14. Oktober 2015 Lesezeit: ~5 Minuten

Schätze vom Flohmarkt

Flohmärkte sind spannende Orte mit unverwechselbarem Charakter. Jeder Flohmarkt ist anders, wird von anderen Leuten besucht und auch die angebotenen Waren unterscheiden sich teilweise deutlich. Seit einigen Jahren hat auch mich das Flohmarkt-Fieber gepackt.

Angesteckt von meiner Frau durchstreife ich mit ihr jedes Wochenende einen oder mehrere Flohmärkte. Natürlich gibt es immer Dinge, nach denen ich gezielt suche, vor allem Fotobücher oder alte Kameras, aber am spannendsten sind die Zufallsfunde, die man dabei macht. Man weiß einfach nie, womit man nach Hause kommt…

Auf einem dieser Streifzüge stieß ich auf einen Stapel von Schwarzweißabzügen, recht groß in A4 gehalten und die ersten Bilder waren so interessant, dass ich den ganzen Stapel durchsah. Straßenfotografien waren das, aus der Zeit um 1990, offenbar in Italien aufgenommen.

Gute Bilder waren dabei und so fragte ich beiläufig nach dem Preis. Der Verkäufer war eher unschlüssig und konnte nicht recht einschätzen, was er verlangen sollte. Mit meinem Preisvorschlag war er einverstanden und so wechselten etwa 45 Bilder den Besitzer.

Eine Nonne, die an mehreren Bildern mit Nonnen vorbeigeht

Ein Priester, der Nonnen fotografiert

Eine junge Dame, die sich mit Soldaten unterhält

Schon unterwegs versuchte ich zu ermitteln, wer der Fotograf oder die Fotografin dieser teilweise wirklich interessanten Straßenszenen war. „Anna Elise Favero“ stand auf einigen der Bilder. Eine Google-Suche mit diesem Namen lieferte leider nichts wirklich Erhellendes, außer einem Bild auf Flickr, das ein anderer User geteilt hatte.

Auf zweien meiner Bilder stand ein weiterer Name: Paola Agosti. Hier wurde ich fündig. Paola Agosti ist eine italienische Fotografin, hat eine eigene Website und eine Kontaktadresse. Irgendeinen Zusammenhang zwischen Frau Agosti und Frau Favero musste es aber auch geben. Also schrieb ich eine E-Mail auf Englisch an Frau Agosti. Zwei Tage später kam eine Antwort.

Allerdings schrieb mir ein Ungar, Herr Zoltan Nagy, der mir erklärte, dass Frau Agosti des Englischen nicht mächtig sei und meine E-Mail daher an ihn weitergeleitet habe, denn er spreche immerhin Deutsch. Herr Nagy konnte mich dann auch über Anna Elisa Favero aufklären.

Hinter diesem Pseudonym verberge sich die in Italien lebende Deutsche Ursula Schulz. Eine E-Mail-Adresse konnte er mir ebenfalls geben und so war ich nun in der Lage, Kontakt zur Fotografin der Bilder herzustellen. Über einen doppelten Umweg immerhin, aber ich hatte jetzt tatsächlich die Möglichkeit dazu.

Eine Nonnen im Gespräch mit PolizistenEin älterer Herr, ein Buch lesend

Ein Gespräch. Die Dame balanciert einen Korb auf dem Kopf.

Sonnenschirmensemble in einem Torbogen

Zwischenzeitlich hatte ich alle Bilder gescannt und so konnte ich meinen E-Mail-Gesprächspartnern auch einige Beispiele zusenden. Bevor ich überhaupt zur Quelle meiner Recherche vorgestoßen war, fand ich meine Funde schon ganz spannend. Paola Agosti ist eine wirklich fleißige Autorin mehrerer Bücher und hat ein beeindruckendes Portfolio. Zoltan Nagy ist Absolvent der Folkwangschule in Essen und arbeitete für mehrere deutsche Zeitschriften wie „Spiegel“, „Geo“, „Essen und Trinken“, aber auch die „Zeit“ als Fotograf. Was würde mich nun bei Anna Elise Favero oder besser gesagt Ursula Schulz erwarten?

Auf meine E-Mail erhielt ich schon nach wenigen Tagen Antwort. Ursula Schulz arbeitete etwa 30 Jahre lang, bis zum Aufkommen der digitalen Fotografie, in der Bildabteilung des „Stern“ in Rom und war dort für die Beschaffung von Fotografien zuständig. Nebenbei fotografierte sie selbst auch sehr viel. Zu Ausstellungen oder dergleichen kam es nie, da standen ihre Bescheidenheit und die Tatsache, dass sie selbst nicht gern im Mittelpunkt steht, zu sehr im Weg. Da verwundert es nicht, dass sie für ihre Bilder ein Pseudonym benutzte.

Allerdings hatte sie mit Postkarten, die sie zusammen mit Paola Agosti und Zoltan Nagy in den 80er und 90er Jahren publizierte, einigen Erfolg, vor allem außerhalb Italiens. Mein Konvolut stammte vermutlich aus einer Druckerei, die für die Reproduktion damals größere Abzüge erhielten und diese nicht an die Fotografen zurückgegeben hatten.

Zwischen meiner ersten E-Mail an Frau Agosti und der Antwort von Frau Schulz waren gerade einmal fünf Tage vergangen. Menschen aus drei Ländern waren dabei in Kontakt getreten und das alles funktionierte, obwohl ich anfangs nur einen einzigen verwertbaren Hinweis hatte – den Namen von Paola Agosti.

Ein junger Mann und eine Statue in ähnlicher Pose

Ein Regenschirm, der in die Luft fliegt

Im Schlaf vereint, ein Mann, ein Kind, ein Hund

Bis heute lebt Ursula Schulz mit ihrem italienischen Lebensgefährten in Italien. Und bis heute fotografiert sie leidenschaftlich, inzwischen auch digital. Die Bilder in diesem Artikel bilden daher eine Zeitspanne von fast 30 Jahren ab. Sowohl die Bilder der 90er Jahre wie auch die aktuellen Fotos dokumentieren Zeitgeschichte, nicht staubtrocken, sondern immer mit einem Augenzwinkern und einem Blick fürs Detail.

Die alten wie die neuen Bilder zeugen von einem eindeutigen Gestaltungswillen, das macht sie zeitlos gültig. Dennoch sind sie auch zweifelsfrei in der jeweiligen Zeit verankert. Ursula Schulz gelingt es, auch sehr flüchtige Szenen festzuhalten, den richtigen Moment scheinbar vorausahnend. Dieses Gespür ist ihr bis heute erhalten geblieben. Das Werkzeug mag sich gewandelt haben, das Auge der Fotografin ist und bleibt aufmerksam.

Nicht hinter jedem Flohmarktfund steckt eine derart spannende Geschichte, aber wer mit wachem Auge und einer gewissen Portion Neugier keine Scheu entwickelt, auch etwas angestaubten „Krempel“ zu begutachten, kann dafür belohnt werden. Und wenn es nur der Kontakt zu interessanten Menschen mit einer bunten Biografie ist.

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18 Kommentare

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    • Stimmt. Und weißt Du was, wie der Zufall es will, kommt hier demnächst eine Rezension eines Buchs über Vivian Maier im Vergleich mit einer anderen Fotografin, deren Namen ich noch nicht verraten will. Du darfst gespannt sein. :-)

  1. Vielen Dank für diese spannende Geschichte, wirklich sehr toll zu lesen. Schon spannend was man über das Netz alles herausfinden kann innert kurzer Zeit. Solche Geschichten gefallen mir sehr gut und ich finde es toll, dass du diese mit uns geteilt hast, danke dafür.
    Gruess
    Fredy

    • Flohmarkt ist etwas ganz Tolles. Man braucht eine Weile, finde ich, bis man seinen Lieblingsflohmarkt gefunden hat, weil jeder auch etwas anders ist. Alleine darüber könnte man eine eigene Geschichte schreiben. Und man findet auf dem Flohmarkt sehr viel „Fotozeugs“, seien es alte Kameras, Filme, Stative, Fotosammlungen, Bücher, Dunkelkammerausrüstung…

  2. Interessanter Artikel mit einer ebenso interessanten Geschichte hinter den Bildern.
    Ich habe von einem Arbeitskollegen einen Sperrmüllfund von Negativen aus den 1930er Jahren – aus NY, Chicago, Deutschland, … – erhalten.
    Mit Recherche und durch einen Zufall hat sich dann auch ein Nachkomme bei mir gemeldet. Wir haben immer noch die Idee den Ablauf der Filme nachzubilden. Jedoch fehlt die Zeit…

    • Hi Andreas,

      die Zeit ist immer das Problem. Wäre toll, wenn Du das schaffst und ich wünsche viel Erfolg dabei. Hört sich nach einer Geschichte an, die wir hier sicher veröffentlichen könnten.

      Viele Grüße,
      Tilman

      • Danke für das Angebot – würde ich gerne annehmen. Die Filme sind soweit digitalisiert, aber für die weitere Geschichte hoffen wir dann doch auf die kommenden langen Abende ;o)

  3. Gefällt mir sehr gut, dein Artikel. Ich hatte im ersten Augenblick mit Fotos vom Flohmarkt gerechnet; nicht mit dem zeigen eines „Flohmarkt-fundes“ … zum Glück habe ich weiter und auch zu ende gelesen.

    Die Bilder, ihre Geschichte und die Reise die die Abzüge hinter sich haben finde ich sehr spannend! Fesselnd geschrieben!

    „Menschen aus drei Ländern waren dabei in Kontakt getreten und das alles funktionierte […]“
    – Einfach Klasse

    Jetzt habe ich Bock auf Flohmarkt, in jeglicher Hinsicht!

  4. Sehr gerne gelesen. Die Fotos, vor allem die Swarzweißaufnahmen, sind Weltklasse. Damit sei alles gesagt. Die Entdeckungsgeschichte ist nicht weniger spannend, als die von Vivian Meier. Finding Ursula Schulz … Na gut, an den Namen müssen wir noch arbeiten …. sie ist aber bereits in Vorleistung gegangen. Wie hieß sie noch mal in Italien?