27. Mai 2015 Lesezeit: ~4 Minuten

Männerklischees

Durchsuchte man früher das Internet nach Männerportraits, landete man unwillkürlich bei klischeebehafteten Bildern wie zum Beispiel dem erfolgreichen Geschäftsmann im Nadelstreifenanzug, der mit verschränkten Armen in die Kamera lächelt. Oder dem ölverschmierten Muskelkerl, der in der Garage an seinem Motorrad rumschraubt.

Da waren Stars wie James Dean, in knallenger Jeans, weißem T-Shirt, mit Stirnfalten und einem Dackelblick, der die Frauenherzen höher schlagen ließ. Oder der Marlboro-Mann, der hoch zu Ross mit Kippe im Mund die unendliche Freiheit und pure Männlichkeit verkörperte. Ok, heute trägt der Mann wieder Vollbart und Flanell. Und ja, auch ich trage gern meinen Vollbart zur Schau.

Klischees in der Fotografie waren damals also genauso präsent wie heute. Obwohl sich das Bild des Mannes immer wieder gewandelt hat, ist eines gleich geblieben: Ein Mann ist ein Mann und als solcher möchte er auch in den meisten Fällen gesehen werden. Denn der Mann von heute bietet mehr als Fußball, Saufen und seinen Mercedes.

© Pascal Triponez

Mann sitzt im Auto und lehnt sich nach vorn.

So entsteht beim Portraitieren von Männern eine interessante Herausforderung. Wie fotografiere ich einen Mann mit all seiner Persönlichkeit und ohne den Verlust seiner Authentizität? Natürlich: Es macht Spaß, mit Stereotypen zu spielen und ich nutze sie gern. Es ist aber die Kunst, dass der Mann seine Fassade für einen kurzen Moment fallen lässt. Er bereit ist, sich zu öffnen und seine Geschichte ohne Worte zu erzählen. Fängt man diese Augenblicke im richtigen Moment mit der Kamera ein, können wunderbare Bilder entstehen.

Kürzlich habe ich mit einer ordentlichen Portion Klischee einen Kerl portraitiert. Ein bärtiger Mann, halbnackt im Ford Mustang. Bereits im Vorfeld hatte ich herausgefunden, dass dies das Traumauto des Modells war. Während der ganzen Fotosession konnte ich das Begehren in seinen Augen erkennen. Genau die Persönlichkeit, die er in den zwei Stunden immer wieder preisgegeben hat.

Mann sitzt im Auto

Mann steht vor Auto.

Dass es aber auch anders geht, zeigt eine meiner bekanntesten Fotostrecken namens „The Story of Juan“. Als ich Juan Anfang Februar an einem kalten und verregneten Freitagnachmittag zur gemeinsamen Fotosession zu Hause abgeholt habe, war er mir recht unbekannt. Ich kannte ihn vom Sehen und wusste, dass er ein talentierter Zeichner und Tätowierer ist.

Angeschrieben habe ich ihn auf Facebook, als ich sein Profil und seine Arbeiten durch Zufall entdeckte. Mir wurde klar, dass ich ihn bei seiner Leidenschaft, dem Zeichnen, portraitieren wollte – nur die Art der Umsetzung war mir zu diesem Zeitpunkt noch nicht bewusst. Nach ersten Testaufnahmen am See setzten wir uns wegen der Eiseskälte in eine Bar.

Dort holte er bald sein Skizzenbuch heraus und zeigte mir mit viel Begeisterung seine Zeichnungen. Kurz darauf fing er an zu zeichnen. Gedankenversunken wanderte sein Blick immer wieder aus dem
Fenster. Unsere Gespräche wurden kürzer und mein Blick verfolgte aufgeregt seinem Bleistift. Ich nahm meine Kamera und fotografierte ihn dabei. Zwischendurch hatte ich das Gefühl, dass er mich
gar nicht mehr richtig wahrgenommen hat und in seine eigene Welt versunken war.

Hände zeichnen ein Gesicht.

Portrait eines zeichnendes Mannes.

Die Zeit an diesem Nachmittag verging wie im Flug. Wir haben viel gelacht und die Leidenschaft für authentische Bilder geteilt.

Später, als wir noch zu ihm nach Hause gegangen sind und es langsam dunkel wurde, nutzten wir das letzte Tageslicht, das durch das Dachfenster in sein Arbeits- und Wohnzimmer fiel und machten ein paar Portraits. Es war ein stiller und persönlicher Moment. Wir waren beide konzentriert. Obwohl wir uns bis zu diesem Zeitpunkt nur kurz kannten, hatte ich das Gefühl, unglaublich viel über ihn erfahren zu haben. Und er war auch ohne Worte bereit, mir seine Geschichte zu erzählen. So entstanden diese tollen und authentischen Portraits.

© Pascal Triponez

Männerportrait

Obwohl ich seit über zehn Jahren in der Fotografie tätig bin, hat mir diese Session eines wieder klar gemacht: Hat man für das Portraitieren von Männern genug Zeit und Geduld, erfährt man unglaublich viel über das Gegenüber. Hinter diesem harten Kerl mit spanischen Wurzeln und den vielen Tattoos steckt viel mehr. Nur, weil er tätowiert ist, muss ich ihn nicht zwingend mit Kippe im Mund auf einem Motorrad fotografieren. Es geht auch ohne Klischees.

Für solche Momente fotografiere ich. Und für solche Momente bin ich unglaublich dankbar.

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9 Kommentare

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  1. Männerportraits sind immer auch Inszenierung. Diese gefallen mir. Wobei sie für mich alles andere als klischeefrei wirken: dazu ist mir zu viel Hipster drin.

  2. Ich finde auch die Bilder des Kerls mit dem Mustang nicht unbedingt klischeehaft. Dazu sind die Posen dann doch zu speziell. Das größere Klischee wäre sowieso gewesen, diesen Typen – da er doch ziemlich hipsterhaft wirkt – mit einem Rennrad zu fotografieren.
    Die Bilder des Tätowierers gefallen mir inhaltlich sehr. Die Bearbeitung ist jedoch nicht so meins. Meiner Meinung nach sind die Aufnahmen stark genug und bräuchten diese künstlich Farbgebung nicht.

    • Ich mag Tonung ja total gerne als unterstützendes Mittel und finde es hier passend und schön eingesetzt, aber wie alle Stilmittel ist es sehr geschmacksabhängig.

      Starke Bilder, gefallen mir! :)

  3. als völlig klischeefrei würde ich diese Portraits auch nicht bezeichnen, aber ich finde, Mimik und Gestik sehr gut eingefangen, hier darf Mann vor allem auch mal seine „weiche“ Seite zum Ausdruck bringen. Auch die Tonung finde ich persönlich hier sehr gelungen.

    Sehr sehr tolle Bilder!