24. Januar 2014 Lesezeit: ~ 2 Minuten

Geschichte der Bildbearbeitung

Bildbearbeitung wird oft argwöhnisch betrachtet. Man vermutet sie überall, manche Fotografen wollen ihre Arbeiten gern frei davon wissen und schauen etwas spöttisch auf die „Photoshopper“ herab. Dabei ist die Fotomanipulation so alt wie die Fotografie selbst.

Die Fotografie lässt sich nicht von der Manipulation lösen. Sie beginnt bereits mit der Entscheidung, jetzt in diesem Moment ein Bild zu machen und nicht eine Sekunde früher oder später. Sie geht weiter bei der Wahl des Bildausschnitts. Jedes Foto ist zwangsläufig begrenzt. Was ist rechts und links im Bild? Nur der Fotograf entscheidet, was ein- und was ausgeblendet werden soll.

Auch durch die Wahl der Kamera, des Objektivs und des Films verändert sich ein Foto. Entscheidet man sich für einen Schwarzweißfilm, retuschiert man die Farben aus der Welt. Fuji oder Kodak? Beide geben die Farben unterschiedlich wieder und die Tonwerte verändern sich beim Entwickeln des Films natürlich auch.

Es gibt noch so viele Faktoren aufzuzählen, die ein Bild verändern, aber darum soll es hier gar nicht gehen. Halten wir einfach fest: Die Fotomanipulation ist untrennbar mit der Fotografie verbunden. Aber natürlich kann man jedes Bild mehr oder weniger manipulieren.

Interessant wird es bei der Suche nach der bewussten Veränderung des bereits fertigen Bildes.

Bereits 1855 begeisterten das Publikum der zweiten Weltausstellung in Paris zwei Versionen des gleichen Portraits. Ein deutscher Fotograf zeigte die Möglichkeiten der Retusche und machte die Fotografie damit noch beliebter.

Möglichkeiten gab es viele. So wurden zum Beispiel verschiedene Negative übereinandergelegt und belichtet oder komplett neu zusammengesetzt, wodurch völlig neue Kompositionen entstanden – wie etwa Köpfe auf fremden Körpern. So geschehen um 1860 mit US-Präsident Abraham Lincoln, dessen Kopf auf den Körper des Politikers John Calhoun montiert wurde.

Abraham Lincoln mit falschem Körper ca. 1860

1908 erschien das Buch „Complete Self-Instructing Library Of Practical Photography“ von J. B. Schriever. Darin wird zum Beispiel das Bemalen des Negativs erklärt. Mit dieser Methode konnten sogar geschlossene Augen wieder geöffnet werden. Aber auch Kapitel wie „Radieren von dicken Hälsen“ oder „Richten von schielenden Augen“ zeigen, dass Schönheitsretuschen bereits Anfang des 20. Jahrhunderts durchaus gängig waren.

Illustration Nr. 33 aus Complete Self Instructing Library of Practical Photography width=

Die Anleitungen des Buches gehen aber weit über die einfachen Schönheitskorrekturen hinaus. Auch ganz surreale, künstlerische Bilder werden thematisiert, wie zum Beispiel die Verwandlung eines Portraits in eine Büste.

Illustration Nr. 36 aus "Complete Self Instructing Library of Practical Photography"

Neben diesen Retuschen und künstlerischen Bearbeitungen gab es aber auch sehr früh schon Bilder, die bewusst täuschen sollten, wie die Cottingley-Feen von 1917. Auf uns wirken die Feen, die auf den Bildern vor den Kindern tanzen, sehr unecht. Anfang des 20. Jahrhunderts lösten sie jedoch Begeisterung und eine neue Welle des Feenglaubens aus.

Nicht zuletzt, da die Fotos untersucht und als echt bewertet wurden. In Wahrheit handelte es sich jedoch bei den Feenwesen um ausgeschnittene Kartonbilder. Die Fotos zeigen also keine nachträglichen Bildmanipulationen, logen aber dennoch.

Früh gab es bereits die politisch motivierte Bildmanipulation. Stalin und Lenin zum Beispiel ließen oft unliebsam gewordene Menschen nachträglich aus den Fotos retuschieren. 1920 hielt Lenin eine Rede in Moskau. Leo Trotzki und Lew Kamenew standen im Originalbild auf den Stufen des Podestes. Auf dem retuschierten Foto wurden beide übermalt und durch Holzstufen ersetzt.

Lenin 1920

Ob böswillige Täuschung oder gängige Retusche – die Möglichkeiten waren bereits kurz nach der Erfindung der Fotografie vielfältig. Was möglich war, wurde probiert, nicht zuletzt durch die Surrealisten Anfang des 20. Jahrhunderts. Heute sind die Möglichkeiten dank der digitalen Fotografie oft einfacher umsetzbar.

Dass getäuscht werden kann, heißt natürlich nicht, dass man es tun muss. Nicht zuletzt bei Dokumentationen und Nachrichtenbildern ist das Thema Manipulation umstritten. Man denke nur an das Siegerbild des World Press Photo Award 2013, dessen Dramatisierung durch einfache Lichtveränderung starke Empörung auslöste.

 

Quellen:
• Sonntag, Susan: Über Fotografie. Frankfurt am Main 2010.
• http://chestofbooks.com/arts/photography/Practical-Photography-2/Chapter-XXXIII-Lesson-XXIV-Opening-Closed-Eyes.html [Stand: 21. Januar 2014]
• http://www.fourandsix.com/photo-tampering-history/ [Stand: 21. Januar 2014]
• http://einestages.spiegel.de/static/topicalbumbackground/2344/finden_sie_die_fehler.html [Stand: 21. Januar 2014]
• http://www.rhetorik.ch/Bildmanipulation/Bildmanipulation.html [Stand: 21. Januar 2014]

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28 Kommentare

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  1. Sehr schön dass du wieder ein bisschen mehr die Geschichte-Kiste öffnest. Das ist total spannend, und es gibt so viel zu erzählen :)
    Wirklich eine gute Rubrik und gerade mit den kunsthistorischen Bezügen eine schöne Abwechslung zu den üblichen Artikeln.
    Danke!

  2. Schön das das mal aufgezeigt wird, ich habe das ja schon oft angeprangert.
    In den ersten drei Absätzen verwechselst du leider Interpretation mit Manipulation Katja :) Bildausschnitt, Zeitpunkt, Film, Werkzeug Wahl etc. sind keine Manipulation in meinen Augen, sie sind Bestandteil der Interpretation einer Szene, eines Objektes.

    • Die Grenzen sind sicher in manchen Arbeiten nicht klar und befinden sich in einer Art Fluss. Grundsätzlich steht am Anfang eine bestimmte Interpretation, durchaus ist es aber so, dass etwa durch bewusste Ausschnitte, z.B. das Weglassen von für den Gesamteindruck wichtigen Szenen, die Aussage des Fotos in eine bestimmte Richtung lanciert wird und somit eine Manipulation vermutet werden kann. Eventuell war das Katjas Ansatz.

  3. Ein “wirklichkeitsgetreues” Photo gab und gibt es nicht. Damit muss man sich abfinden. Dann sieht man Photos auch mit anderen Augen und das ist gut so.
    Interessanter Artikel.

  4. Das Buch von J. B. Schriever hätte ich ja zu gerne. Schön das Thema hier mal ein wenig aufbereitet zu sehen. Das löst sicher ein paar Vorurteile, auch bei mir. Und, es ist zwar alles erlaubt aber es muss nicht immer alles gefallen ist mein Fazit :)

  5. Toller Einblick. Was damals schon möglich war…

    Die Frage ist doch, ob durch Bearbeitung eine Bildaussage hervorgehoben, erschaffen oder verfälscht wird. Letzteres ist das Kritischste, weil getäuscht werden kann/soll, kann aber schon bei der Aufnahme durch Zeitpunkt, Ausschnitt, Winkel, Belichtung etc. eingeleitet werden.

  6. Nur das damals Bildbearbeitung noch etwas mehr Handwerk war. Da gings nicht mal eben mit nem Mausklick zurück um es neu zu probieren. Heute würden da wohl einige Laptops und Rechner aus dem Fenster fliegen, wenn es diese technischen Vorteil nicht gäbe. :-)

    • Es wird auch damals Versuche gegeben haben, die für die allseites beliebte „Tonne“ waren. Bildbearbeitung an sich ist eine Technik, die sehr vielseitig eingesetzt werden kann, auch heute noch. Beispiele handwerklicher Rafinesse gibt es zuhauf, ich lasse hier mal den Namen Uli Staiger fallen.

  7. Sehr gut, dass an dieser Stelle darauf hingewiesen wird! Alle, die früher schon analog gearbeitet haben wissen um diese Möglichkeiten. Mit Photoshop geht es nur schneller….
    Ergänzend dazu: 1857 hat Oscar Gustave Rejlander in “Two Ways of Life” ein Tableau Vivant aus wahrscheinlich bis zu 30 Negativen geschaffen.
    Also, macht weiter so, ein bisschen Theorie und Geschichte kann uns nicht schaden.
    Gruß Christiane

  8. Blogartikel dazu: Wochenrückblick #72 » ÜberSee-Mädchen

  9. Blogartikel dazu: Retusche: Nachbesserung? Manipulation?

  10. Blogartikel dazu: "Was ist das noch wert?" – das Bild im digitalen Wandel

  11. Sehr schöner Artikel, der mal weg von Qualitätsfotos der heutigen Zeit mit ihren perfekten Bildern geht und die die Geschichte, wie wir sie aus Geschichtsbüchern kennen, nochmal aufbereitet. Als Schulkind habe ich mich sehr für die Bilder in den Schulbüchern interessiert, die aus vergangenen Jahrhunderten zum Printdruck sichtlich hervorgehoben waren. Aber solche Bilder lassen die Geschichte nochmal sinnbildlich vor Augen führen.