Buchcover
07. März 2016 Lesezeit: ~5 Minuten

Rezension: Bettina Rheims

Meine Nachbarin überreichte mir das Paket mit den Worten „Vorsicht, sehr schwer“ und ich war irritiert, da ich nur ein einziges Buch vom Verlag Taschen erwartete. Beim Auspacken wurde dann klar, dass es wirklich nur ein Buch war: Die Retrospektive von Bettina Rheims .

Mit 598 Seiten und bei einer Größe von 36,8 x 28,6 cm wiegt es ganze 5 kg und ist damit kein Bildband, den man schnell mal durchsieht. Kein Wunder, denn im Buch sind 35 Jahre Fotografie versammelt. Ausgewählt hat die Fotografin ihre besten und für sie wichtigsten Bilder selbst – das war sicher alles andere als einfach.

Einblick in das Buch Bettina Rheims

Bekannt geworden ist die französische Fotografin vor allem mit ihren erotischen, provokanten Aufnahmen, die das Buch auch dominieren. Es wäre jedoch falsch, sie darauf zu reduzieren: Nach einer Karriere als Modell griff sie in den 70er Jahren schließlich selbst zur Kamera. Seitdem hat sie sich immer wieder Themen zugewandt, die weit mehr als nur Erotik beinhalten.

In den Fotoserien „Modern Lovers“ und „Gender Studies“ setzte sie sich mit Transgender- und Geschlechteridentität auseinander. In ihrem wohl umstrittensten Projekt „I.N.R.I.“ stellte sie zusammen mit Serge Bramly Szenen aus dem Leben Christi nach und setzte die Ikonografie in moderne Bildsprache um. Auch eine Dokumentation über Blinde und eine Serie mit ausgestopften Tieren finden sich im Buch.

Buch Bettina Rheims

Zwischen den Modeaufnahmen aus den 80er und 90er Jahren mit den damaligen Schönheitsidealen und Bildstilen entdeckt man auch immer wieder bekannte Gesichter: Kate Moss, Madonna, Monica Bellucci, Claudia Schiffer und Marilyn Manson – Schauspieler, Modelle, Musiker. Es gibt scheinbar niemanden, den oder die Rheims nicht im Laufe ihrer Karriere vor die Kamera bekommen konnte.

Auch diese berühmten Persönlichkeiten zeigen sich meist nackt oder in erotischen Posen und Anspielungen. Rheims bleibt ihrem Bildstil treu, nur das offizielle Präsidenten-Portrait von Jacques Chirac wirkt etwas steif zwischen all den anderen Aufnahmen.

Zwei Portraits aus dem Buch Bettina Rheims

Doch egal wie authentisch all diese Aufnahmen von weinenden, lachenden oder tanzenden Modellen wirken, sie sind inszeniert. Hinter jedem Bild stehen Visagisten, Stylisten, Lichtsetzer, Assistenten. Dass man dies den wenigsten Bildern ansieht, spricht meiner Meinung nach für die Arbeit der Fotografin.

Das Projekt „Just like a woman“ ist eine meiner liebsten Serien. An ihr kann ich gut erklären, was ich an Bettina Rheims so mag: Ein Bild aus der Serie ziert auch das Cover des Buches und zeigt Lara Stone nackt auf einem Bett liegen. Auf ihrer Haut zeichnen sich die Abdrücke eines BHs ab und sie schaut etwas entrückt zur Seite.

Bildband Bettina Rheims

Dieses Unperfekte zeigen viele Bilder von Bettina Rheims und gerade das lässt die Frauen so echt und wunderschön wirken. Selbst, wenn die Bilder im Studio aufgenommen und anschließend retuschiert wurden, sieht man es ihnen nicht an. Keiner Frau wird das Gesicht weichgespült, jede behält ihre Sommersprossen und Muttermale. Besonders die freien Fotoserien erzählen Geschichten und sind voller Emotionen. Kein Bild wirkt seelenlos.

Nicht zuletzt deshalb läuft die Kritik, Rheims würde Frauen sexualisieren und ausbeuten ins Leere. Die Aufnahmen sind Schauspielkunst, die Modelle wissen genau, was sie tun und wie sie sich geben wollen. Bemerkenswert auch, dass männliche Kollegen der gleichen Kritik scheinbar viel seltener ausgesetzt sind, mal abgesehen von Terry Richardson, der jedoch auch häufig allein mit seinen Modellen arbeitet und dessen Bilder kaum vergleichbar sind.

Portrait und Text im Band Bettina Rheims

Deshalb trägt Bettina Rheims für mich etwas zur sexuellen Befreiung der Frau bei: Die Modelle sind selbstbewusst, sie agieren eigenständig, das ist sichtbar. Rheims entfernt sich von gängigen Schönheitsidealen und spielt mit Makeln.

Wer sich für das Werk von Bettina Rheims interessiert, dem empfehle ich die Retrospektive vollkommen. Mit einem Preis von 59,99 € ist es nicht der günstigste Bildband, aber durch den enormen Umfang zehrt man sehr lang davon. Auch für Mode- und Aktfotograf*innen ohne spezielles Interesse an der Fotografin kann der Bildband eine Inspirationsquelle sein.

Schwarzweißportrait aus dem Buch Bettina Rheims

Die Hintergründe zu den einzelnen Serien erfährt man im Buch leider nicht. Es gibt keinen längeren Einleitungstext und zwischen den einzelnen Seiten finden sich hier und da lediglich kurze Zitate in drei Sprachen über Rheims oder von der Fotografin selbst. Die Bilder und Serien sind nicht immer selbsterklärend und es werden zum Teil auch bisher unveröffentlichte Aufnahmen gezeigt, zu denen man selbst mit Vorkenntnissen so keinen Bezug hat.

Im hinteren Teil des Buches wurden Collagen veröffentlicht: Aus dem privaten Fotobuch, die ersten Modeaufnahmen, Kontaktabzüge, Tagebuchseiten, Magazincover und Ausstellungsbilder. Diese runden den Bildband sehr schön ab, ersetzen jedoch nicht die mir sehr fehlenden Texte zum Leben und Wirken der Fotografin.

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