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09. September 2013 Lesezeit: ~4 Minuten

Blickfang: Snow, 1960

Ich bin der Meinung, dass man von guten Fotos nie genug bekommen kann. Und deshalb stelle ich Euch heute ein Bild vor, das an anderer Stelle schon einmal gezeigt wurde. Denn es schließt den ersten Teil der Reihe Fantastische Bildbände zur Straßenfotografie ab, nämlich mit dem Bildband „Saul Leiter“ aus der Photofile-Reihe.

Jedoch ist die Abbildung dieses Blickfanges nicht dem kleinen Bändchen entnommen, sondern dem zweisprachigen Band „Saul Leiter: Retrospektive – Haus der Photographie / Deichtorhallen Hamburg“*. Dieser ist mächtige 300 Seiten dick und mit den Maßen 23 x 28 x 2,8 cm auch kein Band, den man so leicht aus den Augen verliert.

Doch nun zu unserem Bild, das mittlerweile als Ikone der Fotografie gepriesen wird und ein Markenzeichen Saul Leiters ist. Hierzu möchte ich Brigitte Woischnik zitieren, die in einem Artikel auf Seite 236 Leiters Art, zu fotografieren so beschreibt:

Doch Saul Leiter ist nicht nur ein nimmermüder Flaneur, er ist auch ein stiller, geduldiger Beobachter. Die Ambivalenz zwischen dem direkten Sehen und dem Verborgenen zeigt sich in seinem gesamten Werk. Er fotografiert nicht nur die Tür und das Fenster eines Cafés oder Ladens, sondern bevorzugt durch dieselben hindurch. Das verborgene, nicht wirklich „sichtbare Innere“, das ist es, was er ergründen, was er sichtbar machen möchte.

Und als Paradebeispiel dient die Aufnahme „Snow“ aus dem Jahre 1960, zu finden auf Seite 42 des Bandes.

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Leiter fotografierte durch eine von Tauwasser beschlagene und stellenweise abgewischte Scheibe, die den Hintergrund unscharf abstrahiert. Hinter – oder vor – der Scheibe steht ein Mann im Schnee und schaut sich irgendetwas an. Er hat eine Mütze auf und trägt grüne (Arbeits-)Kleidung. Im Hintergrund ziert die Aufnahme ein gelber Laster, der dem Bild einen feinen, dezenten Farbkontrast verleiht. Ein zweiter Mensch ist angeschnitten, mit dem der Protagonist jedoch nicht kommuniziert.

Dieses Bild habe ich in den letzten Monaten immer und immer wieder studiert. Und jedes Mal ertappte ich mich dabei, zu denken, dass dieser Herr auf sein Smartphone sieht oder gar ein Postbote ist, der mit seinem PDA die Lieferung überprüft. „Ach nein, stimmt ja gar nicht“, erinnere ich mich. „Herr Gommel, wir schreiben das Jahr 1960 und nicht 2013.“

So hat die Aufnahme etwas Magisches, Ungewohntes. Und obwohl ich eine große Liebe zu den Aufnahmen Martin Parrs hege, der direkt und offensichtlich fotografiert, schätze ich diese abstrakte, nicht direkte und nicht offensichtliche Bildsprache von Saul Leiter mindestens genauso. Sie spricht eine tiefere emotionale Ebene an, fasziniert und begeistert.

Lustigerweise habe ich (sehr wahrscheinlich) einen Fehler im Buch gefunden. Denn auf Seite 239 schreibt Woischnik zur fotografischen Variante, die am selben Ort aufgenommen wurde, folgenden Satz:

Auf die rechte Seite der Scheibe, die Regenstreifen unterbrechend, haben flinke Finger eine Nachricht geschrieben, …

Jedoch können wir, wenn wir uns „Snow“ genauer ansehen, erkennen, dass an der Scheibe braune Überbleibsel eines „L“ sind. Was darauf schließen lässt, dass es sich nicht um eine handgeschriebene Botschaft handelt, sondern viel mehr um eine aufgeklebte Schrift, die bis auf das L abgezogen wurde und deren klebrige Überreste die Feuchtigkeit nicht angenommen haben.

Den Bildband möchte ich dennoch sehr empfehlen. Denn er zeigt das umfassende Werk Leiters und bildet neben den Fotos seine besonderen Zeichnungen ab, die nicht minder signifikant sind, da Saul Leiter sich als Maler verstand.

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