19. Mai 2012 Lesezeit: ~3 Minuten

Bilder und Geschichten: Uwe Heckmann

Kürzlich schrieb mir Uwe Heckmann und machte mich auf sein im vergangenen Jahr erschienenes Buch „Blicke“ aufmerksam.

Das Buch, eine Assemblage aus 50 Bildern, poetischen Texten sowie sachlichen Bildanalysen, enthält unter anderem das um 90° gedrehte und auf den ersten Blick vielleicht banale Bild einer Wasserpfütze. Durch die Kombination mit einer erstaunlichen Bildanalyse entpuppt es sich allerdings zu etwas unerwartet Neuem. Was da geschehen ist, soll auch Euch hier nicht vorenthalten bleiben.

Vexierbilder in der schier unübersichtlichen Vielfalt der städtischen Umgebung zu entdecken – darum geht es mir bei meinen zahlreichen, fast täglich unternommenen Streifzügen. Die Fotos sollen beim Betrachter Erinnerungen, Assoziationen, Gedanken und Bilder auslösen, die über das unmittelbar Sichtbare hinausgehen.

Durch die gewählte Perspektive oder das gezeigte Detail geraten die Dinge der alltäglichen Wirklichkeit in Bewegung und treten in den Spielkreis einer deutenden Fantasie. So bummle ich durch die Stadt und horte Ansichten, die ihre je eigenen Geschichten erzählen, wie auch die folgende: Ich stehe in einem überdachten Durchgang, wo sich Wasserpfützen gebildet haben. Ich bin fasziniert von der präzisen Linienführung und den organischen Formen mit den wenigen, aber klaren Spiegelungen.

Ich mache ein paar Fotos, kurz nach der Rückkehr zeige ich sie meiner Herzensdame auf dem Laptop und ihr fällt unwillkürlich eine Geschichte dazu ein. Sie glaubt, eine erstaunlich gut erhaltene Wandmalerei eines bisher unbekannten, archaischen Volkes vor Augen zu haben und schnell hat sie ein paar Details zur möglichen Entstehungsgeschichte parat: Vermutlich handelt es sich um die Darstellung einer rituellen Begegnung eines Kriegers und einer Kriegerin.

In der rechten Figur ist die Kriegerin zu erkennen, in ihren fließenden Formen erinnert sie an Pflanzliches und ihr Körper und ihr Kopf zeigen gleich mehrfach die Formen der weiblichen Brust. Ihren Helm hat sie rechts hinter sich abgelegt.

Die linke Figur ist dagegen eindeutig als männlicher Krieger zu identifizieren, aufrecht stehend, mit stolzgeschwellter Brust und kleinem Kopf auf einem breiten Stiernacken. Krieger und Kriegerin sind beim rituellen Austausch der Waffen gezeigt, sie messen und präsentieren die Wurfspeere und tauschen diese, was als Zeichen des gegenseitigen Respektes gedeutet werden kann.

Dass der männliche Krieger links in seiner Haltung leicht nach hinten kippt und in labiler, zurückweichender Haltung dargestellt ist, könnte, wie meine Herzensdame vermutet, auf den langsamen Verfall des patriarchalischen Einflusses und eine damit verbundene Stärkung des Matriarchats innerhalb dieses Volkes hindeuten.

Ihre kurze Betrachtung schließt sie mit der humorigen Bemerkung, dass die genaue Datierung der Wandmalerei bisher noch ausstünde.

Ich bin bass erstaunt und kann bis heute noch nicht glauben, was alles in einer trivialen Wasserpfütze für Geschichten stecken können. Aber das Auge ist unersättlich und zusammen mit unserer Fantasie ständig dazu bereit, alles Sichtbare zu verwandeln.

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3 Kommentare

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  1. Ich persönlich halte das nicht für die hohe Kunst der Fotografie. Ein Bild, aufgenommen auf einer Wiese mit Blumen, lange Belichtungszeit und dann die Kamera herum bewegen ergibt am Ende das gleiche … jeder kann darin sehen was er will.

    Wir können natürlich auch wieder die Worte „Fotografie ist Subjektiv“ ausgraben … für mich persönlich ist das von Anfang an ein Boden mit etwas Flüssigen gewesen. Damit ist ein gedrehtes Bild mit Wasser auf dem Boden mit einer Aussage die mich als Stadtmensch nicht berührt. Etwas alltägliches. Aber ist natürlich Subjektiv :) Dennoch, jeder darf seine eigene Meinung haben, mein Fall ist es gewiss nicht.

    Aber nach dem Text ist die rechte Figur ein Dino mit Knollnase und einem Glied der dem Krieger die Pfote reichen möchte.