29. Januar 2014 Lesezeit: ~4 Minuten

Wieso Zoom? Ich kann doch laufen.

Die Straße ist das mobilste Bühnenbild der Welt. Ein paar Schritte vorwärts und im Sucher der Kamera verschieben sich der Hintergrund und das komplette Mobiliar der Szene gegeneinander – die Laterne, die eben noch das Bild am Rand begrenzte, zerschneidet plötzlich die Szenerie in zwei Hälften. Lässt sich das für die Dramaturgie nicht nutzen oder ist sogar kontraproduktiv? Dann lauf weiter.

Street I © Peter Breuer

Straßenfotografie kann das antizipierende Flanieren eines Henri Cartier-Bresson, Brassaï, Alfred Eisenstaedt oder Robert Doisneau sein, die ihre bildnerischen Zufälle nicht bloß fanden, sondern sie sogar provozierten: Indem sie warteten, bis die Situation, deren Geschehen sie nur vermuteten, sich tatsächlich in dem Bildausschnitt ereignete, den sie als Bühne für ideal hielten.

Oder extremer noch – wie Lee Friedlander – der Schicht um Schicht überlagerte: Spiegelungen von Glas, Himmel und Chrom oder gestaffelte urbane Landschaften, die durch die Personen, die ins Bild traten, zur Erzählung wurden. Kontaktabzüge von Cartier-Bresson belegen, dass vor dem auf den Punkt genauen „decisive moment“, für den er bekannt wurde, auch etliche weniger entscheidende Augenblicke lagen.

Street II © Peter Breuer

Mit dem Erscheinen von Robert Franks Bildband „The Americans“ in 1958 änderte sich der Fokus der Straßenfotografie erstmals – vom genialen Einzelbild zum Denken in filmischen Serien, die sich von der Totalen in die Halbnahe bewegen und auch mit unterstützenden Bildern und Bildpaaren arbeiteten.

Street IV © Peter Breuer

Einer der konzeptionellsten Straßenfotografen der Fotografiegeschichte ist lediglich eine literarische Figur: Der von Paul Auster erdachte Auggie Wren ist der Besitzer eines Tabakladens in Brooklyn. Im von Paul Auster und Wayne Wang inszenierten Film „Smoke“ spielt Harvey Keitel jenen Auggie, der jeden Morgen die gleiche Kreuzung vor seinem Geschäft dokumentiert.

Ohne Rücksicht auf Komposition und Licht lässt er seine Fotografien der Kreuzung Atlantic Avenue und Clinton Street einfach „passieren“ und baut aus der schieren Monumentalität von 4000 Fotografien ein Zeitdokument, in dem Menschen sich auf dem Weg zur Arbeit begegnen, laufen, stolpern und zwangsläufig auch altern.

Street III © Peter Breuer

Was einen Straßenfotografen auszeichnet, ist seine eigene Unsichtbarkeit. In dieser Disziplin ohne Regieanweisungen ist es kein Nachteil, eine unscheinbare Erscheinung zu sein. Auffällig lange Teleobjektive verbieten sich ohnehin von selbst: Ein Straßenfotograf ist weder ein Sniper, noch ein Paparazzo, sondern lediglich ein Passant, der seine Augen durch eine Kamera ersetzt.

Es ist kein Zufall, dass die ideale Brennweite für viele Straßenfotografen zwischen 28 und 50 Millimetern liegt und nicht nur dem Vergrößerungsfaktor des menschlichen Auges, sondern auch dessen Fähigkeit zur Tiefenschärfe ähnelt. Mal ganz abgesehen von den Vorteilen verwacklungsfreier Aufnahme durch kürzere Objektivbauweise und höhere Lichtstärke.

Street V © Peter Breuer

Die gezeigten Fotografien entstanden 1987 mit einer zweiäugigen Rolleiflex auf Tri-X 400 Film von Kodak. Der Vorteil der zweiäugigen Kamera liegt in der Konzentration auf das leuchtende Bild der Fresnel-Mattscheibe, die man vor seinem Oberkörper trägt – die seitenverkehrte Abbildung entkoppelt dieses Bild noch weiter vom Augenblick und lenkt den Blick nur noch auf die Komposition.

Mit dieser Kamera ist es leicht, unsichtbar zu bleiben, ohne zum Voyeur zu werden. Für mich selbst habe ich einen ähnlich diskreten Charme von Technik erst viele Jahre später wieder mit einer Sony RX100 erlebt, die ich als stabiles, sucherloses Teil schätze, das in jede Hosentasche passt. Mit einer Chipgröße, die auch höhere ASA-Zahlen erlaubt.

Dass Bilder nicht nur nicht „gestohlen“ werden, sondern den Abgebildeten auch gezeigt werden können, ist natürlich im Digitalzeitalter ein Vorteil. Kein Fehler, wenn man zwar bei der Aufnahme unsichtbar war, während des Fragens aber so charmant wie möglich ist.

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18 Kommentare

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  1. Interessant finde ich es immer wieder, das man davon spricht unauffällig zu sein. Eine kleine Kamera sollte es sein, damit man nicht auffällt.
    Aber mir soll mal erklären wie das eben die alten Meister gemacht haben? Denn zu diesem Zeitpunkt hatten auch Touristen keine Kameras, wenn dann überhaupt nur wenige. Sprich die alten Meister sind aufgefallen wie rosa Elefanten mit gelben Tupfen.
    Insofern muss es also heute auch locker mit einer DSLR klappen. Ich persönlich hatte bis dato damit keine Probleme, wobei ich in den letzten zwei Jahren so gut wie nichts in diesem Bereich gemacht habe.

    Was die Fixbrennweite angeht, sie gehört schon seit langem zu meinen Lieblings Objektiven.

    Netter Bericht, danke dafür :)

    • An welche alten Meister denkst du dabei? Bereits in den 20ern gab es eine kleine kompakte Leica, die zum Beispiel Henri Cartier-Bresson nutzte. Auch die etwas größere Rolleiflex gab es schon, aber diese großen Plattenkameras, an die man denkt, wurden auf der Straße schon in dieser Zeit weniger genutzt.

      • Nein, ich meinte keine Plattenkameras, das wäre äußerst unpraktisch. Aber eine Leica M9 mit entsprechendem Objektiv ist nicht viel kleiner als eine DSLR.
        Und wenn ich z.B. an meine ehemalige Nikon FG denke, die ist genauso aufgefallen wie alles andere das ich bisher nutzte, selbst mein Handy.

        Ich bin mit der Fuji X20 (als ich sie noch hatte) genauso aufgefallen wie ich mit der Nikon D700 mit dem 50mm aufgefallen bin. Das wollte ich damit sagen. Und früher hatte ja kaum jemand eine Kamera, somit ist es vielmehr aufgefallen.

        So habe ich das zumindest bisher wahrgenommen.

    • Ich glaube das mit „nicht auffallen“ wird übertrieben. Es ist die Angst, die aus uns spricht.
      War es nicht Henri Cartier-Bresson, der sagte, – wenn das Foto nicht gut genug ist, dann warst du nicht nah genug dran?
      Strassenfotografie ist kein Voyeurismus, sondern oft eine Interaktion mit dem Objekt. Vielleicht sieht man den Fotografen nicht, aber wenn doch – das macht die Aufnahme nicht schlechter. Oft sogar besser.
      Es ist ein weit verbreiteter Irrtum, dass die Menschen es nicht mögen fotografiert zu werden. Wie werden Sie reagieren, wenn man ein Foto von Ihnen macht ? Sind Sie dann sauer?

      Ich glaube eine Person zu fotografieren ist wie ein Kompliment. Der Fotograf sagt, – du bist so aussergewöhnlich und interessant, dass ich ein Foto von dir machen will.
      90% der Menschen die ich auf der Strasse fotografiert habe waren nicht sauer, sondern eher geschmeichelt.

      …und die kleine Kamera ist nicht zum verstecken da. Sie ist einfach leichter zu schleppen ;)

  2. Sehr schöner Artikel! Zur Unauffälligkeit: da heutzutage in der Stadt pausenlos photographiert wird – mit Kamera, Smartphone, Tablet – fällt man eigentlich nur noch auf, wenn man sehr große Objektive verwendet; aber wer läuft mit solchen Röhren durch die Stadt (schon aus Gewichtsgründen). Ich verwende an einer Canon EOS 700D das EF 40mm f/2.8 STM mit einer Länge von 22,8mm (Pancake); da bleibe ich unauffällig.

  3. Zunächst einmal danke für den sehr guten Beitrag.
    Es ist in der Tat ein gewaltiger Unterschied, ob ich mit einer dicken DSLR unterwegs bin oder mit einer kleinen Leica oder einer Kamera mit Lichtschacht wie der Rolleiflex. Dabei ist der deutliche Größenunterschied nur ein Aspekt, ein weiterer ist das Auslösegeräusch. Ein dritter die Psychologie, denn Fotografen mit „altmodischem“ Gerät werden von der Masse kaum noch wahr-bzw. ernst genommen. Die Lichtschachtkameras bieten den Vorteil, das Bild komponieren zu können, ohne die Kamera ans Auge nehmen zu müssen.
    Viele Grüße, Pierre

  4. Schon öfter habe ich jetzt gelesen, dass Cartier Bresson und andere in ihren Kontaktabzügen beweisen, dass sie nicht nur das „eine“ Foto geschossen haben, dass dann meist als Symbol ihrer Arbeit seht, sondern auch andere, quasi vorbereitende Bilder, die dann natürlich in aller Regel nicht veröffentlicht wurden. Meine ich das nur, oder wird diese Tatsache meist leicht abwertend angemerkt?
    Ich finde, daran ist absolut nichts verwerfliches, sondern eher noch mehr das Talent und Genie festzumachen, die berühmten und legendären Szenen vorauszuahnen und vorzubereiten. Einem Sportfotografen wirft heute ja auch niemand vor, dass er zehn oder mehr Aufnahmen pro Sekunde durchballert, um das eine Titelbild zu bekommen.
    Ganz abgesehen davon ist das aber ein sehr schöner Artikel mit tollen Bildern!

  5. Ein guter Artikel, so machen Fotos Spass.
    Eigentlich ist es heutzutage gar nicht so schwer unbeobachtet Fotos zu machen. Irgendein großer Bahnhof, ein Bahnsteig, eine Bank und etwas Zeit (oder auch viel). Den Rest machen die Menschen. Hektikische Menschen gibt es überall.
    LG Jürgen

  6. hallo!
    ich möchte das klappdisplay an meiner lumix fz50 nicht missen; der blick nach unten nimmt der kamera irgendwie die aggressivität gegenüber den abzubildenden menschen. zum anderen ein kompliment für diesen sehr gut gemachten blog, der zum standardinventar meiner blogroll zählt.