09. Mai 2016 Lesezeit: ~4 Minuten

Rezension: Jeder Moment ist Ewigkeit

Bisher haben wir vorrangig Bildbände vorgestellt, dabei gibt es auch großartige Literatur über Fotografie, wie etwa der Erfahrungsbericht „Jeder Moment ist Ewigkeit“ der Fotojournalistin Lynsey Addario. Auf über 350 Seiten schreibt sie über ihre jahrelangen Erlebnisse in Krisengebieten.

Lynsey Addario ist eine der bedeutendsten Fotojournalistinnen der Welt und gibt mit dem Buch einen einzigartigen Einblick in diesen wichtigen, aber auch gefährlichen Beruf. Der Bericht beginnt mit einem ihrer einschneidendsten Erlebnisse – ihrer Entführung in Libyen im März 2011.

Einblick in ein Buch

Danach nimmt sie den Leser mit in ihre Welt und berichtet chronologisch von ihrem Werdegang und wie es dazu kam, dass sie heute für die New York Times und das National Geographic Magazine arbeitet, mit dem Pulitzer-Preis und dem MacArthur Fellowship ausgezeichnet wurde; also den wohl wichtigsten Ehrungen, die man als Journalist*in erreichen kann.

Man lernt ihre unkonservativen Eltern kennen, ihre Liebschaften, Freunde und Kollegen. Argeninien, Kuba, Indien, Afghanistan, Pakistan, Irak, Türkei, Libyen, Syrien, Kongo und Somalia sind nur einige der Länder, in denen Lynsey arbeitete oder lebte und die im Buch vorkommen. Lynseys Berichte sind persönlich, ehrlich und vor allem klug geschrieben. Zudem findet sie im Text ein gute Mischung, die sehr emotionalen Erlebnisse sachlich zu beschreiben, ohne kühl zu wirken.

Aufgeschlagenes Buch

Ich hatte mir vor dem Lesen eine kleine Liste mit Fragen aufgeschrieben, die mich an der Arbeit einer Kriegsreporterin interessieren und sie wurden mir alle ausnahmslos während des Lesens beantwortet:

  • Warum entschließt man sich, Kriegsfotograf*in zu werden?
  • Wie verändert der Beruf einen selbst?
  • Welche Probleme, aber auch Vorteile gibt es für Frauen in diesem Beruf?
  • Wie viel Familienleben ist möglich?
  • Wie verarbeitet man Krieg, Trauma und Tod?
  • Wie ist die Zusammenarbeit mit Auftraggebern, Kollegen, dem Militär?
  • Gibt es Zensur?
  • Wie stehen Kriegsfotograf*innen selbst zum Krieg?
  • Wie sieht der Alltag aus?
  • Wie kommt man an Jobs? Wie funktionieren freie Arbeiten?

Natürlich gibt es im Buch keine allgemeingültigen Antworten auf diese Fragen, sondern sehr individuelle, aber genau das empfand ich als spannend. Die Antworten erschließen sich durch Lynseys Geschichten und Gedanken nach und nach und man kann sie leicht nachvollziehen.

Aufgeschlagener Roman

Insbesondere die Antwort darauf, wie unterschiedlich die Arbeit zwischen weiblichen und männlichen Journalist*innen ist, war für mich aufschlussreich und zieht sich wie ein roter Faden durchs Buch. So begleitet sie mit Autorin Elizabeth Rubin in Afghanistan einen Kampfeinsatz, um herauszufinden, warum es so viele zivile Opfer gibt. Lynsey berichtet immer wieder vom Druck, besonders als Frau keine Schwäche zeigen zu dürfen und der Scham, wenn sie wegen ihres Geschlechts doch einmal bevorzugt behandelt wird. Zudem ist ihre Kollegin im zweiten Trimester schwanger, was den Einsatz nicht einfacher macht.

Im letzten Teil des Buches wird Lynsey selbst schwanger und berichtet von ihren Ängsten, ihrer Karriere damit ein Ende zu setzen. In Somalia fühlt sie die Tritte ihres Babys im Bauch, während sie einen sterbenden Säugling in einem überfüllten Krankenhaus fotografiert und man fühlt sich mit ihr so hilflos ob dieser Ungerechtigkeit.

Einblick in das Buch

Sie fotografiert auch nach der Geburt noch weiter dank ihrer verständnisvollen Kollegen, der Hilfe ihres Ehemanns und dem Status, den sie zu diesem Zeitpunkt bereits erreicht hatte. Der Erlebnisbericht endet Ende 2012. Zwischen den einzelnen Geschichten finden sich auch immer wieder die passenden Aufnahmen der Fotografin, die den Bericht eindrucksvoll ergänzen. Im Mittelpunkt steht jedoch der Text.

Insgesamt hat dieses Buch meinen Respekt für Kriegsjournalist*innen noch weiter verstärkt. Ich empfinde nach dem Lesen eine starke Dankbarkeit, dass es Menschen gibt, die sich selbstlos in diese Gefahren begeben und ihr Leben aufs Spiel setzen, damit wir im sicheren Deutschland von Leid und Unrecht erfahren können.

Bild von Buchrücken

Informationen zum Buch

„Jeder Moment ist Ewigkeit: Als Fotojournalistin in den Krisengebieten der Welt“
Fotografin, Autorin: Lynsey Addario
Übersetzer: Stephan Gebauer
Seiten: 367
Sprache: Deutsch
Erscheinungsdatum: 12. Februar 2016
Verlag: Econ
Ausgabe: Gebunden
ISBN: 978-3430202121
Größe: 16,3 x 24,5 cm
Preis: 25 €

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3 Kommentare

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  1. Ich habe das Buch auf Englisch gelesen und kann es nur jedem empfehlen, der sich für Fotojournalismus und Krisenberichterstalltung interessiert! Es geht vor allem auch darum, wie sich die Fotografin dabei fühlt, was sie empfindet…

  2. Ich kennen nur die deutschsprachige Ausgabe – die ersten Seiten fand ich noch ein wenig holprig und wollte das Buch schon beinahe wieder weglegen. Was dann kommt, ist es wirklich wert, gelesen zu werden.