02. Juli 2013 Lesezeit: ~3 Minuten

Die Verwandlung

In meinem letzten Artikel über die Kreativ-Neurose erwähnte ich ja bereits lässig am Rande, dass ich dann doch wieder zur Kamera griff und weiter machte. Dass sich daraus eine Serie entwickelte, die ich mittlerweile mit vier Leuten umgesetzt habe, daran war zu diesem Zeitpunkt nicht einmal im Ansatz zu denken.

Aber es kommt ja oft ganz anders, nicht wahr? Die Idee zu Beginn sah folgendermaßen aus: Meinen bis dahin auf Papier gebrachten Foliengeistern wollte ich eine Ruhepause gönnen und dennoch in einer ähnlichen Richtung weitermachen.

Glücklicherweise fielen mir bei meiner Recherche die Bilder eines gewissen Thomas Devaux (über den zu berichten ich hoffe, bald in der Lage zu sein) in die Hände, die mich sofort ergriffen. Sie zeigten Menschenwesen mit teilweise zerstaubten Köpfen, seltsam entstellt, aber elegant.

© Marit Beer

Das Gefühl, dass dabei entstand und das Kopf und Herz nicht begriffen, das wollte ich auch in meinen Bildern zeigen. Es ist schon immer diese Zwischenwelt, in die ich abdriften möchte, wenn ich zur Kamera greife. Unbegreifliches greifbarer machen.

Da ich aber komplett mit Film arbeite und meine Dunkelkammerfähigkeiten sich bisher nur auf stumpfes Ausbelichten belaufen, musste ich mir überlegen, wie ich den gewollten Effekt bereits vorher ins Bild bringen konnte.

© Marit Beer

Ich hatte zuhause eine Menge Papier liegen, sehr dünnes und zartes. Einige glauben, man benütze es lediglich zum Einpacken von Warengut, aber nichts da! Dies sind natürlich wundersame und ganz zauberhafte Materialien für den Künstler an sich.

Schnell war eine Testperson gefunden und ich modellierte mit Hilfe von Wasser das Papier um den Kopf herum. So entstand ein neues Wesen. Mit dem Ergebnis war ich einigermaßen zufrieden und dachte, nun das Richtige gefunden zu haben.

© Marit Beer

Aber es kam wieder alles anders als gedacht: Durch Zufall, ich weiß nicht, wie ich es sonst nennen soll, fiel mir ein anderer schöner Werkstoff in die Hände. Bei einem Paarshooting kam er zur Verwendung und ich war von den Ergebnissen sofort angetan. Dieses Gewebe konnte man ziehen, verändern oder zerknüllen. Also formen wie es einem beliebt und doch sehr vorsichtig dabei sein.

Als Gloria, der ich zunächst von meiner ersten Idee berichtet und frohlockt hatte, dann den Raum betrat, verflüchtigte sich die Papieridee wie ein Lufthauch aus meinem Kopf. Ich sah, wie sich das Gewebe um ihren Kopf formte und hatte gefunden, wonach ich suchte.

© Marit Beer

Die Ergebnisse sprachen für sich. Gloria und ich fühlten uns wohl mit den Bildern und auch einige andere ruhten sich gern mit den Augen darauf aus. Vor allem machte es mich aber glücklich, Nachrichten zu erhalten, in denen mir einige berichteten, was die Bilder in ihnen auslösten und was sie darin sahen.

Und wie Ihr seht, blieb es nicht bei Gloria und ihrer fast identisch aussehenden Puppe, die mir mitunter mehr seltsames Herzflattern auslöste als die geisterhaften Spinnenweben.

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Zum Einsatz kamen hier außerdem: Eine Mittelformatkamera, ein Belichtungsmesser, ein Schwarzweiß-Film mit ISO 400 und bei gutem Wetter mit ISO 100, natürliches Licht, Lavendelblütentee, Kaffee oder Orangensaft je nach Wunsch, und bereits erwähnte Spinnenwebenzuckerwatte.

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