Ein Stück Holz im Gebüsch
29. November 2014 Lesezeit: ~ 7 Minuten

Die Natur und der Krieg

Ich kam über die Straßenfotografie irgendwann zur Landschaftsfotografie. Meine früheren Helden waren Josef Koudelka und Cartier-Bresson. Aus diesem Grunde nähere ich mich Landschaften aus einer ähnlichen Perspektive. Es gibt keinen Grund dafür, Fotos zu machen, wenn wir nichts mit ihnen sagen wollen. Das ist vielleicht das, was man allgemein die „Bedeutung“ eines Fotos nennt.

Abstrakte Naturaufnahme in Schwarzweiß

Wenn ich die gegenwärtige Landschaftsfotografie kritisieren müsste, würde ich sagen, dass bei den meisten Leuten die Bilder nicht mehr ausdrücken, als das vom Fotografen Gesehene festzuhalten. Zum Teil ist auch das der Grund, warum ich mich als konzeptuellen Landschaftsfotografen bezeichne.

Es ist mir wichtig, meine Arbeit um Ideen herum zu entwickeln, weil ich genau verstehen muss, was ich tue, um es klar zu kommunizieren und weil ich so die Möglichkeit habe, selbst in Ideen einzutauchen, die ich am Anfang selbst noch nicht ganz verstehe und sie nach und nach entwickeln.

Als Künstler ist es keine Herausforderung, etwas zu tun, das man schon kennt und für den Zuschauer gibt es wenig Interessantes zu entdecken ohne die Zweideutigkeit, die daraus entsteht, dass man ein Konzept selbst erst entdeckt. Es lohnt sich, wenn man ehrlich mit sich selbst ist, man erntet den künstlerischen Lohn und hat eine bessere kreative Erfahrung.

Abstrakte Naturaufnahme in Schwarzweiß

Abstrakte Naturaufnahme in Schwarzweiß

Ich liebe auch die Literatur. Meine Konzepte setze ich auf dieselbe Art um, wie jemand, der kreatives Schreiben betreibt. Wenn man wissen will, was man in seinen Fotos sagt, dann ist darüber Schreiben oft ein sehr guter Ansatz. Schreiben ist die Kunst, zeitgleich zu entscheiden, was man denkt und was man nicht weiß.

Abstrakte Naturaufnahme in Schwarzweiß

Einer meiner wichtigsten Einflüsse ist der Lyrikband „The Remains Of Elmet“ von Ted Hughes mit Fotografien von Fay Godwin. Während Goodwins Fotos ohne Zweifel sehr schön sind, dienen sie im Kontext des Buches eher als Illustrationen. Sie wollen sich gar nicht auf die Gedichte beziehen, sondern nur die Themen zeigen, von denen die Gedichte handeln.

In den Gedichten ist aber viel mehr Tiefe als nur Beschreibungen von Orten. Wenn man mehr ein Künstler als ein Illustrator sein will, dann muss der Prozess wohl immer in beide Richtungen gehen, die Bilder müssen tatsächlich von den Texten beeinflusst sein, sie müssen ihren Ausdruck aus dem Inhalt ziehen.

Abstrakte Naturaufnahme in Schwarzweiß

Ich glaube, meine Serie „Mametz Wood“ ist eine Ansammlung all dieser Einflüsse: Fotografien, die etwas anderes sagen wollen als nur deskriptiv zu sein, das Element der Lyrik und Titel von David Jones, aus seinem langen, modernen Gedicht „In Parenthesis“, geschrieben über seine Erfahrungen in den Schützengräben des ersten Weltkriegs.

Abstrakte Naturaufnahme in Schwarzweiß

Abstrakte Naturaufnahme in Schwarzweiß

Die Schlacht bei Mametz Wood war auf viele Arbeiten eine sinnlose Schlacht in einem sinnlosen Krieg. (Gibt es andere Arten von Kriegen?) Mit hohen Verlusten an Menschenleben wurde diese Quadratmeile Waldland von den Briten erobert und schon eine Woche später wieder von den Deutschen. Was einzigartig daran ist, ist die Tatsache, dass eine erstaunlich große Zahl von Poeten, Schreibern und Künstlern anwesend waren. Für die englischsprachige Welt symbolisiert der Ort die Tragödie des gesamtes Krieges.

Abstrakte Naturaufnahme in Schwarzweiß

Einer der Poeten, die dort waren, war David Jones, ein Private, kein Offizier, wie so viele von den anderen. Jones wuchs in London auf, seine Herkunft war aber Wales, was sich auch in „In Parenthesis“ widerspiegelt, in dem er viele Einflüsse antiker walisischer Literatur und Folklore verarbeitet. Diese Mythen und Legenden, vermischt mit der Realität des ersten, industrialisierten Krieges, schafft das, was wir aus unserer modernen Perspektive „magischen Realismus“ nennen.

Abstrakte Naturaufnahme in Schwarzweiß

Ich glaube stark daran, dass ein Foto nicht nur die Imagination umarmt, sondern dass man auch in Fotografien ein Element des magischen Realismus finden kann. Ich habe beispielsweise schon versucht, mit Doppelbelichtungen die Realität zu dekonstruieren (also den rein deskriptiven Teil von Fotografie) oder Komplexität, Zweideutigkeit und weitere Bedeutungsebenen in Bilder zu bringen. Auf diese Weise sollten die verschiedenen Ebenen selbst Bedeutung tragen, aber tiefere Bedeutung offenbaren, dadurch, wie sie miteinander interagieren.

Abstrakte Naturaufnahme in Schwarzweiß

Abstrakte Naturaufnahme in Schwarzweiß

Die Fotos meiner Serie „Mametz Wood“ sind düster, sowohl im wörtlichen Sinne als auch metaphorisch, sie verstecken die Tragödie nicht, die konzeptuell dahintersteht. Ich finde nicht, dass visuelle Kunst generell fröhlich oder erbaulich sein muss. Kunst sollte meiner Meinung nach alle Facetten unseres Lebens abbilden.

Obwohl der Krieg auf viele Arten industriell und mechanisiert war, kämpften die Soldaten in diesem Krieg in den engen Grenzen der Wälder, es war dunkel und viele der Kämpfe wurden Mann gegen Mann mit Bajonetten ausgetragen.

Abstrakte Naturaufnahme in Schwarzweiß

Ein Teil meiner Inspiration für dieses Projekt war auch die Tatsache, dass der Horror des Krieges unsere Wahrnehmung von den Dingen um uns herum verändert. Die Art, wie wir mit einem Trauma aus einem Augenwinkel unscheinbare Dinge sehen können, die grauenvolle Erinnerungen heraufbeschwören können.

Eines der Hauptmerkmale von Shell Shock, das heute post-traumatische Belastungsstörung genannt wird, ist das konstante Wiedererleben der Ereignisse, die zum psychologischen Trauma geführt haben. Ich bin selbst ein Opfer von PTBS, was mir zu einem besseren Einblick für dieses Projekt verholfen hat.

Abstrakte Naturaufnahme in Schwarzweiß

David Jones hat den Krieg überlebt (er wurde ins Knie geschossen und nach Hause geschickt), aber er war tief traumatisiert von den Dingen, die er miterlebt hatte. Er hattte zwei Nervenzusammenbrüche nach dem Krieg und schaffte es erst 1938, „In Parenthesis“ fertigzustellen.

Abstrakte Naturaufnahme in Schwarzweiß

Zu diesem Zeitpunkt erlebt die Welt einen weitern tragischen Krieg und vielleicht war eben diese Welt zu diesem Zeitpunkt nicht bereit für diese spezielle Erzählung. Deswegen wurde es zu einem lange übersehenen, vergessenen Stück Literatur. David Jones wurde schließlich eher bekannt als Maler, der unter Eric Gill studiert hatte und für einige Zeit in Gills früher Version einer Künstlerkommune auf den Land in den Black Mountains von Wales gelebt hatte.

Abstrakte Naturaufnahme in Schwarzweiß

Es gibt diese Intimität mit der Natur und den Landschaften in Jones Gedichten, geboren aus der Enge von Mametz Wood, die wie eine Trauerrede auf alles Verlorene wirkt. Die Landschaft wird oft zu einer Metapher für die Tragödien, die sich dort abspielten. Oft symbolisiert sie aber auch die Hoffnung, dass die Ereignisse trotz allem nur kleine Bausteine einer größeren Geschichte von uns und den Orten sind.

Abstrakte Naturaufnahme in Schwarzweiß

Er fand Trost in der größten Aufräumarbeit der Geschichte der Menschheit nach dem Krieg und in der Tatsache, dass wir trotz der größten Tragödien aller Zeiten, nach den größten Schlachten, zumindest als Gesellschaft durchgekommen sind und überlebt haben, vielleicht in einzelnen Fällen sogar danach aufgeblüht sind.

Das ist das „magische“ Element des magischen Realismus in meinen Bildern (und in Jones’ Lyrik), das hoffentlich kleine Hoffnungsschimmer verbreitet, der unstillbare Erfindungsreichtung des menschlichen Geistes. Weil wir als Menschen besser sind als der Krieg.

Dieser Artikel wurde von Sebastian Baumer für Euch aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt.

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11 Kommentare

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  1. Dass ein Photo soetwas wie eine objektive Bedeutung hätte, und dieser auch noch aus der Intention des Photographen heraus entstünde, ist natürlich Unfug, da Bedeutung erst das ist, was im Betrachter evoziert wird, und das geschieht schlichtweg auch ohne jeden sinnstiftenden Gedanken des Photographen.

    • Ich finde die Kommunikation zwischen Künstler und Betrachter per Kunstwerk im allgemeinen auch ziemlich vage, aber dass der Betrachter gar nichts von dem aufnehmen kann, was der Künstler versendet haben mag, das ist wohl übertrieben.

      Die homepage von Rob Hudson zeigt übrigens grandiose malerische Werke, die nicht so unzugänglich sind wie diese Serien.

  2. “Wenn ich die gegenwärtige Landschaftsfotografie kritisieren müsste, würde ich sagen, dass bei den meisten Leuten die Bilder nicht mehr ausdrücken, als das vom Fotografen Gesehene festzuhalten.” – das ist doch genau das, was jeder Fotograf will: mit einem Foto das ausdrücken, was er ‘gesehen’ hat, oder??

  3. Bei so vielen grundverschiedenen Menschen, die hinter der Kamera stehen, halte ich Aussagen wie “was jeder Fotograf will” für mehr als unpassend. Mag kleinlich sein, aber sowas so grob zu verallgemeinern ist schlicht falsch. Jeder Fotograf hat seine eigenen Inentionen, die mit denen anderer durchaus Gemeinsamkeiten haben mögen. Ob es nur darum geht, das Gesehene zu vermitteln, oder Gefühle, Atmosphäre, Gedanken, die zu der Aufnahme gehören, das entscheidet sich individuell.

    Die Serie an sich ist mir schlicht zu dunkel. Es ist für mich anstrengend, ja mühsam, Details zu erkennen, oder gar das Gesamtbild zu erkennen, ohne die Bildschirmhelligkeit jenseits des erträglichen zu erhöhen. Ich mag durchaus dunkle Bilder, spiel mit Schatten und Wirkung des kaum noch Sichtbaren, aber das ist mir (leider) zu viel des guten. Das passt auch gar nicht zu den Werken auf der Webseite des Fotografen, die durchaus interessant und zum Teil auch inspirierend sjnd. Schade.

    • Das ‘gesehen’ habe ich bewusst zwischen die Hochkommata gesetzt. Meines Erachtens nach fotografiert der Fotgraf doch etwas, weil er in dem Fotografierten etwas sieht (sofern es sich nicht um ein Ich-war-hier-Foto handelt). Das was der Fotograf in dem Fotografierten sieht, ist durch seine Intentionen bestimmt und somit sieht wahrscheinlich jeder Fotograf etwas anderes – eine Verallgemeinerung sehe ich somit nicht.

  4. Teils sehr interessante Bilder auf seiner Homepage, und dann solch eine Serie.
    Mit seinen anderen Bildern hätte ich die eine oder andere Aussage vielleicht nachvollziehen können. So kann ich sowohl mit den Bildern als auch mit den Text für mich überhaupt nichts Anfangen.
    Sie passen beide nicht zusammen. Und verallgemeinern geht schon mal überhaupt nicht.

    • Ich habe den Text oben übersetzt und halb für Kwerfeldein betreut und habe es (zu Beginn) auch so wahrgenommen. Aber wenn man sich eine Weile damit beschäftigt und eben nicht nur die drei Minuten schnell drüberfliegt, die im Internet üblicherweise drübergeflogen werden, dann empfindet man es völlig anders.

      Genau wie die Texte, auf denen er seine Bilder basiert, entstehen die Verbindungen hier im Kopf des Betrachters – der Aufhänger der Orte ist er Einstieg. Ich finde diese Serie von abstrakter Naturfotografie sehr viel spannender als die meiste Landschaftsfotografie, die man anderswo sieht.