Ein Blick in ein fremdes Zimmer.
30. Juni 2015 Lesezeit: ~3 Minuten

Der Blick in fremde Zimmer

Gail Albert Halaban hält den Blick in fremde Nachbarwohnungen fest. Ihre großformatigen Bilder erinnern an Hitchcocks Film „Das Fenster zum Hof“. Kwerfeldein stellt Euch exklusiv die spukigen und geheimnisvollen Bilder der Künstlerin vor.

In Hitchcocks Film ist der Fotojournalist L. B. Jefferies nach einem Unfall mit Gipsbein auf einen Rollstuhl angewiesen. Zum Zeitvertreib beginnt er, seine Nachbarn auszuspionieren. Eines Nachts beobachtet er, wie ein Nachbar mit einem großen Koffer das Haus verlässt. Am Tag darauf ist dessen bettlägerige Gattin verschwunden. Handelt es sich dabei um eine spontane Reise der Ehefrau oder um Mord?

Ein ähnlich voyeuristisches Hitchcockgefühl – eine Mischung aus Neugier und Beklommenheit beim Erhaschen eines seltsamen Moments in der Wohnung von anderen – hat man beim Betrachten der großformatigen Bilder von Gail Albert Halaban.

Ein Mann sitzt in seiner Wohnung.

Ein Blick in eine Wohnung in Paris.

Man sieht einen Mann, der gedankenverloren ins Leere blickt. Auf einem anderen Bild macht sich eine Frau für ein Rendezvous zurecht. Solche Blicke erhascht man eher selten, kurz und weniger bewusst.

Hitchcocks Film war eine der Inspirationsquellen für die Arbeiten der in New York wirkenden Fotografin Gail Albert Halaban, die an der Yale University School of Art ihren Abschluss gemacht hat. Zu ihren Lehrern gehörten bekannte Fotografen wie Gregory Crewdson, Richard Benson und Nan Goldin. Die Fotografin unterrichtet heute unter anderem selbst und hat zahlreiche Preise für ihre Projekte erhalten.

Ein Blick in eine Wohnung in Paris.

Ein Blick in eine Wohnung in Paris.

Ein wesentlicher Initialzünder der Serie war der erste Geburtstag ihrer Tochter nach dem Umzug der Familie nach Manhattan. Der benachbarte Florist schickte Geburstagsgrüße an die junge Familie, mit der Notiz, dass es wunderbar sei, die Tochter der Halabans aufwachsen zu sehen.

Die Familie hatte mit dem Geburtstagsgratulanten bislang kein einiziges Wort gewechselt und es dämmerte ihr, dass der Florist die Familie vom gegenüberliegenden Fenster aus beobachten konnte.

Diese Konstellation weckte bei der Fotografin das Interesse, mehr über das Leben von Nachbarn zu erfahren. Sie suchte nach Menschen, die einen guten Einblick in die Wohnung ihrer Nachbarn haben und neugierig genug waren, diese auch persönlich kennenzulernen.

Ein Blick in eine Wohnung in Paris.

Ein Blick in eine Wohnung in Paris.

Zahlreiche Nachrichten von Freunden und Unbekannten erhielt sie auf ihre Aufrufe. Die Fotografin schrieb den jeweiligen Nachbarn einen Brief oder kam persönlich vorbei, um den Hintergrund des Projekts zu schildern.

Im Unterschied zu Hitchcocks Figur des L. B. Jefferies fragt Gail Albert Halaban die Portraitieren um deren Erlaubnis. Nur, wenn alle Beteiligten einverstanden sind, legt sie sich auf die Lauer, um die fremde Wohnung mit ihren Bewohnern in einem guten Moment abzulichten.

Gail Albert Halaban hat bislang in verschiedenen Städten die Wohnung anderer Menschen portraitiert. Die hier vorgestellten Fotos stammen aus der Serie „Vis à vis“ aus Paris. Weitere Serien könnt Ihr auf der Webseite der Fotografin sehen.

Ein Blick auf eine Pariser Strasse

Wer zufällig gerade in New York ist, kann sich die großformatigen Bilder in der Edwynn Houk Gallery anschauen. Alternativ gibt es auch zwei der Serien als Fotobücher: „Paris Views“ (Englisch)*, „Vis à vis“ (Französisch)* und „Out My Window“ (Englisch)*.

Und die ganz Mutigen von Euch können sogar selbst ein bisschen Hitchcock-Gefühl erhaschen und beim Projekt mitmachen. Informationen dazu findet Ihr ebenfalls auf Halabans Webseite.

* Das ist ein Affiliate-Link zu Amazon. Wenn Ihr darüber etwas bestellt, erhält kwerfeldein eine kleine Provision, Ihr zahlt aber keinen Cent mehr.

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11 Kommentare

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  1. „Wer zufällig gerade in New York ist…“ :D Das klingt wie „wer aus versehen gerade in …“ :)
    Nein im Ernst: Mir gefallen die Bilder echt gut und einige erinnern wirklich sehr an Hitchcock. Meine Nachbarn wären glaub ich nicht so fotogen ;)

  2. Eine spannende Idee, die auch meinen Hang zum Voyeurismus anstachelt. :-)

    Allerdings empfinde ich die Fotos weder als spooky noch als Hitchcock-like. Es sind für mich Fotos aus dem Leben, die Einblicke in sehr persönliche Momente geben. Man guckt den anonymen und manchmal kühl wirkenden Gebäude quasi direkt in die Seele.

  3. Ein interessantes Projekt, das den Voyeur in uns allen anspricht. An Gregory Crewdson fühlte ich mich auch erinnert, noch bevor im Text erwähnt wird, das er ihr Lehrer war. Hat aber auch ein bisschen was von Edward Hopper: der einsame Großstädter, als Beobachtender und Beobachteter.

    Danke Kat für die Vorstellung der Künstlerin.