25. September 2014 Lesezeit: ~ 6 Minuten

Max ist Marie

Mann? Frau? Was für eine Rolle spielt geschlechtliche Identität in unserer Gesellschaft? Wie wichtig ist es, sich auf eine Rolle, auf ein Geschlecht festzulegen und wie ergeht es transidenten Menschen?

Was ist Transidentität?

Die dauerhafte Gewissheit, sich dem biologisch anderen Geschlecht zugehörig zu fühlen. Die Ablehnung der mit dem biologischen Geschlecht verbundenen Rollenerwartungen und der drängende Wunsch, sozial und juristisch anerkannt im gewünschten Geschlecht zu leben.

Die Straße entlang gehen, sich unter Menschen zu begeben, wird zu einem kaum zu bewältigenden Akt, wenn man sich seiner Identität sicher ist, sie aber nicht leben darf. Wie schwer es ist, die Tatsache anzuerkennen, dass man im falschen Körper geboren wurde, wie schwer, sich seinem Umfeld anzuvertrauen, was für ein Glück es bedeutet, wenn Mann endlich Frau sein darf und Frau endlich Mann: Wer kann sich das schon vorstellen?

Eine Frau geht einen Fußweg entlang und schaut in die Kamera.

Als meine Tochter, die damals noch mein Sohn war, begann, sich zu schminken und in kurzem Rock zu Partys zu gehen, wurde das Thema „Transidentität“ Teil unserer Familie. Wir alle wuchsen langsam hinein.

Gleichzeitig mussten und müssen wir erkennen, das weite Teile der Gesellschaft lange nicht so weit sind. Wer als Mutter erlebt hat, wie am Nebentisch über das eigene Kind getuschelt und gelacht wird, wie das eigene Kind an unserer Gesellschaft und an unseren Institutionen, Gesetzen und Vorgaben leidet, kann nicht anders, als aufzustehen. Einfach nichts zu tun, wenn man doch mit seiner ganz eigenen Sprache, der Sprache der Bilder, etwas bewegen kann, das geht einfach nicht.

Wie dankbar bin ich, als Fotografin auf ganz besondere Weise für meine Tochter und hoffentlich auch ein klein wenig für andere transidente Menschen etwas bewegen zu können: Mit einem Fotoprojekt.

Eine Frau lacht in die Kamera.

Die Idee dazu entwickelte sich langsam. Der Wunsch, etwas zu tun, wurde mit jedem Brief der Krankenkasse, mit jedem gedankenlosen Kommentar, den meine Tochter entgegen geschleudert bekam, stärker.

Immer häufiger redeten wir darüber, wie ein solches Projekt aussehen könnte. Transidente Frauen in einem Boudoir-Shooting zu zeigen, um ihr Gefühl der Weiblichkeit in Bildern unterstreichen zu können, war eine Idee – die ich verwarf, weil es mir allzu voyeuristisch schien. Bilder nackter Transmenschen vor und nach der OP gibt es schon. In diese Richtung wollte ich nicht. Für mich musste es etwas Behutsames sein.

Ziel des Projektes sollte sein, dass Menschen, die sich vorher nicht mit dem Thema Transidentität auseinander gesetzt haben, verstehen können, verstehen wollen. Immer klarer wurde mir, dass ich nicht den Weg des inszenierten Portraits gehen wollte. Ich glaube, dass man Verständnis schaffen kann, indem man sich auf Gemeinsamkeiten konzentriert: In Reportagen wollte ich transidente Menschen deshalb so zeigen, wie sie leben. Mit Dingen und Menschen, die ihnen wichtig sind, in einer Umgebung, die ihnen etwas bedeutet.

Eine Mutter hockt mit ihren Kindern vor einem Gehege.

Ein Mann und ein Hund stehen auf der Straße und schauen sich an.

So geht es bei „Max ist Marie“ um Menschen, die studiert haben oder auch nicht, mit Ausbildung oder ohne. Mit Partner, mit Kind, mit Hund oder allein lebend. Menschen eben. Mit allem, was ihnen gut tut und Geborgenheit gibt. Da Bilder nicht alles erzählen können, habe ich beschlossen, dass Texte die Geschichten komplett machen sollen.

Und so reise ich nun seit ein paar Monaten umher. Zu Michelle, die gern Zeit in ihrem Wohnwagen an der Ostsee verbringt und Kraft im Schamanismus findet. Zu Helmi, die früher zur See fuhr, ihre Frau verlor und erst vor wenigen Jahren ihre echte Identität entdeckte. Zu Jan, der lange Spaziergänge mit seinem Hund über alles liebt und von einem Leben am Wasser träumt.

Hanni, die schon ihr Leben lang in Basel lebt, am liebsten jeden Tag mit der Fähre über den Rhein übersetzen würde, weil daran Erinnerungen an einen Fährmann hängen, mit dem sie früher zusammen war. Zu Asta, deren kleine Kinder jetzt zwei Mamas haben….

Wir verbringen ein, zwei Stunden miteinander, reden. Gemeinsam schlendern wir durch die Gegend, die sie sich ausgesucht haben, treffen uns bei ihnen Zuhause oder in einem Café, das sie mögen. Dabei fotografiere ich. Es entstehen Dokumentationen, Ausschnitte aus dem Leben des Menschen, der vor mir sitzt oder neben mir geht.

Bilder liegen auf einem Tisch.

Eine Frau hat ihre Hände zusammengefaltet auf ihrem Schoß liegen.

„Max ist Marie“ begann mit einer Fotosession mit meiner eigenen Tochter. Vorsichtig gingen wir vor, wussten wir doch überhaupt nicht abzuschätzen, wie die Resonanz sein würde. Würden sich überhaupt Transmenschen finden, die bereit wären, sich für das Projekt portraitieren zu lassen? Würden Paare mich weiterhin als Hochzeitsfotografin buchen, würden gar bestehende Kunden abspringen?

Kurz nachdem ich den Blogeintrag live geschaltet hatte, explodierte meine Inbox förmlich, die Kommentare unter dem Blogeintrag wurden stündlich mehr: Es waren nur positive, schöne Rückmeldungen von den verschiedensten Seiten.

Mittlerweile haben sich über 50 Menschen mit transidentem Hintergrund aus ganz Deutschland, der Schweiz und Österreich gemeldet; sie möchten zusammen mit uns etwas bewegen, wollen Teil des Projektes sein. Bislang hat mich das Projekt nach Berlin getragen, nach Basel, Mainz, Flensburg, Friedrichsstadt. Nürnberg ist noch für dieses Jahr geplant, Nordrhein-Westfalen folgt. Ich bin gespannt, wie es weitergeht.

Eine Frau schaut in die Ferne.

Für dieses Projekt drängte sich mir eine schwarzweiße Bildsprache auf. Sie spiegelt unser aller Schwarzweiß-Denken wider, wenn es um ein Anderssein geht. Gleichzeitig konzentriert sie sich auf das Wesentliche: Nichts lenkt ab von Gesten, Mimik, Gesichtern.

„Max ist Marie“ ist ein einfühlsames Projekt. Transidente Menschen werden nicht zu etwas Besonderem, allein dadurch, dass sie transident sind. Und sie sind nicht alle gemeinsam in eine Schublade zu stecken. „Wir sind ebenso eine homogene Gruppe wie zum Beispiel Rothaarige“, hat es ein Transmann beschrieben, den ich portraitieren durfte.

Ich hoffe, dass meine Portraits ein Stück weit dazu beitragen können, dass die Welt, in der wir leben offener wird für Menschen, die eine Geschichte zu erzählen haben.

Danke allen für all die Unterstützung, die wir bisher erfahren durften.

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