10. Oktober 2012 Lesezeit: ~7 Minuten

Die Wiesn

Ich wohnte viele Jahre in einem Stadtviertel in der Nähe der Münchner Theresienwiese, auf der jedes Jahr das weltberühmte Oktoberfest, die sogenannte „Wiesn“, stattfindet. Mein Arbeitsweg führte an der Theresienwiese vorbei, sodass es naheliegend war, dieses Fest von allen seinen Seiten zu fotografieren. Was zunächst als kleine Fotografiestreifzüge begann, entwickelte sich über die Jahre zu einem sehr persönlichen Projekt.

Sehr bald merkte ich, dass mich die Motive in den Bierzelten nicht so reizten. Das Oktoberfest ist schließlich bekannt für das feucht-fröhliche Biertrinken, das teilweise sehr enthemmte Tanzen auf den Bierbänken, die Sepperlhüte-, Brezn- und Zigarrenverkäuferinnen, die strengen Ordnungshüter, die bayrischen Schlager-Tanzkapellen und natürlich die Bedienungen, die ein beachtliches Gewicht stemmen müssen, wenn sie zehn, zwölf oder gar fünfzehn gefüllte Maßkrüge an die Biertische tragen.


Agfa Isoletta II Fujichrome Fortia SP 50
Cross entwickelt, +1 Push, 120er Rollfilm, 2010

Viel mehr fand ich Gefallen an dem viel charmanteren Teil des Oktoberfestes. Neben den Bierzelten findet auf ca. einem Drittel der Fläche ein großer Jahrmarkt statt. Der Charme dieses Teiles liegt an der bunten Mischung aus Fahrgeschäften, Schießständen, Imbissbuden, Theater, Flohzirkus und vielen andere Attraktionen. Aber auch auf diesem Teil der Wiesn geht es laut zu. Durch Lautsprecher locken die Schausteller die Besucher auf die Achterbahnen, in die Geisterbahnen, auf die Riesenrutsch’n, zu den waghalsigen Motorradfahrern auf Pitt’s Todeswand und in die Autoskooter.

Parallel dazu schallt Disko-, Pop- oder Technomusik zu den wilden Fahrten auf den modernen Fahrgeschäften, die Namen wie Freefall, Power Tower, Techno Power, Top Spin, Free Style u.ä. tragen. Die Achterbahnwagen rauschen lärmend und in Begleitung schreiender Insassen oft wenige Meter an einem vorbei, während ein lautes Hupen nebenan die beginnende nächste Fahrt in einem Fahrgeschäft ankündigt und die Gäste vor dem Einsteigen abhalten soll.


Mamiya ZE-2, Kodak Elite Chrome, ISO 100
Cross entwickelt, Kleinbild, 2008


Mamiya ZE-2 Kodak Elite Chrome, ISO 100
Cross entwickelt, Kleinbild, 2008

Doch daneben finden sich auch viele leisere, traditionelle Fahrgeschäfte und Schausteller, wie das Riesenrad, das als Wahrzeichen von Weitem als erstes wahrgenommen wird, die Turmrutsche Toboggan, die Kettenkarusselle und andere, die zum Teil mehrere Jahrzehnte alt sind. Das Karussell „Krinoline“, auf der eine kleine Kapelle Blasmusik spielt, ist beispielsweise 88 Jahre alt und heute noch eine große Attraktion, vor allem für das ältere Publikum.

Diese bunte Mischung aus Folklore, Tradition und moderner Technik, aus wilder und beschaulicher Belustigung macht die Wiesn erst so liebenswert und ich beschloss, den Schwerpunkt auf diesen farbenfrohen und fröhlichen Teil zu legen und die Zwischentöne auszuarbeiten.


Zenza Bronica SQ-A, Fuji Provia 100F Professional,
Cross entwickelt, 1 Blende überbelichtet, 120er Rollfilm, 2011


Agfa Isoletta II, Fujichrome Fortia SP 50
Cross entwickelt, +1 Push, 120er Rollfilm, 2010

Um in diese Welt eintauchen zu können, musste ich mit einer möglichst kleinen Ausrüstung auskommen. Ich wollte flanieren, dabei gebrannte Mandeln essen und gelegentlich eine handliche Kamera zücken, um ein Foto zu schießen. Deshalb kaufte ich mir eine kleine Minox 35 GL.

Der Vorteil dieser Kamera war nicht nur, dass sie unauffällig war, sondern dass sie unschlagbar schnell betriebsbereit war. Ich hatte die Blende je nach Lichtverhältnis voreingestellt und brauchte dann für ein Motiv lediglich das Objektiv auszuklappen, die geschätzte Entfernung einzustellen und auszulösen.


Zenza Bronica SQ-A, Fuji Provia 100F Professional,
Cross entwickelt, 1 Blende überbelichtet, 120er Rollfilm, 2011


Agfa Isoletta II Fujichrome Provia 100F
Cross entwickelt, +2 Push, 120er Rollfilm, 2009

Zu diesem Zeitpunkt experimentierte ich viel mit der Crossentwicklung von Diafilmen und das bunte und farbenfrohe Oktoberfest erschien mir eine gute und geeignete Gelegenheit, um diese Technik anzuwenden und auszuprobieren. Die erhöhten Kontraste, die Verfremdungseffekte durch die Fehlfarben, gemeinsam mit den Wischeffekten durch Bewegungsunschärfe erschien mir als eine gute Technik, um das lebendige und dynamische Treiben einzufangen.

Die blaue Stunde mit dem ausgeglichenen Mischlischt aus restlichem Tageslicht und Kunstlicht eignet sich besonders für kontrastreiche Crossentwicklung, da der Kontrastumfang zu diesem Zeitpunkt in dieser Motivwelt gering ist und die Bilder dadurch weniger Zeichnung verlieren.


Zenza Bronica SQ-A, Fuji Provia 100F Professional,
Cross entwickelt, 1 Blende überbelichtet, 120er Rollfilm, 2011


Zenza Bronica SQ-A, Fuji Provia 100F Professional,
Cross entwickelt, 1 Blende überbelichtet, 120er Rollfilm, 2011

Auch wenn die Crossentwicklung einen reizvollen Zufallsfaktor enthält, so konzentrierte ich mich bald nur noch auf zwei bis drei Filme, um kontrollierte und vergleichbare Ergebnisse zu erhalten. Ich belichtete die Filme meist eine Blende über oder ließ die Filme im Labor um eine Blende pushen. Als mein absoluter Lieblingsfilm entpuppte sich der Fujichrome Fortia SP 50, den es nur in Japan gab und der schon seit einigen Jahren nicht mehr hergestellt wird.

Seine Farben sind satt und kräftig und in der Crossentwicklung erhalten die Bilder einen warmen violetten und orangenen Ton. Ich hatte das sagenhafte Glück, dass ein Arbeitskollege – selbst ein begeisterter Fotograf – keine Verwendung mehr für diese aus Japan mitgebrachten Filme hatte und sie mir deshalb schenkte. Danke, Norman! Aber auch andere Filme, wie der Fujichrome Provia 100F mit einem grünlichen Grundton eignen sich hervorragend für diese Motive.


Zenza Bronica SQ-A, Fuji Provia 100F Professional,
Cross entwickelt, 1 Blende überbelichtet, 120er Rollfilm, 2011


Zenza Bronica SQ-A, Fuji Provia 100F Professional,
Cross entwickelt, 1 Blende überbelichtet, 120er Rollfilm, 2011

Die Ansprüche an die Kameras stiegen, da ich bald mit der Bildqualität unzufrieden wurde, vor allem wegen der geringen Zeichnung und dem damit verbundenen geringen Detailreichtum. So fotografierte ich eine Weile sehr gern mit meiner kleinsten und handlichsten Spiegelreflexkamera Mamiya ZE-2, doch irgendwann merkte ich, dass mir die Auflösung des Kleinbildformates nicht mehr genügte.

Also kaufte ich auf einem Flohmarkt eine sehr gut erhaltene Agfa Isoletta II aus den Fünfziger Jahren, die auf 120er Rollfilme 6×6-Bilder machte. Sie war betriebsbereit, sobald man eine Klappe öffnete und das Balgenobjektiv aus der Kamera stülpte. Da ich keinen Belichtungsmesser besaß, musste ich die Belichtung schätzen. Das klappte besser als ich dachte, lediglich die Entfernungsschätzung bereitete mir einige Schwierigkeiten, sodass ich immer wieder fehlfokussierte Bilder machte.

Zudem war der Sucher der Isoletta zu klein und zu ungenau, um vernünftige Bildkompositionen machen zu können. Mit meiner jetzigen Mittelformatkamera, der Zenza Bronica SQ-A aus den 80er Jahren, habe ich zwar eine recht große, aber dennoch handliche Kamera, die mir eine hohe Kontrolle in der Bildgestaltung und – vor allem wichtig für mich – Entfernungseinstellung ermöglicht.


Zenza Bronica SQ-A, Fuji Provia 100F Professional,
Cross entwickelt, 1 Blende überbelichtet, 120er Rollfilm, 2011

Die Motivwelt des Oktoberfestes ist unerschöpflich, sodass ich die nächsten Jahren weiter in diesen zwei Münchner Ausnahmewochen auf dem Fest fotografieren werde. In meinem Kühlschrank warten noch viele Filme darauf, auf dem Oktoberfest belichtet zu werden!

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16 Kommentare

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  1. Das passte jetzt perfekt zum Frühstückskaffee! Schöne Bilder von fremden Planeten ( zumindest für mich als ‚Ruhri‘), sehr entspannter und interessanter Text dazu, fehlt nur noch das Croissant… Auch die Homepage scheint sehr sehenswert zu sein, leider zickt nur gerade mein iPhone rum. ;-) Also verschiebe ich das mal auf’s Abendbrot. Ne Runde Sache also! Danke.

  2. die fotos gefallen mir sehr gut – gerade in kombination mit dem ersten reportageähnlichen textteil grandios.
    der technische aspekt hat mich weniger interessiert, ich hätte mir noch mehr textliche eindrücke von den wiesn gewünscht.

    • Wo ich herkomme tut Jahrmarkt ja eher stinken und man hört überall DJ Ötzi. Als Bayern verkleidete, fette, komatöse, vollgekotzte, blutig geschlagene, zahnlose, globale Wiesn-Besoffskis analog im Mittelformat wären allerdings auch genau mein Ding. Für die Ausstellung kannst Du dann hier in Hamburg auch viel Geld nehmen, Jorge. (Die Kohle für die Bodyguards kommt also wieder rein. ;)

  3. Eine schöne Idee, wie ich finde.
    Allerdings vermisse ich ein wenig die „Stimmung“ auf den Bildern wie auch Fotos dazu.
    Ich finde, die Stimmung wird ja nicht nur durch die Fahrgeschäfte, Buden, etc…
    geprägt, sondern auch im Wesentlichen durch die Besucher der Wiesn.
    Der Aspekt fehlt mir, aber evtl. ist das auch so gewünscht.
    Mit dem letzten Bild kann ich irgendwie nix anfangen, passt nicht so in die Serie (meine Meinung).

    Viele Grüße
    Peter

    • Hallo Peter,

      ich nehme die Menschen auf der Wiesn als eine „amorphe“ Masse wahr, die auf das Oktoberfest strömt und die in das Geschehen taucht. Der Einzelne geht für mich eigentlich unter. Das spiegelt sich eigentlich auch in den Bildern wieder, es sind nur in den wenigsten Bildern Personen erkennbar. Das waren die, die mir in besonderen Maße aufgefallen waren. Leider erschwert das deutsche Recht auf das eigene Bild zudem das Fotografieren von Menschen, sodass ich viele der von Personen gemachten Bilder nicht veröffentlichen möchte. Es waren doch recht viele, die es ablehnten fotografiert zu werden, wenn man sie freundlich danach gefragt hat – es gab aber natürlich auch viele -meist alkoholisierte- Besucher, die ungebeten und gröllend vor die Kamera posierten. :)
      Dennoch vielen Dank für die wertvolle und anregende Rückmeldung! :)

      Viele Grüße
      Jorge

  4. Ich dachte, das Motiv Oktoberfest sei durch unzählige Lomographen und andere erschöpft, aber das hast du hiermit widerlegt. Auch gut, dass du die Filme und Entwicklungsart dazu geschrieben hast… und Glückwunsch zur Bronica ;)

  5. im ruhrgebiet gibt es die CRANGER KIRMES, grösstes volksfest in NRW mit über 4,5 millionen besuchern. nun möchte ich jorge nicht zu nahe treten, aber von 2-3 fotos mal abgesehen, hätten die fotos auch hier in herne gemacht werden können. und natürlich muss man nicht so ein grosses ding darum machen, denn auf plakaten und broschüren hat man diese art fotografie hundertfach gesehen. allerdings mit mehr leben. also mein fazit: die fotos haben mit der wiesn kaum was zu tun und die ausholende beschreibung der technik hat die bildaussage nicht gestärkt. allerdings: jedem macht es mal spass über eine kirmes u schlendern und ein paar fotos zur erinnerung zu machen……..und damit ist es auch gut.

  6. Ungewohnter Blickwinkel auf die Wiesn, gefällt mir sehr gut. Ein ganz anderer Blickwinkel, keine Bierzelte, kein strahlender Weiß-Blauer Himmel, keine weiß-Blauen Dirndel, die man schon tausend mal gesehen hat. Andere Motive und eine ganz besonders analoge (?) Bildstimmung.

  7. Interessante Bilder… Was mir persönlich dabei fehlt, sind die Menschen, die das Oktoberfest ja eigentlich ausmachen. Zugegeben, ist sicher nicht einfach. Ich schnalle mir bei solchen Veranstaltungen die kleine Digi-Kamera um den Hals und drücke unauffällig dabei ab. Manchmal gibt es dabei sehr schöne Schnappschüsse, aber auch nur manchmal. Geht aber nur mit der Digitalkamera, wenn man sehr viele Fotos machen kann.

    LG Andreas

  8. Tolle Bilder Jorge! Besonders gut gefallen mir einfach Deine Kettenkarussell-Interpretationen sowie das Loopingbild. Ich möchte auch Werbung für Deine Webpage machen, lohnt sich sehr! Herzliche Grüße, Sabine