interessant: Seit den Anfängen der Portraitfotografie im 19. Jahrhundert sind Aufnahmen nicht lächelnder Modelle schließlich Gang und Gäbe und somit gar keine neue, zeitgeistige Strömung. Gleichzeitig ist es heutzutage doch ein sozialer und kultureller Reflex unserer Zeit, sofort ein strahlendes Fotolächeln an den Tag zu legen, sobald jemand eine Kamera auf uns richtet.

Dieser „Smiiiiile for the camera“-Imperativ betrifft vor allem Frauen, wofür das „Resting Bitch Face“-Phänomen ein guter Beweis ist. Es scheint mir in ziemlich fragwürdige Genderstereotype gebettet, zusammen mit gruseligen Implikationen: Eine Frau, die nicht lächelt, ist demnach eine Bitch? Mir ist noch bisher noch kein Mann untergekommen, der sich selbst ein „Resting Bitch Face“ zuschreibt.

Es ist, als müssten Frauen sich permanent dafür rechtfertigen, wenn sie mal keinen lieblichen Eindruck erwecken und nicht mit einem zuckersüßen, einladenden Ausdruck im Gesicht durch den Alltag schreiten. Was für ein antiquiertes Frauenbild liegt dieser Einstellung überhaupt zu Grunde? Es lässt mich an Werbeplakate aus den 1950er Jahren denken, auf denen amphetaminsüchtige Hausfrauen selig lächelnd Apfelkuchen backen. Wir sollten als Gesellschaft doch eindeutig weiter sein.

Ein Mädchen schaukelt.

Du brichst den Begriff „Mädchensein“ in Deinen Bildern nicht nur auf, sondern spielst auch damit: Rosa Ballonfarben und dann eine Torte mit einer rötlichen Spur, Männerportraits in sanfte Farben getaucht – feminin. In Deinen Bildern scheinen wie in einem Nebensatz Brüche drin zu sein.

Ja, dieser Themenkomplex beschäftigt mich sehr und dieses Motiv ist auch Teil meiner Kurzfilme „TUB“ und „Bis in die Puppen“. Ich habe versucht, einige meiner Gedanken dazu in einem Artikel für Bitchflicks zusammenzufassen.

Ein Mann schaut in die Kamera und lächelt nicht.

Ich frage mich, ob es nicht an der Zeit ist, auch das Männerbild aufzudröseln. Es scheint mir sehr antiquiert und viele Männer lassen sich von diesem Bild unterjochen, werden so aufgezogen, dass sie eines Tages einem Bild entsprechen müssen. Es gibt männliche und weibliche Farben, männliche und weibliche Gesichtsausdrücke, männliche und weibliche Kleidung, männliche und weibliche Gesten…

Ja, das sehe ich genauso und diesen Gedanken nachgehend arbeite ich seit einiger Zeit an einer Bilderserie mit männlichen Modellen. Leider ist es gar nicht so einfach, dafür „willige“ Männer zu finden, da ich prinzipiell nicht mit professionellen Modellen arbeite, sondern vorrangig Menschen fotografiere, zu denen ich bereits eine private Bindung habe. „Normale“ Männer, die keine Berufsmodelle sind, sind in dieser Hinsicht oftmals sehr scheu.

Aber wenn es zu einer Fotosession kommt, merke ich jedes Mal, wie viel Spaß Männer dabei haben, in weiblich konnotierten Kontexten fotografiert zu werden und wie ich es ihnen „erlaube“ beziehungsweise sie sogar dazu auffordere, typisch weiblich besetzte Posen einzunehmen. Es scheint unheimlich befreiend zu sein, sich mal aus diesem starren Maskulinitätskorsett lösen zu können. Stichwort: Toxic Masculinity. 

Eine Frau liegt auf dem Boden in einem roten Kleid.

Ein christliches Symbolbild liegt auf einem weißen Kleid.
 
Frauen haben heute mehr denn je die Möglichkeit, sich in verschiedenen künstlerischen Bereichen auszutoben und vor allem das Bild der Frau und des Begriffs Weiblichkeit in der Kunst mitzubestimmen. Bist Du der Frage, was Weiblichkeit ist und was sie ausmacht, näher gekommen oder haben sich daraus gänzlich neue Fragen ergeben?

Ich weiß nicht, ob ich einer Antwort auf die Frage, was Weiblichkeit ist, durch meine Arbeiten näher gekommen bin – ich suche generell auch nicht nach einer klaren Antwort auf diese Frage. Es geht mir viel mehr darum, meine Erfahrungen und Eindrücke zu verarbeiten und somit Teil eines breiten Spektrums weiblichen Erlebens zu sein, das schädliche, festgefahrene Konventionen hinterfragt und hoffentlich sprengt. 
 
Meine Arbeit und der Austausch darüber sowie die Beschäftigung mit den Arbeiten anderer Künstlerinnen haben sich aber sehr positiv auf mein privates Selbstverständnis und Selbstbewusstsein als Frau ausgewirkt. 

Eine Frau mit Schirm sitzt auf dem Boden.

Gutes Stichwort: Wie sehen Deine zukünftigen Projekte aus?

2016 habe ich mich bisher vor allem der Schauspielerei gewidmet, besonders am Herzen liegt mir der Film „Strawberry Bubblegums“ (Regie: Benjamin Teske), der voraussichtlich im Herbst im Kino zu sehen sein wird.

Diesen Sommer will ich mich nach noch anstehenden Dreharbeiten wieder verstärkt auf die Fotografie und die Arbeit an eigenen Filmprojekten konzentrieren.

Mädchenbeine in Mädchenschuhen.

Nenn uns zum Abschluss noch Künstlerinnen – egal ob Fotografinnen, Autorinnen oder Filmemacherinnen – die man unbedingt auf dem Schirm haben sollte und sag uns, warum.

Ganz aktuell: Die Regisseurin Naomi Kawase, die ich unheimlich dafür bewundere, wie sie in ihren Filmen präzises Handwerk mit einer sehr persönlichen, poetischen Erzählweise verbindet. Die Regisseurin Deniz Gamze Ergüven, denn ihr Debütfilm „Mustang“ hat mich sehr begeistert. Die Fotografin Lee Miller, die viel mehr als nur eine Muse Man Rays war. Die Schauspielerin Golshifteh Farahani, denn ich bekomme nie genug von ihrer eindrücklichen Spielweise.

Vielen Dank für das erhellende und schöne Gespräch, Gloria!

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11 Kommentare

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  1. Während Maler*innen oder Zeichner*innen einzelne Komponenten eines „entspannten“ Gesichts in Ruhe zu einem treffenden Portrait synthetisieren, lichten Fotografen*innen notwendigerweise einen oft beliebigen Augenblick der rasch wechselnden Mimik eines Menschen ab.

  2. Ich finde das Interview interessant und stimme auch viel dem Gesagten zu, allerdings bleibt für mich offen, in wie weit durch Nicht-Lächeln ein Rollenbild hinterfragt wird. Denn zarte Mädchen mit neutralem Gesichtsausdruck brechen nun auch nicht gerade mit Rollenbildern aus Mode und Medien, schließlich ist der Typ Frau der hier und auch von anderen Fotografierenden auf Flickr/bei Kwerfeldein vermehrt dargestellt wird, den Typus „Zerbrechlichkeit“. Es wird keine starke, neue, andere Frau gezeigt, nur weil sie nicht lächelt! Hier wird immernoch eine Frau gezeigt, die eigentlich noch Kind darstellt, ängstlich, domestiziert oder weltfremd wirkt.

    Ich verstehe die Ausführungen hier und sehe das als Frau, die auch oft ein „Lächel doch mal“ von Wildfremden abtun muss, auch so – aber es ist mir von euch nicht genug zuende gedacht, denn ein Lächeln ist schließlich nicht alles. Da müssen zusätzlich auch pastellige Romatik-Kleidchen, brave Blümchenfrisuren und verträumte Blicke hinterfragt werden, bevor es wirklich eine Kritik und Neuerfindung eines Rollenklischees darstellt.

    • wer mal judith butler gelesen hat – oder einfach selber nachgedacht – stellt ja die arbitrarität der geschlechternormen fest. es kann keinen feminismus geben, weil nicht klar ist, wer durch welche aussagen überhaupt repräsentiert werden könnte. nicht nur jedes vorurteil, sondern auch jedes urteil ist letzten endes nicht anderes als kategorisierung, und das bedeutet natürlich nichts anderes als das spezielle wieder ins klischee hineinzudeuten. somit wird auch das urteil über die vermeintlich zerbrechlichen mädchendarstellungen im grunde zum klischee – schließlich, wer sagt, dass es um stärke gehen muss, wer sagt, dass stärke eine stärke ist? viele künstler sind fragil genug, sich umzubringen. das verleiht ihrem schaffen nicht weniger leuchtkraft. der vermeintliche stärkeaspekt ist also kein objektiver, sondern etwas vielleicht lebensführungskapitalistisches. jedoch sagst du es ja bereits mit eigenen worten: „neuerfindung eines rollenklischees“ – man kommt aus dem labeln nicht heraus, und das eine ist nicht individuell passender als das andere, nicht besser, nicht schlechter. auch ein rollenklischee ist erst dann schlecht, wenn man sich nicht wohl damit fühlt. und ob es sich dabei um kwerfeldeintypischen anfang-zwanzig-kitsch oder wie hier die neue welle der backfischphotographie handelt, oder frauen so sind wie bei terry richardson – wo läge jeweils das prinzipielle problem.

    • ich verstehe dein argument, aber meine ultra-feminine inszenierung ist bewusst so gewählt. es geht mir nicht darum, sämtliche weiblich-konnotierte merkmale zu verbannen, im gegenteil – ich möchte diese neu belegen und neu interpretieren. ich inszeniere schließlich auch männer auf diese feminine, von dir als „pastellige romantik“ beschriebene art und weise. ich würde gern die zwangsläufigen assoziationen femininität=schwäche/weltfremd/brav hinterfragen.

      der gesichtsausdruck spielt dabei insofern eine rolle, als die abwesenheit eines einladenden lächelns dazu dienen kann, klarzustellen, dass es bei einer femininen, verspielten aufmachung keineswegs darum geht, den male gaze zu bedienen (oder eine männerfantasie, wie marit schrieb).

      • Das finde ich übrigens sehr angenehm an deinen Bildern und Kurzfilmen. Du bedienst nicht das Klischee der Emanze oder der Hardcore Feministin. Diese Art von Frauen stellen sich viele ja mit Kurzhaarschnitt, in Hosen und bösen Gesichtern vor. Aber es ist ebenfalls nur ein Klischee. Du spielst mit der Kleidung, die so typisch für uns Frauen gemacht ist, gleichzeitig sind die Frauen in diesen Kleidern aber sich-selbst-bewusst. Eine Frau, die sich für Selbstbestimmung einsetzt darf auch Kleider tragen, darf sich feminin kleiden, darf rosa Lippenstift tragen, rosa Schühchen. Es ist ganz allein ihre Sache. Auch das ist Feminismus.

  3. Also der letzte Kommentator der hier die Wendung“ zum Lachen in den Keller gehen “ anwandte, wies explizit darauf hin, dass eben nicht nur Fotografinnen sondern der Hauptteil aller in letzter Zeit hier vorgestellten Künstler gemeint ist. Egal welchen Geschlechts, Gender oder Hautfarbe!

    Btw: mag vielleicht an meiner Kunst-bezogenen Unwissenheit liegen, aber das Tutu Project dröselt meiner Meinung nach wesentlich unterhaltsamer bestehende Männerbilder auf.

  4. Danke für dieses Interview! @Gloria: Finde ich super, was Du machst. Kompliment für Deine reflektierte Art und die auf mich schlüssig wirkenden Gedanken zum Feminismus. Gerade da bin ich sehr froh über Stimmen wie die Deine, die in Fotoszene doch so wichtig sind. Weiter so.

  5. In derartigen Kontexten fällt mir immer wieder auf, dass geschlechtsspezifische Zuschreibungen abgelehnt werden (männliche und weibliche Farben etc.), aber der Ausdruck des weiblichen Erlebens hervorgehoben und enormen Wert beigemessen wird. Ist das nicht widersprüchlich? Und was ist weibliches Erleben, welche Unterschiede gibt es zum männlichen?