09. Mai 2011 Lesezeit: ~10 Minuten

Die Redaktion stellt sich vor: Aileen Wessely

Vorwort: Martin Gommel

Aileen kam über eine Empfehlung von Katja in unsere junge Redaktion. Heute ist sie ein – für mich – nicht mehr wegzudenkender Teil der Truppe und ich bin superglücklich darüber, dass sie dabei ist. Durch ihre origninelle Art, an Dinge heranzugehen, schafft sie es immer wieder, althergebrachte Denkmuster infrage zu stellen. Und das komplette Team zum Lachen zu bringen.

Aileen ist übrigens mit Katja gemeinsam zur Korrekturinstanz geworden, an der kein Artikel vorbeikommt. Durch ihr mathematisches Kalkül bringt sie Flüchtigkeitsfehler ans Licht, die der ein oder andere gar nicht bemerkt hätte. Und mich des Öfteren zum Weinen. „Och, das passt schon.“ – „Nein, das ist nicht korrekt.“ – „Stimmt.“ ;-)

Sie trägt also entscheidend dazu bei, dass das, was nach draußen geht, sauber und korrekt ist. Was in einem Fotomagazin durchaus einen bedeutsamen Stellenwert hat. Und ganz nebenbei finde ich, dass sie eine hervorragende (!) Fotografin ist.

© Luisa Möhle
Fotograf: Luisa Möhle

1986 in Berlin geboren, 2006 Abitur, danach Freiwilliges Soziales Jahr in der Kultur. Seit 2007 Studium der Mathematik in Köln. Sagt das eigentlich irgendwas über mich aus?

Ich habe das Gefühl, dass ich erst jetzt langsam beginne, selbst ein Leben zu leben. Das erkenne ich daran, dass ich plötzlich wirkliche Entscheidungen treffen muss, was den weiteren Weg betrifft. Man könnte denken, dass ich das bisher auch getan haben müsste. Aber eigentlich habe ich mich treiben lassen. Bin den Erwartungen der anderen gefolgt. In der Schule sollte man gut aufpassen. Dann kann man anschließend studieren. Das ist gut, weil man damit wiederum wahrscheinlich einen Job bekommt, Geld verdient, sich nicht sorgen muss.

Solange mit dem schulischen Erfolg keine Mühe verbunden war, ist es ziemlich leicht gewesen, den Erwartungen gerecht zu werden. Diese bedingungslose Grundmotivation läuft nun langsam aus. Sehr langsam. Sich im achten Semester zu fragen, ob man nicht vielleicht doch Lust darauf hat, etwas ganz anderes zu tun, wirft wieder neue Fragen auf. Beantwortet habe ich die für mich noch lange nicht. Ich lasse sie jetzt einfach etwas im Raum stehen und warte, was passiert.

Es könnte auch wieder nur eine Laune sein. Eine langfristige Laune zwar, aber so kenne ich mich schon. Ich kann nie lange – zu viele Jahre – das gleiche machen. Früher habe ich gezeichnet und gemalt, jetzt fotografiere ich. Es liegt nur nahe, dass Fotografie mich auch bald nicht mehr reizt. Nicht, weil ich sie ausgeschöpft hätte. Ich neige kaum dazu, in die Tiefe zu gehen. Sondern, was auch immer ich tue, nach der ersten Motivationswelle mich dann nach etwas anderem zu sehnen.

Ich habe immer Lust, etwas zu tun, was ich gerade nicht tue. Meine kreativsten Phasen sind die Wochen, in denen ich mich wirklich dringend auf die nächste Klausur oder die nächste Prüfung vorbereiten sollte. Mein Kopf flieht förmlich davor und sprüht Ideen, die ich am liebsten sofort umsetzen würde. So füllt sich mein Notizbuch in diesen Zeiten rasend schnell.

Dass mich die Motivation dann oft wieder verlässt, sobald ich die Möglichkeit habe, eine Idee umzusetzen, ist wieder so eine andere Sache. Ich liebe es, Dinge zu planen. Mich darauf zu freuen, es zu tun. Schmierpapier und meinen Kalender mit Skizzen für irgendetwas vollzumalen. Mir gedanklich jedes Detail wieder und wieder auszumalen und weiter zu vertiefen.

Manchmal frage ich mich, wie meine berufliche Zukunft aussehen kann, wenn ich so flatterhaft bin. Ob man sein Geld damit verdienen kann, von vielen Dingen nur ein kleines bisschen zu machen, anstatt den ganzen Tag das gleiche Zeug? Gerade hätte ich große Lust, das auszuprobieren. Vielleicht wird aber auch das mir dann wieder langweilig und ich möchte lieber einen normalen Acht-Stunden-Bürojob. Wer weiß.


Modell: Lena

In gewisser Weise mache ich das im Moment schon: Tausend Sachen gleichzeitig. Ich würde wahnsinnig werden, wenn ich nur studieren würde. Daher nimmt die Fotografie in meinem Leben mehr und mehr Platz ein. Ich bin perfektionistisch und ich kann mich nicht entscheiden. So kommt es, dass im Moment eigentlich keines meiner Fotoshootings mit weniger als 30 bearbeiteten Fotos ausgeht.

Ursprünglich habe ich angefangen zu fotografieren, weil ich nach dem Abitur so wenig Freizeit hatte. Ein einzelnes Bild fertigzumalen hat frustrierend lange gedauert. Fotos sind schneller gemacht. Nach und nach hat die Fertigstellung eines einzelnen Fotos – oder jetzt meistens: einer Fotoserie – dann wieder so viel Zeit eingekommen, wie es früher gedauert hat, ein Bild zu malen.

Ich brauche auch innerhalb der Fotografie immer etwas Neues. Vielleicht habe ich es deshalb geschafft, mich überhaupt so lange bei ihr zu halten. So habe ich als Digital-Einsteiger irgendwann angefangen, mich für analoge Fotografie zu interessieren. Und genauso irgendwann angefangen, überhaupt Menschen zu portraitieren.

Langsam langweilt mich beides, ein gewisser Reiz ist aber geblieben. Also versuche ich, mehr mit Konzepten zu machen. Das Wort „Konzept“ ist vielleicht etwas übertrieben – nennen wir es „Idee“. Etwas, was ich vorbereite, was ein Ziel der gemeinsamen Arbeit setzt. Oder ein roter Faden für eine Serie ist.

Ich denke, das ist meine fotografische Aussicht: Ich möchte mehr Serien, mehr Ideen, mehr Konzepte umsetzen. Manchmal sehe ich das, was ich in der Fotografie bisher gemacht habe, eher als Fingerübungen. Ich warte noch auf den großen Knall in meinem Kopf, der die Versuche zu etwas Neuem zusammenfasst. Vielleicht auch ein Thema, an dem ich langfristig arbeiten kann.


Modell: Sandra

Und natürlich warte ich auf den eigenen Stil. Tun wir das nicht alle? Wobei ich unter Stil auch ein Stück weit die Themenauswahl verstehe. Im Moment gibt es um mich herum zu viele andere Fotografen, mit denen ich zu tun habe und die auch alle Menschen portraitieren. Zwar jeder mit seinen Farben und seinem Blickwinkel. Aber: Trotzdem.

Mathematik und Fotografie ist mir noch nicht genug. Dabei reicht es eigentlich, um ein Leben vollzustopfen. Ich programmiere Webseiten, an einigen – z.B. Roots&Routes – bastle ich seit mehreren Jahren. Viele Menschen sind überrascht davon, dass ein kreativer Mensch Mathematik studiert. Für mich war es immer normal, so zu sein. Andere stellen darüber die These auf, dass Programmieren und Gestalten von Webseiten beide Bereiche – das Kreative und das Rationale – verbindet.


Modell: Lea

Und dann gibt’s da seit Kurzem noch kwerfeldein. Ich hatte wirklich einige Gewissensbisse, ob ich es mit mir selbst vereinbaren könnte, mein Leben noch weiter vollzustopfen. Ich habe auch gezweifelt, ob ich genug Interessantes beizutragen habe – sei es an eigenen Gedanken oder dem, was man einbringt, um andere Künstler und Werke vorzustellen.

Allerdings habe ich mich unglaublich schnell in dieser Runde wohlgefühlt. Das trägt sicher einen großen Teil dazu bei, mitmachen zu wollen. Eine kleine, vertraute Runde, in der man sich (fast) täglich digital zu etwas Gemeinsamem oder Gott und der Welt austauscht, hat mir vielleicht sogar gefehlt in den letzten Jahren.

Was mein Netzleben angeht, hatte sich schon länger eine Routine entwickelt. Mails bearbeiten und die wichtigsten Dinge in sozialen Netzwerken und Communities erledigen, in denen ich mit Menschen in Kontakt bin und/oder meine Fotos zeige, nimmt täglich ein paar Stunden meiner Freizeit ein.

Darum bin ich wenig auf Entdeckungstour gegangen, habe wenig andere Fotografen zufällig neu für mich entdeckt. Seit ich aber für kwerfeldein insgeheim immer ein wenig auf der Suche nach spannenden Fotos und den Menschen dahinter bin, ist mir aufgefallen, wie viele Möglichkeiten, Neues zu entdecken links und rechts meines digitalen Wegrandes liegen.

Anstatt vielversprechende Empfehlungen aus Faulheit oder Zeitmangel nicht anzuklicken, bin ich jetzt dankbar für jeden Link, über den ich stolpere und jede spannende Entdeckung in Communities, wenn ich die Profile derer besuche, die meine Fotos kommentiert oder favorisiert haben.


Modell: Anne

Kwerfeldein kam sogar in einer sehr unproduktiven Phase zu mir und hat für den nötigen Schubs gesorgt, der mich wieder dazu gebracht hat, etwas zu tun. Auch wenn es zuerst Artikel waren und danach die Hausarbeit für mein Studium. Aber wer weiß, wie lange diese sonst ungeschrieben geblieben wäre.

Meine Ängste haben sich bisher also nicht bewahrheitet. Es gibt genug Ideen, worüber ich aus mir selbst heraus schreiben könnte. Mehr angefragte Gastartikel von Freunden als ich Finger habe. Und ein paar Interviews, die per E-Mail geführt werden. Wenn es nach Martin ginge, gäbe es sogar noch mehr, worüber ich schreiben könnte.

Aber da kommt wieder mein Perfektionismus ins Spiel. Ich will mit jedem Artikel auch etwas sagen, etwas vermitteln. Stelle ich einen anderen Künstler vor, ist dieses Ziel schnell erreicht. Schreibe ich jedoch über das, was ich tue, wie ich es tue oder etwas, was ich erlebt habe, tue ich mich schwerer. Mir kommt alles so normal vor – könnte das jemanden da draußen interessieren? Ich hoffe, dass ich an dieser Stelle noch das richtige Maß für mich finde.


Modell: Désirée

Durch meine Beteiligung an kwerfeldein habe ich sogar schon interessante Menschen kennengelernt und Aufträge bekommen. Da wurden spannende Ideen ausgetauscht und Pläne für die Zukunft geschmiedet. Das gibt mir das Gefühl, viel als Gegenleistung für die Artikel zu bekommen, die hier erscheinen. Und gratis oben drauf gibt es – als Sahnehäubchen – eine merkliche Verbesserung in Rechtschreibung, Grammatik und Ausdruck, die seit dem Abitur stark gelitten hatten.

Achja, ich interessiere mich auch für die kreative Arbeit mit Holz und Textilien. Aber das führt jetzt eventuell doch zu weit.

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12 Kommentare

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  1. Liebe Ai,

    es ist ein bisschen wie in ein kalaidoskop blicken wenn man diesen artikel liest. ich denke, mit vielen gedanken und ideen sprichst du einigen menschen aus dem herzen.

  2. Sehr angenehm zu lesen und ich musste die ganze Zeit lächeln, denn in vielen deiner Aussagen konnte ich mich wieder finden! :)
    Die Fotografie hat für mich deshalb so lange Bestand in meiner Freizeit, weil sie so abwechslungsreich sein kann. Hat man Lust auf was „Neues“, widmet man sich einfach einem neuen Thema innerhalb der Fotografie. Aber das nur als Beispiel… ;)

  3. Dein Blick auf Dich selbst hat etwas entwaffnendes. Ich habe mich ein paar mal dabei ertappt, dass es sofort den inneren Fokus auf eine vermeintlich schlechte Eigenschaft verändert. Z.B. Perfektionsanspruch mit dem ich mich schnell mal unter Druck setze. Einerseits Treibstoff fürs Besser werden, andererseits Hemmnis, wirklich gut sein zu können. Deine Art zu schreiben wirkt locker und leicht. Da kommt mir eine Idee. Dazu mündlich oder per Mail. Wann ist eigentlich endlich Juni?.. Ich bin sooooo neugierig – lach)

  4. ooooh wie wahr!
    und wie vertraut das alles klingt, die suche nach einem stil, der wunsch konzeptioneller und in serien zu denken und zu arbeiten.
    ich habe biologie studiert, viel zu lange und mit sinkender motivation, aber erstaunlicherweise bis zum bitteren ende :-)
    nun bin ich am hin- und her überlegen, was mein leben mit mir vorhaben könnte. es sind zu viele interessen gekoppelt mit entscheidungsproblemen.

    ein toller artikel und wie JJ schon sagte, man ist nicht allein damit.
    mach weiter so!

  5. Auch ich erkenne mich in deinem Text oft wieder – das Treibenlassen, das Planen, die Flatterhaftigkeit und die Motivationsphasen. Die These, dass Programmieren Kreativität und Rationalität verbindet, finde ich übrigens klasse.

    Eine wunderbare Selbstbeschreibung auf jeden Fall – mit fantastischen Fotos. Freue mich auf den nächsten Text von dir. :)

  6. „Ich habe immer Lust, etwas zu tun, was ich gerade nicht tue.“
    Das Gefühl kenne ich nur zu gut. Obwohl mir mein Studium viel Freude bereitet, fängt es immer wieder an in unregelmässigen Phasen langweilig zu werden / andere Dinge interessieren mich auf einmal viel mehr. Wenn ich mich diesen Dingen für eine Weile widme bin ich von diesen aber meistens auch relativ schnell gelangweilt. Das liegt wohl in der menschlichen Natur (bzw. in manchen Menschen). Man sucht nach Ausgleich / Gleichgewicht. Wie beim Essen. Ich mag zwar Spaghetti, jeden Tag könnte ich das allerdings nicht essen….