21. Juni 2014 Lesezeit: ~7 Minuten

Varieté: Eure geliebten ungeliebten Bilder

Vor einer Woche haben wir Euch dazu aufgerufen, uns Eure geliebten, aber viel zu wenig beachteten Bilder zu zeigen. Wir Redakteure haben uns all Eure Kommentare angesehen und unsere persönlichen Lieblinge herausgesucht. Herausgekommen ist eine Auswahl, bei der wir uns wirklich fragen: Wie können diese Fotos denn nur so wenig Beachtung gefunden haben?

Oft sind es Bilder, die durch Zufall entstanden; ungeplant und ohne Konzept, aber an denen Emotionen hängen. Gefühle, die wir zum Teil sehr gut nachempfinden konnten und weshalb uns die Auswahl alles andere als leicht von der Hand ging. Denn unter den Kommentaren sind noch einige weitere Perlen, die wir nicht alle zeigen können.

Deshalb wie immer der Aufruf: Schnappt Euch eine Tasse Tee und seht Euch alle Einreichungen an.

Eine Katze sitzt auf einer Mauer und schaut durch ein Gitter.

Anette Siegelwachs schrieb:
Auf Reisen liebe ich planlose Spaziergänge, sich treiben zu lassen und überraschen zu lassen von dem, auf was ich treffe. An dem Tag, als das Bild entstand, zog es mich in enge Gassen, die wie leergefegt vor mir lagen. Ein Teil der Häuser zerfallen. Dann, ganz plötzlich, fiel mein Blick auf zwei Katzenaugen hinter Gittern und mit einem Mal, als sich unsere Blicke trafen, hatte ich das Gefühl, die Zeit bleibe stehen. Nichts rührte sich. Stille. Eins. Ein Moment, der mich ungemein fesselte und für mich so vieles zum Ausdruck brachte.

 

Ein Mann steht auf der Straße, den Rücken zur Kamera. Er hält einen Koffer in der Hand.

Florian Wenzel schrieb:
Das Foto ist bei meinem 52 Wochen Projekt entstanden. Das Bild passt nicht so gut zu meinen restlichen Fotos, was wahrscheinlich ein Grund dafür ist wieso es weniger Beachtung bekommen hat. Für meine Verhältnisse habe ich in dem Foto auch mehr auf die Symetrie geachtet, als ich das in meinen anderen Bild mache. Mir ist dieses Foto wichtig, weil es meine derzeitige Situation beschreibt. Ich weiß nicht wohin mich mein Weg führen wird, ich habe keinen Plan. Diese Ungewissenheit ist das, worüber ich mir tag täglich den Kopf zerbreche.

 

Durch ein Autofenster sieht man einen Stier.

Christiane schrieb:
Das Foto ist im letzten Jahr auf der Autobahn zwischen Madrid und Málaga entstanden. Für mich ist das Bild der Ausdruck des Gefühls, auf fremden Straßen unter heißer Sonne ins Ungewisse und Neue unterwegs zu sein, kurz gesagt von (Urlaubs)Freiheit und Glück. – Dazu kommt sicher auch, daß der Osborne-Stier auch Erinnerungen an wunderbare große Ferien in meiner Schulzeit weckt.

 

Zwei Pferde stehen auf einer Wiese und sehen in entgegengesetzte Richtungen.

Oliver schrieb:
Als ich die Szene sah, dachte ich sofort: Das wird ein spannendes Bild. Ich bin von größerer Entfernung auf die beiden Pferde zugelaufen und habe immer wieder abgedrückt, weil ich Sorge hatte, die beiden könnten sich durch meine Annäherung gestört fühlen und ihre Position ändern. Haben sie aber zum Glück nicht. Es war das erste und einzige Mal in meinem Leben, dass ich schon vor dem Abdrücken wusste, wie das Ergebnis aussehen sollte.

Es konnte jedoch niemand bisher meine Begeisterung darüber teilen. Ich glaube, dass ich Dinge in die Szene hineininterpretiere, die andere nicht sehen oder für unspannend halten. Zudem ist das Bild evtl. zu undramatisch – kein HDR, kein schwarz-weiß, kein spektakulärer Himmel … Mir gefällt es jedoch in seiner Symmetrie und Undramatik.

 

Eine Person am Meer steht klein am Horizon zentriert im Bild.

Kati schrieb:
Ich war das erste Mal alleine im Urlaub, in Belgien und habe auch einen Tag in Oostende am Strand verbracht. Es war Mai, nicht das beste Wetter und deshalb waren ziemlich wenig Leute unterwegs. Dieses Bild entspricht auch genau meiner damaligen Stimmung: nach einigen Tagen allein unterwegs habe ich mich doch ziemlich klein, verlassen und verloren gefühlt…

Vielleicht mögen es die meisten Menschen deswegen nicht, weil sie mit etwas konfrontiert werden, worüber man nicht so gerne redet oder nachdenkt, was aber genauso zum Leben gehört.

 

Eine Frau hält einen Tierschädel vor ihre Brust.

Lisa-Marie Kaspar schrieb:
Es war ein kühler Tag im März als ich mit meiner kleinen Schwester zu den Magnolienbäumen gegangen bin. Sie waren teilweise schon geöffnet, aber nicht ganz. Der Frühling hatte gerade erst angefangen. Wir haben viele Bilder gemacht, später hat uns auch noch eine Katze zugesehen und sich auf das ein oder andere Bild geschlichen. Besonders dieses hier liegt mir am Herzen. Ich weiß nicht mal genau warum. Ich liebe das schwarz-weiß, die Körnung, die Dunkelheit darin. Womöglich ist das aber genau das, was die meisten Menschen nicht mögen. Es ist kein gestochen scharfes Bild, das vor Farben und Leben sprüht. Aber für mich ist es genau das, was es ausmacht.

 

© Armin Oehmke

Armin Oehmke schrieb:
Dieses Bild ist vor gar nicht so langer Zeit entstanden, und ich weiß, dass es völlig unscharf ist. Für mich transportiert es gerade deshalb fast ausschließlich Emotionen, man wird nicht so sehr von kleinen Details abgelenkt, da diese fast vollkommen verschwimmen.

Entstanden ist es an einem Wundervollen Frühlingsnachmittag, an dem schon sommerliche Temperaturen herrschten. Eigentlich waren wir mit Shooten schon fertig, doch auf dem Rückweg entdeckten mein Model und ich eine winzige Lichtung in der sich nur ein einziger dicker weicher Lichtstrahl bündelte. Wir beschlossen noch ein paar Bilder zu machen, um den Film voll zu bekommen, worauf ein zweiter und noch ein dritter Film folgte. Doch leider scheint außer mir dieses Bild niemandem so recht gefallen zu wollen.

 

© Jonas Hafner

Jonas Hafner schrieb:
Mein geliebtes ungeliebtes Bild entstand im Oktober letzten Jahres. Ich hatte mir an jenem Tag vorgenommen einige Ganzkörperportraits auszuprobieren. Für das Bild band sich das Model die Haare zu einem Zopf zusammen, der anschließend ihr Gesicht verdeckte. Das Sonnenlicht traf vor allem ihre Hände und so entschied ich mich in der späteren Nachbearbeitung für die farblose Variante, um den Kontrast noch zu verstärken.

Warum die Resonanz auf dieses Bild so gering ausfiel, lässt sich nur vermuten. Vielleicht ist das Bild zu trist, zu dunkel, zu still oder einfach langweilig? Vielleicht verbinden die Leute mit meiner Fotografie auch schlicht und ergreifend etwas anderes und vielleicht ist genau das der Grund, warum ich dieses Bild so mag. Es ist einfach anders.

Irgendwie ist es trotzdem ein schönes Gefühl, wenn ein Bild nicht den Erwartungen gerecht wird. Man hat gerade deswegen das Gefühl auf dem richtigen Weg zu sein…

 

© Alexander Görisch

Alexander Görisch schrieb:
Mir gefällt an diesem Bild das Zusammenspiel von dem Namen des Geschäfts ‘Denkstein’ die Tatsache das sich die Person auf den Kopf greift (denken) und noch dazu eine Glatze hat (Stein). Ich denke das dieses Zusammenspiel vielen nicht auffällt, für mich sind das die interessanten Zufälle der Street-Fotografie.

 

Wir denken, die Auswahl zeigt wieder, dass es nicht auf Likes ankommt. Viel positives Feedback heißt nicht gleichzeitig, dass ein Bild gut ist. Und keins nicht, dass es schlecht ist. Es heißt einfach nur, dass es manchmal weniger Menschen auf den ersten Blick anspricht. Auf den zweiten würden sie sich vielleicht auch verlieben, aber oft klicken auch wir einfach viel zu schnell weiter.

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4 Kommentare

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  1. da stimme ich der abschließenden zusammenfassung der redaktion zu.
    interessant wäre, wie die reaktion der leute ausfallen würde, zeigte man ihnen diese bilder in angemessener größe als abzüge bzw. prints und in einem rahmen, der sie zwingt, sich länger als nur einen kurzen moment damit zu beschäftigen.

    seine fotografische entwicklung von likes/positivem feedback auf zweifelhaften onlinefotoplattformen steuern zu lassen anstat das zu knipsen, was einem selbst allein wichtig ist, könnte ein schwerer fehler sein.

  2. Schöne Auswahl, jedes Einzelne hat was, es kommt was rüber.

    Auffällig für mich ist mal wieder, dass die Fotos auch bestimmten Sparten
    zugehören, die im Allgemeinen weniger Beachtung finden als andere. Immer
    dann, wenn nicht sofort Schönheit o.Ä. ins Auge springen oder aber bestimmte Techniken
    verwendet werden, die ungewöhnlich sind, hat man oft ein
    eingeschränkteres Publikum – finde ich schön. Es sind meist Leute, die sich das
    Foto genauer anschauen und etwas dabei empfinden.

  3. Ich bin der Aufforderung des Artikels nachgekommen, habe mir ein Heißgetränk zubereitet und mir die Zeit genommen, die Bilder und Kommentare auf mich wirken zu lassen … es hat sich gelohnt!

    Ich verirre mich erst seit kurzem immer wieder und lange auf diese wunderbare Seite und so wusste ich nichts von den geliebten ungeliebten Bildern. Und hätte es, ohne den Text gelesen zu haben auch nicht vermutet. Bereits das Titelbild hat mich so sehr angesprochen.

    Jedes Bild für sich hat etwas ganz Besonderes; und trotzdem habe ich auch hier Fotos, denen ich mehr Aufmerksamkeit schenke als anderen … auch hier scheinen sich – für mich – ungeliebte geliebte Fotos heraus zu kristallisieren.
    Ich bin mir aber sicher, dass alle Bilder mit diesem Artikel mehr Liebhaber dazu gewinnen werden – und zwar verdient.

    Insgesamt eine super Idee und Auswahl!