Eine Übersicht über viele Fotobände von Martin Parr
19. März 2015 Lesezeit: ~11 Minuten

Ein Beifallsorkan auf Martin Parr in Fotobänden 1

Es gibt keinen Fotografen, der mich mehr geprägt hat als Martin Parr. Auch, wenn ich seinen Stil nicht übernommen, justiert oder imitiert habe, ist Parr die Person, deren Wirken den größten Einfluss auf meine heutige Auffassung von Fotografie hatte.

Seit Jahren sammle ich jeden Bildband von Martin Parr, den ich irgendwie erstehen kann. Mein Ziel war es einmal, alle (inzwischen 50) Bücher des Magnum-Fotografen zu besitzen, doch dieses Unterfangen stellte sich als komplizierter heraus als erwartet. Ich hätte nicht gedacht, dass es so schwierig werden könnte. Schlussendlich ist es eine Frage des Geldbeutels und meiner ist nicht besonders dick.

Um Martin Parr viele Worte zu machen, ist nicht schwer. Er ist meiner Meinung nach einer der intelligentesten zeitgenössischen Fotografen. Einer, der mit Biss, Selbstironie und einer ordentlichen Prise britischem Humor die westliche Konsumgesellschaft kritisiert. Jedoch möchte ich heute keinen erneuten Wortschwall herausposaunen.

Ich werde in kurzen Zügen alle Fotobände vorstellen, die ich von Martin Parr besitze. Der heutige, erste Teil dieser Serie beschäftigt sich mit seinen eigenen Fotobänden, der zweite morgen wird Publikationen zu seinen Sammlungen und geschichtlichen Kategorisierungen behandeln.

 

Titelseite des Buches The Non-Conformists von Martin Parr

Beispielseite des Buches The Non-Conformists von Martin Parr

Beispielseite des Buches The Non-Conformists von Martin Parr

The Non-Conformists*

Bevor Martin Parr bekannt wurde, fotografierte er 1975 das Leben der Kleinstadt Hebden Bridge in Yorkshire. Nach seinem Abschluss an der Kunsthochschule entschloss er sich, den Alltag der Bewohner – viele davon treue Kirchgänger – zu dokumentieren.

In Zusammenarbeit mit seiner Frau Susie Parr wurden die Fotos, die in der Retrospektive beinahe zu romantisierend wirken, erstmals 2013 im Band „The Non-Conformists“ publiziert. Dennoch hatte Martin Parr schon vor 40 Jahren ein Auge für den besonderen Moment. Und wer etwas genauer hinschaut, sieht hier und da versteckt eine unscheinbare Peinlichkeit hervorblitzen.

 

Titelseite des Buches „Bad Weather“ von Martin Parr

Beispielseite aus dem Buch „Bad Weather“ von Martin Parr

Beispielseite aus dem Buch „Bad Weather“ von Martin Parr

Bad Weather (Books on Books)*

1982 machte Martin Parr sein Debüt in der Fotobuch-Welt mit der Publikation „Bad Weather“, die bis heute eine der meistgesuchtesten Veröffentlichungen des Fotografen ist. Und wie die aufmerksamen Leser schon gesehen haben, bin ich nicht im Besitz eines Originales (diese bewegen sich preislich bei 500 € aufwärts), sondern einer Art Kopie aus der Reihe „Books On Books“.

Books On Books ermöglicht es Fans von vergriffenen Fotobüchern und unbezahlbaren Sammlerstücken, diese zu einem Bruchteil des Marktpreises zu bekommen. Das Original wird hierbei Seite für Seite abfotografiert und erneut gedruckt.

Martin Parr arbeitete 1982 noch schwarzweiß und dennoch gibt „Bad Weather“ eine feine Vorahnung, in welche fotografische Richtung Parr sich entwickeln sollte. Der Titel des Buches ist Programm: Menschen, die sich bei Schneefall durch Ortschaften kämpfen, streckenweise etwas unvorteilhaft fotografiert. Und deswegen ist „Bad Weather“ tief schwarz, was den Humor betrifft.

 

Titelseite des Buches „From A to B“ (©) Martin Parr

Beispielseite aus dem Buch „From A to B“

Beispielseite aus dem Buch „From A to B“

From A to B – Tales of Modern Motoring*

Im Jahre 1994 erschien das Begleitbuch zu einer BBC-Fernsehserie mit dem Namen „From A to B“. Martin Parr ging dem Phänomen der Autobesitzer(innen) auf den Grund und begleitete sie beim Fahren. In seinem unverwechselbaren Stil und Einsatz von direktem Blitzlicht portraitierte Parr britische Menschen am Steuer.

Wer nun glaubt, es gäbe kaum etwas Langweiligeres, als Menschen beim Autofahren zu fotografieren, der lese mal die dazugehörigen Aussagen der Frauen und Männer. Es ist eigentlich nicht zu fassen, was Menschen mit einem Auto verbinden. Das Zeitkolorit hat „From A to B“ längst zu einem Kultstatus verholfen. Zu Recht, würde ich sagen.

 

Titelseite des Buches The Last Resort  von Martin Parr

Beispielseite aus dem Buch The Last Resort von Martin Parr

Beispielseite des Buches The Last Resort von Martin Parr

The Last Resort*

Aus fotohistorischer Sicht ist „The Last Resort“, das 1986 zum ersten Mal in den Druck ging, nicht mehr wegzudenken. Martin Parr besuchte New Brighton, einen am englischen Meer gelegen Ort und fotografierte dort das (streckenweise skurrile) Treiben der Arbeiterklasse.

Was dieses Buch so wichtig macht, ist der von Parr eingesetzte Verzicht auf Schwarzweiß, was damals ganz im Sinne der „neuen europäischen Farbfotografie“ stand. Mit der Farbe wurden die Arbeiten von Parr deutlich kritischer als zuvor, aber auch humorvoller.

Wenn es ein Buch aus meiner Parr-Sammlung gibt, auf das ich nie und nimmer verzichten würde, dann ist es „The Last Resort“.

 

Titelseite des Buches Think Of England von Martin Parr

Beispielseite des Buches Think Of England von Martin Parr

Beispielseite des Buches Think Of England von Martin Parr

Think of England*

Obwohl Martin Parr viel in der Welt herumreist, ist England seine (auch fotografische) Heimat. Mit „Think Of England“ präsentierte Parr im Jahre 2000 zum ersten Mal einen Querschnitt der Gesellschaft mit besonderem Augenmerk auf die Mittelschicht. Wie kein anderer karikierte er die Schwächen und Unebenheiten der Menschen, die oft peinlich ungeniert posierten.

So finden sich in diesem Parrschen Standardwerk schräge Tatoos auf behaarten Bäuchen, Blumenhüte in Nahaufnahme, kaputte Modehausfiguren und fettige Hände beim Verpeisen von Fleischbrötchen. Alles in allem wieder einmal ein herrlich ironischer Blick hinter die Masken der englischen Bürger. Spätestens mit diesem Band dämmert einem, wie gnadenlos genau Martin Parr hinsieht.

 

Titelseite des Bandes Fashion Magazine von Martin Parr

Beispielseite des Bandes Fashion Magazine von Martin Parr

Beispielseite des Bandes Fashion Magazine von Martin Parr

Fashion Magazine*

Dass Martin Parr die Welt nicht ganz ernst nimmt, wird auch dadurch deutlich, dass er Missstände nicht nur auf die Schippe nimmt, sondern nebenher ein eigenes Fashion-Magazin produziert. Natürlich nicht im gängigen, glattgeshoppten Stil, sondern frech, unkonventionell und provokant.

Inhaltlich greift er alle Nuancen auf, die das Thema hergibt: Kleidung, Schmuck und Modemessen. Und wie könnte er das Magazin besser abschließen als mit Portraits, die er in aller Welt in den kitschigsten Fotostudios von sich hat anfertigen lassen?

Übrigens: Bei Parr lohnt es sich immer, auch bei den Texten hinzuschauen. Bestes Beispiel ist das Interview, das er (wahrscheinlich mit sich selbst) führte und seine Perspektive auf die Fashionfotografie preisgibt. Darin bespricht Parr, welche Fotografen und Magazine im Fashion-Genre seiner Meinung nach sehenswert sind. Und baut natürlich den einen oder anderen Seitenhieb auf die Sternchen am Fashionhimmel mit ein.

 

Titelseite des Buches Mexico von Martin Parr

Beispielseite aus dem Buch Mexico von Martin Parr

Beispielseite des Buches Mexico © Martin Parr

Mexico*

Martin Parr veröffentlichte 2006 seine Version des nordamerikanischen Staates Mexiko. In bekannter Manier bildete er insbesondere die Tücken und Macken der Tourismusbranche ab, ohne dabei ein Auge zuzudrücken.

Böse Zungen werfen Martin Parr vor, stilistisch auf der Stelle zu treten und somit sei „Mexico“ keine Weltneuheit. Das ist der Band auch sicher nicht, jedoch gibt es meiner Meinung nach kein einziges Bild, das fotografisch oder inhaltlich langweilig ist.

Auch in „Mexico“ finden sich die Grundthemen des Magnum-Fotografen wieder: Konsum, Kapitalismus und die Nachteile der Globalisierung. Parr-Fans werden es lieben (und kaufen), andere werden es zurück ins Regal schieben. Ich jedenfalls liebe „Mexico“.

 

Titelfoto des Buches Martin Parr von Martin Parr

Beispielseite des Buches Martin Parr von Martin Parr

Beispielseite des Buches Martin Parr von Martin Parr

Martin Parr*

Aus der recht günstigen Reihe 55 des Phaidon-Verlages stammt auch dieses Büchlein, das mit seinen Maßen von 15 x 16 cm mein kleinstes Buch der Parrschen Sammlung ist. Ich würde es all denjenigen wärmstens empfehlen, die entweder einen schmalen Geldbeutel haben oder sich noch nicht sicher sind, ob sie mit Martin Parr etwas anfangen können.

„Martin Parr“ bietet eine Retrospektive auf das Wirken des Engländers. Es beginnt mit dem ersten Foto aus dem Jahre 1972 und endet im Jahre 2006. Für mich ist dieses Büchlein ein kleines Wunder, denn ich halte damit eine Auswahl der besten Arbeiten eines Menschen in der Hand, der mich über Jahre inspiriert hat – und es wiegt fast gar nichts.

 

Titelseite des Buches Martin Parr von Val Williams

Beispielseite des Buches Martin Parr von Val Williams

Beispielseite des Buches Martin Parr von Val Williams

Val Williams: Martin Parr*

Was das vorhergehende Büchlein in klein ist, ist Val Williams’ Band in groß. „Martin Parr“ ist schwer und meine Waage zählt über 2 kg. Auch hier handelt es sich um eine Anthologie aller Arbeiten des Magnum-Fotografen.

Mit Hintergrundinformationen in Hülle und Fülle lässt dieses Buch keine Wünsche offen und mag dem einen oder anderen sogar den teuren Erwerb der ältesten Parr-Bände ersetzen. Zum Schluss gibt Williams noch Einblick in die Sammelwut von Martin Parr, der im Besitz der unmöglichsten Gegenstände dieser Welt ist.

Wer also nach dem Verzehr des kleinen Büchleins Heißhunger auf mehr bekommen hat, sollte sich dringend dieses Buch zulegen.

 

Beispielseite aus dem Buch „Life Is A Beach von Martin Parr“

Beispielseite aus dem Buch Life Is A Beach von Martin Parr

Titelseite des Fotobandes Life Is A Beach von Martin Parr

Life’s A Beach*

Mit „The Last Resort“ begann Martin Parr, Strandbesucher genauer zu betrachten. Und das nicht nur in England, sondern weltweit. Seiner Meinung nach kann man über eine Gesellschaft vor allem dort etwas lernen, wo sie sich öffentlich entspannt.

„Life’s A Beach“ behinhaltet die wichtigsten Aufnahmen aus vier Jahrzehnten Strandfotografie, die Parr beherrscht wie nur wenige.

Zugemüllte Strände, mit Namen markierte Liegematten und vor einer Planierraupe liegende Touristen sind nur wenige Beispiele, mit denen Parr den Finger zwar nicht erhebt, aber tief in die Wunde der englischen Gesellschaft legt.

 

Titelseite des Magazines Black Country Women von Martin Parr

Beispielseite des Magazines Black Country Women von Martin Parr

Beispielseite des Magazines Black Country Women von Martin Parr

Black Country Women

Von Alec Soth zu einem der besten Fotobücher 2013 ernannt, ist „Black Country Women“ definitiv auf der Wunschliste einiger Fotobuchliebhaber. In Zusammenarbeit mit Multistory erstellte Martin Parr ein Magazin, das sich den etwas älteren Frauen des Black Country (Birmingham, England) widmet.

Und nein, das Magazin ist nicht sexistisch, sondern hat hier und da einen humorvollen Touch – den auch die Frauen, die interviewt wurden, voll unterstützen. Sämtliche Fotos wurden von Martin Parr in seiner dokumentarisch-frechen Manier erstellt.

„Black Country Women“ ist eines der besten Boulevard-Magazine, jedoch ganz ohne die englischen Stars und Sternchen, die man sonst vermuten würde. Die Texte sind übrigens zum Totlachen.

 

Titelseite des Buches No Worries von Martin Parr

Beispielseite des Buches No Worries von Martin Parr

Beispielseite des Buches No Worries von Martin Parr

No Worries*

„No Worries“ ist ein Ausdruck, der im Englischen häufig verwendet wird und so viel bedeutet wie „kein Stress“. Und das ist auch, was der australischen Gesellschaft ins Gesicht geschrieben steht. Diese hat Parr zwei Wochen lang im Rahmen einer Folge-Ausstellung fotografiert.

Was mich an diesem Buch besonders überrascht hat, war, wie wenig mir doch über Australien bekannt ist. Auch, wenn Parr mit seinen (oftmals aus kürzester Distanz gemachten) Aufnahmen sämtliche Klischees aufgreift, ist jedes Bild für mich eine Neuentdeckung.

Mit „No Worries“ publizierte Parr eines der unkritischsten Buchprojekte, das ich bisher von ihm gesehen habe. Beweis dafür ist der sehr zurückgenommene (und vereinzelt ausgelassene) Einsatz des Blitzes und ein empathisches Abbild australischer Bürger.

 

Titelseite des Du-Magazines mit Fotos von Martin Parr

Beispielseite des Du Magazin mit Fotos von Martin Parr

Beispielseite des Du-Magazines mit Fotos von Martin Parr

Du-Magazin: Think Of Switzerland*

Da die Schweiz eines der klischebehaftetsten Länder der Welt ist, war es nur eine Frage der Zeit, bis Martin Parr sich auch die sogenannte „Schweizerische Eidgenossenschaft“ vorknöpfte. Parr besuchte Zermatt, Luzern, Genf, aber auch die WHO, UNAIDS und den Zürcher Opernball.

Das Ergebnis ist großartig und trifft den Nagel auf den Kopf. So finden sich vor allem Aufnahmen der Super-Reichen in der Magazin-Ausgabe, die keine bessere Gesellschaftskritik sein könnte. Umgarnt von Tierpelzen präsentieren sich Geldmagnaten Champagner trinkend in St. Moritz beim Polo World Cup. Mit Hund auf dem Schoß.

„Think Of Switzerland“ hat derzeit noch keinen Kultstatus, was auch daran liegt, dass Parr mittlerweile digital und nicht mehr analog fotografiert. So sind die Farben seiner Aufnahmen natürlicher geworden. Doch es ist nur eine Frage von Jahren, bis das Zeitkolorit sein Übriges getan hat und auch dieser Band heiß umkämpft sein wird.

 

Ich hoffe, dass Euch dieser erste Teil nicht überfordert, sondern ein gutes Bild vom bildermachenden Martin Parr gezeichnet hat. Als nächstes folgt der zweite Teil der Serie, der eine ganz andere Seite Parrs beleuchtet. Ihr dürft gespannt sein.

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16 Kommentare

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  1. Hallo Martin,
    ein informativer, anschaulicher und umfangreicher Beitrag mit einer flotten Schreibe. In der Tat ist es sehr viel Stoff und kleinere Häppchen würden mit noch besser gefallen. Trotzdem lesenswert und macht Appetit auf mehr. Der scharfe Blick und sein Humor zeichnen Parr aus.
    Frank

    • Hey Frank, danke für Dein Feedback. Ursprünglich hatte ich den Zweiteiler als einen Artikel geplant, aber hab dann gemerkt, dass das too much wird. Mit drei oder vier Teilen hätte das Ding aber gefühlt zu viel Platz eingenommen, weshalb ich es jetzt so gelassen habe. Ist halt prall gefüllter Stoff, aber so mag ich das auch irgendwie. ;)

  2. Diese Bilder muss man erst einmal aushalten.
    Genial beobachtet und umgesetzt; allerdings macht mich dieser grelle Pseudoluxus / erbärmliche Lebensstil schon fast wieder depressiv…

  3. Dachte erst dass mich der Artikel nicht sonderlich interessieren wird. Aber eigentlich sind alle Martin Artikel lesenswert…und auch dieser hat mich positiv überrascht und ich fand ihn äußerst interessant.

  4. Vom 18.10.2014 – 22.02.2015 gab es eine umfangreiche Martin Parr Ausstellung im Sprengel Museum in Hannover. Unter anderem waren große Prints aus der Serie „The Last Resort“ zu sehen. Vielleicht wäre es ja auch einmal sinnvoll Artikel wie diesen hier im Zusammenhang mit aktuellen Ausstellungen o.ä. zu kombinieren …

  5. Ich verstehe den Hype nicht. Die hier gezeigten Beispielbilder würden als belanglos eingeordnet, wenn sie heute ein Herr XYZ oder Frau ABC schießen würden. Aber der Name Magnum und die damalige Zeit geben wohl einiges an Status und Kult mit.
    Trotzdem danke für den Hinweis.