05. November 2012 Lesezeit: ~5 Minuten

Darf’s ein bisschen mehr sein?

Vor ein paar Jahren ersuchte ich eine erneute Zusammenarbeit mit einem Modell. Wir hatten zuvor bereits eine schöne, freie Strecke miteinander umgesetzt und für eine neue Idee fragte ich noch einmal an. Modell C. freute sich, sagte zu, zögerte kurz und berichtete dann, dass sie nicht mehr ganz so dünn sei wie im Jahr zuvor, sie hatte ein wenig zugenommen und meinte, „du stehst doch so auf dürr, Antje.“

Aber ja! Genau das tue ich! Ich mag mager beim Fotografieren und Betrachten anderer Leute Bilder. Ich gebe zu, ich hatte sogar lange große Vorurteile den sehr weiblichen und offiziell dicken Modellen gegenüber – wenn man sich lange genug auf den üblichen deutschen Foto- und Modellseiten herumtreibt, drängt sich einem ja praktisch der Gedanke auf, dicke Frauen könnten ausschließlich clownesk, barock, gruselig, peinlich crazy oder gar auf sehr unschöne Art erotisch fotografiert werden. Ich nahm das so hin und machte mir ehrlicherweise keine weiteren Gedanken zum Wahrheitsgehalt dieses Eindrucks.

Jessica © Antje EgbertJessica © Antje Egbert

Vor einem Jahr startete ich mein freie Serie „the bare project“. Ich hatte eine Idee von nackten Frauenkörpern, von natürlichem Licht, einem dunklen Stoffhintergrund und dem einen oder anderen künstlerischen und modischen Zusatz.

Ich berichtete meiner Freundin Jessica davon, sie fand Gefallen an der Idee und noch mehr daran, sich selbst zur Verfügung zu stellen. Wir planten. An einem Tag im Oktober reiste sie an und wir fuhren in den Wald, wo ich meinen Hintergrund in den Wald stellte und Jessica sich auszog.

Ich wiederhole an dieser Stelle noch einmal, dass ich wirklich auf dünn, dünner, am dünnsten stehe, wenn es um die Fotografie geht. Doch es war dieser Oktober 2011 und wir standen im Wald und verzeih, wenn ich es so sage, liebe Freundin: Es war ganz und gar nicht mager dort.

Dann begann etwas, was ich nicht vermutet hätte: Ich löste aus, betrachtete das erste Bild und war dermaßen begeistert, angefixt und überrascht, dass ich schnell weitermachen musste, um noch mehr begeistert zu sein und dann weiter zu schauen und auszulösen und wieder völlig begeistert zu sein – kurz gesagt: Ich hatte eine nackte Frau fotografiert, die rund und gesund vor mir stand und sich so wunderbar präsentierte und strahlte und ich hatte eine ganz neue Inspiration gefunden.

Beim späteren Sichten der Bilder, während der ersten Bearbeitungsversuche, bestätigte sich das gute Gefühl, eine besondere Serie gestartet zu haben mit einer besonderen Frau, die mir Möglichkeiten eröffnet.

© Antje Egbert© Antje Egbert

Ich fotografierte weiter, auch an „the bare project“. Wenige Monate später zeigte ich Bilder der Serie in einer Ausstellung. Meine anderen Modelle sorgten für Staunen, Menschen unterhielten sich, schauten, lächelten. Jessicas Bilder sorgten für Begeisterungsstürme. Auch in meinem Portfolio der italienischen Vogue finden ihre Bilder bis heute besten Anklang. Ich bin immer wieder erfreut und ein bisschen überrascht von mir selbst.

Nach der Ausstellung fotografierte ich weiter. Ein sommerliches Blumenshooting. Und dann: Marion. Mit größter Lässigkeit und Freude posierte sie im Wald und fühlte sich sichtlich wohl. Ganz fraulich. Lieblingsbilder mal wieder, die mich überraschen, die mich die Bilder in meinem Kopf überdenken lassen.

Ich will nicht behaupten, dass ich die Seiten gewechselt habe. Im Gegenteil, ich behaupte jetzt, dass es gar keine Seiten gibt. Ich bin mittlerweile so frei, dass ich ein Bild betrachten und entstehen lassen kann, ohne dass ich in festen Bahnen denke. Ich lasse mehr geschehen und der Situation ihren Lauf. Meine Modelle sagen, dass sie sich mit meiner Art des „Laufenlassens“ und gleichzeitigem Vermitteln meiner Vorstellungen sehr wohl fühlen. An diesem Punkt sehe ich mich sehr gern und empfehle diesen Weg auch gern weiter.

Fotografie, der eigene Bildstil und die Vorstellungen über die Art des Arbeitens verändern sich im Laufe der Jahre. Einiges ist harten äußeren Umständen geschuldet, den Zeiten, in denen man einen bestimmten Kundenstamm bedient, Zeiten, in denen man weniger nach Lust arbeitet, sondern nach Stechuhr.

Ich bin dankbar, dass es mehr als diese äußeren – aber auch diese! – Umstände gibt, die mich beeinflussen. Das freie Arbeiten, die Projekte, die nur meinem Kopf entspringen und nicht aus einem Auftrag, die machen aus mir die Fotografin, die ich bin.

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