01. April 2014 Lesezeit: ~9 Minuten

Im Gespräch mit Grit Schamass

Hoffentlich gibt es nicht allzu viele Hausstauballergiker unter Euch. Und falls doch, so hoffen wir zumindest, dass Ihr nicht auch allergisch auf Bilder von Staub reagiert. Diesen hat sich die Fotokünstlerin Grit Schamass nämlich als ungewöhnliches Motiv für ihre Werkreihen auserkoren.

Staub, Plural: Stäu·be, Stau·be (Deutsch)
Substantiv, m
Der Plural wird meist nur in technischem Zusammenhang verwendet und bezieht sich auf mehrere Arten von Staub, also einen Sortenplural. (Wiktionary)

kitchen tiles © Grit Schamasskitchen tiles © Grit Schamass

Hey, Grit. Super, dass Du Dir die Zeit für ein Interview genommen hsat. Erzähl doch mal: Wie hat das bei Dir angefangen mit der Fotografie und wie bist Du dorthin gekommen, wo Du heute bist?

Kunst hatte eigentlich schon immer eine große Präsenz in meinem Leben. Als Kind habe ich es geliebt, mit dem zu spielen, was ich in der Natur und der Wohnung gefunden habe. Und später habe ich mir aus ungewöhnlichen Dingen Spielzeug selbst gebaut. Etwas Eigenes erschaffen fand ich immer spannender als die fertigen Dinge nur zu benutzen.

Ich glaube, meine Eltern waren sehr glücklich darüber, dass ich ihnen nicht immer in den Ohren gelegen habe, auch diese Puppe oder jenes neue Pony aus der Fernsehwerbung haben zu wollen. Sie hatten nie viel Geld und mussten damit ja nicht nur mich, sondern auch meine sechs Geschwister versorgen. Das hat mich sicherlich geprägt, wir haben auch alles aufgehoben, was noch zu irgendetwas zu gebrauchen war.

white mystery © Grit Schamass

Im Kunstunterricht in der elften Klasse hatte ich dann eine Art Erweckungsmoment, als wir zum Thema Dadaismus Collagen aus Müll angefertigt haben. An sich war ich da natürlich schon in meinem Element, aber es war etwas Neues und Aufregendes für mich, aus Resten etwas zu machen, was erst einmal nur aus Selbstzweck existiert.

Was nur das Ziel hat, an einer Wand zu hängen, angesehen zu werden und keine Funktion oder weiteren Zweck haben muss. Aber im besten Falle trotzdem eine Botschaft. Ich habe von diesem Ansatz aus dann weitergearbeitet und viel mit Skulpturen und in den Raum ragenden Collagen gearbeitet.

wuthering heights © Grit Schamass

Um mein Studium an der Universität der Künste in Berlin zu finanzieren, habe ich auch eine Weile bei der Müllabfuhr gearbeitet. Da hatte ich dann einen schön parallelen Zugang zu meinem Arbeitsmaterial und kam auch mal aus dieser ganz hochgestochenen Gesellschaft raus. Leider haben die Arbeitszeiten oft mit meinen Vorlesungszeiten kollidiert, weshalb ich das nicht lange machen konnte.

Während meines Studiums habe ich dann gemerkt, dass mein bisheriger Weg gewissermaßen in eine Sackgasse führt. Das Konzept für meine Skulpturen war zu offen und es wirkte mir selbst immer stärker zu aufgesetzt, mir gezielt die verrückten und seltsamen Teile aus dem rauszufischen, was andere Menschen wegwerfen. Ich wollte etwas Allgemeingültigeres, weniger Ausgewähltes. Ich wollte meine Arbeiten viel stärker auf den Alltag stützen.

shapes © Grit Schamass

Und da bist Du dann irgendwann – im wahrsten Sinne des Wortes – über den Müll gestolpert, der uns wirklich ständig umgibt, nämlich Staub und anderen „Hausmüll“ aus den feinsten Poren unserer Wohnungen?

Genau, ich habe mich immer weiter vorgearbeitet, immer stärker verallgemeinert und denke nun, dass es – abgesehen von kosmischem Staub – kaum noch eine größere Ebene gibt, auf die ich mich begeben könnte.

Wichtig war für mich auch der Schritt weg vom Zusammensetzen des Materials. Inszenieren möchte ich schon, aber eher im Sinne der Darstellung der tatsächlichen Gegebenheiten, in spannendes Licht gerückt. Deswegen war für mich dann die Fotografie auch das Mittel der Wahl, weil ich ja Dokumentation und Kunst miteinander verbinden wollte.

Da das Medium für mich zu diesem Zeitpunkt ziemlich neu war, wollte ich so viel wie möglich darüber lernen und habe einige Praktika bei anderen künstlerischen Fotografen absolviert. Allerdings waren die eher ernüchternd, meistens war der Lohn dafür ziemlich mager und ich habe mehr Kaffee gekocht, Rechnungen kopiert und Büros geputzt als wirklich etwas Brauchbares gelernt. Die Namen nenne ich jetzt mal lieber nicht.

cobweb © Grit Schamass

Oh, das klingt ja nicht schön. Toll, dass Du trotzdem dran geblieben bist und wir nun die Früchte dieser Arbeit genießen dürfen. Hast Du eine konkrete Botschaft in Deinen Bildern?

Es geht mir vor allem um das Gefühl, das sich beim Betrachten entwickelt. Staub, Haare, Hautschuppen, Krümel und was sich so alles auf dem Fußboden, in den Ecken und Zwischenräumen findet, wird ja erst einmal eher mit Ekel betrachtet. Dabei handelt es sich um einen Mikrokosmos, der ein unverzichtbarer Teil des Lebenskreislaufes ist, in dem wir uns befinden.

Ich finde, dass diese Tatsache viel mehr Aufmerksamkeit und Achtung verdient. Ein so zentraler Bestandteil unseres Lebens wird geächtet und geschmäht – also stelle ich ihn in das Zentrum meiner Arbeiten. Und stelle die Frage, ob es dort nicht auch viel zu entdecken gibt, was uns entgeht, wenn wir diese Zeugnisse der Schöpfung am wöchentlichen Putztag mit einem Knopfdruck am Staubsauger so brutal aus unserem Sichtfeld entfernen.

black © Grit Schamass

Wie entstehen denn bei Dir neue Bilder, wenn das Motiv grundsätzlich immer das gleiche bleibt?

Ja, was Du da ansprichst, ist schon schwierig. Aber ich sehe das als Herausforderung. Man könnte sich immer ein neues Motiv suchen, sobald man sich mit einem kurz beschäftigt hat, aber dann arbeitet man meiner Meinung nach zu oberflächlich. Um tief in die Möglichkeiten eines Motives vorzudringen, muss man dranbleiben.

Und es ist ja auch wichtig, seine eigene oberflächliche Betrachtungsweise abzulegen. Auf Portraits sind auch immer nur Menschen zu sehen. Werden sie deswegen per se langweilig, wenn man schon mehrere davon gemacht hat? Mit Staub verhält es sich ebenso: Man muss die ganz persönlichen Unterschiede jedes Mal wieder erkennen und angemessen in Szene setzen.

city map © Grit Schamass

Du fotografierst analog und meistens schwarzweiß, warum?

Am Anfang habe ich nur digital gearbeitet. Das ist gut für die Lernkurve, aber von der Ästhetik her viel zu glatt. Gerade bei meinem Thema und meinen Protagonisten! Das organische Korn unterstreicht den ebenso zufälligen und über die Zeit gewachsenen Charakter der Motive ganz wunderbar.

Das Schwarzweiße wiederum bietet sich an, um auf das Wesentliche zu reduzieren. Insbesondere dann, wenn es keine besonderen farlichen Highlights in einem Staubkonglomerat gibt. Manchmal ist es ganz reizvoll, wenn zum Beispiel in einem Haushalt jemand rote Haare hat, diese Farbnuancen wiederzufinden. Aber im Allgemeinen ergibt sich nur ein Grau in Grau und dann ist man im Grunde schon bei schwarzweiß.

personal © Grit Schamass

Was machst Du, bevor Du auf den Auslöser drückst? Hast Du beim Arbeiten so eine Art Konzept?

Da ich immer seriell arbeite, steht am Anfang tatsächlich ein formales Konzept, das ich bearbeiten möchte. Zum Beispiel einzelne Dinge auf einer reinweißen Fläche zeigen, senkrecht von oben. Oder einmal die besonders großen Ballen in den dunklen Ecken zeigen, nah dran und formatfüllend.

Oder ich studiere, wie sich verschieden geformte Strukturen, die ja oft auch offen sind, in den Raum greifen, sich auflösen und neu zusammenfinden, in verschiedene Formate bringen lassen. Anschnitte ergeben eine ganz neue Wirkung, lassen einen Ballen größer wirken als er tatsächlich ist, weil die menschliche Wahrnehmung darauf getrimmt ist, das Sichtbare über den Rand hinaus fortzusetzen.

the straight line © Grit Schamass

Wie verhält es sich mit der Präsentation Deiner Bilder? Reicht Dir dafür das Netz oder möchtest Du auch eine haptische Erfahrung?

Das ist eine spannende Frage, denn die unterschiedlichen Stofflichkeiten von Staub, Haaren und Kleinkram äußern sich natürlich nicht nur in ihrem Aussehen, sondern ganz besonders in ihrer Haptik. Wer sich noch nie überwunden hat, einmal in ein solches Büschel hineinzugreifen und es ganz langsam zwischen den Fingern zu reiben, auf der Haut zu fühlen, kann das sicher nicht nachvollziehen.

Solange ich also über die Entfernung des Netzes hinweg nur Bilder zeigen kann, bleibt mir lediglich der Aufruf zu dieser seinserweiternden Erfahrung. Vielleicht wäre es ein spannender Ansatz für eine Ausstellung in der Zukunft, neben den Bildern auch Möglichkeiten zum Anfassen zu bieten.

white mystery © Grit Schamass

Dann könnte man an den Anfass- und Anschauungsobjekten auch noch eingehend die dreidimensionale Ausdehnung, ja, fast Bauart studieren. Was da passiert, ist ja beinahe Architektur en miniature, da gelten ja ebenso die Gesetze der Statik.

Erst einmal freue ich mich aber auf die Reaktionen der Menschen, die ich jetzt zusätzlich erreichen kann. Meine Fotografien über die Grenzen der Kontinente hinweg allen zeigen zu können ist ja etwas ganz Neues für mich. Vielleicht hat der Staub überall auf der Welt eine ganz ortstypische Konsistenz?

Liebe Grit, ich danke Dir sehr für diese Einsichten in Deine außergewöhnlichen Arbeiten!

Grit Schamass zeigt ein paar ausgewählte Werkreihen aus ihrem Schaffen im Portfolio auf Flickr. Ihre eigene Webseite ist noch in Arbeit.

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