04. Juli 2011 Lesezeit: ~7 Minuten

Warum wurde Fotografie eigentlich erfunden?

Man stelle sich vor: Anno 2003, das Abitur ist vorbei, der beste Sommer deines Lebens steht dir bevor und du machst eine Reise mit deinen drei Kumpels quer durch Osteuropa. Es ist der letzte Abend, ihr trinkt bei Sonnenuntergang ein kühles Bier am See. Einer packt die Kamera aus, stellt sie auf Selbstauslöser und – klick – macht ein Foto von euch.

Warum?

Weil es sich einfach so gehört? Vielleicht. Aber intuitiv handelt man aus dem Grund, dass diese Situation mit aller Wahrscheinlichkeit kein zweites Mal auftreten wird. Es geht um das Festhalten unwiederbringlicher Momente, eben dieses einen Abends am See.

Es gibt Genres der Fotografie, die dieses Prinzip geradezu zelebrieren. Deswegen erachte ich die Straßenfotografie auch als eine Art Königsdisziplin. Dort geht es nicht nur darum, das Unsehbare zu sehen, sondern auch um das Festhalten jener Momente, die niemals wiederkehren werden. Diese Momente sind so kurz und flüchtig, dass kein Maler sie in ihrer Gesamtheit erfassen könnte. Man ist auf die Technik der Fotografie angewiesen, es gibt keine Alternative.

In der Portraitfotografie sieht es da schon anders aus. Sie ist größtenteils inszeniert, reproduzierbar und es existieren Alternativen. Ein Gedankenspiel: Wenn man imstande wäre, ein vollkommen realistisch wirkendes Portrait (= Foto) zu malen, würde man dann immer noch die Fotografie bevorzugen? Ich würde zum Pinsel greifen. Aber leider kann ich nicht malen und ehrlich gesagt hätte ich auch nicht die Geduld!

Das fotografische Portrait muss für mich wirken, als sei es eine Erinnerung. Eine Erinnerung an einen Moment, an einen Tag, an ein Leben. Dadurch wird das Foto persönlich und intim. Damit es persönlich wirkt, darf es auch nicht zu perfekt sein, denn Perfektion ist der Feind der Glaubwürdigkeit. Diese Einstellung versuche ich permanent umzusetzen, von der Kleidung des Modells bis zur Bearbeitungsweise in Photoshop. Aber wie führe ich das Modell zu solchen intim wirkenden Aufnahmen und wie verhalte ich mich?

„Sei einfach du selbst.“

Okay, diesen Ratschlag fand ich schon als 14-Jähriger wenig hilfreich, als ich nicht wusste, was ich nun am besten zu Susi aus der Parallelklasse sagen sollte. Naja. Deswegen mal möglichst konkret:

Generell versuche ich mit dem Modell nicht wie mit einem fremden Menschen umzugehen, sondern eher wie mit einer guten Freundin, die ich schon länger kenne. Fragen der Sorte „Wie alt bist du?“, „Was willst du später mal machen?“ und „Was ist deine Lieblingsfarbe?“ vermeide ich anfangs.

Solche Fragen stellt man einer Person, die man nicht kennt und das ist genau die Atmosphäre, die ich vermeiden will. Stattdessen redet man über die alltäglichen Dinge. Darüber, dass meine geheime Schwarzteemischung eben leider geheim ist und wie schlecht „Angriff der Weltraumzombies“ gestern Abend war.

Wir schauen uns gemeinsam ein paar Fotos oder meine Flickr-Favoriten an und ich beschreibe, was mir daran gefällt. Meistens versteht das Model erst jetzt, welche Art von Fotos mir vorschwebt.

Man sollte versuchen, es mal aus Sicht des Modells zu sehen, denn vielleicht war es die letzten Male bei  „High“-Fashionshootings und realisiert in diesem Moment gar nicht, dass bei diesem Shooting nun eine ganz andere Art der Fotografie entstehen soll.

Danach schauen wir durch ihren Klamottenfundus und entscheiden, was passend ist und was wir ausprobieren möchten. Beim Posen gebe ich nur grobe Vorgaben à la „Setz dich doch mal auf die Tischkante…“, „Mal vor die Vorhänge stellen…“ , „Auf den Boden setzen…“.

Sobald die Grundpose steht, gebe ich nur noch ab und an Korrekturen vor, z.B. „Mal mit einer Haarsträhne spielen…“, „Hände Richtung Gesicht nehmen…“, „Fußspitze betonen…“, „Mund leicht öffnen…“, „Schulter hochziehen…“, „Augen schließen…“.

Die meiste Aufmerksamkeit widme ich dem Gesichtsausdruck des Modells. Denn wenn es gelangweilt schaut, erhalte ich auch zwingend ein Foto, das Langeweile ausstrahlt, so mystisch das Licht auch sein mag. Zum verständlich machen des Ausdrucks benutze ich Adjektive wie nachdenklich, traurig, unschuldig, neutral, arrogant etc.

Eine andere sehr effektive Methode ist es, das Model sich vorstellen zu lassen, man würde keine Fotos machen, sondern ein Video drehen, mit dem man wieder jene Adjektive verkörpern möchte. Aus diesem „Flow“ entsteht oft eine Vielzahl sehr authentisch wirkender Aufnahmen, dies ist aber auf Dauer anstrengend!

Während des Shootings selbst rede ich nicht allzu viel, da ich mich zu sehr auf andere Dinge konzentrieren muss. Damit es aber nicht totenstill ist, denke ich immer laut: „Hm, der Fokus saß nicht, noch mal“, „Dein Gesicht ist zu dunkel, ein bisschen näher ans Fenster bitte, sehr gut“.

Tut man das nicht, fühlt sich das Model vielleicht sinnlos herumkommandiert. Anfangs zeige ich öfter Ergebnisse auf dem Kameradisplay, danach immer zwischendurch, wenn tolle Aufnahmen gelungen sind. Dann lasse ich meiner Freude auch freien Lauf.

Ich finde es auch absolut normal, dass einem eine Serie mal nicht so gefällt. Ich ziehe dann aber die „Schuld“ auf mich, um das Model nicht zu verunsichern. Denn meistens ist es auch meine.

Die Locationwahl ist für mich ebenfalls entscheidend. In einem Studio wird man nur schwer persönliche, intime Fotos hinbekommen, in einem Wohnzimmer schon eher. Dort heißt es dann erstmal: Möbel rücken – Zitat: „Fotografie besteht zu 1% aus Begabung und zu 99% aus Möbel rücken“.

Dort versuche ich, eine gute Balance zu finden zwischen „störende Dinge wegräumen“ und „stimmungserzeugende Gegenstände belassen“, im Zweifelsfall räume ich aber lieber etwas mehr weg. Ein schöner Teppich vor einem Fenster reicht da oft absolut.

Man ist also eigentlich nicht nur Fotograf, sondern Innenarchitekt, Mode-Designer, Regisseur, Psychologe und Fotograf zugleich. Das habe ich erst ziemlich spät verstanden.

Falls der Hintergrund doch mal zu unruhig sein sollte, hat man zwei Möglichkeiten dem entgegenzuwirken: Erstens durch Bokeh, d.h. eine möglichst große Blende zu verwenden und zweitens durch Verdunkeln, d.h. hier und da mal ein Rollo runterlassen oder Vorhänge zuziehen, Türen schließen, durch die Licht einfällt oder einfach das Modell näher ans Fenster bringen.

Für die Photoshop-Bearbeitung danach gilt für mich ebenso: Möchte ich ein perfektes, aalglattes und kontrastreiches Foto oder möchte ich ein Foto, was eine Erinnerung zeigt? Das Leben ist eben nicht aalglatt und perfekt. Es ist rau, diffus und dreckig!

Das bedeutet nicht, dass ich die Augenringe des Models nochmal extra nachdunkle, dezente Hautretusche bleibt ein Muss. Um der Authentizität aber Ausdruck zu verleihen, kann ich z.B. die Farben entsättigen, Körnung hinzufügen und die Tonwerte beschneiden.

So versuche ich meine persönliche Sichtweise auf die Fotografie permanent mit einfließen zu lassen. Es gibt aber auch viele andere interessante und berechtigte Ansatzpunkte, die zu grandiosen Fotos führen. Ich denke, die Hauptsache ist, dass man einmal nachgedacht und seinen persönlichen Sinn gefunden hat.

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