03. Januar 2012 Lesezeit: ~10 Minuten

Wie ich fremde Menschen portraitiere

Neulich hatte ich ein Gespräch, in dem mein Gegenüber mich ordentlich darüber ausfragte, wie ich fotografiere. Dabei ging es gar nicht um die Technik, sondern das Drumherum. Und mir wurde bewusst, dass mein Vorgehen bei Portraits eine Philosophie hat und einigen Grundregeln folgt.

Fremde Menschen, die mir gefallen, spreche ich an. Manchmal sogar ganz fremde, in der Straßenbahn oder auf der Straße. Ohne sie zu fragen, wie sie heißen, wie alt sie sind oder woher sie kommen. Das ist für mich in diesem Moment unerheblich. Ich möchte nur den Kontakt herstellen, bevor sie vielleicht für immer um die nächste Hausecke verschwinden.

Modell: Sylwia K.

Oder der Kontakt entsteht über das Internet aus meiner Motivation oder der des Modells, einer mag die Arbeiten des anderen. Dann ist man sich zwar näher, kennt den Namen und die Fotos des anderen und hat eine Ahnung von der Person, mit der man arbeiten möchte, weil man in der Vorbereitung Nachrichten hin und her schreibt – ist sich aber eigentlich immer noch fremd.

Auf dieser Basis arbeite ich und von dieser Fremdheit ausgehend muss ich so agieren, dass am Ende Fotos entstehen, mit denen wir beide zufrieden sind. Dazu bedarf es viel Vertrauen, das aufgebaut werden muss, damit überhaupt erst Fotos möglich werden, welche die Distanz überbrücken, die anfangs noch zwischen uns besteht.

Dazu gehört Vertrauen in den Raum. Mein Modell darf keine konkreten oder abstrakten Ängste haben, dass irgendetwas Bedrohliches oder Erschreckendes passiert. Dafür muss ich als Fotograf sorgen, indem ich nicht mit der Tür ins Haus falle, sondern erst einmal den Raum auf die Person wirken lasse, damit sie ihn kennenlernt.

Seine Ausmaße und Geräusche, vielleicht die Pflanzenwelt, die Tiere und die Gerüche in der Natur oder in einer Wohnung die Einrichtung, das Licht, die Akustik, die Anwesenheit anderer Menschen im gleichen Gebäude. All das wirkt auf uns und wir müssen es erst kennenlernen, um uns sicher zu fühlen.

Modell: Sandra

Und Vertrauen in mich als Person und Fotograf. Das hat etwas mit Macht zu tun, denn auch wenn man das Gefühl hat, kreativ auf einer Wellenlänge zu sein, gehe ich am Ende unseres Treffens mit den Bildern auf der Karte oder dem Film nach Hause, auf denen das Modell abgebildet ist.

Es gibt einen Vertrag, der Rechte und Pflichten regelt, den wir beide unterschrieben haben, aber trotzdem muss ich auch zwischenmenschlich das Gefühl vermitteln, dass das Modell mir vertrauen kann. Dass seine Bilder bei mir gut aufgehoben sind, dass ich damit keinen Blödsinn mache, dass ich mich an meinen eigenen Vertrag halte.

Vor dem Fotografieren muss ich einen Menschen erst kennenlernen, ich frage jede Menge Dinge, die mich sonst an fremden Menschen nicht interessieren würden. Jetzt achte ich aber genau darauf, was mein Modell von sich und seinen Lebensumständen erzählt, was es von sich preisgibt, wie es sich bewegt, spricht, nachdenkt.

Ich passe mich selbst der Kommunikationsweise des Modells an. Ist es schüchtern, spricht vielleicht nicht viel? Dann möchte ich es nicht mit meiner manchmal unbedachten, spontanen Art überfordern oder einschüchtern. Also spreche ich selbst auch weniger, ruhiger und bedachter.

Modell: Désirée

Modellen, die nur so übersprudeln vor Ideen und Selbstauskunft, versuche ich ebenso zu begegnen. Spontan viel zu reden, auch mal einen etwas verrückten Gedanken äußern, ohne ihn komplett zu durchdenken, von Privatem erzählen oder etwas, das mir gestern passiert ist. Ich gebe zurück, was ich bekomme.

Gleiches gilt für meine Bewegungen. Wer Abstand hält, dem zwinge ich keine Umarmung zur Begrüßung auf. Den warne ich vor, bevor ich ihn anfasse, um für ein Foto Kleidung zurechtzuzupfen oder eine Haarsträhne aus dem Gesicht zu streichen.

Ich fahre zu meinen Modellen nach Hause, um dort Kleidung auszusuchen und zum Beispiel in der umliegenden Natur zu fotografieren. Oder sie kommen zu mir, wir ordnen bei mir einige Outfits und machen uns dann auf den Weg zu einer Location, die ich ausgesucht habe. In beiden Situationen verhalte ich mich unterschiedlich:

Bei mir zuhause öffne ich mich, lade meine Modelle ein, sich überall umzuschauen, denn ich habe nichts zu verbergen. Sie können ihre Sachen ablegen und es sich bequem machen, wo sie möchten und sich mit dem, was sie mitgebracht haben, ausbreiten. Ich biete eigene Kleidung und Accessoires an, wenn sie passen; krame in Schränken nach Dingen, die mir einfallen.

Modell: Daniela Parisi

Bevor jemand zu mir kommt, putze ich und räume auf, denn das gehört zum guten Ton. Aber ich übertreibe es nicht, denn ich bin immer noch ich selbst, etwas Unordnung gehört dazu. Ich biete etwas zu trinken und zu essen an, achte darauf, ob mein Modell entspannt wirkt oder vielleicht noch etwas braucht.

Bin ich bei meinen Modellen zu Gast, bewege ich mich sachte, schaue nicht einfach in fremde Sachen. Ich frage, bevor ich etwas in die Hand nehme oder ein Stück mit interessantem Muster einfach aus dem fremden Kleiderschrank ziehe. Einladungen, dort aber nach Herzenslust zu wühlen, nehme ich ebenso an.

Ich halte die Distanz, die die andere Person mir vorgibt. Ich möchte nicht unangenehm bedrängen und gleichzeitig auch nicht zu viel Abstand halten, denn auch das könnte für den anderen unangenehm sein, er oder sie könnte sich fragen, ob etwas nicht stimmt und ich deshalb die Nähe ablehne.

Alles ist zielgerichtet auf die Fotos, die ich entstehen lassen möchte. Egal, ob sie spontan, verträumt, traurig, ausdrucksstark wirken oder Rollen gespielt werden sollen: Für ein optimales Ergebnis ist es unerlässlich, dass das Modell sich in der Situation und mit mir gemeinsam wohlfühlt.

Modell: Tami

Nur so kann das Modell sich fallen lassen, experimentieren und auch Zwischenschritte umsetzen, die nicht gut aussehen, durch Weiterentwicklung und Ideen von mir und ihm aber zu einem interessanten Endergebnis führen. Wenn es gehemmt ist und sich nicht traut, kommen wir nicht zu ungewöhnlichen Bildern, sondern bleiben immer bei dem, was sicher ist – was aber auch jeder schon kennt und daher langweilig ist.

Ich fange langsam an zu fotografieren. Erkläre auch gern erst einmal, wie ich arbeite, wenn ich schon die Kamera in der Hand habe, aber noch nicht auslöse. Damit mein Gegenüber weiß, was gleich passiert und nicht überrascht ist, vielleicht weil ich wenig Anweisungen gebe, manchmal wegen Licht oder Komposition erst einmal in mich hineingrüble, was aber keine stumme Kritik an dem ist, was das Modell tut.

Ich erkläre, dass ich manchmal Ideen äußere, mein Modell sich aber grundsätzlich immer wohlfühlen soll. Daher nichts tun soll, was es nicht möchte. Sich nicht verrenken muss, wenn es merkt, dass meine Idee anatomisch nicht umsetzbar ist. Dass ich möchte, dass es gern spontan eigene Ideen umsetzt (außer, ich habe kurz angeordnet, die Pose zu halten, weil ich weiß, dass ich noch mehr Bilder genau davon machen möchte), die wir zusammen weiterentwickeln können.

Frage immer wieder, ob alles in Ordnung ist, ob etwas fehlt. Ob er oder sie noch eigene Ideen umsetzen möchte. Ob sie genug von der Inszenierung haben, an der wir gerade arbeiten oder ob das Gefühl da ist, dass wir noch mehr daraus machen können. Dabei hilft auch, immer wieder die gerade gemachten Bilder gemeinsam anzusehen und darüber zu sprechen, was gefällt, was nicht gefällt, was in der Nachbearbeitung noch verändert werden kann und was nicht.

Modell: Amy Lou Black

Das alles hat nichts mit Lichtsetzung, Komposition, Kameratechnik, Ausrüstung oder Nachbearbeitung zu tun. Und trotzdem ist es für die entstehenden Fotos genauso wichtig, vielleicht sogar wichtiger als die ganze Technik zusammen.

Genau das reizt mich daran. Einen fremden Menschen kennenlernen, mich mit ihm kreativ verbinden und dadurch etwas Neues schaffen. Jemand, mit dem mich bis dato nur der dünne Faden der Fotografie verbindet. Manchmal sogar noch weniger, vielleicht nur, dass mich beim Einsteigen in die Straßenbahn fast der Schlag getroffen hat bei seinem Anblick.

Es reizt mich, mir nicht zu viel Konkretes vorzunehmen, sondern mich auf das einzulassen, was der andere möchte, was sein Kleiderschrank hergibt, was die umliegende Natur zu bieten hat und das alles in meinem eigenen Stil als Rahmen einzubetten.

Das macht mir oft mehr Spaß, als an einer konkreten Idee zu arbeiten und dann vielleicht daran zu scheitern, weil die Umsetzung nicht so funktioniert wie gedacht oder – fast noch schlimmer – weil die fertig gebaute Szenerie nicht die Wirkung hat, die ich mir versprochen habe.

Modell: Laura

Das ist aber auch anstrengend. Es erfordert oft über viele Stunden hinweg eine gesteigerte Aufmerksamkeit und Fokussierung, die ich nicht gewohnt bin, weil ich in meinem Alltag den Großteil der Zeit allein verbringe oder mit Personen, die mir so stark vertraut sind, dass ich ihre Anwesenheit fast vergesse und so zumindest mit meinen Gedanken allein bin.

Nachdem ich auf diese Weise Fotos gemacht habe, bin ich oft erschöpft, könnte schon in der Straßenbahn auf dem Weg nach Hause einschlafen. Und doch mache ich es jedes Mal wieder so, verfeinere nur Details an meiner Philosophie.

Denn es lohnt sich.

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40 Kommentare

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  1. Einer der besten und interessantesten Artikel seit langem. Danke für diesen gefühlvollen und, für die eigenen Arbeiten, sehr hilfreichen Einblick in deine Arbeitsweise.

  2. Frohes Neues Jahr an alle!!!

    @ Aileen: Danke für diesen wunderbaren Beitrag…, teilweise habe ich mich in dem Artikel wiedergefunden. Dein Text & Fotos sprechen mich sehr an! :-)

  3. Ein super Artikel wie ich finde. Regt zum Nachdenken über die eigenen Art der Fotografie an. An manchen Stellen habe ich mir gedacht „Ja, genau so gehts mir auch“ an anderen Stellen habe ich nachdenken müssen wie ich mich in der Situation verhalte.

    Einziger Nachteil, jetzt bin ich in Gedanken beim letzten Shooting warum ich was wie gemacht habe und nicht mehr voll Konzentriert bei der Arbeit ;-)

    greetz
    chris

  4. Super Artikel, der mich selber zum Nachdenken anregt. Ich muss immer noch stark an mir arbeiten, da ich mich zu gerne von meiner Euphorie über das, was demnächst passieren wird, überwältigen lasse.
    Aber eines kam mir beim Lesen in den Sinn: Ich vermute, dass du es leichter hast, als ich, Vertrauen zu deinen Modellen aufzubauen. Egal, ob sie nun mit dir Shooten wollen, zu dir gehen oder dich empfangen, oder dich in ihren Kleiderschränken wühlen lassen. Ich bin ein Mann und du eine Frau. Von dir geht, so denken die Menschen in diesem Kulturkreis, weniger Gefahr aus, als von mir. Was es mir schwerer macht. Und dir leichter.

    Mal ein kleiner Denkanstoß …

    • Hallo Ben,

      ja, dass man als Mann oder Frau unterschiedlich wirkt, ist mir bewusst und genau genommen ist es etwas traurig, lässt ja tief in unsere Gesellschaft blicken.

      Ich denke aber, dass der Effekt am Anfang am größten ist und danach abebbt. Wenn ich jemanden also auf der Straße anspreche, habe ich als Frau den größten Bonus. Danach, denke ich, dass es vor allem darauf ankommt, authentisch zu sein und Vertrauen aufzubauen und das kann man auch als Mann.

      Es ist auch nicht so, dass alle Menschen mir einfach so blind vertrauen, das ist immer sehr unterschiedlich. Nicht jeder lässt mich im Kleiderschrank wühlen. Oft gibt es mehr Distanz und oft genug kann ich die auch nicht mit Einfühlsamkeit oder sowas überbrücken, sondern muss damit leben und in dem Moment für die Fotos etwas umdenken.

      Zurück zur Anfangssituation: Wenn ich fremde Menschen anspreche, merke ich trotzdem oft genug, was meinem Gegenüber für Bilder im Kopf auftauchen, wenn ich mich als Hobbyfotograf vorstelle. Auch wenn ich eine Frau bin, denken viele erstmal an schlechte Pornobildchen. Da hilft nur, Arbeitsproben dabei zu haben. Ich habe immer eine Handvoll Visitenkarten mit unterschiedlichen Fotos in der Tasche. So kann der Angesprochene sich ein paar Bilder ansehen und eins aussuchen, das er mitsamt Kontaktdaten behalten kann.

  5. Toller Artikel, danke dafür, Ben muss ich auch recht geben, ich glaube, wenn mich ein Mann ansprechen würde, dann wäre ich wesentlich vorsichtiger als bei einer Frau.

  6. Sehr, sehr interessanter Artikel.
    Ich habe die Zeilen genossen. Sehr einfühlsames Vorgehen, wobei es in anderen Berichten zu gegensätzlichen Argumentationen kommt.
    Ich für meinen Teil habe aus dem Artikel etwas gelernt.
    „Breche nie etwas über’s Knie. Konzentriere Dich auf das Bild, welches Dir vor Augen liegt und binde das Modell ganz konkret mit ein.“
    Ausserdem fand ich den Aspekt, die Fotos mit dem Modell (ich gehe davon aus, das es schon während der Session geschieht) betrachtet werden. Das kenne ich so nicht, habe es auch noch nie praktiziert. Eine sehr interessante Vorgehensweise.
    Danke für diesen Blogartikel. Der hilft wirklich weiter.

    • Hallo Ulrich, am Anfang habe ich die Fotos während der Session auch nicht gezeigt. Das lag wahrscheinlich nur daran, dass ich sie selbst ja schon kannte, durch den Sucher gesehen habe. Eigentlich etwas arrogant von mir als Fotograf. ;)

      Da hilft es, sich mal von jemand anderem fotografieren zu lassen. Auch, wenn man (wie ich) selbst nicht gern vor der Kamera steht. Aber dann merkt man plötzlich, was das Modell alles nicht sieht. Selbst wenn man die Brennweite kennt: Man hat keinen Schimmer, welchen Bildausschnitt der Fotograf gerade sieht und welches Bild er vielleicht weiterführend im Kopf hat.

      Ich empfinde es inzwischen als starke Bereicherung, die Modelle so stark wie möglich in die Bildgestaltung mit einzubeziehen, also auch die gerade gemachten Bilder auszuwerten (weniger erfahrenen Modellen gibt das auch mehr Selbstsicherheit für die weitere Session) und die Ideen des Modells mit umzusetzen, weil sie mich dann oft genug selbst auf neue Ideen bringen.

      Das ist auch eine Abwechslung, weil ich es kaum schaffe, so lange wie am Fließband immer nur eigene Ideen und Anweisungen zu geben. Da ist ganz schnell die Luft raus und meine Motivation dahin.

  7. Danke für diesen interessanten und richtigen Beitrag! Deine Tipps finde ich übrigens nicht nur für die Porträtfotografie bedeutungsvoll. Du beschreibst vielmehr die Art und Weise, wie respektvoll man meiner Ansicht nach grundsätzlich mit anderen Menschen in jeder Lebenssituation umgehen sollte.

    LG
    Oli

    • Hallo Oliver, ich glaube, darüber muss ich noch ein bisschen nachdenken. Ich finde schon, dass ich mit meinen Modellen anders umgehe als mit den anderen Menschen um mich herum. Ich achte viel mehr auf Kleinigkeiten und Nuancen. Und ich richte mich eher nach ihnen, weil ich ja auf ein Ergebnis hinaus will. Der Rest der Menschheit muss sonst viel stärker mit meinen Launen oder der Abwesenheit von Feinfühligkeit umgehen, die ich gern an den Tag lege. ;)

  8. … toller artikel. in dem ich mal wieder merkte, dass ich das auch können will – fremde menschen ansprechen, weil ich vom gesicht fasziniert bin und es fotografieren will.

    • Hey Nancy, das klingt vielleicht einfach gesagt, aber: Tu es einfach. Es gibt kein Rezept. Außer vielleicht, sich ein paar Sätze zurechtzulegen, um sich selbst zu beruhigen. Ich bin jedes Mal auch fürchterlich aufgeregt, kriege schwitzende Hände und stammle herum. Wenn man dann erstmal „hallo“ gesagt hat, sind die vier Tipps von Jörg (weiter unten) dann auch noch Gold wert.

  9. Ein wundervoller Artikel mit sehr sehr schönen Fotos, es hat mir großen Spaß gemacht diesen Artikel zu lesen, da ich mich gerade mit einem ähnlichen Thema beschäftige (Wie bekomme ich es hin, dass Fotos ehrlich wirken?) … und da spielt vertrautheit eine große Rolle.

    Vielen Dank für diesen tollen Artikel!

  10. Liebe Aileen,

    vielen Dank dir für diesen tollen Einblick!
    Ich habe gestern noch gedacht, hach, wäre es doch schön, wenn man solch eine Einleitung bekommen könnte. Vor allem jetzt, wo ich darüber nachdenke, endlich mal zum Fotografieren zu kommen und nicht nur darüber zu reden – et voilà :)

    Lieben Gruß!

    • Hallo Jan, meist sind es Frauen, ja. Das liegt aber nur daran, dass es in dieser Welt irgendwie mehr hübsche Frauen als Männer gibt. Ich mache jedes Mal drei Kreuze, wenn ich es geschafft habe, ein männliches Exemplar, das mir gefällt, vor die Kamera zu locken. ;)

      Und: Köln heißt die Stadt, aber so voller potentieller Modelle sind die Straßenbahnen leider nicht. Alle paar Monate gibt’s da vielleicht mal jemanden.

  11. Blogartikel dazu: Einblick in Aileen Wessely’s Philosophie

  12. Mich würde eine Fortsetzung interessieren. Zu diesem Punkt:

    „Fremde Menschen, die mir gefallen, spreche ich an. Manchmal sogar ganz fremde, in der Straßenbahn oder auf der Straße. Ohne sie zu fragen, wie sie heißen, wie alt sie sind oder woher sie kommen. Das ist für mich in diesem Moment unerheblich. Ich möchte nur den Kontakt herstellen, bevor sie vielleicht für immer um die nächste Hausecke verschwinden.“

    Da frage ich mich nämlich vor allem: Wie dann/das? Gibt es irgendwelche Tipps? Wie bist du das erste Mal auf eine komplett fremde Person zu gegangen? Sprichst du sie gleich auf Fotos an? Hast du deine Kamera bei dir? Visitenkarten? Wie reagieren [die meisten] auf dich?

    Ansonsten – ein sehr toller Artikel *_*

    Der Point.

    • Hallo Point, Jörg hat im Kommentar hier drunter die wichtigsten Punkte stehen, denen ich nur zustimmen kann. Denjenigen direkt mit einer Kamera zu „bedrohen“ ist wahrscheinlich eher hinderlich. Wichtig ist wirklich, den Raum zu lassen, nachdem man sich und die Absicht kurz vorgestellt hat. Wenn du das einmal machst, wirst du wahrscheinlich auch merken, dass dein Gegenüber dann noch äußerst skeptisch ist. Wenn man ihm dann mit einer Visitenkarte die Möglichkeit gibt, selbst darüber zu entscheiden, ob, wie und wann es mit Fotos weitergeht, bedrängt man ihn am wenigsten.

  13. Hallo Aileen,

    es ist schön, diesen Artikel zu lesen. Aus meiner eigenen Erfahrung kann ich Deinen Artikel und viele Kommentare hier bestätigen. Fast alle Menschen, die ich portraitiere, finde ich „auf der Straße“, im Vorbeigehen, im Café, im… am… etc.

    Bzgl. der Herausforderung, Seriösität mit meinem Vorhaben, jemanden, den ich gerade erst gesehen habe, genau dieser Person zu vermitteln, helfen mir folgende Dinge: 1.) eine Visitenkarte im Leporello-Stil (mit Portraits drauf), 2.) die eigene Website, 3.) die Betonung darauf, dass das „Model“ zu jedem Zeitpunkt „Nein“ sagen kann und 4.) ein erstes Treffen ohne Fotografie auf neutralem Boden.

    So kann ich 1.) sofort einen Eindruck meiner Arbeiten und meines Stils vermitteln, gebe 2.) Raum, sich einen besseren Eindruck von meiner Fotografie zu verschaffen und gebe mit 3.) und 4.) maximalen Raum, sich mir zu nähern… oder auch nicht.

    Manchmal ist das Shooting 2 Wochen nach dem ersten Kontakt geschehen, manchmal dauert es Monate bis dahin, manchmal höre ich von der Person nie etwas. Auch das ist gut so. Im Rest mache ich viele Dinge so wie Du, Aileen.

    Jörg

  14. Ein spannender Artikel mit sehr schönen Bildern.
    Und mir fallen weitere Fragen ein.

    Mich würde ergänzend interessieren, was dich an deinen Modellen besonders anspricht, wonach du sie aussuchst.
    Gibt es etwas, was sie alle gemeinsam haben (z.B. dass es junge Frauen sind)?

    Und inwieweit fließen die Informationen, die du über eine Person gesammelt hast, dann in deine Bilder ein? Machst du ein Konzept? Ergibt sich ein Gefühl? Was für eins?

    • Hallo Hendrik, das sind schwere Fragen, auf geht’s:

      Ich selbst sehe da kein Muster, ein Außenstehender vielleicht schon eher. Junge Frauen sind es wahrscheinlich, weil es einfach naheliegt, jemanden in meinem Alter anzusprechen. Ich fand aber auch schon ältere oder jüngere Menschen interessant, mit denen es dann aber aus verschiedenen Gründen nicht geklappt hat. Wer zu jung ist, hat oft besorgte Eltern, die keine Fotos der Kinder im Netz möchten – kann ich verstehen. Wer älter ist, ist oft in fest gesellschaftliche Rollen integriert, die es schwer machen, wirklich frei und kreativ zu arbeiten, weil die Angst besteht, dass Kollegen oder Freunde die Bilder sehen und sich darüber lustig machen könnten. Zum Beispiel Lehrer im Allgemeinen (Schüler können sehr grausam sein) oder Dozenten an meiner Uni, bei denen dazu kommt, dass ein Kontakt über die Veranstaltung hinaus nicht erwünscht ist. Ich kann mir also gut vorstellen, dass der Personenkreis, den ich fotografiere, weiter wird, wenn ich selbst älter werde und mein Stil sich sicher noch ändert.

      Davon abgesehen ist es einfach das „besondere Etwas“. Das kann ich nicht in Worte fassen und manchmal sind es nur Nuancen, die es ausmachen. Es ist mir schon öfter passiert, dass ich ein Modell über die MK o.ä. kennengelernt habe und die Bilder faszinierend fand. Im echten Leben wirkt eine Person dann aber immer etwas anders als auf Bildern. Und dann war der Zauber manchmal einfach weg, auch das kommt vor.

      Konzepte gibt es selten, oft sind es eher spontane Ideen. Umso mehr Modell-Erfahrung jemand mitbringt, desto eher entwickle ich vor der Session Konzepte, weil ich dann weiß, wie weit ich mich darauf verlassen kann, dass mein Modell sich auf etwas einlässt, was vielleicht etwas abgedreht ist. Bei der ersten Arbeit mit einer Person ist sowas aber nur hinderlich.

      Manchmal habe ich trotzdem Ideen, werde dann aber regelmäßig (von mir selbst) enttäuscht, weil die Arbeit dann nicht so abläuft wie ich es mir vorgestellt habe und meine Ideen sich nicht umsetzen lassen. Also versuche ich, mit so wenig konkreten Vorstellungen wie möglich zu erscheinen und die Bilder dann aus dem zu entwickeln, was wirklich da ist.

  15. Hallo Aileen,

    herzlichen Dank für diesen gefühlvollen Einblick in Deine Arbeitsweise. Ich bin begeistert. Ich denke, bei Dir fühlt sich auch das unerfahrenste, schüchterne Model schnell wohl. Die Bilder sind sehr schön, geben Ruhe und Harmonie wieder.

    Suleica

    • Hallo Michael, wichtig hierbei ist, dass es sich „nur“ um meine Philosophie handelt. Nicht immer schaffe ich es, an alles zu denken, ruhe manchmal nicht so sehr in mir selbst, wie ich es gern würde oder vielleicht hat auch mein Modell mal keinen guten Tag. Es gibt viele Gründe, warum der Kontakt immer wieder nicht so perfekt verläuft wie ich ihn mir ausmale. Aber mit jeder Begegnung kann ich wieder etwas lernen, indem ich anschließend darüber nachdenke. Und das dann in mein weitere Arbeit einfließen lassen.

      Ich denke auch, dass viele Menschen da eine bessere Gabe für haben als ich, da ich von Natur aus eher jemand bin, der für sich allein werkelt und sich wenig wirklich stark auf andere einlässt. Viel, was für andere, die viele bzw. tiefe Kontakte pflegen, natürlich ist, war für mich also Lernen via Fettnäpfchen und Ausprobieren.

  16. Liebe Aileen, vielen Dank für den Einblick in Deine Arbeitsweise.
    Wie Du weißt, bin ich gerade an den Texten für meine Webseite. Heute Nacht bin ich aufgewacht und hatte plötzlich ganz viele Gedanken zum Thema Porträt. Heute lese ich Deinen Artikel und bin fast ein bißchen sprachlos, wei viele Parallelen es bei den Gedanken gibt.
    Ich habe Deinen Text für mich genutzt und meinen Text mit weiteren Assoziationen verfeinert. Nun ist er fast 15 Seiten lang. Ich habe immer wieder Angst, dass mir nichts einfällt, und nun das.
    Der Prozeß, den Du beschreibst ist für mich sehr stark davon getragen, dass ein Modell, was Du so ansprichst auch erst einmal nicht viel erwartet. Oder? Alles ist offen. Es kann etwas entstehen.
    Am besten hat mir deshalb auch am Ende der Absatz gefallen, wo Du beschreibst, dass Du Dich ungern schon vorher durch ein Konzept oder eine genaue Bildidee festlegen willst. Das ist für mich die optimale Voraussetzung, damit etwas sich zeigen kann, etwas entsteht. Das erfordert viel Selbstbewußtsein, das ständige sich selbstbefragen, Reflexion. Wenn ich nicht genau weiß, was ich suche, dann kann es sehr schnell zu einem ziellosen Herumirren werden, was am Ende beliebige Bilder hervorbringt. Dass Deine Bilder ganz und gar nicht beliebig wirken, zeigt, dass Du etwas verfolgst. Aber es scheint nicht das Festlegen zu sein, sondern das sehr genaue Beobachten.
    Ich hatte den Gedanken, dass das Mut erfordert sich auch auf etwas schmerzhaftes einzulassen. Gerade wenn das sich Einlassen (gegenseitig) nicht gelingt, kann das ja auch sehr frustrierend sein. Dann werden Bilder schnell auch zum Spiegel der Ängste und Hemmungen, die man hatte. Vielleicht auch das Gefühl, gescheitert zu sein, sich nicht genug eingebracht oder gezeigt zu haben. Genau daraus lernt man m.E. aber auch das Meiste. Denn letztendlich bin ich als Fotograf dennoch stärker der Akteur, als das Modell. Zumindest begegne ich immer wieder dieser Vorstellung.
    Was ich auch schön fand, ist die Beschreibung der Fremdheit am Anfang. Mir ist klar geworden, dass wenn die Nähe zu groß ist, dann läuft der Prozeß oft genau umgekehrt. Dann ist er keine Annäherung an den anderen sondern die Fähigkeit bei aller Nähe auch zulassen zu können, dass der andere dennoch anders ist.
    Viele Gedanken sind mir beim Lesen durch den Kopf gegangen. Ganz lieben Dank
    Gruß Lis

    • Hallo Lis, wir kennen uns zwar noch nicht lange, aber nach unseren bisherigen Treffen muss ich sagen, dass es kaum noch Parallelen gibt, die mich erschüttern würden. Wir haben einfach sooo viele. ;)

      Das mit den Ängsten und Hemmungen finde ich einen interessanten Aspekt. Oft kann ich sie in den Bildern sehen, die bei Sessions entstehen, bei denen ich die Distanz nicht gut überbrücken, das Vertrauen nicht so gut herstellen konnte. Erstaunlich ist aber, dass oft nur ich als Fotograf das sehen kann, weil ich die Erinnerungen an die Situation habe. Wenn Außenstehende dann die ganz kleine Endauswahl der Bilder sehen, verschwindet das. Diese Erfahrung gibt mir aber auch die Lockerheit, trotzdem mit jemandem zu arbeiten, wenn ich merke, dass wir nicht zu 100% auf einer Wellenlänge sind. Es kommt immer etwas Gutes heraus.

  17. Einer der besten Artikel die ich in letzter Zeit gelesen habe!
    Wunderbar geschrieben und eine schöne und ehrliche Herangehesweise. :)

    Habe mich ein wenig wiedergefunden in deiner „Philosophie“! :)
    Bitte mehr davon!

  18. Klingt nach einer praxiserprobten Gebrauchsanleitung fürs Zwischenmenschliche. Das bleibt tatsächlich oft auf der Strecke, gerade weil der Fotograf sich sehr aufs Technische versteift. Das ist das schöne an einem ambitioniert betriebenen Hobby, man kann sich die Zeit für diese Schritte nehmen. Ein befreundeter Berufsfotograf muss da deutlich zielgerichteter und effizienter vorgehen sonst geht die Kalkulation nicht auf.
    Mich würde als Ergänzung zu diesem Artikel mal die Sichtweise mehrerer Models interessieren: Wann fühlt es sich wohl, was nervt besonders, usw. (Martin Krolop hat das mal auf seinem Blog mit Jasmin Wagner (?) gehabt, aber das ist natürlich ein Profimodel…)

    Summa summarum, die Bilder geben Deiner Vorgehensweise recht. Sie gefallen mir allesamt sehr gut und sind ganz sicher nicht Standardportraits. Jedes strahlt eine Natürlichkeit und etwas persönlich/individuelles aus.

    • Hallo Martant, klar, da hast du recht, als Hobbyfotograf habe ich ganz andere Voraussetzungen. Zwar kann ich mir vorstellen, dass man einige der Kniffe sicher auch mit Kunden im professionellen Bereich einsetzen könnte, aber die kann man sich dann nun einmal nicht mehr aussuchen und die Zeit, die ich hier hinein investiere, hat man dann auch nicht jedes Mal. Zumal dann ohnehin das Modell zu einem kommt und nicht wie bei mir oft umgekehrt ich zu ihm. Dann muss man das Vertrauen nicht mehr in dem Maße erwerben, wenn derjenige schon bei einem ist und Geld in die Hand nehmen will.

  19. Eine schöne Beschreibung Deiner Vorgehensweise!
    Gerade das Thema Vertrauen und Empathie ist wesentlich und Ben hat es ja schon geschrieben, dass wir Männer uns das doppelt erarbeiten müssen. Zu meiner Leidenschaft gehören Homeshotings und da ist es ein absolutes Muss, dass mir als Fotograf der Ruf einer Person der man vertrauen kann vorauseilt.

    Ich passe meine Kommunikation nicht so extrem an, wie Du es beschreibst, sondern würde mein Vorgehen einfach als offen und neugierig bezeichnen.

    Bogi

  20. Blogartikel dazu: linkTime – Januar 2012 – #2 | linkTIME | bhoffmeier.de

  21. Dein Artikel hat mich sehr angesprochen,
    in einigen Punkten konnte ich mich selbst entdecken..
    Durch deine Worte fühle ich mich momentan inspiriert und
    würde am liebsten losziehen und fotografieren.
    Kompliment an deine Fotografien, sie sind einzigartig und kostbar!