04. September 2013 Lesezeit: ~3 Minuten

Blickfang: Dalí Atomicus

Das Bild aus dem Band „Photographie des 20. Jahrhunderts“*, das ich heute vorstellen will, ist eines meiner Lieblingsbilder in der Geschichte der Fotografie. Der amerikanische Fotograf Philippe Halsman zeigt den Künstler Salvador Dalí auf einem Bild, das eines seiner eigenen Gemälde sein könnte.

Über Dalís generelles Verhältnis zur Fotografie könnte man selbst ein komplettes Buch schreiben. Belassen wir es an dieser Stelle bei: Er hat mit vielen Fotografen zusammengearbeitet, die sehr viele wunderbare, überraschende, humorvolle Bilder mit ihm in der Protagonistenrolle anfertigten.

Meine Favoritenbilder stammen dabei allesamt von Philippe Halsman, worunter es mir wiederum das Foto mit dem Titel „Dalí Atomicus“ (der Titel bezieht sich auf den Titel eines Gemäldes des Künstlers, das im Hintergrund des Fotos zu sehen ist) von 1948 besonders angetan hat, da es den Künstler meiner Aufassung nach am treffendsten portraitiert.

Das Foto entstand in New York und es ist überliefert, dass es 28 Versuche brauchte, um es in dieser Form aufzunehmen. Es ist keine Bildbearbeitung, man kann bei einer der leicht unterschiedlichen Versionen, die kursieren, die Schnüre sehen, die die verschiedenen Gegenstände tragen.

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Wir sehen zunächst: Extreme Dynamik, eine perfekt choreografierte Einfrierung simultaner Bewegungen völlig unterschiedlicher Elemente. Es sind aber nicht irgendwelche Bewegungen, die hier passieren, es findet ein absurd übertriebener Surrealismus statt, der irre komisch wirkt:

Der Künstler scheint in einer seiner eigenen Zeichnungen gefangen, hängt darin vor der buchstäblich leeren Leinwand, dessen Rahmen nicht bespannt ist, in der Luft; von der anderen Seite springen mitten aus dem Nichts drei schwarze Katzen ins Bild und zu allem Überfluss hängt da auch noch ein Stuhl in der Luft, unter dem sich ein Wasserschwall ins Bild ergießt.

Schaut man genauer hin, erkennt man noch viel mehr Details: Die Staffelei selbst schwebt ebenfalls. Das Gemälde „Leda Atomica“ ist zu sehen, das Gesicht der Figur verdeckt. Wie kann der Wasserstrahl einen solchen Bogen schlagen, was hält Dalí in den Händen und wie funktionieren hier eigentlich die Schatten, die an der Decke und auf dem Boden auftauchen?

Das Foto „Dalí Atomicus“ ist, wie auch die beiden Künstler, die es entstehen ließen, seiner Zeit sehr weit voraus. Es ist ein kompletter David-Lynch-Film, auf einen Moment reduziert, es nimmt die ganze Kategorie surrealer Fotomanipulationen, die seit einigen Jahren sehr populär sind, vorweg, obwohl es keine Bildbearbeitung ist.

„Dalí Atomicus“ verkörpert die Essenz einer Richtung des Surrealismus, die bis heute sehr stark in alle Kunst- und Kulturbereiche wirkt. Es ist ein einflussreiches, ein grandioses, unterhaltsames und nicht zuletzt auch urkomisches Bild – ein echter Klassiker der Fotografie.

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2 Kommentare

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  1. Ich finde das Foto klasse. Also, wenn das ein echtes Foto ist, hat jemand die 3 Katzen ins Bild geworfen, einen Eimer Wasser verschüttet und Dali ist dabei noch hochgesprungen. Einfach unglaublich. Die beiden hatten bestimmt einen riesigen Spaß. So eine Kombination erfordert selbst heute mit Photoshop und Co. einiges an Aufwand.