14. Juli 2011 Lesezeit: ~3 Minuten

Die Wunder des täglichen Lebens

„Die Wunder des täglichen Lebens sind aufregend; kein Filmdirektor kann das Unerwartete ordnen, das Du in den Straßen findest.“
(Robert Doisneau)

An dieses Zitat musste ich denken, als ich das Foto sah. Der Zufall wollte, dass ich mit Saskia Häusleigner, die das Foto in Paris zufällig, wenn es so was überhaupt gibt, geschossen hat, ins Gespräch kam. Plötzlich fing es in Paris zu regnen an, der Himmel öffnete also urplötzlich seine Pforten und Saskia eilte in einen Hauseingang. Sie stellte die Kamera einfach auf den Boden und drückte spontan ab – immer und immer wieder. So entstand das Ausgangsfoto des Bildes.

Als ich das Foto sah und mich mit Saskia darüber unterhielt, fragte sie mich, ob ich mich mal an dem für sie nicht perfekten Foto probieren möchte. Ich sagte sofort: „Na klar!“, denn ich ahnte, dass es in Paris entstanden ist. Und da ich ein großer Fan von Paris bin, legte ich gleich los und merkte, wie ich gute Laune beim Bearbeiten bekam und sang die ganze Zeit in Gedanken vor mich hin ” …weil ich Paris einfach so mag.” Ja, der Song von Felix de Luxe begleitete mich die gesamte Zeit beim Bearbeiten.

Viele von euch fragen sich jetzt bestimmt zurecht, warum ich Fotos von anderen Fotografen bearbeite.

Ich bearbeite häufig Fotos von anderen Fotografen, weil sie mich fragen und ich Spaß an der Fotografie habe. Zudem mag ich es sehr, wenn ich ein Foto unvoreingenommen bearbeiten kann, weil ich in keinster Weise eine Ahnung habe, wie, warum etc. das Foto entstanden ist. Das ist wie früher in dem Titelsong der Sesamstraße, jedoch ohne den Schluss „wer nicht fragt“, denn fragen tue ich nicht, sonst spielt mir mein Kopfkino Streiche. Somit habe ich also kein Ausgangsmaterial vor dem inneren Auge und das macht die Sache für den Fotografen und mich interessant.

Oft verbringe ich viel Zeit damit, mir Fotos eines Fotografen anzusehen und merke, wie ich ihn für mich hinterfrage. Dann stelle ich fest, wenn ich die Story zum Foto kenne „Oh, das hätte ich aber anders gemacht…“ und probiere es aus, um dann zu merken „Oh nee Martin, da hat er/sie Recht gehabt, so wie das Foto ist, ist es gut und trifft den Nagel auf den Kopf!“

Wenn man sich viel und fast ausschließlich mit der Fotografie beschäftigt, wird man merken, dass man zu einem Foto, das man sieht, immer eigene Assoziationen und Erklärungen parat hat. Man sieht das Foto quasi doppelt. Einmal wie man es mit dem Auge sieht und einmal im sogenannten Kopfkino, also so wie man es selbst gemacht hätte. Diesen Prozess wollte ich einmal abstellen und bin damit kläglich gescheitert … heute sage ich: „Zum Glück!“

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16 Kommentare

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    • Moin Marvin,

      Die Regenstruktur ist eine Mischung aus einer „echten“ Aufnahme und einer festen Vorlage in ACDsee 3 zuerst hatte ich die ACDsee Vorlage mit ca. 45% aufgelegt dann noch die leichte Windrichtung festgelegt, aus der dann der Regen kommen sollte, sie sollte identisch sein mit meiner Aufnahme einer Regenstruktur, und dann habe ich meine Regenaufnahme mit einer etwa gleichen Deckkraft aufgelegt. Den Rest ergab das Ausgangsmaterial.

    • Moin Arek,

      Wie man sieht ja. An der Ausgangssituation ist nichts gestellt.

      Daher ja meine Assoziation dazu:

      „Die Wunder des täglichen Lebens sind aufregend; kein Filmdirektor kann das Unerwartete ordnen, das Du in den Straßen findest.“
      (Robert Doisneau)

      Und dann kommt mein eigener Gedanke noch ins Spiel, wenn eine Frau so richtig verschossen ist, dann ist ihr das wie und wo und gar erst recht das Wetter völlig egal.

    • Hi Martin,

      Das tut mir leid.

      Ich denke oft sind wir zu schnell mit Vorurteilen, ich auch, und haben unsere eigenen Vorstellungen von dem wie und wo eventuell noch warum ein Foto das Wir betrachten so entstanden ist. Ich denke keiner ist frei davon und das gleiche gilt bei der Nachbearbeitung, da sind wir doch meist in Gedanken wieder bei der Situation wie das Foto entstand und das prägt ein Foto in der Nachbearbeitung.

      Wenn man aber unvoreingenommen an eine Sache geht, dann merkt man schnell es ist gar nicht so einfach ein Foto unvoreingenommen zu bearbeiten und daher bin ich neuerdings bemüht die Fotos anderer mit einem nachsichtigeren Auge zu betrachten und es macht mir so auch viel mehr Spaß, mehr wollte ich eigentlich nicht sagen.

      Das Eingangszitat und der Kommentar von

      Arek

      „Würde eine Frau jemals so durch den Regen gehen???“

      passen doch wie die Faust aufs Auge und da liegt der Schlüssel der Voreingenommenheit wieder vor uns. Es ist ein Spiel mit den eigenen Assoziationen, die uns zu dem einen oder anderen Entschluss kommen lässt.

      Des Weiteren nervt mich in den letzten Monaten der Hype um Technik und die Qualität von Fotos, wobei es ja nicht das Foto ist, das dabei bewertet wird, sondern die Technik. Ein gutes Foto kann mit einer Einwegkamera gemacht sein, oder wie hier bei schlechten Bedingungen verwackelt daher kommen und es kann deutlich mehr aussage besitzen als ein Hochauflösendes „Meisterwerk“ .

      • Es ist halt wie in den Studienfächern der Medizin: Sozialkompetenz ist schwieriger zu Prüfen als Produktewissen aus der Pharmazeutik. Ich habe vor langer Zeit eine simple Anleitung für konstruktive Bildkritiken geschrieben und die wurde in zahlreichen grossen Foren gepusht. Wirkung? Einige hatten Freude, die meisten konnten sich nicht durchringen, sich mit Bildbetrachtung auseinander zu setzen. Entweder da ist alles scharf oder das Modell ist sexy und sonst gibts nichts zu sehen. Darum liest man auch immer „das Bild ist zu klein um was sagen zu können“.

        Bilder als Metaphern, als Visualisierungen von Innenwelten, als Geschichten, Märchen, Träume… das ist für den Grossteil der Fotofreaks Esoterik.

        Dabei ignorieren diese Leute den Fakt, dass alle Bilder die wir sehen Denkbilder sind. Das Auge rezeptiert Photonen. Das Bild entsteht dann erst im Hirn. Selbst wenn wir dieselbe Pixelmatrix ansehen, wird keiner von uns exakt dasselbe Bild sehen. Sehen bedeutet seine Innenwelt involvieren. Und ich denke, das macht vielen Leuten bewusst oder unbewusst Angst. Da bleiben wir doch lieber bei ISO und Auflösungsvermögen…

        Die Leute machen auch konstant Bilder VON einem Ding und nur wenige wagen sich an das Abenteuer Bilder ÜBER ein Ding zu machen.

        Gerade dieses Bild hier ist für mich ein wunderbares Beispiel, wie ein Bildmaterial im Kopf des Betrachters dank der ausgelösten Assoziationen individuelle Geschichten entstehen lässt. Das finde ich eine wunderbare Kraft.

        cheers
        ®