18. Juni 2011 Lesezeit: ~5 Minuten

1977 vs. 2007

Ich möchte heute mit Euch über ein kleines fotografisches Experiment sprechen. Vor wenigen Monaten habe ich während eines Portraitshootings zum ersten Mal sowohl digital als auch analog fotografiert – eine Lektion, die ich jedem engagierten Fotoliebhaber wirklich sehr ans Herz legen kann.

Denn nicht nur der direkte Vergleich (gleiches Modell, gleiches Make-Up, gleiche Lichtverhältnisse) der analogen und digitalen Bilder miteinander, sondern auch die unterschiedlichen fotografischen Herangehensweisen während des Shootings sind eindrucksvolle Erfahrungen. Seit diesem Tag habe ich stets meine alte Analoge mit im Gepäck und diese, wann immer es den Ablauf eines Shootings nicht stört, auch im Workflow eingeplant.

Begonnen hat die ganze Geschichte mit einem Artikel hier auf KWERFELDEIN. Martin hatte vorgeschlagen, doch mal das Kameradisplay und damit die Möglichkeit zur sofortigen Selbstkontrolle abzudecken. Klingt spannend, dachte ich mir. Kann ich nach einem Jahr digitaler Fotografie (aber noch keinem verschossenen Analogfilm) eigentlich wirklich fotografieren?

Oder weiß ich lediglich, wie die Belichtung anhand des Histogramms bzw. noch einfacher, direkt am Bild zu bewerten und gegebenenfalls zu korrigieren ist? Was ist das für ein Gefühl, einen Bildausschnitt bereits endgültig durch den Sucher und nicht erst am PC auszurichten? Was, wenn ich keine 16GB Speicherkarte, sondern maximal 36 Bilder habe, die ich verschießen kann?

Gedacht, getan. Wenige Minuten später war das Display abgeklebt, die Kamera auf kontrastreiches Schwarzweiß-JPG eingestellt und los konnte sie gehen, die Motivsafari durch die studentischen WG-Küche. So sehr mir jedoch das Fotografieren Spaß gemacht hatte, desto enttäuschender fand ich die Ergebnisse: Flach, fad, uninspiriert, irgendwie ungeil – wer allerdings hätte gedacht, dass es soviel Spaß machen kann, abendfüllend eine Coladose, einen Flaschenöffner, ein bisschen Wasserdampf und diverse Obstschalen zu fotografieren?

Alles in allem blieb mir der Abend in positiver Erinnerung und es war klar: Eine analoge Kamera muss her. Da ich digital mit dem Nikonsystem fotografiere, habe ich mir aufgrund der bereits vorhandenen Objektive eine schöne alte Nikon FM mit dem Winder MB-11 gegönnt. Im Februar hatte ich dann ein Portraitshooting in Wuppertal und beschloss, mich auch endlich mal analog zu versuchen. (Modell: Janine Romanowski, Haare und Make-Up: Fauve Lex)

Links seht Ihr ein analoges, rechts ein digitales Bild. Als Film habe ich einen frisch abgelaufenen Kodak Portra 160 VC verwendet, daher (und an mancher Stelle auch durch farbige Gardinen) der Farbstich der analogen Bilder. Die beiden Bilder sind direkt nacheinander geschossen worden, der unterschiedliche Bildausschnitt kommt durch den Cropfaktor meiner D300 zustande. Die Nikon FM hatte leichte Probleme mit der Belichtungsmessung, Ursache waren sehr wahrscheinlich die hellen Sonnenstreifen auf ihrem Gesicht.

Hier und auch für die anderen Beispiele gilt: Die digitalen Bilder wurden intensiv nachbearbeitet, die analogen kann man getrost als out of the box bezeichnen, es wurde lediglich die Größe verkleinert, Farben, Belichtung und Kontraste wurden nicht verändert. Leider kann ich keine weiteren Bildpaare zeigen, bei denen sich die Motive so sehr ähneln, ich denke jedoch, dass die folgenden Bilder zur Demonstration des unterschiedlichen Looks völlig ausreichen.

Es war beeindruckend, wie schnell sich jedes Mal, wenn ich die Nikon FM in der Hand hielt, der Charakter des Shootings veränderte. Viele Digitalfotografen werden das kennen: Spürt man ein tolles Motiv, wird auch einfach mal eine kleine Bildserie von drei bis vier Bildern geschossen. Soll das Bild jedoch auf einen Film und nicht auf eine Speicherkarte gebannt werden, ändert sich dieses Denken unverzüglich und radikal. Die Anweisungen an das Model wurden automatisch deutlich präziser, die Atmosphäre spürbar konzentrierter, das einzelne Foto gewann an Bedeutung.

Dabei war es beängstigend, wie unsicher ein recht hoch eingeschätztes fotografisches Selbstbewusstein werden kann. Nicht nur, dass nach jedem Foto erst einmal das nicht vorhandene Display gecheckt wurde, vor jedem Foto wurden auch alle Einstellungen doppelt und dreifach geprüft. »Stimmt die Belichtungsmessung?«, »Reicht die mittenbetonte TTL-Messung aus, um die Lichtsituation zu erfassen?«, »Ist jetzt auch die richtige Belichtungszeit eingestellt?«, »Ok, doch noch einmal abblenden und überprüfen, ob die Schärfe passt…« etc.

Meine Sicht und Einstellung zur Fotografie hat sich seit diesem Tag deutlich geändert. Beeindruckend fand ich, wie »fertig« analoge Bilder sind. Mir persönlich gefällt die analoge Bildästhetik sehr, die Bilder sind nicht ganz so glatt, nicht so makellos und perfekt wie es retuschierte Bilder (da nehme ich mich nicht aus) oftmals sind.

Das mag blauäugig und nichtwissend klingen, aber bis dato hatte ich als erstes Shootingergebnis immer nur RAW-Daten auf dem Bildschirm – es ist einfach auch mal bequem, nicht stundenlang an der Nachbearbeitung eines Shootings sitzen zu müssen. Auch mein Fotografierverhalten hat sich gewandelt. Wann immer möglich, lasse ich mir auch beim digitalen Fotografieren mehr Zeit. Versuche, analog zu denken. So ist zum Beispiel die Fotoanzahl bei Shootings deutlich gesunken, das freut den Verschluss und die Festplatte.

Wer etwas Geld übrig hat, dem empfehle ich besten Gewissens den Kauf einer analogen Kamera. So traurig das zwar im Grunde ist, die Geräte werden mittlerweile auf dem Markt zu regelrechten Schleuderpreisen angeboten, falsch machen kann man mit einem Kauf also nicht viel – lernen wird man als Digitalfotograf aber bestimmt einiges.

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