Gestrüpp und Gras im Sonnenlicht.
01. Oktober 2015 Lesezeit: ~5 Minuten

Topophilie

Es folgt ein Geständnis: Ich bin topophil. Dass es Topophilie, also die Liebe zu Orten, überhaupt als Begriff gibt, weiß ich auch erst, seit ich davon vor ein paar Tagen bei Alastair Bonnett* gelesen und mich ziemlich schnell darin wiedergefunden habe. Das erklärte einiges.

Zum Beispiel, dass ich Städte, vor allem die, in der ich lebe, aus verschiedenen, lebenspraktischen Gründen super finde, es mein Herz aber ständig in den Wald oder auf die trockenen Wiesen voller spätsommerlichem Gestrüpp zieht. Und meine Augen nur so übergehen beim Betrachten der struppigen Streifen der Landschaft längs der Autobahnen.

Gestrüpp im Gegenlicht.

Spätsommerliches Gestrüpp.

Ich wohne also in der Stadt und sauge jedes Mal, wenn ich mal zwischen Bäumen oder auf wilden Wiesen herumtrotten kann, die Momente in mich auf. Dann muss ich fotografieren. Die Orte, die Pflanzen, ihre vielfältigen Formen in Blättern, Knospen, Blüten…

Nicht, dass es hinreichend wäre, die Orte zu fotografieren. Die Bilder werden niemals perfekte Hologramme sein, sodass man jederzeit wieder in den Ort hineinklettern könnte. Mit allen Gerüchen, Geräuschen, Jahreszeiten. Wind, Wetter. Aber sie sind Anker in der Zeit.

Blick in einen mossigen, grünen Wald.

Grünes Moos in Nahaufnahme.

Damit kann ich mich zumindest zurück erinnern, an eben diese Gerüche, Geräusche, Wind, Wetter. Ich kann mich begeistern dafür, wie ein Trampelpfad sich auf einem Berghang durch die Sträucher windet. Wie eine einzelne Pflanze auf einer Wiese herausragt. Wie sich eine wilde Mischung verschiedener Pflanzen aller Arten am Wegesrand zu einer Collage mengt.

Ein Potpourri, das erst so in seiner Formen- und Farbzusammensetzung zum Inbegriff eines Gefühls wird. Vielleicht zum Anblick gewordenen Ausdruck dessen, was ich als „Spätsommer“ fühle: Trockenes Gras, verwelkte braune Triebe, dazwischen grüne Wildblumen mit weißen Blütenkörben, rosa und gelbe Tupfen und die unvermeidbaren Spinnennetze mit ihren Bewohnern.

Blick in einen moosigen Wald.

Flechten in Nahaufnahme.

Im Archiv schlummern nicht nur Berge von Polaroids. Ja, Polaroids sind schnell und mit den oft unvorhersehbaren Effekten werden sie mal noch etwas großartiger und mal etwas für den Papierkorb. Auch ordnerweise digitale Aufnahmen, diese dann meist eher von Details als vom großen Ganzen, sammeln sich dort an.

Warum so viele Mooszipfel, Variationen eingewebter Äste, Flechtentrompeten und immer wieder Wald, Wald, Wald fotografieren? Gerade weil die Fotos so unzureichend sind. Ich kann die Orte ja nicht richtig einfangen. Also fange ich Eindrücke von ihnen ihn. Versatzstücke. Die sich, wenn genug gesammelt ist, dann in Collagen zu etwas Neuem formen dürfen.

Lichtreflex vor einigen Bäumen in rotem Laub.

Lichtreflex vor einem Wald hinter einem Feld voller Gestrüpp.

Es gibt die Orte, an die ich immer wieder gehen muss, um zu sehen, wie sie sich verändert haben. Wie nach drei Sommern der Zugang zum geheimen Innenhof der Brombeerbuschversammlung nun endgültig undurchdringbar verschlossen ist. Wie im Frühjahr sich Buchenbüsche mit ihrem alten Laub schmücken und so tun, als wäre es noch Herbst.

Irgendwo verschwindet ein Trampelpfad im Dickicht, weil ihn lange niemand mehr gegangen ist. Woanders trete ich einen neuen. Ich lasse meinen Blick über das Feld schweifen, in dem wir als Kinder „Wohnungen“ ins hohe Gras gerollt haben. Am Rand leitet noch immer eine krumme Reihe aufgestellter Holzbalken den Blick zum Horizont und die Füße zum See.

Trockene Wiese mit Gestrüpp.

Pfad durch Gestrüpp.

Im Urlaub in der Eifel steige ich jedes Mal wieder den gleichen Weg den Berg hinauf. Ich gehe nach links, von wo man über das ganze Dorf im Tal blicken kann. Dann mal nach rechts, mal nach links. Die Wege kenne ich vom letzten Besuch. Aber irgendein Weg führt immer noch weiter, an einen neuen Ort, den ich noch nicht kenne.

Diesen Weg gehe ich dann zum ersten Mal, weil ich es beim letzten Mal, als ich bis dorthin gelangt war, nicht mehr geschafft habe. Es dämmerte schon, ich musste zurück. Nun gehe ich ihn, erweitere meine gedankliche Landschaft dieses Ortes. Manchmal kann ich zwei Wegenden miteinander verbinden. Ich komme irgendwo heraus und erkenne den Ort als Ende eines anderen Weges.

Umgebrochener Baum neben seinem Stamm im Wald.

Pfad durch Getrüpp aus der Dunkelheit ins Licht.

Die hier gezeigten Bilder sind meinem Fotokalender 2016 entnommen. Wer Lust hat, sie sich an die Wand zu hängen, kann den Kalender bei mir auf Facebook oder per E-Mail bestellen, es gibt ihn wahlweise in den Formaten A5, A4 oder A3. Bestellung bis Ende November, Versand Mitte Dezember.

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