17. Februar 2014 Lesezeit: ~3 Minuten

Blickfang: Obscura

Vor anderthalb Wochen bekam ich einen Liebesbrief. „Obscura“*: Ein Liebesbrief an die Lochkamera-Fotografie, geschrieben von fünf Frauen mit den verliebten Blicken von über 90 Fotografen. Dieser Brief ist ein Buch mit elf Kapiteln, abstrakten Blicken und Poesie – ein bisschen wie das Leben selbst.

Aufmerksam wurde ich auf das Buchprojekt, an dem die Macherinnen insgesamt über zwei Jahre arbeiteten, im letzten Mai über die dazugehörige Kampagne auf der Crowdfunding-Plattform Indiegogo. Seitdem wurden die Fotos für das Buch ausgewählt, der ganze Brocken gelayoutet, gedruckt und an die Unterstützer verschickt.

Es ist so dunkel.
Wir brauchen Licht.
Einen Sonnenstrahl, vielleicht.

Herausgekommen ist – wie meine Überschwänglichkeit wahrscheinlich schon angedeutet hat – mehr als nur ein Fotoband. Die Aufteilung des Buches in Kapitel mit Namen wie „Das Monströse“, „Die Verlockung“ oder „Die Wirrnis“ sorgt für neue Bezüge zwischen den in diese Kategorien eingeordneten Bildern.

Zu jedem Bild gibt es einige Zeilen Informationen zum Fotografen, Ort und Technik der Aufnahme. Dazu kommen eingestreute kleine Gedichte und ein Layout, das das großzügige Format angenehm luftig und ohne Schnickschnack nutzt, ohne in die Beliebigkeit so manch anderer aktueller Publikation zu verfallen.

Gleich das Titelbild von einer der Herausgeberinnen, Larissa Honsek, hatte es mir von Anfang an angetan. Und obwohl sich unter den restlichen 120 seltsamen, schönen, lustigen und verblüffenden Lochkamera-Aufnahmen viele andere finden, die ich mag, bin ich trotzdem an diesem Foto, „Untitled“, hängengeblieben.

© Larissa Honsek

Es ist nicht unter „Das Monströse“, „Das Diffuse“ oder gar „Das Unheimliche“ eingeordnet, sondern eröffnet das Kapitel „Die Verlockung“. Ein leuchtendes, glimmendes, auf langen Bahnen Funken versprühendes, zu allem Überfluss auch noch schwebendes Etwas aus Licht. Gelborangerot, in einem Nadelwald mit Schneeboden.

Ich erinnere mich an die alten Fragen aus den Philosophie-Unterrichtsstunden dieses Landes: Rauscht das Meer auch, wenn niemand zuhört? Macht ein im Wald umfallender Baum ein Geräusch, wenn niemand da ist, es zu hören? Und ich frage mich: Geschehen die Wunder auch, wenn niemand da ist, ihnen beizuwohnen?

Obwohl wir unseren Planeten überbevölkern, gibt es doch zum Glück noch so viel einsame, unbewohnte Fläche. Wiesen, Felder und Wälder, in die sich nur selten eine Menschenseele verirrt. Wenn sich also eine Delegation Außerirdische, ein Wesen aus einer anderen Dimension, eine spontane Zusammenballung von Energie oder einfach nur ein Riss in Raum und Zeit solch ein Fleckchen Erde für seinen Auftritt aussuchen würde – es ist, als wäre es nicht geschehen, weil wir nicht da waren.

Larissa Honseks Arbeit lässt mich einen solchen herbeifantasierten Moment mitansehen. Unwahrscheinlich natürlich, dass ich ihn einmal leibhaftig miterleben werde, ich warte nicht darauf, aber ich gebe zu: Das Kribbeln beim Gedanken daran ist das gleiche wohlige Kribbeln, das mich bei Streifzügen in die unberührte Natur begleitet. Und: Wer weiß.

 

Informationen zum Buch

„Obscura – 121 Blicke – 121 views“*
Verlag: Revolver Books
Auflage: 800 Stück
Seiten: 200
Sprachen: Deutsch, Englisch
Maße: 28 x 28 x 2 cm
Einband: Hardcover, gebunden
Preis: 39 €

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