09. Juni 2014 Lesezeit: ~4 Minuten

Alptraumhaftes Träumen

Wenn wir uns schlafen legen, dann lassen wir los. Alles in uns kommt zur Ruhe und wir begeben uns in die andere Welt, die für jeden eine andere ist. Für die einen ist es eine dunkle Welt voller Gefahren, aber auch Geheimnisse, für einen anderen ist es ein beständiges Schauen auf ein Bild in einem Bild.

Und wehe dem, der nichts träumt.

Michalina Woźniak träumt auch. Sie liest viel. Sie studiert Germanistik in Lublin, einer Stadt im Osten Polens. Sie findet ihre Helden in Büchern und ihr Gefühl in Dichtungen wieder. Ihre Lieblingsdichter sind Halina Poświatowska und Rafał Wojaczek.

In ihrem Kopf entstehen dann neue Geschichten. Manchmal sind diese himmelblau wie zartgesponnene Mädchenträume.

Ein blaues Zimmer und eine Matratze.

Ein runder Spiegel an einer Wand.

Aber sie sagt auch, sie trägt den Wahnsinn im Herzen und sie muss diesen bändigen. Ihre Dämonen im Kopf verdichten sich zu Bildern und werden alptraumartige Fiktion, die nun nicht mehr nur in ihrem Kopf existieren, sondern Auslass erhalten.

Michalinas Träume erinnern mich an meine Kindertage. Als man gemeinsam durch die Gegend stromerte und alte, verfallene Häuser entdeckte. Und, wer kennt das nicht, man denkt sich Geschichten aus. Ereignisse, die hinter den dunklen und zugewucherten Gemäuern gefangen sind. Spiegelbilder in den Fenstern, die zu Fratzen werden. Das Knarren von trockenem Holz, das im Kopf zu einer Bewegung wird und dort, liefen da nicht eben noch Kinder vorbei und glucksen und lachen über dich?

Ein altes Gemäuer mit grünblättrigen Bäumen davor.Ein altes, zugewuchertes Gemäuer.

Zwei Mädchen halten sich an den Händen und stehen im Wald.

Ihre Bilder sind ein angenehmer Gegenentwurf zur typischen träumerischen Mädchenfotografie, wie man sie allerorten häufig findet. Die Heldinnen ihrer Geschichten sind dunkel und vielleicht sogar böse. Sie erinnern uns an die tiefsten Geheimnisse aus unseren Träumen, die wir niemandem erzählen.

Die Gesichter der Mädchen bleiben oft verborgen. Versteckt hinter langem, strähnigem Haar oder verwischt und verzerrt wie ein Standbild, das nicht stillhalten möchte. Nur allein unsere Fantasie vermag ihnen Ausdruck verleihen.

Meine Lieblingsgeschichten sind diese, die manchmal innerlich zerstören und dich nicht schlafen lassen. Diese, die berühren – nicht alle sind schön, manche sind schrecklich und hässlich, aber echt. Du kannst an ihnen nicht vorbeigehen.

Michalinas Gespinste sind voller Weltschmerz. Irgendwo muss er eben hin, sagt sie und die Fotografie hilft ihr dabei, auszudrücken, was sie fühlt. Dabei ist es egal, ob digitale oder traditionelle Technik zum Einsatz kommt, beides ist hilfreich.

Ein Mädchen hockt auf dem Waldboden vor einem Kreuz.

Ein Mädchen steht im Wald vor einem selbstgebastelten Kreuz.

Es ist nicht verwunderlich, dass ihre Bilder in mir etwas auslösen. Dass ich inne halte und versuche, hinter das Bild zu schauen. Wer ist dort, wer ist dieser Mensch? Aber ich kann diese Frage nicht beantworten. Denn die Bilder des anderen bleiben ein Spiegel, in denen ich „nur“ mich selbst erblicke.

Aber sie kann auch ganz anders. Neben den düsteren Geschichten aus dem Wald gibt es auch mal farbenfrohe Momente und da knüpft sie wieder an das Mädchensein an, ans Träumen und Geborgensein.

Zwei Mädchen mit hübschen, geflochten Zöpfen sind von hinten zu sehen.

Michalina Woźniak ist jetzt 21 Jahre alt, vor fünf Jahren hat sie mit der Fotografie begonnen, da war sie 16. In diesen fünf Jahren hat sie sich eine eigene Sprache angeeignet, die hier und da ganz klar zum Ausdruck kommt. Aber sie befindet sich noch am Anfang und ich bin gespannt, wie sie sich weiter entwickeln wird.

Bist Du neugierig geworden? Noch mehr Bilder kannst Du auf ihrem Blog oder tumblr verfolgen und natürlich via Facebook.

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