Ein Mann ist als König verkleidet, trägt Sonnenbrille und tippt in seinem Handy.
30. Mai 2014

Im Reich der Zwerge

Im südlichen China, in der Nähe von Kunming, der Stadt des ewigen Frühlings, existiert ein Themenpark, der Heimat von 70 kleinen Leuten ist. Die Bewohner präsentieren zwei Mal am Tag eine Gesangs- und Tanzshow. Gegründet wurde dieses Land von einem großen, reichen Mann, der meinte, etwas Gutes tun zu müssen. Chinesische Wohltätigkeit, verkleidet in kommerziellen Kleidern.

Sanne de Wilde ist groß, blond und lebt als Belgierin in den Niederlanden. Sie hat diesen Park mit seinen Bewohnern dokumentiert. Sie begab sich auf ein Abenteuer mit einer Handvoll ethischer Fragen über die Kommerzialisierung der sozialen Betreuung.

Jede Geschichte hat zwei Seiten, aber an dieser Stelle schien jede Frage und jede Antwort widersprüchlich. Mein Abenteuer endete als modernes (Anti-)Märchen, eine Sammlung von Bildern, die ich gemacht hatte und die sie gemacht hatten. Mein eigener Trick wurde gegen mich selbst gewendet.

Ein Brautpaar lächelt in die Kamera und steht vor einem rosa Hintergrund mit Glitzereffekten.

Ein riesiger künstlicher Baum.

Ein Mann und ein Kind in gelber Kleidung laufen einen Weg entlang.

Zwei Männer sitzen auf dem unteren Bett eines Hochbettes und sehen auf einen Laptopbildschirm. Die Wände sind mit Postern tapeziert.

Vier große Kugeln liegen auf einer Wiese im Gegenlicht.

Eine Frau in blauem Anzug posiert für die Kamera vor einer Wand.Ein Mann im Hochzeitskleid posiert vor einer Wand für die Kamera.

Eine Frau sitzt nachdenklich auf einem Bett. Die Wände sind mit Postern tapeziert.

Eine Frau hält einen Blumenstrauß und trägt ein auffallendes rosa Kleid.

Zwei Männer in Uniform. Einer davon hält eine kleinwüchsige Frau auf seinem Arm, die in die Kamera lacht.

Ein Mann sitzt mit geschlossenen Augen am Boden in einem Zimmer.

Ein leeres Karussell.

Eine Frau steht in einer unaufgeräumt wirkenden Kammer und sieht ernst in die Kamera. Rechts ist eine Tür offen, durch die man einen Mann sieht.

Ein Mann, als König verkleidet, trägt eine Sonnenbrille und tippt auf seinem Handy.

S. im Wunderland

Die Geschichte nahm eine plötzliche Wendung, die ich nicht vorausgesehen hatte. Ich konnte nicht unbemerkt Fotos machen. Bevor ich überhaupt beginnen konnte, scheiterte ich bereits. Eine Tür schloss sich, aber zur gleichen Zeit wurde ein Fenster geöffnet. Als ein blondes, blauäugiges Mädchen aus dem Westen, verwandelten mich die Menschen in einen Charakter in ihrer eigenen Geschichte. Ich wurde Teil einer voyeuristischen Show, in der der Fotograf und die Fotografierten die Plätze tauschen.

Nicht nur die Touristen, sondern auch die kleinen Menschen nahmen mich in das Thema ihrer Fotografie und in einen Teil der Show auf. Fotografieren war Teil ihrer täglichen Routine, so dass sie glücklich waren, sie zu übernehmen. Ich war nicht mehr eine bloße Touristen-Fotografin. Ich sah nun durch ihre Augen und sah meine eigene Reflexion. Da mein voyeuristischer Trick auf mich selbst angewendet wurde, sahen wir uns gegenseitig als Gleiche, zumindest für eine Fotoweile.

Eine Gruppe von Touristen lässt sich mit den kleinen Bewohnern des Parks fotografieren. Im Zentrum steht die Fotografin mit rosa Sonnenbrille.

Ich versuchte, die „Untertanen“ des „Reichs“ zu verstehen. Bewaffnet mit westlicher Argumentation, dachte ich, dass ich dieses „unethische Konzept“ angehen kann, wie ich es wahrnahm, aber der persönliche Kontakt mit den Parkbewohnern entwaffnete mich bald. Die Zimmer, die sie sich teilten, waren schäbig und fensterlos, aber es wurde härter und härter, den Park einfach abzulehnen. Klare Antworten bekam ich nicht und am Ende blieb nur Verwirrung in meiner Suche nach Wahrheit. Diese Geschichte hatte zwei Seiten, wie das Gezänk eines siamesischen Zwillingspaars.

Mehr der Bilder findet Ihr auf Sannes Webseite. Hier gibt es auch eine kleine Vorschau auf das Buch, das bei ihrer Reportage in China entstand.

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2 Kommentare

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  1. So etwas gab es auch mal in einem »Freizeitpark« in Deutschland, schaut mal hier http://sz-magazin.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/40121.

    Ein Zitat:

    »Brigida Saar nennt den Park »pfälzisches Sibirien«, weil es sich angefühlt hat wie im Straflager. »Wir konnten nach der Arbeit nicht raus, ich hatte nicht mal einen Schlüssel zum Park.« Irgendwann hat sie gemerkt, dass sie einfach unter dem Zaun durchschlüpfen konnte, aber auch das hat ihr nicht viel gebracht: Wenn sie abends in die Stadt trampen wollte, haben die Leute sie einfach wieder im Park abgeliefert. »Die dachten, ich will ausbrechen.«

    Das ganze unfassbare Schauspiel ging bis Ende der neunziger Jahre.