08. Januar 2011 Lesezeit: ~3 Minuten

Wie aus einer Skizze ein Foto wurde

Bei all den verschiedenen Wegen, die man in der Menschenfotografie gehen kann, komme ich immer wieder auf einen zurück: Fotografie mit Konzept.

Nicht etwa, weil das mein Weg wäre (im Gegenteil: die meisten meiner Fotos kommen mit minimalem Konzept zurecht, sodass ich vor dem Shooting lediglich mein Modell, die Location und ganz zuletzt auch die Kleidung kenne), sondern weil ich denke, ein bisschen Konzept kann nicht schaden.

Ich lasse mich, was Bildgestaltung, Posen und sogar die Nachbearbeitung am PC angeht, von der Situation tragen, von dem, was die beiden Menschen vor und hinter der Kamera zusammen einbringen.

Fotografieren mit Konzept

Trotzdem wünsche ich mir immer wieder, ich hätte schon vor dem Fotografieren ein Bild im Kopf, zu dem ich mein Modell lenken kann. Dabei sehe ich jedoch einen ganz konkreten Nachteil für mich: Habe ich eine zu enge Vorstellung, der Modell oder Situation vielleicht nicht gerecht werden können, laufe ich Gefahr, enttäuscht zu sein und dieses Gefühl meinem Gegenüber zu zeigen, was ich unter keinen Umständen möchte.

Deshalb halte ich meine Erwartungen gerne gering. Dass Vorstellungen aber nicht immer ein Problem sein müssen, hat mir ein Shooting vor einem Jahr gezeigt.

Schon 2009 hatten Laura und ich vorgehabt zu fotografieren, ich hatte auf eBay ein Kleid gekauft und die Location unweit von meinem Wohnort erkundigt. Leider wurde unser Termin aus verschiedenen Gründen immer wieder verschoben und am Ende war die Location (ein übermannshohes Feld) gemäht worden.

Also hieß es ein Jahr warten, bis die Pflanzen nachgewachsen und wieder vertrocknet waren. Zu diesem Zeitpunkt fertigte ich eine kleine Skizze an, damit ich später noch an dieses eine Bild denken würde. Jetzt weiß auch jeder, weshalb ich fotografiere und nicht zeichne ;)

Fotografieren mit Konzept

Viele Monate später, an einem eiskalten, aber sonnigen Januartag, trafen wir uns dann endlich. Ich fing nicht direkt mit meiner Idee an, sondern tastete mich langsam an die Situation heran, lernte Laura, das Licht und die Umgebung kennen. Dabei sind viele Bilder entstanden, die mir auch heute, ein Jahr später, noch sehr gut gefallen.

Trotzdem ist das Herzbild dieses geblieben, bestimmt, weil es eine lange Zeit in mir überdauert hat und dabei gewachsen ist. Und weil es am Ende genau so geworden ist, wie ich es mir vorgestellt habe – oder vielleicht sogar ein kleines bisschen besser, der Schnee war nämlich nicht eingeplant.

Bearbeiten musste ich in diesem Fall übrigens nicht viel, so sah das Bild aus als es frisch aus der Kamera kam:

In Lightroom habe ich die Helligkeit deutlich und den Schwarzwert leicht angehoben, außerdem die Sättigung verringert. Selektiv habe ich die Blausättigung noch weiter reduziert, um die verschiedenen Weißtöne anzugleichen.

Zum Schluss habe ich noch eine Teiltonung über das Bild gelegt: wenig gelb in die Lichter und ein starkes Lila in die dunkelsten Bereiche.

Fotografieren mit Konzept

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21 Kommentare

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  1. Zeichnen hab ich auch ein paar mal versucht und sah dann ähnlich aus, wie dein Bild. Meist bleibt das Konzept deshalb in meinem Kopf. Aber es hilft schon sehr. Einschränkend fand ich es bisher noch nie mindestens ein genaues Photo vor Augen zu haben. Nebenbei macht man ja doch meist viele andere, spontane Sachen.

    Das untere Bild ist noch völlig unbearbeitet?

    • Ich meine, die Zeichnung gewinnt natürlich keinen Preis, aber ich konnte sie Laura zeigen und sie hatte eine Vorstellung davon, wie das Bild nachher aussehen soll, worauf es ankommt, insofern hat sie ihren Zweck erfüllt.

      Dieses Gefühl der Eingeschränktheit gilt natürlich nur für mich, ich bin da vermutlich recht anfällig und hab einmal (vor der Kamera) erlebt, wie es ist, wenn man die Erwartungen des Fotografen nicht erfüllt, ohne dass einen selbst die Schuld trifft – das will ich keinem meiner Modelle antun.

      Ja, das untere Bild ist komplett unbearbeitet, da es eine Entwicklung aus dem Raw ist auch ohne Picture Style etc. :)

    • Danke Chris,
      auf das Bild hab ich schon etliche verschiedene Reaktionen bekommen, manche sehen auch gerne eine Leiche darin. :D Vielleicht gehörst du ja zu dieser Gruppe, da kann ich dann völlig verstehen, dass es deinen Geschmack nicht trifft. :)

  2. Tolles Bild und eine tolle Geschichte dazu. Und es beruhigt mich immer wieder auch von anderen zu hören, dass sie meist ohne ganz konkretes Konzept an die Arbeit gehen und sich von Modell, Location und z.B. einem Kleid inspirieren lassen und dann loslegen und schauen, was bei diesem Prozess herauskommt.

  3. Natürlich sieht das Bild – ein Mädchen mit Sommer- oder Nachtkleid liegt auf dem Raureif in einem vergessenen Feld – aus wie die Illustration zu einem Nick Cave Song. Aber gerade das Ungewisse macht – neben der von Dir ja schon bekannten – fotografischen Qualität, neugierig auf das Bild und die Geschichte dazu.

    Neudeutsch: ‚Thanks for sharing!‘, ein toller Beitrag.

    Lieben Gruß: Stefan (Asemwald… ;-)

  4. Die Bildaussage habe ich zwar nicht so recht verstanden – vielleicht muss man das auch in einer Serie sehen – aber die Vorgehensweise lässt sich auch auf andere Projekte adaptieren.
    Es macht auf alle Fälle Sinn, sich über seine Aufnahmen vorher Gedanken zu machen, als einfach nur wild drauf los zu fotografieren.

  5. Ich muss schon sagen, ich staune immer wieder über deine Bilder.
    Und ein solch unvorbereitetes Herangehen hätte ich bei den Ergebnissen ja nicht erwartet. Also einmal mehr, hat sich mein Gedanke bestätigt, dass es doch ganz gut ist auch mal auf gut glück zu fotografieren, auch wenn man im Hintergrund eine Bildidee hat.

    Gruß Yanik

  6. du zeigst hier sehr schön, wie man mit planung und fleiß zu einem wunderbaren foto kommt ! danke, dass du das hier mal zeigst. ich denke, ich werde das auch mal so probieren.

    dann mal an den zeichenblock :)

  7. Wirklich ein guter Bericht und ein sehr schönes Foto. Mich
    würde noch interessieren: Wie habt Ihr das mit dem dünnen Kleid
    und dem kalten Schnee gemacht? Isomatte untergelegt? Warmen
    Wohnwagen direkt neben der Location? …ich hoffe doch, das
    M√§dchen ist nicht wirklich erfrohren… :-)

    • Ich präsentiere: der optmale 4-fach-Kälteschutz, bestehend aus je einer Schicht Decke und Tüll (den man ja an ihren Füßen sieht) sowie heißem Tee und Toffifee. Warm war’s ihr nicht, aber sie war äußerst tapfer. Und direkt nach diesen Bildern haben wir das leichte Kleidchen gegen Wollkleid mit Pulli drunter getauscht. :)

  8. Hallo Louisa,

    ein wunderschöner Name, den Du hast und Du selbst bist auch sehr schön!!
    Ich bin durch Zufall auf Dich gestoßen, da ich im WEB etwas gesucht habe. Darauf hab ich mich etwas intensiver mit Deiner Photographie beschäftigt. Ach, was soll ich sagen, Deine Bilder haben solch eine Ruhe und Sanftheit, die ihres gleichen sucht. Ich selbst Fotografiere auch ( wenn ich die Zeit dazu finde ), habe mich mit dutzenden Formaten und Linsen auseinander gesetzt. Ich denke Du arbeitest Digital und benutzt Lightroom.??
    Wenn man sich auf das wesentliche reduziert und Geduld hat wie Du, dann wird man mit solch einem Anmut belohnt.

    Deine Bilder sind phantastisch, mach weiter so!!!