18. April 2011 Lesezeit: ~6 Minuten

Shock Me Cold

Den Schwerpunkt meiner fotografischen Arbeiten bildet die Peoplefotografie.
 Meine fotografischen Welten wirken manchmal künstlich und drapiert, sind oft inszeniert und weisen einen grafischen Duktus auf. Meist gibt es eine diagonale Linienführung, die Dynamik und Tiefe erzeugt und den Betrachter förmlich in das Geschehen transportiert.

Es entstehen manchmal expressive Stimmungen die eine sensible Persönlichkeit meiner Modelle erkennen lassen, gepaart mit einem kühlen Look; eine Gratwanderung zwischen kommerzieller Moderne und dem Versuch unsere gesellschaftlichen Grundpfeiler von Ethik und Moral anzustoßen.

Kritische Themen wie Hedonismus, Bulimie, gleichgeschlechtliche Liebe, Dogmen oder Völlerei werden unterschwellig und meist chiffriert dargestellt.

Das Objektiv wird zu meinem Skalpell, mit dem ich die Persönlichkeit meiner Modelle würdevoll seziere. So schleichen sich auch ungeschminkte Details oder verschlüsselte Dramen in meinen Arrangements und demaskieren die ästhetische Dimension. Ein polarisierendes und manchmal verstörendes Wechselspiel meiner Fotophilosophie.

Auf diese Weise entsteht ein Dialog im Kopf des Betrachters, für mich ein wesentlicher Bestandteil meiner fotografischen Intention.

Die innere Diskussion soll den Betrachter dazu bringen seine eigene Stellung zu finden und seine Imagination von Moral und sozialen Grenzen ausloten. So werden scheinbar inszenierte, ästhetische Arrangements auch zu Portraits die einen Einblick in die intime und fragile Gedankenwelt meiner Hauptdarsteller erlauben.

Meiner Meinung nach werden persönliche und moralische Defizite in unserer Gesellschaft durch eine Ästhetisierung der Hülle in Form gebracht und durch Ablenkungsmanöver kompensiert.

Meine intuitiven Stilmittel sind das Spiel mit den Parametern:
kraftvoll < ——/—-> blaß
dynamisch < -/——-> statisch
experimentell < —–/–> konzeptionell

Technische Stilmittel:
On Location, bzw. unterwegs nutze ich gern einen entfesselten Blitz und einen Blitz am Body,
 der meist mit einem Reflektor oder Diffusor gebounced wird. Bei aufwendigeren Szenen kommen ein Porty (transportabler Akku) und 2 Blitzköpfe zum Einsatz. Die beiden Kompaktblitze haben den Vorteil, dass sie leicht sind und eine Vielzahl an Lichtvariationen in Kombination mit einem Reflektor (Diffusor) und Stativ erlauben
. So lässt sich auch unwegsames Gelände ergründen, ohne sperriges und schweres Equipment tragen zu müssen.

Diese Kombination ermöglicht es mir wahlweise mit einer harten und einer weichen Lichtquelle gleichzeitig arbeiten zu können.

Im AV-Modus geblitzt (oder auch „aufhellgeblitzt“ < ca. -1 Blende) bleibt das natürliche Licht der „available-Light-Situation“ zu ca. 50% erhalten, hellt aber effektiv dunkle Schatten in den Augenhöhlen auf und lässt Hautunreinheiten und Falten fast komplett verschwinden.
 Es entsteht ein kommerzieller – aber noch natürlicher Look.

Im M-Modus (manuell) geblitzt lassen sich surreale Lichtsituationen erzeugen, die das Model künstlich vom Hintergrund trennen. Hierbei eignet sich ein tiefer Sonnenstand oder ein bedeckter Himmel. Dadurch, dass die Blitzleistung nach wenigen Metern Reichweite abfällt, entsteht eine künstliche Nachtsituation (je nach Blendeneinstellung und Sonnenstand). Farbige Folien vor dem entfesselten Blitz fixiert, können ein akzentuiertes Licht von schräg hinten erzeugen, welches das Modell gleichzeitig von dem dunklen Hintergrund effektvoll abgrenzt und zusätzliche Spannung aufbaut.

Im Studio (zum Beispiel bei schlechtem Wetter und im Winter) ist eine Blitzanlage von Vorteil. Gerade die verschiedenen Lichtformer bieten mir eine abwechslungsreiche und individuelle Arbeitsweise und geben mir die Möglichkeit und Freiheit meine Wunschblende zu nutzen.

Aber auch „available Light“ kann in einem Studio sehr reizvoll sein, wenn man über große Oberlichter verfügt. Die Lichtsituation muss zum Model und Effekt passen, daher entscheide ich mich meist spontan für die Lichtquelle und Lichtformer.

Viele Locations meiner Aufnahmen finde ich im Herzen des Ruhrgebietes, in Essen und Umgebung. Der nördliche Teil des Ruhrgebietes hat seinen eigenen, rauen aber auch ruhenden, meditativen Charme, bestehend aus moderner Metropole und bizarren Naturzeugen wie Flora und Fauna oder grauer Zweckarchitektur.

Hier entstehen mal auf geschichtsträchtigen Boden stählender Industrie-Panoramen oder verlassenen Hafengebieten meine konzeptionellen oder experimentellen Impressionen.

Anhand eines Beispielfotos möchte ich gern meine Arbeitsweise vorstellen.

Das Hintergrundfoto der vereisten Moorlandschaft habe ich auf einer Fotosafari mit einem befreundeten Fotografen aufgenommen. Das digitale „Negativ“ (RAW) wurde vorab farblich optimiert und anschließend in Photoshop „entwickelt“. Das RAW-Format bietet viele Vorteile und Möglichkeiten, angefangen bei der höheren Farbdynamik, bis hin zur gezielten Steuerung des Weißabgleichs, aller Farben und Tonwerte.

Das Foto des Models ist im Studio entstanden, mit einer Blitzanlage, einem Beautydish von
 vorne rechts und kräftiges Sonnenlicht „available light“ von hinten links, also eine Mischlichtsituation. Diese Lichtsituation ließe sich auch mit meiner zuvor genannten Arbeitsweise (2 Kompaktblitze + einen Diffusor oder Reflektor) erreichen.

Das Foto lebt von dem ersten Eindruck der Kälte in Kombination mit der Leichtigkeit ihrer Bekleidung/Bewegung, des Tanzes. Eine grotesk anmutende Bildwirkung entsteht.

Nachdem ich das Model freigestellt habe, passe ich die Farbtemperatur an das Hintergrundbild an. Die Haare sollten durch die Bewegung je weiter sie vom Kopf entfernt sind unschärfer werden. Um ein wenig mehr Dynamik zu erzeugen, wurden die Haare zusätzlich verlängert; sie dienen hier auch als „Farbtupfer“ in dem sonst farblosen Arrangement.

Um die Lichtsituation des Models in die Szene zu integrieren, wurde ein Schatten vom Hauptlicht weg erzeugt (< das dominantere Licht, hier links hinten) der von hinten links nach unten rechts reicht. Der Schatten sollte sich, je weiter er sich vom Objekt wegbewegt, transparenter, breiter und unschärfer werden.

Da die Lichtquelle (imaginär) sich im linken Bildrand befindet, sollte auch hier der Boden heller als am rechten Bildrand sein. Das simuliert den Lichtabfall der Lichtquelle. 
Damit das Modell nicht ausgeschnitten wirkt, habe ich an ihren Füßen künstlichen Schnee kleben lassen und einen Fußabdruck auf die Eisfläche modelliert.

Die Entscheidung das Modell in die frostige Eislandschaft auszusetzen kam intuitiv, als ich nach einer passenden Szene gesucht habe. Xenias tanzende Bewegung passt sehr gut zu ihrer unbeschwerten Art, mit der sie durchs Leben geht, was hier einen Teil über ihre Persönlichkeit verrät.

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5 Kommentare

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  1. Deinem Anspruch, eher subtil und fein in den Aussagen zu sein, kommen Deine Bilder nach. Sie laden dazu ein, länger auf ihnen zu verweilen (wobei meiner Ansicht nach einige etwas zu clean sind – dies ist jedoch natürlich Geschmacksache).

    Gefreut hat mich ebenfalls, dass Du beispielhaft Deine Arbeitsweise erläutert hast – wenn auch sehr high-level.

    Merci.

  2. Insgesamt klasse Arbeiten, die sehr verschiedenartig daherkommen. An dem Artikel gefällt mir die Kombination von praktischen Tipps, der Begründung der eigenen Arbeitsweise und Zielsetzung und das Praxisbeispiel von der Aufnahme bis zum Post-finish. Dennoch empfinde ich das Mädel als in die Winterlandschaft eingesetzt, was nicht nachteilig ist. Insgesamt wirkt dieses Bild auf mich ein wenig Comic-haft.