21. Juli 2011 Lesezeit: ~5 Minuten

Donnerstag, 7 Uhr

Donnerstag, 7 Uhr, aufwachen, in den Himmel schauen und in den Himmel denken … Kaffee! Bettwärme genießen, Laptop aktivieren, zielloses Surfen im Netz, noch keine Gedanken an das Heute zulassen.

Ich öffne eine Original-Bilddatei aus meinem letzten Shooting, überlasse dem Zufall, welches Foto er wählt.

Schaue in das Foto. Überlege, was mir daran gefällt. Mag die Haltung, die Hände, die wie abgeschnitten wirkenden Beine. Schaue so lange auf das Foto, bis es anfängt, sich zu verändern und zu leben. Der Sandberg verschwindet immer mehr in meinen Gedanken und die Figur, die statisch auf dem Sandberg ruht, wird Teil eines Gedankenfilmes. Sie steigt aus dem Sandberg, der sie vielleicht verschlungen hat und lässt dies alles hinter sich.

Ich fange an, das Bild zu malen. Grob stelle ich in Photoshop die Figur frei. Details sind dabei nicht wichtig. Beschwingte Pinsel.

Schnappschuss. Habe einen Himmel eingefügt in den Sandberg. Himmel ist obligatorisch – es ist mein Morgenhimmel mit Vogelgezwitscher. Das Hellblau im Zusammenspiel mit dem Rot und Schwarz trifft meine Farbstimmung. Der Sandberg löst sich so langsam auf … ich möchte nur noch Fragmente von ihm … der Sandberg … er hat sie verschlungen … ist nur Symbol von etwas anderem … sie steigt aus ihm heraus.

Noch einen Kaffee, eine Zigarette. Ich erwache langsam, das Bild fängt an, mich zu fesseln. Ich versuche extreme Varianten. Sammle Schnappschüsse.

Der Versuch, das Bild zu anonymisieren: Immer bei meinen Bildern, das Weiche, das Abstrakte, das Nichterkennbare. Alles, was nicht zu erkennen ist, ist Spannung. Mein Blick fällt wieder in den Fensterhimmel und ruht sich dort ein wenig aus. Hunger meldet sich.

Ich überlege, was mein Sandberg in diesen Tagen ist. Und finde es tröstlich, zu fühlen, dass man sich befreien kann. Bunte Gedankendrachen fliegen in meinen Fensterhimmel und kehren zu dem Bild zurück.

Ich mische die Extremvariante mit dem Himmelsbild. Mit extremen Bildern ist es schwer, sie werden nicht verstanden. Ich gehe Kompromisse ein. Manchmal. Weil ich will, dass andere Menschen auch ihren Sandberg erkennen. Nur wenn ich wütend bin, sind die Bilder ungeschminkt.

Das Bild und die Gedanken zwingen zum Weitermachen, Aufstehen, Essen. Alles Alltägliche würde den Fluss des Bildermachens stören.

Mir gefällt es so. Das Foto wurde zum Bild, zum Gedankenbild. Jetzt schaue ich und verändere weiter.

Mit sanftem Pinsel korrigiere ich Konturen. Lege ein Stück Haut über das Tattoo. Es ergibt keinen Sinn für das Bild. Es gehört der Darstellerin. Die Figur auf dem Bild aber ist anonym. Sie ist ich und sie ist du.

Wieder schaue ich lange. Immer noch Stellen, die das Auge stören. Auf der rechten Seite dieses schwärzliche Sandloch. Das lenkt das Auge ab. Die rechte Hand sollte etwas deutlicher sein. Ich verändere Feinheiten. Wieder und wieder schaue ich mir meine Schnappschüsse an. Beobachte die Veränderungen des Bildes. Mische, schärfe, zeichne weich. Ziehe meinen Himmel über das Gesicht. Eine Traumebene.

Das Bild ruht auf dem Bildschirm. Ich weiß sicher, es ist fertig. Es ist Donnerstag. 9 Uhr. Mein Tag beginnt mit einem Bild und wird mich begleiten.

Donnerstag, 13 Uhr

Hallo … seid Ihr noch da … es ist Donnerstag, 13 Uhr. Und das Bild überzeugt mich nicht mehr. Ein wenig habe ich es verändert.

Was ist besser? Ich denke, die Entscheidung wird heute Abend fallen. Mit von Sekundenklebern verunstalteten Fingern lässt sich auch nicht so gut am Rechner arbeiten. Stelle gerade mit meinen Motiven Miniaturbilder her … Halsketten … von irgendwas muss Bildermacherin ja leben!

Jetzt fesselt mich das Bild und hält mich von der Arbeit ab. Ich mische weiter … will sein Geheimnis ergründen. Mische wie eine Malerin und füge ein wenig Bewegungsunschärfe ein, gestalte den Schnitt, um die Figur intensiver wirken zu lassen.

Jetzt scheint der Vollmond in mein Fenster. Und ein Mondenbild ist es auch geworden. Kein einfaches Bild:

Und kein Happyend. Die Anonymisierung ist mir nicht gelungen. Ein Bild, das auch keiner mögen wird. Mit dem Ausdruck habe ich lange gekämpft, weil er nicht perfekt ist für dieses Bild. Nicht optimal meinem inneren Bild entspricht. Eingriffe in das Gesicht sind kein Tabu für mich. Aber .. ja .. aber! Da ist immer noch der Mensch, den ich fotografiert habe. Und das Gesicht zu verändern ist ein Eingriff, der mich Überwindung kostet.

Vielleicht an einem anderen Tag … hätte ich die Konturen meinem inneren Bild angepasst. Aber heute scheint der Vollmond in das Fenster und es ist mein Donnerstagsbild. Und es ist MEIN Sandberg, aus dem ich entsteigen will. Es ist nun SO, wie es ist. EIN Tag in meinem Bildertagebuch, einer von bislang über 1000 Tagen.

Habe ich Euch schon gesagt, dass ich das Bildermachen liebe?

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18 Kommentare

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  1. Donnerstag 09:15. Wenig Zeit etwas zu schreiben. Und doch wollen.Termin naht gleich. Aber trotzdem: Ein Name, der beim Anblick des Ergebnisses sofort bei mir entsteht: Mona Lisa. Nicht wegen dem Mon..d, keine Ahnung warum.
    Schönen Tag allen.

    • Hey THE_MAXX,

      ich weiß nicht in welcher Stimmung du den Artikel gelesen, hast, aber bei mir hat er etwas ausgelöst, aber nicht auf Intellektueller Ebene sonder auf meiner Gefühlsebene, vorallem Verständniss für das Verlangen und den Versuch zu erschaffen, eine Vorstellung entstehen zu lassen, sich dem kreativen Prozess Hingeben, vorhandenes nutzen und verändern, schrittweises herrantasten an dein eigenes Gefühl das in dir drinn ist.
      Ich weiß nicht wie du mit Fotografie umgehst, oder besser wie du an sie herrangehst, vielleicht logisch, rechnerisch, hier ist der zugang Emotional und deswegen zählt der Prozess und nicht das Ergebnis

      lg

      • …es löste beim Vorredner auch etwas aus, schließlich tippte er einen Text ein und dem Inhalt nach zu urteilen war das Ziel auch die Gefühlsebene, ein Gefühl der Unbestimmtheit. Ob man dann gleich den Lehrer spielen muss »…hier ist der zugang Emotional« [sic!] – bin ich mir unsicher, ein Gefühl der Unbestimmtheit.

        Zum kommentierten Artikel auch meine 2 Cent: Gedankenströme kann man schon mal aufschreiben und sich mit James Joyce oder Arno Schmidt in eine Reihe stellen (wenn hier auch noch mehr Übung und Literaturstudium angesagt wären). Warum man das aber gerade hier und gerade mit Fotografen teilen muss…Unbestimmtheit macht sich breit.

  2. Anke, vielen Dank für den Artikel.
    Deine Liebe zum Bildermachen kommt absolut raus. Und du hast recht. Wie oft habe ich schon lange an einem Bild gesessen, mit Tee und viel Musik. Und am Ende hat es mich nicht überzeugt. Aber der Prozess dahin war schön. Die Beschäftigung mit den Bildern ist oft wesentlicher als das Ergebnis.

  3. Donnerstag, viel zu früh.
    ziemlich prätentiöses Geschreibsel. Oder Getipsel? Der inhaltliche Mehrwert bleibt überschaubar. Und die Erkenntnis: Aus einem langweiligen Bild lässt sich nur schwer was spannendes Zaubern. Auch, wenn man es „Kunst“ nennt“.

    Die gefälligste Bearbeitung ist meiner Meinung nach übrigens die „Donnerstag, 13. Uhr“-Version. Aber auch die haut mich, sorry, nicht gerade vom Hocker. Aber Geschmäcker sind ja verschieden. Danke fürs Vorstellen also.

    • Meiner Ansicht nach kommt das im Blog gut rüber, dass es kein gefälliges Bild sein soll. Genau das macht den Artikel spannend. Mir gefällt dein Beitrag und mir gefallen deine Arbeiten.

      Allgemein ist dies die beste Fotoseite überhaupt. Die Beiträge sind abwechslungsreich und treffen genau meinen Geschmack. Für jeden ist was dabei.

    • howdy amelie,

      warum bist du gleich so angefressen….versteh ich nicht und dann alle in einen sack zu stecken paßt nicht wirklich zu deiner beschriebenen art..kopfschüttelnd denke ich mir meinen teil nun und verkneife mir wohl besser meinen kommentar auch wenn er konstruktiv gut gewesen wär…

  4. Endlich weiss ich was eine „Bildermacherin“ so den ganzen Tag über treibt!

    Wieso stehen Sie für soetwas aber um 7 auf?

    Nicht unbedingt unnötig der Artikel, aber eigentlich bin ich vom Blog hier Interessanteres gewohnt!

    Weiter so!

  5. Lieber Bilder machen und nicht so einen Quatsch schreiben – man kann vieles als Kunst bezeichnen, aber kreative Schaffensprozesse lassen sich kaum verbalisieren, also lieber gleich lassen. Für mich ist das Murks & Überinterpretation.

    Die Bilder überzeugen mich persönlich gar nicht, der Besuch eines intensiven Photoshopkurses wäre empfehlenswert.
    Just my 2 cents. :)

  6. Also iich persönlich finde das erste das Ganz unbearbeitete bild am schönsten… weil da weiß man es ist nicht bearbeitet und der fotograf hat sich mühe gegeben fotos bearbeiten kann ja jeder…
    Aber gute Fotos zu machen Das ist Die eigendlich Kunst, Das die fotos Auch unbearbeitet Super aussehen…
    lg Diana

  7. @ Amelie – sorry aber albern Dein Hinweis.

    Jeder der fotographiert (und ggf. bearbeitet) weiß, dass einem je nach Tagesform und Motiv und 1000 anderen Gründen die Bearbeitung mal leichter und mal schwerer fällt.

    Deswegen finde ich persönlich den Text absolut uninteressant und das Bild ist ebenfalls Geschmackssache.
    Ich für meinen Teil würde weder so ein Bild fotographieren noch bearbeiten wollen.
    Ich gebe aber zu, dass auf Deiner Seite Bilder sind mit denen ich eher was anfangen kann.

    So und nun viel Spass beim früh aufstehen und Tee trinken.