24. Juni 2011 Lesezeit: ~5 Minuten

Filmfotografie als Alternative

Manch einer kennt wahrscheinlich die an der Ladenkasse stehenden bunten kleinen Schachteln. Grün, gelb oder rot, von Fuji, Kodak oder Agfa. Gleich des Anblicks einer BASF-Audiokassette streicht ein melancholischer Gedanke an vergangene Zeiten durch den Kopf.

Man fragt sich: „Wer kauft eigentlich diese Dinger noch, die aufgespült und zum Entwickeln gebracht werden müssen, wo doch jeder mindestens eine kleine Kompaktkamera hat, die ruck-zuck alle Bilder auf dem Computerbildschirm katapultiert?“

Filmfotografie

Genau daran dachte ich auch noch vor einigen Jahren jedes Mal, wenn ich diese Filme sah. Mit so einer Seifendose von Sony fing bei mir auch alles an, doch sobald ich ein Bild mit einer chirurgisch exakt eingestellten Schärfentiefe und sorgfältig einkalkulierten Linien sah, wusste ich: Ich muss diese Schönheit und Eleganz auch irgendwie einfangen können.

In knapp zwei Jahren hatte ich eine ganze SLR Kameraausrüstung zusammengewürfelt. Zwar fing ich fast von Null an (musste alles alleine erlernen), aber der Einstieg war Dank Internetforen wie Flickr und Konsumenten-orientierten Kamera-Großherstellern wie Nikon und Canon relativ einfach.

Doch sobald ich alles ausprobiert hatte, fragte ich mich wie betäubt: “Ist das jetzt echt alles, was man mit diesem Zeug machen kann?”. Tausende von Bildern – doch das Ergebnis ließ von der Qualität her immer noch zu wünschen übrig.

Na gut. Dann steigen wir mal auf Vollformat um. Wieder Tausende von Fotos und „hmmm…doch nicht“. Irgendwie war es für mich nicht wirklich überzeugend genug.

Filmfotografie

Alternativen? Wie soll’s jetzt weiter gehen? Laut mancher erfahrener Fotografen soll Mittelformat King sein. Stimmt. Eigentlich hatten viele der besten Bilder, die mich angezogen hatten diesen Hauch von “irgendwas Besonderem” und keine EXIFs, sondern nur einen komischen Namen wie Noritsu Koki oder so. Und außerdem: Wie verwendet man die?

Ehe ich mich versah, stand ich nun da mit einer vollmechanischen Hasselblad-Mittelformat-Filmkamera, einem Objektiv, einem Filmmagazin und einem Belichtungsmesser in der Hand.

Soll das wirklich die heißbegehrte Nikon- oder Canon-Vollformatkamera ersetzen?

Man kann sich nur schwer vorstellen, wie magisch es sich anfühlt, ein solches Meisterwerk von Konstruktion und Design in der Hand zu halten. Schon beim Blick durch den Lichtschacht sieht man – ohne überhaupt ausgelöst zu haben – wie das fertige Bild aussehen wird.

Filmfotografie

Die “Keeper-Quote“ der Bilder stieg sofort von 40% auf über 80%. Ich konnte es kaum glauben, dass das Fehlen so vieler technischer Möglichkeiten das Resultat um so viel reicher an gestalterischen Möglichkeiten machte.

Statt Knopfdrücken und „Hightech zoom zoom“ erst einmal Film einlegen, aufspulen, komponieren, Lupe raus, sorgfältig – so genau es geht – scharfstellen, Belichtungsmesser an, Licht messen, Objektiv einstellen, Filmmagazinschieber raus und erst dann auf den Knopf drücken. Mehr Schritte und mehr Arbeit. Aber umso entspannter und doch einfacher und immer überraschend anders.

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Es gibt Dinge, die macht man leicht und schnell und es gibt Dinge, da muss man sich Zeit lassen und sich reinknien.

Filmfotografie ist wie ein heimgemachter Kuchen.

Klar kann man in jeder Bäckerei an der Ecke eine fertige Torte kaufen. Aber ein guter Kuchen fängt mit dem Einsammeln der Äpfel an. Und eben das hatte ich im Wettlauf nach dem perfekten Bild vergessen.

Der Weg zum Ergebnis ist viel länger und mühseliger, aber jeder Schritt ist selbst ausgewählt worden und dadurch das Ergebnis persönlicher und das Gefühl, etwas selbst erschaffen zu haben um vieles intensiver. Die Genugtuung dadurch viel größer. Den Touch an Persönlichkeit findet man jedes Mal im Resultat wieder.

Filmfotografie

Die zarte Farbabstufung, die Klarheit, die Kontraste, die realitätsnahe Farbwiedergabe, das geschmeidige Korn, der Dynamikumfang und die ausgezeichnete Schärfe von Optiken wie Zeiss, Schneider-Kreuznach oder Leica sind nur technische Details, die zu hervorragender Bildqualität führen können.

Aber was Filmfotografie eigentlich ausmacht, ist die angenehm beruhigend klare und simple Arbeitsweise. Der Stil, Details, wie zum Beispiel der Überraschungsfaktor, wenn man die Filme entwickelt, der Reichtum an Farbtönen, der Charme vom Film an sich und die eigene Handarbeit.

Jede Aufnahme fordert schon fast zwangsläufig eine im voraus kreierte und überdachte Bildkonzeption. Ein wenig mehr Geduld, einen Gang runter schalten und mehr denken.

Filmfotografie

Daher möchte ich Euch lieben Kollegen vorschlagen, zur Abwechslung an einem Wochenende eine Filmkamera auszuleihen und meinen Vorschlag einfach mal auszuprobieren. Nicht umsonst heißt es „there’s no school like old-school“. ;-)

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