15. April 2011 Lesezeit: ~3 Minuten

dienacht – Magazinvorstellung

Die meisten Fotomagazine langweilen mich. Die 100 verschiedenen Magazine in den Bahnhofsbuchhandlungen enthalten immer dasselbe: Technik, Photoshop, Kameras und viel Werbung.

Es gibt aber auch andere Magazine, die ihren Schwerpunkt auf die Fotos legen, die zum Nachdenken anregen und den Leser fordern. Eines davon ist „dienacht“ – Magazin für Fotografie, Gestaltung und Subkultur. Es erscheint seit 2007 zwei Mal jährlich und hat mittlerweile eine Auflage von 1500 Stück (1000 davon einzeln nummeriert).

Hinter dem Magazin steht Calin Kruse. Er kuratiert, gestaltet, finanziert, gibt heraus, vertreibt, usw. Dass nur ein Mann hinter diesem großartigen Projekt steht, ist allein schon sehr beeindruckend. Noch mehr fasziniert mich aber, dass Calin damit keinerlei finanziellen Gewinn erzielt. Das Geld aus dem Verkauf einer Ausgabe reicht gerade, um die nächste zu finanzieren. Und dennoch halte ich gerade die Nummer 9 in den Händen.

Im Folgenden möchte ich euch einen kleinen Einblick in die aktuelle Ausgabe geben.

Das Coverbild von Tierney Gearon ist ein Foto aus der Serie „The Mother Project“, die auch im Heft genauer vorgestellt wird. Es zeigt ein schreiendes Kind und eine Frau mit einer rosa Totenmaske. Ein zunächst verstörendes Bild. Im Zusammenhang mit den restlichen Fotos der Serie wird es jedoch klarer und verliert seine „Brutalität“. Gearon verarbeitet darin ihre Erfahrung, mit einer psychisch kranken Mutter aufzuwachsen.

Die erste vorgestellte Serie „Freetown Fifty“ stammt von dem dänischen Fotografen Kim Thue und handelt von seiner Reise nach Sierra Leone. Ziel war für ihn dabei, die Lebensfreude und Stärke der Menschen in einem der ärmsten Länder der Welt zu zeigen. Seine analogen Schwarzweiß-Bilder sind unglaublich intensiv.

Nach einem kurzen Interview mit Vincenzo Bugno vom World Cinema Fund stößt man auf Bilder der deutschen Fotografin Claudia Eschborn. Durch die aufklappbaren Seiten kommen die Bilder nebeneinander als Serie erst richtig zur Geltung.

Die Serie „Frauen, Vasen und die Jahre“ hat mir persönlich sehr gefallen. Die amerikanische Fotografin Suzanne Opton fasst mit dem Titel sehr gut zusammen, was es zu sehen gibt: Körper von Frauen mittleren Alters arrangiert mit alltäglichen Gegenständen wie den genannten Vasen, aber auch einem Toaster, Tellern und einem Tisch.

Im aktuellen Heft werden noch weitere Künstler wie Theo Firmo, Martin Kollar mit der Serie „European Parliament“ und Harold Strak mit dem Projekt „Arthropoda“ vorgestellt.

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Calin präsentiert in jeder Ausgabe circa zehn bekannte und unbekannte internationale Künstler. Er beschränkt sich dabei nicht nur auf Fotografie, sondern schaut auch über den Tellerrand, indem er Illustrationen und Grafiken zeigt. Auf den letzten Seiten findet man außerdem Bücher-, Zine- und Magazinrezensionen.

Bestechend ist vor allem die Themenvielfalt des Magazins. Von Dokumentarfotos bis hin zu künstlerischen Aufnahmen, von Landschaftsbildern bis hin zu Makroaufnahmen – es wird nicht langweilig. Gleichbleibend ist nur die hohe Qualität der Beiträge.

„Dienacht“ hat ein handliches Format von 15 x 18 cm. Zu jeder Fotoserie gibt es einen ausführlichen Text (in Deutsch und Englisch), aber auch genug Raum für die Bilder zum Wirken. Das Magazin umfasst 122 Seiten und ist für nur 5€ (+Porto) auf www.dienacht-magazine.com/ erhältlich.

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22 Kommentare

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  1. Ich bin immer wieder erstaunt, dass sich Magazine überhaupt noch halten können. Ein wenig zeigt dies auch der Vertriebsweg von diesem edlen Stück wieder. Und der altruistische Ansatz des Verlegers.

    Werde mir dann mal eins bestellen. Zur Unterstützung der Qualität. Und wenn’s gefällt, wird weiter unterstützt. So ein Quasi-Abo.

  2. Ja, ein sehr geiles Magazin. Hatte ich mir vor einiger Zeit auch schon mal bestellt und war echt begeistert. Natürlich ist nicht immer und alles für mich interrsant, aber wenn … dann bin ich richtig begeistert. Calin macht ein wirklich außergewöhnlich und sehr tolles Magazin.

  3. Tja also sowas. Voll die Reklame hier. Was soll man davon halten!

    Viel. Hab mal ne Ausgabe bestellt und unterstütze solche „Projekte“ doch gerne, wenn ich auf sie aufmerksam werde… ;)

  4. Danke für den Tipp, Katja. Da ich Foto-Magazine gern lese, bin ich immer erfreut, wenn ich neue entdecke und dieses klingt richtig gut. Dein Artikel hat mich neugierig auf die Serie von Gearon gemacht, denn das Titelbild fand ich auf den ersten Blick auch ziemlich brutal. Ein Kleinkind so in Angst und Schrecken zu versetzen…..

  5. Super Magazin, hab mir schon einige davon bestellt. Auch mein Arbeitskollege konnte ich davon überzeugen…
    Alle anderen Magazine sind mittlerweile nur noch mit Kameratests, Werbung und öden Zeug. Mir wäre mal ein Heft recht, welche Bilder von Fotografen ablichtet und das Setup hierzu beschreibt…

  6. wie geil…ich dachte, als ich das erste foto sah..huch da hat noch einer so eine „macke“ wie ich…nun habe ich eine ahnung wie es ist wenn andere einen teil meiner arbeiten sehen die auch oft erst verwirrt wirken und auf den zweiten oder dritten blick die geschichte dahinter erahnen lassen..egal ich will ja nicht über mich schreiben..schitt..schon passiert ;) sorry.

    ich finde es ausgesprochen gut nein „geil“ sorry den ausdruck hier.
    genau das ding nervt mich auch immer wenn ich nach einer guten fotozeitschrift oder magazin gucke..nur „main-stream“ magazine oder besser fast nur..

    durch diesen artikel bin ich jetzt schon so begeistert von diesem magazin das ich mich bestimmt dem kreis der abonennten anschließe um keine ausgabe zu verpassen und damit calin kruse die perspektive gebe einen dauerleser mehr zu haben.

    katja die frage die sich mir stellt…wie zum „deiwel“ bist du auf das magazin gekommen besser gefragt wo…alleine die art der schriftsetzung macht es außergewöhnlich und mich mehr als neugierig.

    thx katja für den TIP!

    gruß vom doc und allen ein sonniges wochenende
    martin

    • Ich halte es auch nicht für die Aufgabe der Fotografie nur Schönes zu zeigen. Die Bilder im Magazin sind nicht nur schön, aber sie lassen auch nicht kalt. Sie bewegen etwas in einem und darauf kommt es mir an.

      • Ich stimme dir voll zu, dass die Fotografie nicht nur Schönes festhalten muss . Aber auf der Titelseite Jung und Tot miteinander zu vermischen und das auf dieser für das Kind schrecklichen Art und Weise ist für mich keine zu verehrende Kunst . Egal was dem Fotografen da inspiriert hat . Denkt bitte an das Kind .

        Erklär mir bitte das ausgerwöhnliche an der Bildsequenz mit den Büschen ? Was ist daran außergewöhnlich ?

        Für mich ist das Blatt keine 5 Euro wert.
        Ist nur meine Sicht des Ganzen . Ich bin sonst ein treuer Fan von Kwerfeldein, erlaubt mir diese andere Sicht.

  7. Sehr cooler Tipp. Werde ich mir gleich mal bestellen. Photonews kann ich auch empfehlen. Werbung und das übliche Zeugs, womit man in jedem Magazin erschlagen wird, wird da nur ganz am Rand behandelt. Bekommt man für gerade mal 3 Euro.

  8. Meiner Meinung nach ist es einfach nur schrecklich das ein kleines Kind für ein solches Foto genutzt wird. Es ist ganz egal ob die Aufnahme gelungen ist oder nicht, einem Kind so eine Angst einjagen ist alles andere als schön!

    • Hallo,
      ich möchte etwas zum Coverbild sagen. Es geht nicht darum, dem Kind Angst einzujagen. Auf dem Foto ist die Mutter der Fotografin zu sehen, also die Oma des Kindes, die psychisch krank ist und auch nicht weiß, dass das Kind Angst hat. Ich denke nicht, dass die Mutter des Kindes (die Fotografin) ihr Kind benutzt hat, es ist einfach eine Szene, die millionenfach täglich vorkommt – ein Kind erschreckt sich – aber bisher fotografisch nie so festgehalten wurde. Zum Anderen habe ich selbst zwei Kinder, eins davon in dem Alter, und persönlich glaube nicht, dass mit 1-1,5 Jahren zwischen Gut und Böse unterscheiden, weil sie nicht wissen, was Gut und Böse ist, sie haben keine Erfahrungen damit. Sie weinen auch, wenn sie fremden oder anders aussehenden Menschen sehen.

      • Hallo Calin
        Das sehe ich absolut anders . Die ersten Jahre und Monate sind prägend . Ich glaube, dass das Kind schon noch diese Maske das ein oder andere Mal im Gedanken behalten wird .
        Die Fotografin sollte lieber zum Psychologen gehen um Ihre Vergangenheit aufzuarbeiten, als an Ihrem Kind zu laborieren .
        Schlimm genung das so ein Foto auf einer Titelseite eines Magazins steht . Nimm es mir nicht Übel, aber ich denke das überschreitet jede künstlerische Freiheit.
        Kinder sind das größte Gut unsere Menschheit und wir sollten ein wenig auf sie Acht geben und Schützen.

  9. Ich finde, man sollte sich besonders seriell gedachten Bilder in Serienzusammenhang anschauen (auch gerne auch Tierney Gearons Webseite). Ein Einzelnes Bild zu kritisieren, wenn man die Serie nicht kennt, wird dem Bild, der Serie, der Fotografin und denjenigen, die die Fotografen zeigen, nicht gerecht.
    Es stimmt nicht ganz, dass sich das Kind an diese Maske erinnern wird, da sich Kinder an nichts erinnern, was vor dem 2,5.-3. Lebensjahr passiert… Stimmt, die ersten Monate sind prägend, aber was körperliche Nähe betrifft, und die fehlende Nähe kann man anhand eines Bildes nicht schliessen, finde ich.

  10. Gerade gesehen, dass ihr das Magazin hier mal vorgestellt habt. Klasse!

    Habe im Frühjahr 2010 das Magazin bestellt und inzwischen auch fast alle Ausgaben zusammen.
    Wer noch Band 1 hat bitte melden, ich biete 20 Euro!

    Ich halte DNCHT für das beste Fotomagazin in Deutschland, evtl noch der Greif. Kann man auch im DNCHT Shop bestellen.
    Hab dort so ziemlich alles bestellt, was verfügbar war.
    Dazu empfehle ich das Mini Abo.

  11. Blogartikel dazu: Adventskalender: 6. Türchen – DieNacht | KWERFELDEIN | Fotografie Magazin