18. November 2013 Lesezeit: ~5 Minuten

Blickfang: The Hard Way

Das Leben ist verdammt hart. Aber auch verdammt schön.

So könnte man zusammenfassen, was man in den Bildern von Vitas Luckus sehen kann. Und dass man sie heute überhaupt sehen kann, ist eine große Sache, denn Vitas Luckus war ein „verbotener“ Künstler.

Der litauische Fotograf lebte von 1943 bis 1987, wurde also gerade einmal 44 Jahre alt. Ich weiß wirklich nicht mehr, woher ich den Bildband „The Hard Way“* habe, wahrscheinlich einfach ein glücklicher Flohmarktfund und Spontankauf.

Der Band präsentiert eine Auswahl des fotografischen Lebenswerkes, das vom Künstler selbst noch kurz vor seinem Tod zusammengestellt wurde. Seine Frau hat die Arbeit am Buch danach weiter betreut.

Vitas Luckus hat das Leben in seinem Heimatland Litauen und Ländern wie Aserbaidschan, Estland und Georgien, die er bereiste, in seiner rohen Form festgehalten. Straßenszenen, Freunde und Fremde in ihren Wohnungen. Kinder beim Spielen und Erwachsene bei gesellschaftlichen Anlässen.

Dabei hat er immer versucht, den Ausdruck der absoluten Wahrheit ins Zentrum seiner Bilder zu rücken. Herkömmliche Kompositionen und Gestaltungsrichtlinien hat er gnadenlos über Bord geworfen, denn er sah sie als Hürden auf dem Weg zum wahren Realismus.

Er wollte seine fotografische Sprache perfektionieren. Dieses Ziel verfolgte er hartnäckig und experimentierte sowie übte dadurch mit schier unerschöpflicher Energie. Vielleicht hatte er damit die Energie für sein ganzes Leben schneller verbraucht als andere.

In fact he regarded photography as a laconic language for communicating many things simultaneously. In order to say everything he wanted, he aimed to master it perfectly.

Aber:

The world seemed to open up and speak to him without a medium; it was speech itself. […] The Baltic wind shaking petals and blowing sweepings […] says a lot to those wo can listen. This was a shock to Luckus. It was not he who had something to say to the world – he merely had to listen, and his purified language was only necessary for asking his questions correctly.

Vitas Luckus - The Hard Way © Aileen Wessely

Gemein ist fast all seinen Fotos, dass die Lebensfreude in den Gesichtern die ebenfalls sichtbare Traurigkeit überwiegt. Beides ist wahrzunehmen, oft auch die Härte der Umstände, in denen die Menschen leben. Aber sie lieben ihr Leben von ganzem Herzen.

Sie sind einfallsreich: Einige Männer spielen wie oben zu sehen trotz und mit Krücken Eishockey. Ein anderer Mann lässt sich von einem Handtrockner den Mundraum fönen. Paare tanzen ausgelassen in kargen Räumen. Dreckige Hände verrichten Feldarbeit.

Und fast alle von ihnen lachen in die Kamera. Einige scherzen miteinander. Die Zuversicht quillt aus allen Ritzen, durch die auch der Wind pfeift. Die Lebenslust spricht aus den Zahnlücken, durch die auch das nur selten üppige Essen rutscht.

Vitas Luckus‘ Witwe Tanya Luckiene hat dem Buch folgendes Zitat von Jelena Sergejevna Bulgakova vorangestellt, das in Worte fasst, was man in Vitas Luckus‘ Fotos sehen kann:

In spite of everything, in spite of the fact that there were dark clouds, horrifying clouds, if you were to suggest that we led a tragic life I would react by saying that we didn’t. It was the most beautiful and buoyant, the most joyful life you can imagine. The world has never seen a happier woman that I was at the time.

So wurde Vitas Luckus von energischen Menschen, dynamischen Situationen und der Lebensfreude der Welt an sich angezogen. Für seine Art, diese Bilder aufzunehmen, gab es nur keinen Raum in der damaligen Kunstszene, weshalb er ins Abseits geriet.

Zu seiner Lebenszeit gab es nur zwei Ausstellungen seiner Arbeiten in Litauen. Seine erste internationale Publikation im tschechischen Magazin „Photography Review“ wurde zum Skandal, sodass die gesamte russische Auflage eingestampft wurde.

Heute gibt es über Vitas Luckus nicht einmal einen deutschen oder englischen Eintrag in der Wikipedia und nur die eine Buchveröffentlichung. So stark wirkt die Unterdrückung der Verbreitung seiner Bilder also immer noch nach. Das sollte sich ändern. „The Hard Way“ ist gebraucht für 10 – 20 € zu haben. Also los.

Informationen zum Buch
„Vitas Luckus, Photographer, Lithuania 1943 – 1987. The Hard Way“
Seiten: 144
Abbildungen: 116, schwarzweiß
Sprache: Englisch
Vorwort von Laima Skeiviene, Biografie, Nachwort von Herman Hoeneveld
Verlag: Edition Stemmle

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