05. April 2011 Lesezeit: ~7 Minuten

Mein Weg zur konzeptionellen Fotografie

Es begann am 6. März 2010 mit einem Koffer. Zumindest war er die Initialzündung für meine beiden aktuellen Serienprojekte um einen nostalgischen Reisenden. Schon davor stand allerdings die Erkenntnis, dass es für eigene Fotoausstellungen und Profilbildung nötig ist, beim Fotografieren in zusammenhängenden Bildstecken zu denken.

In der Kälte

Doch von der Erkenntnis zur Umsetzung führt ein langer Weg, an dessen Ende ich noch nicht angekommen bin. Schon vor dem Kofferfund hatte ich über Serienkonzepte und eigenen Stil nachgedacht und auch schon eine Reihe von themenbezogenen Ausstellungen und Präsentationen zusammengestellt.

Doch war es hier meist so, dass ich ohne großes Konzept versucht habe, gute Einzelbilder zu machen und mir erst hinterher überlegt habe, welche Bilder aus dem entstandenen Fundus man zu einem Thema zusammenstellen kann.

Mit dem Fund eines alten abgewetzten braunen Koffers aus Presspappe auf einem Haufen Sperrmüll in der Nähe eines verlassenen Rangierbahnhofs begann der umgekehrte Weg, nämlich erst eine Konzeptidee zu entwickeln und dann gezielt Fotos zu gestalten. Diesen Weg empfinde ich inzwischen als den kreativeren und freudvolleren.

Beeindruckt vom morbiden Charme des Ortes entstanden in meinem Kopf Bilder eines einsamen Reisenden als Kofferträger nicht nur dort, sondern auch noch an einem weiteren verlassenen Bahnhof, den ich kannte. Damit der Reisende das verbindende Element einer Bildstrecke werden konnte, brauchte er einen hohen Wiedererkennungswert.

Gegen die Sonne

So kam ich auf die archetypische und nostalgisch anmutende Gestalt des Mannes im schwarzen Anzug mit Hut, Koffer und Schirm. Da ich keine Lust hatte, für meine Bildideen jedes Mal jemanden zu bitten, in einem solchen Aufzug für mich durchs Bild zu springen, war klar, dass ich diese Gestalt selbst spielen würde. Nicht ganz klar war – und ist es bis heute nicht – welche Aufnahmetechnik ich einsetzen sollte, um meine Vorstellung umzusetzen.

Ich mag das typische Erscheinungsbild analoger Schwarzweiß-Aufnahmen und den nostalgischen Effekt, der in Verbindung mit der Holga Plastikkamera entsteht. Ein Werkzeug, mit dem man ähnliche Effekte auch digital erzielen kann, bieten die Diana+ Mittelformatobjektive aus Plastik, die man an Canon oder Nikon DSLRs adaptieren kann.

Ihre typische Art der Weichzeichnung, also ihr „Blur“, und ihre Farben sind durch Bildbearbeitung kaum nachzuahmen. Die Holga fiel wegen des fehlenden Selbstauslösers aus. Aber da ich meine Bildstrecke noch nicht zu Ende gedacht hatte, fiel es mir schwer zu entscheiden, ob ich die Bilder nun mit der Pentacon Six Mittelformatkamera auf Schwarzweißfilm oder digital mit Diana-Objektiven oder eben den konventionellen guten Objektiven an meiner Canon 5D Mark II aufnehmen sollte.

Im Meer

So spielte ich manchmal alle drei Versionen durch, sofern ich die für das Bild notwendigen Objektiv-Brennweiten dafür verfügbar hatte. Der Nachteil der Diana-Optik besteht darin, dass die resultierenden Bilder eigentlich nur als große Fine-Art-Drucke gut wirken; in kleiner Größe, wie sie im Netz zu sehen sind, aber oft nur unscharf erscheinen und ihren Charme nicht entfalten.

Unschätzbare Dienste leistete ein Fernauslöser, an dem man beliebig viele Bilder in frei wählbaren Intervallen vorwählen kann und so nicht für jede Aufnahme zur Kamera zurücklaufen muß.

Doch zurück zu den Motiven und Bildideen:
Am Anfang standen Settings, die mit Reise und Verkehr zu tun hatten, doch schnell fasste ich den Begriff der Reise weiter: Auf das Unterwegs sein an ungewöhnlichen Orten oder durch die vergangene Zeit. Wichtig ist mir stets die Spannung, die dadurch entsteht, dass mein Reisender in der gewählten Umgebung irgendwie deplatziert wirkt.

Verloren im Windpark

Weil er auch in bizarren Situationen stets Haltung und Stil bewahrt, entsteht daraus eine gewisse Komik, die die Bilder im Gedächtnis des Betrachters festhält. Im Juni letzten Jahres kam ein neues Element in die Serie um den einsamen Reisenden: eine attraktive, ebenso nostalgisch anmutende Frau, die von Uta Schönknecht verkörpert wird.

Uta, selbst eine hervorragende Fotografin, die die Faszination an inszenierter konzeptioneller Fotografie mit mir teilt, hatte diese Figur schon für frühere eigene Portraits kreiert. Ihren Vorschlag, sich doch mal gemeinsam vor die Kamera mit Intervallauslöser zu stellen nahm ich sofort begeistert auf.

Die Verarbredung

Jeder von uns denkt sich dabei seine Posings und Settings aus und setzt sie mit seiner Kamera dann um. Nachdem das so harmonisch, mit viel gegenseitiger Inspiration und ohne jede Eifersüchteleien (wer nun was wie fotografiert und als seines verkauft) ablief, wuchs und wächst auch diese Serie stetig weiter.

Ähnlich wie der Reisende ist das nostalgisch anmutende Paar in ungewöhnlichen, teils skurrilen Szenerien unterwegs. Das Ambiente vergangener Zeiten zeigt sich auch in der Umgebung. So dienen längst verlassene Zimmer, alte Fassaden oder Wohnungen der 50er Jahre als Bühnen für die beiden Protagonisten der Serie.

Warten auf den Zug der niemals kommt

Auch hier bekommen viele Bilder ein komisches Moment, weil das Paar unter allen Umständen (z.B. in Gummistiefeln im Watt) Haltung und Stil bewahrt. Anders als beim einsamen Reisenden stehen hier jedoch die Personen mit ihrer Körpersprache und ihrem Gesichtsausdruck im Vordergrund, was der Serie klar einen eigenen Charakter verleiht.

Bei beiden Serien sind die Personen die Hauptfiguren, doch lenken sie durch ihre Präsenz auch den Blick auf die Umgebung, in der sie sich befinden und stärken dadurch die Bildwirkung eben dieser Umgebung.

Zu guter Letzt die verwendete Technik, auch wenn deren Marke für das Ergebnis unerheblich ist:

  • Kameras: Canon 5D Mark II, Pentacon Six TL
  • Objektive: Canon EF 4/24-105 mm L, EF 4/17-40 mm L, Diana+ 38 mm, Carl Zeiss Jena Flektogon 4/50 mm
  • Sonst: Stativ, Delamax Intervallauslöser, Canon Speedlite 430EX II, Papiertaschentuch-Diffusor, Filme: Fomapan 100, Ilford FP4, Scanner: Epson V750

Brandenburger Herbst

Zum Abschluss möchte ich aus der Erfahrung eigener Lehrgeldzahlungen noch ein paar Tipps für solche konzeptionellen Fotoserien geben:

1. Es lohnt sich, vor der eigentlichen Aufnahme einer Szene die Situation vor Ort zu recherchieren und Testaufnahmen zu machen. Dann kann man sich in Ruhe zu Hause überlegen, was man für die Inszenierung braucht und was der günstigste Aufnahmezeitpunkt ist.

2. Da zu Beginn einer solchen, lang angelegten Fotoserie oft nicht klar ist, wie sie später zusammengestellt werden soll, ist es sinnvoll, verschiedene Varianten desselben Motivs aufzunehmen. Dies gilt v.a. für die Wahl des Objektivs (z.B. Diana gegenüber hochwertigem Objektiv) und der Kamera (z.B. Mittelformat mit Schwarzweißfilm oder Digitalkamera), denn hier sind die Erscheinungsbilder der Fotos so verschieden, dass sie nicht aus einem einzelnen Digitalbild per Software erzeugt werden können.

3. Bei der Wahl des Bildausschnitts sollte man frühzeitig daran denken, wie die Serie am Ende präsentiert werden soll. Die Mischung verschiedener Formate an einer einzelnen Wand wirkt weniger ästhetisch als einheitliche Formate. Das gilt auch für Galerie-Ansichten im Internet. Daher ist es sinnvoll, mehrere Bildausschnitte aufzunehmen bzw. den Ausschnitt größer zu wählen, um später noch die Möglichkeit für Beschnitt zum Quadrat, 4:3, 2:3 etc. zu haben.

4. Bei schwierigen Belichtungssituationen sollte man neben einem auf die Personen korrekt belichteten Bild noch eine Belichtungsreihe für die Szenerie machen. Problematische Zonen können dann in Photoshop mit Ebenen, Masken und Pinsel leicht repariert werden.

5. In jedem Fall mit genau derselben Kameraposition ein Bild ohne Person(en) machen. Das ermöglicht spätere Montagen, wenn die Personen an andere Stellen platziert werden sollen.

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17 Kommentare

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  1. Serien sind muss. Schön dass das hier mal jemand sagt.
    Fotos 1-4 finde ich gut und passen schön. Ich finde aber die nachfolgenden dann für eine Serie schon grenzwertig. Aber es ist ja deine Serie. :)

  2. ermutigt mich wieder darin, dass ich so etwas in der art mir schon seit jahren vornehme (mit anderem konzept natürlich)

    aber wer weiß, vielleicht kann ich dann schreiben:
    „es begann am 7.4.2011 mit einem artikel auf kwerfeldein…“

  3. Wie kommt man nur auf solche Ideen?
    Ich ziehe den „Hut“ vor solchen Bildern – und dann noch als Serie – allgemein vor den ganzen Beiträgen hier, und frage mich jedes Mal, wie kommt man darauf und warum komm ich selber nicht drauf.
    Dann setzt man sich mal in einer ruhigen Minute hin und stellt letztendlich fest, daß die Idee fehlt oder das typische „gabs schonmal“ das ganze beendet.

    Tja – da bleibt es letztendlich nur bei anerkennendem Neid und der Hoffnung, irgendwann auch mal DIE spezielle „eigene“ Idee zu haben.

  4. Toller Beitrag. Diese markanten bzw. einprägsamen Fotos habe ich schon oft in der fc gesehen. Jetzt habe ich auch mal ein wenig mehr über deren Entstehung und Hintergrund erfahren.
    Gruß, Thomas

  5. Danke für interessanten Beitrag. Ich liebe S/W-Bilder. Allerdings für mich sind sie einwenig zu stark gestellt. Der Blick in die Kamera stört mich … (ich darf doch aus der Reihe tanzen, oder?) ;-)