09. Oktober 2013 Lesezeit: ~3 Minuten

Blickfang: WC im OG

Frank Kunerts Fotografien kleiner Welten haben wir Euch bereits im letzten Jahr präsentiert. Aus seinem ganz neuen Bildband namens „Wunderland“* möchte ich Euch nun mein Lieblingsbild genauer vorstellen.

Im Bild „WC im OG“ findet sich fast jede Facette von Kunerts Arbeiten wieder, die sie so besonders machen. Etwa seine Beobachtungsgabe für eigentümliche und typische Details, die Hand in Hand mit seinen erstaunlichen und fantasievollen Fähigkeiten des realistischen Modellbaus geht.

Graubrauner Putz, der hier und dort schon abgeplatzt ist und notdürftig repariert wurde. Der in vielen öffentlichen Gebäuden typische Wandanstrich mit einer dunkleren Farbe bis auf halbe Höhe. Ein unscheinbar neben dem Durchgang angebrachter, bereits überlaufender Mülleimer. Von Metallgriffen abblätternde Farbschichten.

WC im OG © Frank Kunert

Diese Details machen die sonst eher sterile Szene realistisch und tricksen unser Gehirn und seine normalen Wahrnehmungsschemata aus. Evolutionsbedingt sind wir darauf trainiert, nach dem ersten Blick schon eine Einschätzung des Gesehenen abzugeben. Bei Kunerts Arbeiten heißt das erst einmal: Foto einer tatsächlichen Szene.

Auf diese Wahrnehmung folgt – nicht nur bei „WC im OG“ – der Schreck: Was, das gibt es wirklich? Toiletten, die nur über Klettersprossen über Kopf erreichbar sind? Inklusive einer Rampe für Rollstuhlfahrer, die ganz ordentlich bis an die Sprossen heranführt und zusätzlichen, großen Haltegriffen rechts und links der Tür.

Durch diese makabere Übertreibung im Modell werden Parallelen zu tatsächlichen Beschwerlichkeiten deutlich, denen wir im Alltag begegnen. So ganz in unseren Trott versunken, nehmen wir sie aber allzu oft als gegeben hin, leben mit ihnen und um sie herum, ohne ihre unsinnige, eigentlich lebenserschwerende Existenz noch wahrzunehmen.

Spätestens, wenn tatsächlich betroffene Mitmenschen dann einen Schwank von ähnlich absurden, unüberwindbaren, aber real existierenden Arrangements zum Besten geben, wird klar, dass Kunerts Arbeiten nur oberflächlich lustig sind. Darunter liegt eine Ebene ernster Gesellschaftskritik.

Auch der Buchtitel „Wunderland“ spielt wieder mit den Erwartungen des Betrachters und Lesers. Klingt das nicht nach Schlaraffenland, Paradies, sorgenfreiem Leben? Hier ist es ein Land, in dem man sich über so einiges wundert. Dieses und viele andere Wortspiele zwischen Titel und Bild laden ein, Szenen aus immer neuen Winkeln zu betrachten und Gewohntes in Frage zu stellen.

In diesem Bildband sind 24 neue Arbeiten zusammengefasst, die auf die eine oder andere Weise um die Ecke gedacht sind, einen doppelten Boden haben, mit Redewendungen oder Formulierungen spielen. Dazu gibt es ein langes und lesenswertes Vorwort, bebildert mit Fotos, die Frank Kunert bei der Arbeit an seinen Modellen im Studio zeigen.

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Informationen zum Band

Gebundene Ausgabe, 72 Seiten, 24 Farbabbildungen, 6 Schwarzweißfotos. Essay von Elizabeth Clarke auf Deutsch und Englisch. Erschienen im Herbst 2013 im Verlag Hatje Cantz. Preis: 16,80 €. Größe: 22,4 x 22,4 x 1,2 cm.

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