16. Oktober 2012 Lesezeit: ~3 Minuten

Vom Bahnhof geprägt

Der Straßenfotograf Thomas Leuthard wuchs vor 41 Jahren neben dem Bahnhof in der Stadt Zug in der Schweiz auf. Die ersten zwölf Jahre seines Lebens verbrachte er zwischen den beiden Hauptverkehrsachsen Zürich-Luzern und Zürich-Mailand. Leuthard interessierte sich nach eigenen Aussagen nie für die Technik oder die Bahn selbst.

Als Leuthard im April diesen Jahres einen Blogartikel zum Thema „Der Beste Ort für Streetfotografie“ schrieb, fiel im auf, dass dieser beste Ort die Bahnhöfe dieser Welt sein müssen. „Schließlich sind mehr als die Hälfte meiner besten Fotos in und um Bahnhöfe entstanden.“

Aber was macht einen Bahnhof so interessant? Auch hierzu hat Leuthard eine Theorie: „Das Interessanteste an einem Bahnhof ist die Menge und die Diversität der Menschen, auf die man dort trifft. Es ist fast immer etwas los, es sind immer wieder neue Menschen da und es ist ein Kommen und Gehen.“

Der Straßenfotograf trifft dort auf jede Schicht Menschen, von Bettlern und Obdachlosen am Rande der Gesellschaft bis hin zum Businessreisenden, der eine Plastiktüte mit Pralinen mit sich trägt, die den Tageslohn eines Bettlers um ein Vielfaches übersteigt.

„Die einen Menschen sind schnell, die anderen langsam unterwegs. Manche bleiben stehen, verweilen, laufen zielgerichtet oder planlos durch die Gänge. Die Reisenden sind oftmals beschäftigt und nehmen mich als Fotografen gar nicht wirklich wahr. Es gibt Treppen, Gleise, Torbögen und andere architektonische Formen, die man sehr gut ins Bild integrieren kann“, so Thomas Leuthard.

Er selbst kann nicht erklären, warum es ihn immer wieder in Bahnhöfe zieht, aber er glaubt ganz fest daran, dass man sehr gut nur in Bahnhöfen Street fotografieren und nirgendwo sonst hingehen müsste. Ein Bahnhof sei so vielseitig wie die Streetfotografie selbst. Wenn man dann noch die verschiedenen Stilmittel der Fotografie einsetze, brauche man sich keine Sorge um sein Portfolio mehr zu machen.

„Wenn ich alle meine Bahnhofsbilder an eine Wand hängen würde, gäbe es ein ganz ausgewogenes Portfolio, das ich überall zeigen könnte“, berichtet Leuthard.

Er wird auf seinen nächsten Reisen in Mumbai nahe der Victoria Station und in New York nahe der Grand Central Station wohnen, da der renommierte Straßenfotograf jetzt schon weiß, dass er einen Großteil seines Aufenthalts dort verbringen wird. Weiter führt er aus:

„Leider gibt es auch Städte, die keine Bahnhöfe haben. In Beirut zum Beispiel gibt es seit dem Bürgerkrieg nur noch Taxen und Busse, aber dort gibt es dann andere Viertel – wie Burj Hammoud -, die auch interessant zum Fotografieren sind.“

Thomas Leuthard hat in den letzten Jahren festgestellt, dass es ihm die Bahnhöfe dieser Welt angetan haben. Dies wird „immer eine Faszination in meiner Fotografie bleiben und dadurch auch ein immerwährendes Projekt und eine dauernde Herausforderung darstellen.“

Ähnliche Artikel


33 Kommentare

Schreibe einen Kommentar zu Thomas Leuthard – abbrechen –

Netiquette: Bleib freundlich, konstruktiv und beim Thema des Artikels. Mehr dazu.

  1. Ohja, vom Thomas hab‘ ich vor wenigen Tagen noch ein Video2Brain-Tutorial gesehen, ein guter Mann mit vielen gelungenen Bildern – vor allem arbeitet er immer wieder sehr schön mit Gegenlicht! Sein Tunnelbild (bzw. Unterführungs-Bild) hier (also das 2. von unten) gefällt mir besonders gut! Schöner & interessanter Artikel :)

  2. Schön zu lesen, dass du, Thomas, deinen Background beginnst zu reflektieren, zu formulieren und darüber nachzudenken, welche Bedeutung dies für dich und deine Fotografie hat. Viele deiner Kritiker haben dir u.a. Planlosigkeit vorgeworfen, was sich nun ändern könnte, solltest du deiner Entwicklung treu bleiben. Du hast das bei mir immer mit einem verständnislosen Lächeln belohnt, ich hoffe, dass sich die Wogen dadurch in beide Richtungen von selbst glätten.

    Entgegen den Ergebnissen durch dein offensives und unbekümmertes Verhalten auf der Straße empfinde ich deine „anonymeren“ Fotografien mit hohem Anteil an formalästhetischen Qualitäten als die weitaus besseren Abbildungen. Entsetzte Nasen mag keiner sehen und bringen die Fotografie ohne konzeptuellen Background dazu nicht weiter. Das ist Knipserei mit besseren Skills. Die Schönheit der Umgebung, die Romantik des Alltäglichen hingegen bietet eine ganze Menge mehr Potential.

    Viele Grüße nach Zug und danke für den Artikel, Martin…
    Roman

  3. Ich bin vor zwei Tagen selbst aus der Schweiz wiedergekommen – aus Zürich. Und es ist ein ziemlich doller Zufall, dass gerade heute ein Artikel aus dieser Ecke hier erscheint!
    Ja, die Bahnhöfe in Zürich haben wirklich was. Besonders der Hauptbahnhof ist mehr als beeindruckend! Dagegen kann sich selbst der Berliner Hauptbahnhof verstecken. Das sind wirklich interessante, spannende Fotos, die hier eingefangen sind. Folgt zwar ganz dem Klischee, dass Streetphotography s/w sein müssen, aber das stört mich keineswegs. Ich mag den Stil sehr!

  4. “ Auch hierzu hat Leuthard eine Theorie: „Das Interessanteste an einem Bahnhof ist die Menge und die Diversität der Menschen, auf die man dort trifft. Es ist fast immer etwas los, es
    sind immer wieder neue Menschen da und es ist ein Kommen und Gehen.“Diese Theorie ist in etwa so spektakulär und gewagt wie die hier gezeigten Bilder.

    „Er selbst kann nicht erklären, warum es ihn immer wieder in Bahnhöfe zieht,“ heißt es tatsächlich, nachdem in den vorhergehenden fünf Absätzen erklärt wird, warum es ihn immer wieder in Bahnhöfe zieht. Aber wenn das Wissen fehlt, dann hilft ja oft der Glaube und Leuthard „glaubt ganz fest daran, dass man sehr gut nur in Bahnhöfen Street fotografieren und nirgendwo sonst hingehen müsste.“ Bahnhöfe sind also quasi das Paradies für alle gläubigen und aufrichtigen Street-Fotografen zumal – und das ist ein weiterer Vorteil für alle, die sich noch nicht trauen dem Passanten die Linse direkt vor die Nase zu hauen – die Reisenden oftmals zu beschäftigt sind, um Fotografen wahrzunehmen.

    „Ein Bahnhof sei so vielseitig wie die Streetfotografie selbst. Wenn man dann noch die verschiedenen Stilmittel der Fotografie einsetze, brauche man sich keine Sorge um sein Portfolio mehr zu machen.“

    Das klingt in etwa so wie die Sätze aus den berühmten „Mit diesen 10 Tricks gelingt ihnen garantiert jedes Akt/Landschafts/Porträt/etc.-Foto“ Artikel.

    Ich finde es übrigens auch wichtig, dass hier einmal in aller Deutlichkeit auf Missstände hingewiesen wird, die sonst wohl gerne verschwiegen werden. Dass es z.B. in Beirut immer noch keinen Bahnhof wieder gibt, in dem man sich fotografisch austoben kann, ist wirklich ein Skandal.

    Okay, genug zum Text gemeckert, wenn die Bilder schon keinen Inhalt haben, was soll man da auch schreiben, womit ich bei dem wäre, worüber mich dieser Artikel tatsächlich die letzten zwei Stunden hat nachdenken lassen (was ihn ja fast wieder gut macht ; ) ). Was sollen solche Fotos eigentlich? Was soll Street eigentlich und brauchen wir solche Massen davon?

    ———

    Ich habe nichts per se gegen Street-Fotografie und ich weiß, dass Leuthard durchaus besseres zu bieten hat, als das hier Gezeigte (wo ist die Silhouette des Mannes mit Hut am Bahnsteig?). Aber der Artikel zeigt – sicher unfreiwillig – auf, wo das Problem der Street-Fotografie heute wirklich liegt. Nicht etwa darin, dass sich Fotografen wie Leuthard häufig nicht darum scheren mögen, was erlaubt ist und was nicht, respektlos Leuten die Kamera ins Gesicht halten und abdrücken (oder hat er das inzwischen aufgegeben?), sondern dass sie ihre Form der Fotografie mit etwas rechtfertigen, was sie oft nicht einlösen: Interesse am Menschen, seinem Leben, Authentizität.

    MENSCHEN ALS BILDMATERIAL

    „Das Leben findet statt, es posiert nicht“, so zitiert Martin Gommel in seinem hier an anderer Stelle veröffentlichten Statement zur Street-Fotografie Leuthard. Doch was haben Fotos wie die oben gezeigten Bilder mit Leben zu tun? Eine Frau, die in einen Zug steigt, die Silhouette eines Mannes am Ende einer Treppe, der Schattenriss einer Frau – alles wunderbar komponiert, wirklich keine Frage, aber alles eben auch langweilige Pose und kein Leben fast eher schon Stillleben. Eine Situation wird gesehen und genutzt, inszeniert und komponiert für ein Foto.
    Das hat nichts mit Authentizität zu tun, (wobei ich diesen Begriff allgemein schwierig finde in der (Street)Fotografie, auch ein Bruce Gilden schafft nichts Authentisches, wenn er Leuten ins Gesicht blitzt). Originell ist das auch schon lange nicht mehr, solche Bilder gibt es so oder so ähnlich x-tausend mal auf flickr zu sehen. Was erzählt das? Was verrät uns das über das typische Leben der Menschen im Jahre 2012 oder sonst wann? Wo berühren solche Fotos emotional? Was macht sie künstlerisch wertvoll? Eine eigene, erkennbare Bildsprache, das wäre ja schon mal was. Aber wenn unter den Schattenfigur-Bildern „Fotograf: Martin Gommel“ stünde, würde ich es auch sofort glauben.

    Das Interesse an den Menschen und dem wahren Leben führen Street-Fotografen häufig als Beweggrund für ihr Tun an. Ich finde das zweifelhaft, denn zeugt es wirklich von Interesse am Menschen, wenn man bewusst die Kommunikation mit ihnen meidet, wenn man ihnen ins Gesicht fotografiert, um wort- und erklärungslos weiterzuziehen? Oder wird der Mensch hier nicht bloß zum beliebig austauschbaren Statist für eine Bildidee, zu Bildmaterial, das sich eben praktischerweise in Bahnhöfen in großer Masse finden und unauffällig benutzen lässt, am besten noch mit dem iPhone?

    Ich fände das sogar okay, aber dann liebe Street-Fotografen, steht auch dazu, dass es euch um das Schaffen von hoffentlich sehenswerten Bildern geht und nicht um Menschen und Geschichten des Lebens. Wen das wirklich interessiert, der macht Reportage- oder Dokumentarfotografie, spricht mit den Menschen, erforscht ihre Lebensumstände und liefert mit seinen Bildern tiefere Einblicke, anstatt Oberflächen zu konservieren. Ein gutes Beispiel dafür war neulich der Artikel über Timo Keitel und seine Reise nach Bangladesch

    INFLATION DURCH BELIEBIGKEIT

    Und was macht den Mann auf der Rolltreppe von Leuthard nun nicht nur fotografierenswert, sondern das Bild auch noch präsentationswürdig? Seine bloße Existenz? Die sich kreuzenden Rolltreppen als grafisches Element? Wohl kaum. Ein weiteres Problem, das häufig gerade bei Street-Fotografen zu beobachten ist, wird hier deutlich: Die Beliebigkeit in der Präsentation. Fotografen wurden schon oft mit manischen Sammlern verglichen: Alles muss festgehalten, jeder Moment muss konserviert werden. Die Tatsache, dass er so nicht wiederkehrt, macht ihn für den Fotografen so begehrenswert. Das ist tatsächlich eine der Ur-Faszinationen dieses Mediums. Das ist an sich auch kein Problem, solange der Fotograf nicht der Meinung ist, jeden dieser für ihn unendlich kostbaren Schätze auch teilen, also veröffentlichen zu müssen. Genau dies passiert aber immer häufiger gerade in der Street-Fotografie und führt schließlich zu einer Inflation, zu einer Entwertung dieser Fotografie.
    Forciert wird dieser Effekt auch dadurch, dass für manche Fotografen gerade gilt: Je zufälliger und beliebiger, desto mehr „Street“ ist ein Foto auch, und das Foto allein macht den Moment wieder besonders. Das taugt zwar hervorragend zu philosophisch/theoretischen Überlegungen, aber: Wer will das in der Praxis alles sehen?

    VISUELLE GEDANKENLOSIGKEIT

    Die digitale Technik hat dieses Phänomen noch weiter begünstigt, teils erst ermöglicht. Ich bin sicher kein Analog-Nostalgiker, und weiß, dass auch die großen Meister des 35mm-Films manchmal geknipst haben bis die Schwarte krachte, aber eines haben die Meister der Street-Fotografie nicht gemacht (vielleicht auch nur, weil sie es nicht konnten: Alles veröffentlicht. Film war teuer, die Entwicklung/Ausarbeitung häufig aufwendig und überhaupt musste man erstmal jemanden finden, der die Fotos veröffentlicht, d.h. in der Regel druckt oder ausstellt. Somit war die Auslese im Vorfeld deutlich größer. Erst wurde überlegt, was fotografiert, dann was überhaupt wie weiter in der Dunkelkammer bearbeitet wird und dann wurde schließlich wieder überlegt, was nun davon veröffentlicht wird. Spätestens hier kam dann mindestens noch ein weiteres Augenpaar hinzu, das die Bilder bewertete. Heute? Die Leute machen mitunter so viele Bilder, dass es überhaupt kein Wunder ist, wenn sie selbst den Überblick verlieren, was eigentlich gut und was weniger gut ist. Dann schnell einen Filter drüberlaufen lassen oder mit ein paar geübten Einstellungen in PS oder LR überarbeiten (bei Street natürlich zwingend in Schwarzweiß wandeln!), zack fertig. „Was? Meine 348 genialen Bilder von neulich in Kreuzberg will kein (Online)Magazin veröffentlichen? Macht nix, mach ich halt nen eigenen Blog, das ist eh cooler, bitte liked das oder haltet die Klappe, denn ich mache Bilder so wie ich sie will und außerdem mach ich Street, zeige das Leben, da ist eh alles wichtig auch der ausgekotzte Döner auf dem Gehweg, Authentizität und so, you know?“ Und wem das gefällt, der denkt vielleicht: Das ist ja einfach, das mach ich auch ….
    Von den immer mehr direkt via iPhone etc. gesendeten Bildern, bei denen das Hirn zwischen Aufnahme und Upload gar keine Chance mehr hat, das Aufgenommene zu reflektieren, will ich lieber schweigen. Visuelle Gedankenlosigkeit allüberall. Da hat man sich sehr schnell sattgesehen, die wirklich guten Sachen werden nicht mehr wahrgenommen, der Appetit auf mehr wird einem verdorben.

    Zurück zum obigen Artikel. Immerhin das Bild mit der Alten Frau vor dem Plakat attestiert ein Auge für skurrile, ungestellte Alltagsmomente. Insbesondere wegen der in Bezug miteinander stehenden Augenpaare, die genau im richtigen Moment eingefangen wurden ist es ein durchaus zeigenswertes Street-Foto. Das direkt darunter stehende ist dann mal eine schöne Studie zu Lichtwirkung, Linienführung und Wirkung von Perspektiven.

    WAS WILL ICH NUN MIT DIESER POLEMIK?

    Ich mag Street-Fotografie, die mich zum Lachen bringt, die mich melancholisch macht, die mir etwas zeigt, was ich noch nicht kannte, die mich auf etwas aufmerksam macht, die dem Alltag poetische Momente entreißt. Street-Fotografie, die nur formell arbeitet, ohne Inhalte, finde ich auf Dauer langweilig. Die ersten zehn, zwanzig, dreißig Gegenlichtaufnahmen/Schattenrisse begeistern einen noch, doch jeder Effekt nutzt sich irgendwann einmal ab. Street-Fotografie mit Menschen, die nichts erzählt und keinen anderen Zweck hat, als das Sammel-Bedürfnis des Fotografen zu befriedigen finde ich schlicht egoistisch und respektlos.

    Von mir aus soll am Ende jeder fotografieren, was er möchte, aber ich würde mir wünschen, dass man spätestens in dem Moment, wo mein seine Bilder wo auch immer präsentieren will kurz innehält und sich zu einer oder mehrerer dieser Fragen eine Antwort überlegt: Was will ich eigentlich zeigen? Was ist mein Ziel? Wo ist meine Bildsprache? Kann es vielleicht sein, dass das Bild von dem Oppa auf der Rolltreppe außer mich gar niemanden interessiert? Sollte ich vielleicht meinen flickr Account oder meine Festplatte mal ausmisten, bevor ich neue Bilder mache? Welche Bilder wären es mir wert, sie richtig teuer auszudrucken, zu rahmen und aufzuhängen? Das würde immerhin den Wert der eigenen Fotografie ganz schnell steigern.

    Und allgemein frage ich mich ganz ernsthaft ohne jeden Angriff: Was soll Street-Fotografie heute eigentlich noch im Vergleich zu ihrer Funktion ihrem Reiz, den sie einmal hatte bzw. wie muss sie beschaffen sein, dass sie einen Sinn ergibt, der über das Befriedigen des fotografischen Sammeltriebs hinaus geht? Und wenn es nicht mehr um Sinn und Inhalt geht, sondern nur noch um Ästhetik und formales, was ist dann mit der Authentizität?

    • Google Glass + Co wird alles verändern. Egal wie sehr stimmt, was Du sagst, übermorgen wird es tonnenweise von den Bildern geben, die Du gerne hättest. Und trotzdem uninteressant bleiben.

      • Das isses ja: auch von den Bildern, die ich persönlich toll finde, möchte ich keine Tonnen haben, denn der Überfluss lässt alles wieder uninteressant werden.

      • Mickey Mouse ist sehr beliebt, wird aber nie als hohe Literatur in die Geschichte eingehen. Das wird Google und Co. nicht ändern…

        An Herrn Lehmanns Worten ist viel Wahres dran, jedoch lege ich sie nicht so pessimistisch aus. Ich glaube, dass Thomas die Dinge, die er momentan nicht erklären kann, noch herausfinden wird und am Ende des Tages vielleicht ein sensibles und würdiges Projekt daraus entsteht.

    • touché. Deine Polemik spricht mir aus der Seele und ist einer der lesenswertesten (und reflektiertesten) Texte, die ich mir in letzter Zeit auf Kwerfeldein zu Gemüte geführt habe. Danke dafür.

    • Dein Text beschreibt die Ursprünge meine Gefühlslage, wenn ich Street Fotografie zu „verstehen“ versuche. Eigentlich lässt es mich immer mit einer Mischung aus tatsächlicher Emotionslosigkeit gegenüber dem Gezeigten und Unverständnis zurück.
      Um es mal stark zu übertreiben hat SF für mich den Hauch der Willkür in Schwarz-Weiß bekommen.

    • Das nenne ich mal einen gut reflektierten Text und differenzierten Kommentar, der allerdings auch eine sehr persönliche, subjektive Sicht darstellt.

      Meine Meinung zu den „Vorwürfen“:

      MENSCHEN ALS BILDMATERIAL: So habe ich es noch nicht betrachtet und ich denke auch, dass bei den hier präsentierten Bildern nicht von einem Interesse für den (unfreiwillig) Portraitierten gesprochen werden kein, sondern von seiner Verwendung als bildliches Element. Ist das schlimm? Ich sage Nein, denn die Bilder sind in keiner Weise diskreditierend und jeder wird im alltäglichen Leben auf so vielfältige Weise (ungefragt) festgehalten und dokumentiert (Überwachungskameras, Werbung, Internet, usw.). Von einem Datenschutz- und Persönlichkeitsrechtstandpunkt kann das als bedenklich betrachtet werden, aber daran trägt Leuthard keine Schuld.

      INFLATION DURCH BELIEBIGKEIT: Diese Ausführung trifft ja mal auf jede Art der Fotografie zu. Und was erwarten wir hier eigentlich? Wie neuartig können Fotografien denn überhaupt sein, in einer Welt in der täglich x-Millionen Fotos auf Communities und soziale Netzwerke hochgeladen werden, mit einer Technologie, die (zugegebenermaßen mit zunehmenden Möglichkeiten) seid über 70 Jahren massentauglich ist. Ich habe langsam diese Stildebatte und den Einzigartigkeitsanspruch satt.

      VISUELLE GEDANKENLOSIGKEIT: Möchtest Du den Leuten vorschreiben was sie veröffentlichen sollen? Keiner zwingt Dich die Masse an unbrauchbarem Bildmaterial zu sichten. Außerdem befindet sich jeder in einer anderen Phase seiner fotografischen Entwicklung und der Anspruch an Fotografie ist wieder so vielfältig…

      • Dem kann ich eigentlich nur zustimmen. Ausführliche Kritik ist schön und gut und der Kommentar wahrscheinlich einen eigenen Blogeintrag wert, aber wenn man genauer nachforscht komme ich zu ähnlichen schlüssen wie Martant.

        Was ist schon noch neuartig und nie gesehen? Muss es das sein? Streetfotografie ist per se schon eines der abwechslungsreicheren Genres im Gegensatz zu beispielsweise Langzeitbelichtungen von Wasser oder sonnenuntergänge mit Filter. Eben weil die „Komponente Mensch“ mit reinspielt und weil kein Tag abläuft wie ein anderer und jeder Mensch ein anderes Gesicht hat.

        Mensch als Bildmaterial: Hier kann ich zumindest teilweise zustimmen, es gibt sicherlich einige Fotografen die nur den virtuellen „Awsome shot“ Kommentar sehen wollen und denen die Sache die sie dafür fotografieren nur mittel zum Zweck ist – gerade in einer immer mehr egoistischer werdenden Welt (gefühlt). Aber auch hier stimme ich Martant inhaltlich zu. Sehe ich meistens kein Problem mit, solange kein elendstourismus betrieben wird und selbst den kann ich, solange keine unterlassene Hilfeleistung vorliegt noch akzeptieren.

        Ein paar bilder find ich echt gelungen (2, 4 und 5) die anderen sind eher langweilig für mich. Aber das reicht schon, es können einem seltenst alle gefallen :-)

      • Von „neuartigen“ Fotos und „Einzigartigkeitsanspruch“ hat Martin Lehman an keiner Stelle geschrieben. Sondern von fehlenden Ideen, fehlendem Konzept, Beliebigkeit in der Wahl der Motive.

        Und nein, er hat auch nirgendwo etwas davon geschrieben, dass irgendwem irgendwas vorgeschrieben werden soll. Sondern von etwas mehr Reflektion vor dem Veröffentlichen.

    • Spontan (und kurz) gesagt: „Gut gebrüllt, Löwe“
      Ein Kommentar, der eine echte DenkanstossBOMBE ist, hier kommt wohl jeder Fotograf ins Grübeln und überdenkt die eigenen Beweggründe, die ihn veranlassen, auf den Auslöser zu drücken.

    • Danke für die Anmerkungen zu meinem Kommentar. @martant: Danke auch für Deine Kritik. Ich habe auch noch eine Antwort, die vielleicht noch etwas deutlicher macht, worum es mir geht und warum ich doch in gewisser Weise „gezwungen“ bin, mir alles mögliche und Unmögliche anzuschauen. Aber die ist schon wieder so lang, wie der erste Komentar und ich wil das hier eigentlich nicht überstrapazieren. : ) Ich überleg nochmal, ob ich sie hier poste, oder Dir so schicke.

  5. Ich hab seine Bücher gelesen, sein Video2Brain Video gesehen und ihn auch schon persönlich getroffen, mit ihm durch Wien gezogen. Thomas ist ein sehr sympatischer Mensch und auch wenn er vor allem Anfänglich eher von vielen negativ Beäugelt wurde, weil er bei der Street-Fotografie so vorgeht wie er vorgeht, tun es komischerweise auch nun alle anderen auch so und nicht anders :)
    Das Video2Brain gibt es aber leider nur online zum ansehen, nicht als DVD zu kaufen.

  6. Schöner & interessanter Artikel.
    Das verlinkte Bild von den Hamburger Landungsbrücken habe ich schon seit einiger Zeit unter meinen favoriten Verlinkt. Auch mir gefallen die Bilder, bei denen speziell mit dem Licht / Gegenlicht gespielt wird. Bei den hier gezeigten, würde mir das erste (Artikel)Bild am meisten zusagen.

    Ich halte mich auch gerne auf Bahnhöfen auf.
    Beim mir kommt dabei wohl grundsätzlich das kindliche Interesse an (Märklin-)Eisenbahnen zum Vorschein.
    Zum anderen wirken solche Orte auf mich einen ganz besonderen Reiz aus. Es hat immer irgendwas von Fernweh wenn man die Ziele der Fernzüge sieht. Das geschäftige Treiben mit dem Kommen und Gehen der Reisenden, Abschiede, freudige Empfänge, …

    Mittlerweile habe ich mir angewöhnt, mir ein Gleis / Bahnsteig auszusuchen, mich dort auf eine Bank zu setzen, und erst mal „alles aufsaugen“…

    Nur habe ich für mich den Unterschied, dass ich (noch) keine Menschen auf meinen Fotos haben möchte. Das macht es für mich an solch belebten Plätzen oftmals um einiges schwieriger.

    …aber seitdem ich gelesen habe, dass Martin Gommel auch oft auf dem Karlsruher HBF unterwegs ist, traue ich mich irgendwie nicht mehr hin. Nachher bin ich noch auf seinen Bildern… ;o)

  7. Zugegeben, der Text birgt wenig Inhalt und die postulierten „Erkenntnisse“ sind auch nicht gerade neu, aber die Bilder gefallen mir. Klar kann man sie als Trivialmotive betrachten, die nicht auf die „Missstände“ hinweisen, aber eine gewisse Ästhetik besitzen. Das München Bild (mit der Oma) finde ich durchaus abwechslungsreich und regt mich zum Nachdenken an.

    Ich muss mich wieder wundern, wie persönlich und missgünstig der Fotograf hier von einigen Kommentatoren mit sarkastischen Beiträgen angefahren wird. Echt mal, wo wir gerade bei den Unterschieden zwischen D und CH sind, genau diese angriffslustigen Kommentare sind ne deutsche Eigenschaft. Und ich finde nichts gutes dran, da sie die Diskussion nicht voran bringen, sondern nur negativ sind. (Das sage ich als Deutscher in der Schweiz dazu).

    Gruß Martin

  8. Zum Kommentar von Martin Lehmann:

    Gerade die Artikel und Thesen über Straßenfotografie haben mich auch oft geärgert. Besonders weil immer viel von Interesse an Menschen geredet wird. Am Ende scheint es aber doch hauptsächlich darum zu gehen, wie man möglichst unentdeckt und anonym bleibt (Ich fotografiere nur noch mit dem iphone! Da merken die Leute gar nix!). Das wird dann fast schon staatstragend als großer und mutiger Schritt und Experiment verkündet. Wo bitte ist da der Mut, das Risiko, die Konfrontation, das offene (und nicht heimliche) Interesse am Menschen?

    Martin Lehmann fragt: „Was verrät uns das über das typische Leben der Menschen im Jahre 2012?“ Bei viel zu vielen Bildern der Straßenfotografie muss ich leider sagen: Nichts. Das Bild könnte genau so gut vor 15 oder 25 oder 35 Jahren entstanden sein. Und nein, das liegt nicht an der zeitlosen Qualität der Bilder (hui, schwarzweiß!), sondern an der Belanglosigkeit und Austauschbarkeit der Aufnahmen.

    Ansonsten: Der interessanteste und reflektierteste Text seit längerer Zeit hier ist ein Kommentar. Das lasse ich mal so stehen.