Ein Stapel Foto-Bücher und Bände sitzen auf einem älteren Sessel.
03. Mai 2015 Lesezeit: ~10 Minuten

Die 5 Fotobücher des Monats

Liebe Leserinnen und Leser, der April war 2015 aus Fotobuchsicht der beste Monat bisher. Weit mehr als fünf herausragende Bücher haben Verlage und Künstler auf den Markt geworfen und Ihr werdet an meiner Auswahl sehen, wie großartig der Output dieses Mal war.

Die Frage ist durchaus berechtigt: „Was ist an Fotobüchern denn so toll?“ Nun, Fotobücher werden gern (auch von mir) mit Webseiten verglichen, jedoch ist dieser Vergleich zum Scheitern verurteilt. Denn: Wir vergleichen hier nicht zwei gleichwertige Medien, sondern gänzlich unterschiedliche Darstellungsformen des Fotografischen. Somit ist eines nicht besser als das andere.

Eine Webseite zeigt Fotos auf dem Monitor oder Smartphone. Das kann ich anfassen, das Foto selbst aber nicht, da es digitaler Natur ist. Es lässt sich vergrößern, jedoch nicht das Bild selbst, sondern nur die Pixel. Ein Foto auf einer Webseite lebt außerdem in einem schnelllebigen Kontext. Die nächste Webseite ist nur einen Klick entfernt.

Ganz anders hingegen das Buch. Es lässt sich anfassen, es wiegt etwas. Ein Buch hat eine Oberfläche und ein aufgedrucktes Foto lässt sich sowohl aus der Ferne, als auch der direkten Nähe betrachten. Spannend ist hier auch der Kontext: Ein Fotobuch ist durch seine physische Natur nicht der Schnelllebigkeit unterworfen. Der Griff zum nächsten Buch ist länger und aufwändiger als der Klick zur nächsten Seite.

Somit beschäftige ich mich mit den vorgefundenen Bildern eines Fotobandes nicht besser, sondern anders. Ein Fotobuch hat schließlich keine Intention („Ich bin viel krasser als das Internet!!1“), sondern ist einfach ein Fotobuch – und wenn es mit besonders viel Liebe zum Detail, wie „Bulletproof“ von Vee Speers hergestellt wurde, sogar ein sogenanntes Unikat. Zumindest in meinem kleinen Bücherschrank.

 

Ausschnitt des Titelbildes vom Fotoband Ballet von Henry Leutwyler

Henry Leutwyler: Ballet*

Ein Geständnis: Meine Sandkastenliebe war Balletttänzerin. Ich beneidete sie und wäre auch gern Balletttänzer geworden, was mir leider nicht ermöglicht wurde. Doch seither hege ich eine Zuneigung diesem Tanz gegenüber, für den sich die meisten Männer nicht begeistern können. Jedoch habe ich Tanzvorstellungen immer nur aus der Zuschauerperspektive gesehen.

Für all diejenigen, die sich – wie ich – für den Blick hinter die Kulissen interessieren, ist nun die zweite Auflage des satten Bildbandes vom in der Schweiz geborenen Fotografen Henry Leutwyler erschienen. Dieser hatte offiziellen Zugang zum New York City Balet (NYCB) und dokumentierte insbesondere Training und Vorbereitung der Tänzer_innen. Und das über eine Zeit von insgesamt 30 (!) Jahren.

Der abschließende Bildband zeigt daher eine romantikfreie Perspektive auf die Momente, die dem für Unterhaltung zahlenden Publikum verschlossen bleiben. Auf über 400 Seiten präsentiert der Verlag Steidl zahlreiche Schwarzweiß- und Farbaufnahmen, in teilweise abstrakter und daher Bewegungen sehr lebendig machender Weise. Wärmste Empfehlung für alle Tanzbegeisterten, die sich von der fotografischen Leistung Leutwylers auf der Projektseite des Buchs problemlos überzeugen können.

Informationen zum Buch

Gebundene Ausgabe: 408 Seiten
Verlag: Steidl; (2. Auflage)
Größe: 30,3 x 22,7 x 4,8 cm
Preis: 55,37 €

 

Ausschnitt des Titelbildes vom Buch Bulletproof von Vee Speers

Vee Speers: Bulletproof*

Zugegeben, das Coverfoto des Buches schreckte mich ab, als ich es zum ersten Mal sah, denn ein totes Reh ist um den Nacken eines Mädchens geschlungen. Ich musste zwei Augen zudrücken, um den Rest des Bildbandes dennoch anzusehen und dieser Blick hat sich gelohnt. Sogar so sehr, dass ich das Buch in dieser Ausgabe der Fotobücher nicht missen möchte.

Die Fotografin Vee Speers zeigt Teenager, die dem Kindsein entwachsen sind. Jedoch ist ihre Art – man darf das auch Stil nennen – diametral dem entgegengestellt, was heutzutage unter Kinderfotografie verstanden wird. Speers Stil definiert sich durch alles, was er nicht ist: Es sind keine natürlichen Fotos aus dem Alltag. Es sind keine Aufnahmen mit Bokeh. Es sind keine Aufnahmen, die das Teenageralter in seiner Verletzlichkeit zeigen.

Nein, Speers priorisiert Kämpfe, die Jugendliche zu führen haben. Gegen sich selbst, gegen das Leben, gegen das Erwachsenwerden, gegen das Nicht-mehr-Kind-Sein. Die Protagonisten werden als Helden dargestellt, in Vintage-Kleider gehüllt und in tollkühnen Haltungen aufgenommen. Die Idealisierung der Jugendlichen auf das Heldenhafte ist – bezogen auf das, was Jugendliche sind – Kitsch und – auf die Art, wie Jugendliche und Kinder gängig portraitiert werden – Antikitsch zugleich.

Spannend an der Umsetzung der Aufnahmen ist auch, dass sie im Stile der Kolorierung von Schwarzweißaufahmen bearbeitet wurden. Das verleiht den Aufnahmen einen zeitlosen Beigeschmack. Im Buch selbst sind die Fotos glänzend, das Papier jedoch nicht, was erneut das Edle und Kraftvolle akzentuiert. Ich möchte „Bulletproof“ all denen empfehlen, die sich für alternative Darstellungsformen von Kindern und Jugendlichen begeistern lassen.

Informationen zum Buch

Gebundene Ausgabe: 88 Seiten
Verlag: Kehrer
Größe: 29,7 x 24,6 x 1,5 cm
Preis: 39,90 €

 

Ausschnitt des Titelbildes vom Fotobuch The Last Cosmology von Kikuji Kawada

Kikuji Kawada: The Last Cosmology*

Durch die Barriere der Sprachen ist im europäischen Raum japanische Fotografie kaum bis gar nicht ins Bewusstsein der Fotografie-Szene geraten. Ich würde behaupten, dass wir von den Fotografinnen und Fotografen aus Ostasien keinen blassen Schimmer haben – und dadurch eine ganze Generation großartiger Künstler verpassen.

So ist dies auch der Fall beim 1933 geborenen Fotografen Kikuji Kawada, der mit „The Last Cosmology“ eine Arbeit vorlegt, die erst einmal gar nicht in Worte zu fassen ist. Beim Durchsehen der Aufnahmen musste ich immer wieder meine Sehgewohnheiten reflektieren, ohne dabei aus dem Staunen herauszukommen.

„The Last Cosmology“ ist eine Sammlung von Schwarzweißaufnahmen, die sich dem Phänomen des Außergewöhnlichen sowohl in der Natur, als auch der Atmosphäre (am Beispiel der Sonnenfinsternis) widmet. Die stellenweise sehr düsteren Werke sind einzigartige Fotografien, die durch die Verwendung von großflächigem Schwarz brachial und surreal daherkommen – ohne dabei einen zu abstrakten Charakter anzunehmen.

Das empfohlene Buch wurde erstmals 1980 unter selbigem Titel publiziert und ist nun in neuer Auflage der Öffentlichkeit zugänglich. Stolze 38 Zentimeter lang ist die Ausführung, die dazu einlädt, Welt und Himmelskörper mit den Augen eines der größten Fotogenies des 20. Jahrhunderts zu betrachten.

Informationen zum Buch

Taschenbuch: 80 Seiten
Verlag: Mack
Größe: 29 x 1 x 38,7 cm
Preis: 58 €

 

Ausschnitt des Titelfotos des Buches Photography Visionaries von Mary Warner Marien

Photography Visionaries*

Wenn ich an Geschichte denke, erinnere ich mich an die ermüdenden Stunden an heißen Sommertagen, in denen meine Augen brannten und ich mich kaum wachhalten konnte: Realschulunterricht. Nichts konnte langweiliger und nervtötender sein, als das Auswendiglernen von Fakten über irgendwelche Personen, die mich nicht interessierten.

Ähnlich geht es sicher vielen, die das Wort „Fotografie-Geschichte“ hören; sie wenden sich schon beim Lesen des Wortes mit Augenaufschlag ab. Eigentlich hätten sie schon Lust darauf, denn es geht ja um Fotografie, aber Geschichte? Boah, nee. Lieber Klickstrecken angucken. Doch nicht so schnell, denn das heutige Buch könnte für viele ein Sprungbrett ins kalte Wasser sein. Traut Euch.

„Photography Visionaries“ setzt die Beherrschung englischen Sprache heraus. Können wir dies bestätigen, liegt vor uns eine der besten Gelegenheiten, Fotografie auch hinter dem Horizont des jetzigen Momentes zu verstehen, ohne dabei auch nur eine langweilige Minute aushalten zu müssen. Die Kunsthistorikerin Mary Warner Marien präsentiert insgesamt 75 der wichtigsten Fotografinnen und Fotografen der fotografischen Geschichte.

Und das nicht anhand trockener Kurzbiografien, die man sowieso schnell vergisst. Nein, Warner Marien setzt den Fokus auf die Begeisterung, Hoffnung und Energie, die diese Menschen für und von der Fotografie spürten. Diese werden eingebettet in ihre wichtigsten Werke, sodass Leser beim Schmökern ganz nebenbei Fotografie-Geschichte erlernen.

Mit fast 30 cm Größe kommen die zahlreichen Aufnahmen nicht zu kurz und können in voller Pracht inspiziert werden. Somit ist auch der Preis vollkommen gerechtfertigt – und bei über 300 Seiten sind sicher einige Stunden bei einem Glas Wein gesichert, in denen man die Zeit vergisst.

Informationen zum Buch

Taschenbuch: 312 Seiten
Verlag: Laurence King Publishers
Größe: 20,3 x 3,2 x 29,2 cm
Preis: 37,03 €

 

Ausschnitt des Titelfotos des Bandes Magnum Legacy von Eve Arnold

Eve Arnold: Magnum Legacy*

In dieselbe Kerbe wie „Photography Visionaries“ schlägt Band 1 der frisch gestarteten Serie „Magnum Legacy“. Ziel dieser Serie ist es, die Motivationen und Entscheidungen von Magnum-Fotografen zu beleuchten und ihre menschliche Seite offenzulegen. Eins ist jedoch klar: Dieser Band wird nur diejenigen ansprechen, die tatsächlich Blut an der Fotografiegeschichte geleckt haben – denen jedoch wird er von unschätzbarem Wert sein.

Natürlich stellt sich an dieser Stelle die Frage nach dem „Warum“, die ich nur mit dem „Wer“ beantworten kann: Eve Arnold war eine der herausragendsten Fotografinnen des 20. Jahrhunderts und damit übertreibe ich nicht. Was diese Frau in ihrem langen Leben (sie wurde 99 Jahre alt) auf die Beine gestellt hat, kann auch vielen Frauen, die sich in der von Männern dominierten Fotografieszene wiederfinden wollen, ein Vorbild sein.

Als Kind jüdischer Immigranten in ärmlichen Verhältnissen geboren, fasste sie später als frischgebackene Mutter Mut und machte einen Fotografieworkshop, der ihr Leben verändern sollte. Sie schaffte den Absprung und fotografierte die Armut der ebenfalls immigrierten Arbeiter und wurde in den 50er Jahren Mitglied von Magnum. Ihr ganzes Leben verschrieb sie der Fotografie. Arnold sind nicht zu vergessene Portraits von Marilyn Monroe und Malcom X zuzuschreiben.

Ich könnte an dieser Stelle wohl noch tausend Worte verlieren, doch im Rahmen der Buchempfehlungen möchte ich die wissensdurstig gewordenen Leser durstig lassen. Ich empfehle dieses Buch, das in meinem Schrank einen sicheren Platz gefunden hat, mit einem breiten Lächeln. Denn Arnold ist für mich persönlich längst ein Vorbild geworden.

Informationen zum Buch

Gebundene Ausgabe: 192 Seiten
Verlag: Prestel
Größe: 27,7 x 23,9 x 2,3 cm
Preis: 39,95 €

 

Welches Buch, das im April auf den Markt kam, fehlt Eurer Meinung nach noch?

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5 Kommentare

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  1. hi, was macht denn „Bullettproof“ zu einem Unikat? Handkoloriert? (den Aufwand kann ich mir irgendwie nicht vorstellen). (frage mich, wie man fotobücher zu einem unikat machen kann….)

  2. Magnum Legacy fand ich auch sehr, sehr gut. Viele Infos zu vielen Klassikern. Auf jeden Fall extrem lesenswert.

    In Photography Visionaries konnte ich mal einen kurzen Blick werfen, würde es mir aber auf jeden Fall gerne auch nochmal ganz anschauen. Als Foto-Mensch der mal Geschichte studiert hat dürfte das genau mein Ding sein.

  3. Danke für die Tipps! Die Neuauflage von Leutwylers Ballettbuch wäre sonst komplett an mir vorbei gegangen. Schön, dass es Leute gibt, die sich ebenfalls für Fotografie und Tanz begeistern können.