23. September 2013 Lesezeit: ~3 Minuten

Blickfang: Ruine der Kirche von El Carmen Antigue

Eadweard Muybridge war ein Pioner der Fotografie und der fotografischen Technik: Schon in den 70er und 80er Jahren des 19. Jahrhunderts machte er Aufnahmen, die bis in die heutige Zeit als richtungsweisend gelten können und zwar in den unterschiedlichsten Genres.

Portraits, Studien von Bewegungsabläufen von Tieren und Menschen, die er später mit einem sogenannten Zoopraxiskop in kleine, auf Leinwände projizierte Filme verwandelte. Die zum Teil auch als in Endlosschleifen abspielbare Serien konzipiert waren – man könnte fast behaupten, er habe die moderne GIF-Datei erfunden, die heute überall im Internet zum Einsatz kommt – vor allem aber auch viele Landschafts- und Stadtaufnahmen, mit und ohne Menschen. Einige der Bilder dürfen gar als frühe Straßenfotografie betrachtet werden.

Ruine der Kirche von El Carmen Antigue © Eadweard Muybridge

Viele seiner Bilder zeigen dabei auch, was wir heute „Making Of“ nennen würden. Es ist die Präzision und Leidenschaft zu erkennen, mit der er zu Werke geht, wenn er etwa in einer kleinen Felshöhle im Yosemite Valley ein „fliegendes Studio“ einrichtet und dort in verschiedenen Kisten unter anderem die Chemikalien zu sehen sind, mit denen er arbeitet.

Das Foto „Ruine der Kirche von El Carmen Antigue“ von 1875 aus dem Band „Eadweard Muybridge“* des Verlags Phaidon ist Teil einer Serie, für die der Fotograf ein halbes Jahr in Mittelamerika verbracht hat. Sein besonderer Fokus galt dabei verfallenen Kirchen aus der spanischen Kolonialzeit.

Es ist unter den Bildern, die ich von Eadweard Muybridge kenne, eher ein ungewöhnliches Motiv: Einzelne Gebäude fotografierte er sonst öfter in Kombination mit Menschen, an Bauwerken scheinen ihn eher die Strukturen zu interessieren. So sieht man oft etwa Hausdächer und Städte von oben.

Das Bauwerk ist fotografisch nicht sonderlich subtil oder gar originell in Szene gesetzt: Quadratische Aufnahme, wenig Platz an den Rändern, eine Perspektive von schräg vorn. Der Betrachter scheint fast vollständig durch die Augen des Fotografen auf die Szene zu blicken und sieht dennoch alles.

Und trotzdem ist es ein majestätisches, ein mächtiges Bild, was natürlich nicht nur für das atemberaubende Motiv gilt, sondern gerade auch dann, wenn man die Präzision und Leidenschaft bedenkt, mit der dieser Fotograf mit Hilfe der begrenzten Mittel seiner Zeit gearbeitet hat.

Auch 138 Jahre und viele, viele Generationen von technischen, konzeptuellen und kulturgeschichtlichen Revolutionen im Bereich der Fotografie später, kann man eigentlich nicht mit Überzeugung behaupten, dass heute jemand ein besseres Bild von dieser Kirche machen würde. Vielleicht ein experimentelleres, aber kein zeitloseres und gerade das beeindruckt mich an dieser Aufnahme sehr: Sie ist ein sehr altes Stück Fotografiegeschichte und wirkt trotzdem in keiner Weise veraltet.

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