18. September 2013 Lesezeit: ~2 Minuten

Blickfang: Der rote Bulli

Stephen Shore ist der Urvater der unaufgeregten Abbildung amerikanischer Gewöhnlichkeit. Er war seinerzeit einer der Pioniere, die mit ihren dokumentarischen Arbeiten die Farbfotografie jenseits von Mode und Werbung etablierten.

Kristallklar ist sein Blick auf die müde Realität amerikanischer Zwischenstädte, die zerfransten Vororte, die versiegelten Landschaften einer Zeit, in der das Automobil noch unumstrittenes Vehikel für den amerikanischen Traum war.

Wir stehen auf der linken Seite einer von roten Backsteinhäusern gesäumten Straße und schauen auf die Kreuzung einer – die vergleichsweise niedrige Bebauung deutet darauf hin – Kleinstadt in der amerikanischen Provinz. Ein ungewöhnlich gewöhnlicher Ort. Laut Bildunterschrift handelt es sich um den Ort Easton im US-Bundesstaat Pennsylvania, aufgenommen vor fast 40 Jahren am 20. Juni 1974.

Die Perspektive ist unaufgeregt und klar. Der Fluchtpunkt liegt in etwa auf dem unteren linken Kreuzungspunkt des Bilddrittelrasters. Dadurch wirkt der Bildaufbau simpel und ausgewogen, fern von jeglicher Effekthascherei.

Der rote Bulli © Stephen Shore

Ins Auge springt das auf der gegenüberliegenden Seite der Kreuzung geparkte Auto – ein roter Bulli. Auf den ersten Blick scheint das Bild menschenleer, doch bei genauerer Betrachtung entdeckt man den Jungen am Fenster hinter dem Bulli. Mit dem Rücken zum Fenster sendet er seine Aufmerksamkeit über die Schulter nach draußen. Sein Atem kondensiert an der Scheibe und verschleiert seinen skeptischen Blick auf den Fotografen.

Überhaupt wird der eigene Blick hier regelrecht durch den Raum des Bildes spazieren geführt, vorbei an all den fabelhaften Details und ihren kleinen Geschichten. „Das Foto ist eine Welt für sich, in der der Betrachter herumwandern und sie für sich entdecken kann“, so Shore.

Der Detailreichtum des Bildes rührt vom Aufnahmeformat her. Shores eigener Aussage zufolge ist dies das erste Bild, das er mit einer 8×10-Großformatkamera machte und justament festellte, dass er damit schließlich das richtige Werkzeug für seine Art der Fotografie gefunden hatte.

Das Bild ist „Uncommon Places“* entnommen – einem Bildband, der Shores komplettes Werk in sich vereint und empfehlenswert ist für alle, die gern ins Weite blinzeln, sich dabei an eine alte Gegenwart erinnern und von einer längst vergangenen Zukunft träumen.

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