28. April 2011 Lesezeit: ~9 Minuten

Wacom Cintiq: Ein Erfahrungsbericht

Zu meiner Person: Ich verdiene meine Brötchen seit knapp 4 Jahren als freier Designer hauptsächlich im Bereich Motiongraphics und arbeite dabei vor allem mit den Programmen Adobe After Effects, Photoshop und Cinema4D.

cintiq

Ich nutze schon länger ein Grafiktablett. Derzeit ein Intuos A5 Widescreen von Wacom und muss sagen, dass diese Art von Eingabegerät meine Arbeitsweise grundlegend verändert hat. Wer schon einmal versucht hat, unter Zeitdruck irgendein Objekt freizustellen (vielleicht einen Menschen mit komplizierter Frisur) der wird wissen, dass das, nur mit einer Maus bewaffnet, eher keinen Spaß macht.

Hat man allerdings einen Stift zur Hand, merkt man schnell, dass dieser mit etwas Übung sehr viel feiner und auch noch schneller über die Bildfläche geschoben werden kann. Zumindest ist das meine Erfahrung und ich denke, es lässt sich auf jeden übertragen, der das Schreiben statt mit einem Smartphone noch mit einem Füller oder einem Bleistift auf Papier gelernt hat.

Seit ich das Tablett benutze, hat das Thema „Freistellen“ seinen Schrecken verloren. Das Grafik-Tablett ist mit einer Maus nicht zu vergleichen. Es fällt zwar auch unter die Kategorie Eingabegerät, hat als solches jedoch ein komplett anderen Charakter als eine Maus. Es ist als würde man einen Schraubendreher mit einem Hammer vergleichen.

Wenn ich es mir so überlege, dann war für mich die Entdeckung Grafiktablett vergleichbar mit einem Schreiner, der mehrere Jahre lang Nägel mit der Zange im Brett versenkt hat – bis jemand vorbeikam und ihm zeigte, dass es auch einen Hammer gibt.

~

Als Martin mich fragte, ob ich Lust hätte, ein Cintiq f ür einen Monat auszuprobieren, war meine Neugier geweckt und ich konnte es kaum erwarten. Das Cintiq ist meines Wissens das größte Grafiktablett aus dem Hause Wacom. Man zeichnet direkt auf einem Bildschirm.

Hier nun meine Eindrücke:

Da ist es also, das Wacom Cintiq*. Mit einem erzwungenen Lächeln überreichte mir der Postbote sein möglicherweise schwerstes Paket des Tages. Ich hatte einen Monat, um mit dem Gerät etwas Zeit zu verbringen.

Gleich mal ausgepackt und angeschlossen. Der Stecker kommt in den zweiten Monitoranschluss der Grafikkarte. Die Software ist schnell installiert. Jetzt irgendein Grafikprogramm geöffnet und froh drauflosgestiftet. Halt – da passt was nicht! Ah, es steckt noch die Standard-Plastikstiftspitze im Stift. Ich schaue in der Packung nach Alternativen und bin etwas überrascht: Wacom hat nur diese eine Stiftspitze beigelegt.

Wäre das mein erstes Mal mit einem Grafiktablett, wüsste ich nicht, dass es auch Alternativen gibt, die die Oberflächenreibung zwischen „echtem“ Stift und Papier weitaus besser simulieren. Mit spitzen Fingern borge ich also von meinem Intuos-Stift die graue Miene, die wohl Graphit simulieren soll. Glück gehabt. Jetzt fühlt es sich besser an. Einstellungen auf meine Handhaltung ausrichten, Druck einstellen – passt. Jetzt sitzt der Strich. Es kann losgehen.

Marc benutzt das Cintiq

Ich bin kein Bedienungsanleitungsleser. Das hat den Nachteil, dass ich wahrscheinlich viel länger brauche, um den vollen Umfang eines Produktes zu erfassen. Positiv formuliert: Man lernt jeden Tag etwas Neues. Meist, weil man zufällig auf eine Taste kommt.

Beim Cintiq ist die Bedienung intuitiv. Vor allem die oberste Taste auf dem Tablett hilft mir zu Beginn, die Orientierung zu bewahren. Sie verdunkelt den Bildschirm und zeigt eine Übersicht der Tastenbelegung. „Comes in handy“ würde ich sagen, wenn ich Ami wäre. Selbstverständlich lässt sich die Tastenbelegung über das Menü in den Systemeinstellungen (auf einem Mac) ganz individuell anpassen. Da ich noch keine Vorlieben diesbezüglich habe, belasse ich es bei den „Werkseinstellungen“.

Zusätzlich zur größeren Bildschirmdiagonale ist der Unterschied zum Intuos A5 Widescreen, dass man – wie man es vom Zeichnen auf Papier gewohnt ist – direkt auf den Ort des Geschehens blickt: Genau an die Stelle, an der der Stift auf die Zeichenfläche trifft. Ich hatte mich schon so an mein Intuos und daran, während des Zeichnens auf den Bildschirm statt auf die Hand zu schauen, gewöhnt, dass ich überrascht war, wie viel angenehmer und einfacher es ist, die Stiftspitze und gleichzeitig den gezeichneten Strich im Blick zu haben. Das ermöglicht sehr präzises Arbeiten.

Eine weitere Funktion, die mir auf Anhieb gelegen kam, hängt mit der Möglichkeit zusammen, die Arbeitsfläche in Photoshop drehen zu können. Diese Funktion lässt sich natürlich auch ohne Grafiktablett zum Beispiel über das Tastenkürzel ‚r‘ nutzen – beim Cintiq streicht man allerdings einfach mit dem Finger über das entsprechende Eingabefeld an dem man normalerweise eh seine Finger liegen hat und kann sich so die Arbeitsfläche hindrehen wie man’s braucht – fast wie man’s vom Zeichnen auf Papier kennt. Inzwischen weiß ich, dass auch kleinere Tabletts von Wacom wie zum Beispiel die Intuos4-Serie dieses Feature bereit halten.

Es macht also Spaß, man arbeitet genauer und wohl auch schneller.

Die Bildschirm-Kalibrierer und Farbechtheits-Fanatiker muss ich in diesem Erfahrungsbericht leider enttäuschen: Zu diesem Thema kann ich zu meiner Schande keine präzisere Angabe machen als: Mir fiel nichts Negatives auf. Ich neige dazu, mich um Dinge erst dann zu kümmern, wenn sie mich stören oder meine Arbeit negativ beeinflussen. Da mir beim Cintiq nichts dergleichen aufgefallen ist, habe ich mir über diesen Punkt keine weiteren Gedanken gemacht.

Vielleicht könnt ihr aber, bevor ihr euch euer eigenes Tablett im Netz bestellt, mal mit Euren Messgeräten bewaffnet in einen entsprechenden Laden gehen und Eure eigenen Messwerte einholen. Ich gebe zu, in diesem Bereich nicht sehr professionell unterwegs zu sein. Es war für meine Arbeit wohl bisher einfach noch nicht „wichtig“ genug. Falls Du in dieser Hinsicht schon Erfahrungswerte gesammelt hast, kannst Du sie sehr gern in den Kommentaren mitteilen.

Inzwischen sind schon wieder ein paar Monate vergangen, seit ich mich vom Cintiq trennen musste und wieder mit meinem Intuos3 arbeite. Zwar vermisse ich ein paar Funktionen, für meine alltägliche Arbeit genügt es mir aber. Tätigkeiten wie Illustrieren, Colorieren und Freistellen gehen mit dem Cintiq wie eingangs schon gesagt deutlich einfacher von der Hand. Da ich allerdings nicht jeden Tag einen Zeichentrickfilm produziere, einen Comic zeichnen muss und es für Lightroom, Photoshop und Aftereffects meist auch die Maus oder eben das kleinere Intus tut, hielt sich mein Bestreben, ca. 2000€ für ein Cintiq auszugeben bisher in Grenzen. Vielleicht wird es zur Option wenn ich eh einen neuen Monitor brauche oder einen oder mehrere größere Aufträge im Bereich Illustration/Zeichentrick an Land ziehe.

~

Ich versuche noch einmal, es mit Hilfe des Schreiner-Bildes zusammenfassen: Angenommen, Du hast die Aufgabe, einen Nagel in ein Brett zu hämmern. Du hast drei Werkzeuge zur Auswahl: Eine Zange, einen Hammer mit Holzgriff und einen Zimmermannshammer mit Ledergriff und präzisionsedelverchromten Stahl.

Mit der Zange geht es irgendwie – man hat halt grade nichts Besseres zur Hand. Mit dem Hammer lässt sich schon ganz anständig arbeiten. Hämmert man jedoch täglich hunderte Nägel, so hält man wohl länger durch, wenn man den Zimmermannshammer verwendet. Ich denke, dass es sich beim Grafiktablett ähnlich verhält. Die Zange ist die Maus, der Hammer ist das Intuos und der komfort-Profihammer ist eben das Cintiq.

~

Hätte ich eine Festanstellung, würde ich meinen Chef so lange nerven, bis er mir eins hinstellt. Da ich zur Zeit als freiberuflicher Designer arbeite und mir alle paar Monate irgendein Software-Update das Geld aus der Kasse zieht, werde ich wohl so lange mit meinem Intuos zufrieden sein, bis ich mal einen richtig großen Fisch an Land gezogen habe und mir den Porsche unter den Grafiktablets ohne schlechtes Gewissen auf dem Schreibtisch parken kann.

Noch drei Tipps für Wacom-Starter:

  1. Wenns mit der weissen Plastik-Spitze keinen Spaß macht, mein Vorschlag: die Graphit-Spitze für mehr Reibung testen.
  2. Auswärts arbeiten und die Maus zuhause vergessen. Zumindest bei mir war das der Beginn einer wunderbaren Freundschaft.
  3. Ich halte die „Bamboo-Serie“ für Spielzeug. Soweit ich noch weiß, war mir der Stift zu leicht und die Zeichenfläche zu klein. Die eingangs beschriebenen Horizonterweiterungen erlebte ich erst mit dem Intuos.

Ich hoffe, mein Einblick in die Welt der Elektrostifte hat Dir etwas Lust gemacht, die Alternative zur Maus mal auszuprobieren. Es muss ja nicht gleich ein Cintiq sein.

* Das ist ein Affiliate-Link zu Amazon. Wenn ihr dort etwas bestellt, bekommt kwerfeldein.de eine kleine Provision, ihr bezahlt aber keinen Cent mehr.

Ähnliche Artikel