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04. November 2013 Lesezeit: ~3 Minuten

Blickfang: France, June 6, 1944

Robert Capa. Kennt Ihr diesen Namen? Falls nein: Er wäre letzte Woche 100 Jahre alt geworden. Capa war der Kriegsfotograf seiner Zeit, Mitgründer der Fotoagentur Magnum Photos und ein unverbesserlicher Frauenheld. Heute stelle ich ein Foto von ihm vor, das mich schon lange beschäftigt.

Dabei handelt es ich um ein Bild, das der gebürtige Ungar Robert „Bob“ Capa am 6. Juni 1944  fotografierte, als die ersten amerikanischen Streitkräfte an der Küste der Normandie eintrafen, um Frankreich zu befreien.

France, June 6, 1944 © Robert Capa

Ich sehe amerikanische Soldaten, wie sie vollgepackt zur Küste rennen. Das Wasser schäumt auf und mein Blick fällt zuerst auf den letzten Soldaten, dem das Wasser noch bis zu den Oberschenkeln reicht. Des öfteren habe ich mich gefragt, ob dem Mann eine Hand fehlt, aber dafür wäre der Arm zu lang.

Ich frage mich, was wohl in den Soldaten vor sich geht. Sie werden aufgeregt sein, Herzklopfen haben und vielleicht hoffen, nicht schon in den ersten Sekunden zu sterben. Das Adrenalin pumpt sich in Bahnen durchs Blut und mit dem Sprung ins Wasser ist erst einmal alles davon durchdrungen.

Es ist 6.30 Uhr (GMT+2) morgens. Das Wasser ist kalt und so auch der nahende Tod. Hat man vielleicht vorher noch gescherzt oder voreinander geprahlt, hört hier der Spaß auf. Auf der anderen Seite sind deutsche Soldaten. Es ist der Feind, dem Einhalt zu gebieten ist.

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Den Fotografen sieht man bekanntlich nicht. Aber sein Standpunkt verrät, dass er sich nicht auf den Schiffen verkriecht, sondern sich mitten ins Geschehen begibt. Und sich somit auch der Gefahr aussetzt, selbst im Getümmel als Soldat erkannt und von den Schützen per Kopfschuss getötet zu werden.

Doch das ist kein Zufall. Während sein Kollege George Rodger an Land an einem ruhigen Strand fotografierte, entschied Capa, mit zwei Contax-Kameras bestückt bei der allerersten Welle der Amerikaner in „Omaha“ dabei zu sein, die zu den blutigsten gehörte. 2000 amerikanische Soldaten sollten dort fallen.

Von den 106 Aufnahmen der blutigen Schlacht blieben jedoch nur 8 übrig1. Capa war im Auftrag des LIFE Magazines vor Ort, dessen Dunkelkammer-Assistent so aufgeregt war, dass er den Trocknungsprozess durch die Anhebung der Hitze beschleunigen wollte und somit fast alle Aufnahmen zerstörte. Capa erfuhr eine Woche später davon, jedoch drohte er dem Magazin überraschenderweise die Kündigung an, sollten sie den Assistenten feuern.

Eine dieser Aufnahmen ist das oben gezeigte Foto. Als Life die Aufnahmen veröffentlichte, wurde die Qualität der Bilder damit erklärt, dass Capa durch die Hitze der Schlacht wohl nicht richtig fokussieren konnte. Was Capa wiederum so stinksauer machte, dass er seine Autobiografie provokant „Slightly Out Of Focus“* nannte.

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Robert Capa, geboren am 22. Oktober 1913 in Budapest, starb am 25. Mai 1954 in Thai-Binh, als er auf eine Mine trat. Er gilt bis heute als einer der bedeutendsten Fotografen und hinterließ ein Erbe von 70.000 Negativen.

Informationen zum Bildband

„Robert Capa: The Definitive Collection“*. 572 Seiten, 937 Abbildungen, Englisch. Erschienen am 1. November 2004, Phaidon Press. Preis: 39,95 €. Größe: 4,3 x 24,8 x 24,8 cm.

1 Meine Quellen unterscheiden sich in der Aussage. Russel Miller spricht in der Magnum-Biografie von 8 geretteten und 106 gemachten Aufnahmen, Capa-Biograf Whelan spricht im angepriesenen Band von 11 gerretteten und 72 gemachten Aufnahmen.

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7 Kommentare

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  1. Interessanterweise verheimlichte man den Laborfehler auch erstmal Capa gegenüber und sagte ihm, in die Kamera eingedrungenes Salzwasser habe die Bilder zerstört.

    Capa hatte das Talent, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein und in Extremsituationen zu funktionieren. Ob er jetzt wirklich ein guter Fotograf war, darüber kann man sich – meiner Meinung nach – streiten. Aber er war einer der Ersten seiner Art.
    Seine Maxime, „If your photographs aren’t good enough, you’re not close enough“, sollte zum Leitspruch der aufkommenden, humanistischen Konfliktsfotografie werden. Ich habe mich in meiner Bachelorarbeit mit diesem Thema auseinandergesetzt und mit Capa und Nachtwey die zwei Großen verglichen, wofür ich knapp 1.000 Fotos der beiden Fotografen analysiert habe (Capa: Definitive Collection und Nachtwey: Inferno).

    Doch gerade wenn man Whelans Capa-Compilation durchblättert merkt man eines: Das Wort „Kriegsfotograf“ genügt ihm nicht, lässt es sich doch nur auf gut zwei Drittel der Bilder des Bandes anwenden. So wie Ansel Adams nicht nur Landschaften fotografierte zog Capa auch zu Friedenszeiten los um Reportagen zu machen. Er besuchte so das Saarland, Russland und Japan. Auch seine Zeit in Hollywood, die ihm schlussendlich wohl eher geschadet als genutzt hat, zeigt einen anderen Capa.

    Was ich an Capa bestechend finde und was ihn trotz oder gerade wegen seines sagenumwobenen und selbstgestrickten Mythos’ ausmacht ist, dass er – soweit man es nachvollziehen kann – immer menschlich geblieben ist.

  2. Wow. Beeindruckendes Foto. Vielen Dank für die Vorstellung.

    “ Capa erfuhr eine Woche später davon, jedoch drohte er dem Magazin überraschenderweise die Kündigung an, sollten sie den Assistenten feuern.“

    Sehr sympatisch der Capa. Toll.

  3. Ich habe mal irgendwo gelesen, dass der Assistent Larry Burrows gewesen sein soll, der selbst Photojournalist wurde und dann in Vietnam bei einem Hubschrauber Absturz ums Leben kam.
    Leider wurde Capa hauptsächlich durch seine Kriegsbilder berühmt, die er durch ausserordentlichen Mut erreichen konnte – sehr gut in „Slightly out of focus“ nachzulesen.
    Kürzlich tauchten auch Farbaufnahmen von ihm auf.
    http://www.theguardian.com/artanddesign/2013/dec/14/robert-capa-colour-exhibition-new-york