26. Juni 2011 Lesezeit: ~4 Minuten

Ich mach mein Ding!*

Vor ein paar Wochen habe ich bei Tweetage Wasteland diesen sehr empfehlenswerten Artikel gelesen. „I don’t care if you read this article“.

Das kann man jetzt natürlich als scheinheilig abtun, denn Dave Pell, seines Zeichens „Internet Superhero“, wird sicherlich genau wissen, was er da schreibt. Und er wird mit Sicherheit auch wollen, dass seine Gedanken gelesen werden. Ansonsten könnte er sie auch mit der Schreibmaschine tippen, an seine Kühlschranktür heften und warten bis sie dort vergilben.

In dem Artikel beschreibt er, wie sehr er sich manchmal darin verliert, darauf zu achten, wie viele Leute seine Artikel gelesen haben. Doch selbst das reicht ja schon gar nicht mehr. Wie viele Leser haben Artikel XYZ „geliked“. Wie oft wird ein Tweet geretweetet. Wie oft wird ein Tweet vielleicht sogar favorisiert?

Übrigens: ich mag diese anglizierten Verben überhaupt nicht. Aber was soll man bitte sagen? Wie oft wurde ein Tweet „wiedergezwitschert“? Klingt auch irgendwie blöd, oder? Das nur nebenbei erwähnt.

So, zurück zu Lück. Ich jedenfalls, habe wie gesagt den Artikel gelesen. Auch wenn es dem Autor egal war. Ich möchte das Thema gerne mal auf die Fotografie übertragen. Und da im Speziellen auf das Veröffentlichen von Bildern auf diversen Portalen.

Die meisten von uns sind in irgendeiner Foto-Community angemeldet. Sei es bei flickr, bei 500px, von mir aus auch bei der FC oder was auch immer. Ein Grundprinzip von solchen Seiten ist das Kommentieren und Bewerten von Fotos anderer Mitglieder. Und so wie Ihr, möchte natürlich auch ich, dass andere Mitglieder meine Fotos sehen, bewerten und wenn möglich sogar für gut befinden oder konstruktiv kritisieren. Ansonsten könnte ich meine Fotos auch ausdrucken und an den Kühlschrank hängen.

Aber was wäre denn, wenn ich meine Fotos ausdrucken und an den Kühlschrank hängen würde? Wenn sie nicht irgendwo im Daten-Nirvana landen würden? Wenn sie keine Bewertungen bekommen würden? Wären es dann schlechtere Fotos? Nö!

Neulich im KWERFELDEIN-Chat ging es auch kurz um das Thema. Als ich schrieb, dass es auch immer eine Frage sei, in wie weit man sich von solchen Systemen knechten lassen möchte, meinte Martin:

Niemand knechtet sich ohne sein eigenes Einverständnis. Genauso wie ich bei so was einfach mitmachen kann, kann ich mich auch dagegen entscheiden. Wie beim Explore auf Flickr. Ich selbst entscheide, wie viel Bedeutung ich so etwas beimesse.

Richtig!

Mir ist es schon seit längerer Zeit egal. Aber es gab eine Zeit, da habe ich als erstes mal geguckt, wer eventuell was kommentiert haben könnte, als der Rechner an war. Hat vielleicht sogar jemand gefavt? Ist vielleicht sogar ein Foto im Explore gelandet?

Das kann dann teilweise sogar ungesunde Züge annehmen. Und vor allem ist es demotivierend. Denn wie wir Menschen nun mal so sind, reichen ja drei, vier oder fünf Kommentare oder Favs nicht. Nein, man möchte mehr. Wenn nicht mehr kommt, was dann?

Ich gehe sogar soweit zu sagen, dass es die eigene Kreativität einschränkt. Denn auf der Suche nach Anerkennung kann man auch schnell mal sein eigenes Ding vergessen und plötzlich nur noch Fotos machen, die ja vielleicht den Leuten da draussen besser gefallen als meine anderen. Drauf gesch*****! Ich mach mein Ding!

Nicht, dass Ihr mich falsch versteht. Ich freue mich, wenn meine Fotos betrachtet werden und ich freue mich auch über Kommentare und die netten kleinen Sternchen, die einem so schön die Seele balsamieren. Aber ich setze mich nicht mehr jeden Tag hin und schaue nach, ob welche gekommen sind. Letztendlich muss ja jeder für sich selber entscheiden, wie er mit sowas umgeht.

Denn bei all dem Geklicke und Gelike und Gefave kann man schnell eins vergessen: Wie gut es sich anhört, wenn man den Auslöser drückt!

Ich mach mein Ding!

*Udo Lindenberg – Mein Ding

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