04. Juli 2013 Lesezeit: ~6 Minuten

Die Essenz der Verzauberung

Als sie wieder vom Schwimmen zurückkam, glitzerte das Salzwasser auf ihrer hellen Haut in der späten Sonne. Die weißen Zähne strahlten in ihrem hübschen Gesicht, als sie mit ihren Schwestern herumalberte und die tiefschwarzen Locken umrahmten die funkelnden hellgrünen Augen. Ich war berauscht von dem Anblick, mein Herz klopfte wild, der Atem stockte mir und ich konnte meinen Blick einfach nicht abwenden.

Was sich wie der Auszug aus einem schlechten Groschenroman liest, ist ein reales Bild, eine Erinnerung aus meiner Jugend. Es entwickelte sich daraus eine kurze und intensive „Amour fou“, die natürlich schlecht ausgehen musste.

In meiner anschließenden Trauer über den Verlust sagte ein englischer Urlaubsfreund zum Trost einen denkwürdigen Satz zu mir, der mich bis zum heutigen Tag beschäftigt: „It’s not the girl, it is just the need in you.“

© Cem Edisboylu © Cem Edisboylu

Grau ist alle Theorie

Meine heutige Überzeugung hierzu ist folgender Kompromiss: Es ist also durchaus die Frau, die besondere Attribute besitzt wie Schönheit, Anmut, Liebenswürdigkeit, Verführungskunst und diese unbewusst oder bewusst einsetzt und ausstrahlt. Auf der anderen Seite braucht es aber auch einen speziellen Empfänger, der für diese individuelle Form der ausgestrahlten Reize zugänglich ist, ihnen Wert beimisst, empfindlich reagiert.

Da ich davon ausgehe, dass zumindest Teilbereiche dieses persönlichen Empfangsrasters durch die eigene Geschichte geformt werden, stellt sich mir die Frage, ob meine Sicht auf eine faszinierende Frau überhaupt zeitgemäß und verständlich ist.

Andererseits erreiche ich mit Fotografien, die mir persönlich besonders gut gefallen und die möglicherweise eine etwas antiquierte Darstellungsweise von Weiblichkeit und Anmut verfolgen auch einen breiten Konsens, so dass ich zu hoffen wage, dass hier eine zeitlose, universelle Gültigkeit vorliegen könnte.

© Cem Edisboylu © Cem Edisboylu

Eine Leidenschaft entsteht

Als ich vor wenigen Jahren anfing, mich ernsthaft mit der Fotografie zu beschäftigen, hat sich mein Lieblingsmotiv schnell herauskristallisiert. Von der weiblichen Schönheit und Anmut war ich schon immer fasziniert und in den Bann gezogen. Ausstrahlung, Güte, das Lächeln oder die Tränen einer tollen Frau, die in sich selbst ruht: Das hält die menschliche Welt für mich im Innern zusammen.

Selbst abweisende Arroganz und Langeweile können einer schönen Frau stehen und sie umso begehrenswerter machen, sofern sie sich dieses schlechte Betragen im Vorfeld redlich verdient hat. Und nicht zuletzt ist das Thema Sexualität und Verführung natürlich ein riesiger spannender Themenbereich für sich.

© Cem Edisboylu © Cem Edisboylu

Wenn ich mir ein Modell ausgesucht habe, fange ich meine Anfrage oft mit den Worten „Du gefällst mir“ an. Das meine ich dann auch so und das ist für mich eine Grundvoraussetzung, um eine gute Arbeit zu generieren.

Ich weiß dann, dass ich mich stundenlang mit dem Modell beschäftigen kann, was ich durch Vorbereitung, Shooting und Nachbereitung ja auch muss, ohne mich zu langweilen. Aber was noch viel wichtiger ist: Diese spontane Sympathie macht mich beim Shooting empfangsbereit für den magischen Moment, falls er sich denn blicken lässt. Dann, wenn mir überwältigt der Atem stockt und ich tunlichst nicht vergessen sollte, den Auslöser zu drücken.

© Cem Edisboylu

Diesen perfekten Moment erleben, einfangen, konservieren und teilen zu können, ist wunderbar und gelingt mir leider nur sehr selten. Aber wenn ich ihn gebannt habe, dann ist das pures Glück to go. Es ist die Suche nach der Essenz, vielleicht ähnlich sonderbar wie Jean-Baptiste Grenouille bei der Zusammenstellung des perfekten Parfums, nur dass die Fotografie hier meist weniger brutal vorgeht als die Parfümerie.

Der Moment, in dem der Tierfotograf nach monatelanger Suche im sibirischen Wald unvermittelt auf den seltenen Tiger stößt, dieser glücklicherweise irritiert ist und der Fotograf, der sich momentan emotional im freien Fall befindet, eine Sekunde Zeit hat, sein Foto zu machen, bevor das Tier für immer im Unterholz verschwindet.

© Cem Edisboylu

Eine wunderschöne, menschliche Erfahrung ist es für mich, wenn das Modell sich öffnet und man einen Blick auf die Seele hinter der Fassade werfen darf, ganz egal, ob das im Gespräch passiert oder ich es beim Fotografieren merke. „True colors“ würde wohl Cyndi Lauper dazu sagen.

Das ist dann eine große Ehre, die mich für jede eingesetzte Minute des Shootings entschädigt, selbst wenn ich nicht das für mich perfekte Foto mit nach Hause gebracht habe. Das ist die Arbeit mit dem Menschen und ein direktes ehrliches Feedback, das ich in meinem Job als Programmierer vermisse. Ich genieße andererseits aber auch die Freiheit sehr, mir meine Modelle für diese Zusammenarbeit aussuchen zu können und bin froh darüber, hier nicht finanziell abhängig zu sein.

© Cem Edisboylu

Und noch etwas zur Umsetzung?

Schwarzweiß zu arbeiten hilft mir, den Blick auf das Wesentliche zu konzentrieren, eine nur durch Farben provozierte Emotionalität zu unterdrücken. Natürlich kann es sein, dass ein gutes Foto durch die Farben noch stärker wird, aber das entscheide ich erst in der Nachbearbeitung der Raw-Datei.

Ein frontales Portrait mit direktem Augenkontakt ist wohl die reinste Art, das Wesen des fotografierten Menschen zu vermitteln. Manchmal entwickeln aber auch Begleitbilder einer Serie erfreulicherweise eine hohe Eigendynamik und können für sich selbst stehen.

© Cem Edisboylu

Es macht mir Spaß, mir eigene Fotoszenarien auszudenken, sofern sie auf einer guten Inspiration basieren. Aber es ist sehr schwer, etwas Neues zu finden, die meisten Themen sind schon sehr abgenutzt. Selbst die Fashion-Fotografie kann einen geeigneten Rahmen für meine Suche abgeben. Was mich aber generell mehr interessiert als die schicken neuen Markenstiefel, ist die Interpretation der Szene durch das Modell. In der Glaubwürdigkeit liegt hier für mich der Schlüssel zur Schönheit.

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